Auf der Suche nach den verlorenen Büchern 6: der cass Verlag

Oft sind es gerade kleine Verlage, die für wichtige literarische Neu- und Wiederentdeckungen sorgen. Der cass Verlag hat sich besonders um japanische und koreanische Literatur verdient gemacht und legte vor kurzem Osamu Dazais Klassiker „Gezeichnet“ neu auf. Ein Porträt.

Es wurde auf diesen Seiten schon einmal betont: es ist verwunderlich, wie wenig Sogwirkung der Erfolg eines Haruki Murakami hierzulande auf den Rest der japanischen Literatur ausübt. Von einigen Krimis abgesehen, ist Belletristik aus Japan zum Spezialgebiet geworden, mit dem die größeren Verlage nichts zu tun haben wollen. Und das Publikum anscheinend auch nicht, lieber liest es die nächste Murakami-Archivausgrabung, wie die kürzlich erstmals auf Deutsch erschienen Romane „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“.

Doch zum Glück gibt es eine ganze Reihe Kleinverlage, die sich der japanischen Literatur annehmen. Neben dem Angkor Verlag, Abera und der Japan-Edition im be.bra Verlag hat sich der kleine cass Verlag einen Namen gemacht. Bei cass werden ungewöhnliche aktuelle Romane, Krimis sowie schon fast verloren geglaubte literarische Kleinode aus Japan und Korea veröffentlicht. Im Jahr 2000 von Verlegerin Katja Cassing ins Leben gerufen, setzt cass auf Klasse statt Masse. Pro Jahr erscheinen zwei bis vier Titel, die meisten als deutsche Erstausgabe mit eigens angefertigter Übersetzung.

Die Spezialisierung auf japanische und koreanische Literatur erklärt sich für Hans Peter Jugl, der als Lektor für cass arbeitet und für Libroskop freundlicherweise einige Fragen per Mail beantwortete, aus der Biografie seiner MitarbeiterInnen: „Man spricht (und liest) Japanisch.“ Jugl, Jahrgang 1966 und als Philologe mit langjährigem Japanaufenthalt tief in der Materie verhaftet, sieht darin klare Vorteile. „Bei der Buchauswahl müssen wir deshalb nicht zwangsläufig über Agenturen und deren – oft drittsprachliche – Vorauswahlen gehen, sondern können, im Rahmen unserer Lesekapazitäten natürlich, das Auge sozusagen schweifen lassen. Tatsächlich kommen unsere Titel meistens auf diese Weise zustande: Wir lesen in extenso. Was uns gefällt, kann dann gedruckt werden. Sofern die Rechte zu haben sind. Sofern ein guter Übersetzer zur Verfügung steht.“

Die Übersetzung aus dem Japanischen ist einer der Knackpunkte in der Verlagsarbeit. Groß sind die grammatikalischen und linguistischen Unterschiede zwischen Japanisch und Deutsch, was von ÜbersetzerInnen Können und Fingerspitzengefühl erfordert. „Trotz der auch im internationalen Vergleich guten bis sehr guten deutschen Japanologie gibt es kaum eine Handvoll guter Übersetzer,“ meint dazu Hans Peter Jugl. „Nicht zuletzt aus diesem Grund können wir bei uns im cass verlag nicht mehr Titel im Jahr produzieren: Die meisten Übersetzungen genügen schlicht nicht unseren Anforderungen.“ Angesprochen auf das vergangene Engagement größerer Verlage für die japanische Literatur – beispielsweise die „rote Reihe“ im Insel Verlag – in den 1990er Jahren sieht Jugl ebenfalls die Qualität der Übersetzungen als Grund für die aktuelle Japan-Flaute. „Da Rückgriffe auf Übersetzungen aus Drittsprachen mittlerweile verpönt sind, wird der Markt eng. Mit anderen Worten: Die grossen Verlage haben nicht das Interesse an der japanischen Literatur verloren – sie bekommen einfach zu wenig Manuskripte, die den Namen Literatur verdienen. Der ‚Boom‘ 1990 war übrigens zum grossen Teil der Buchmesse Frankfurt mit dem Länderschwerpunkt Japan zu verdanken, und die Japanische Bibliothek im Insel Verlag war das Verdienst des herausgeberischen Bemühens einer Einzelperson im Verein mit einem japaninteressierten Geldgeber.“

Für einen kleinen Verlag wie cass bedeutet diese Situation natürlich, dass er mehr oder weniger aus dem Vollen schöpfen kann. Das Feld der japanischen und der – vor einem Jahr bei cass dazu gekommenen – koreanischen Literatur ist groß, der im thüringischen Städtchen Bad Berka ansässige Verlag muss sich nicht mal mit seinen Konkurrenten absprechen. Immer wieder gelingen so literarische Coups, gerade bei der Aufgabe, für die japanische Literatur wichtige Romane einem deutschen Publikum zugänglich zu machen. Drei von ihnen seien im Folgenden kurz vorgestellt.

kita
Morio Kita – In Nacht und Nebel
Der Schriftsteller und Arzt Morio Kita (1927 – 2011) ist in Japan vor allem für seinen Mehrgenerationenroman „Das Haus Nire“ bekannt, die Saga einer Arztfamilie, die oft als „japanische Buddenbrooks“ bezeichnet wurde. Tatsächlich ist Morio Kita stark von der europäischen und vor allem der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts beeinflusst.

Sein im Original 1960 erschienener Roman „In Nacht und Nebel“ spielt sogar in Deutschland. Schauplatz ist eine Nervenklinik in der Nazi-Zeit. Der japanische Pathologe Takashima leidet unter Schizophrenie. Mit einer deutschen Jüdin verheiratet, lebt er zudem in der ständigen Angst, dass seine Frau deportiert oder ums Leben kommen könnte. Er erlebt mit, wie das Euthanasie-Programm der Nazis in der Klinik umgesetzt werden soll. Der humanistisch geprägte Chefarzt wehrt sich anfangs gegen die Aussonderung von „Unheilbaren“, als er durch einen Schlaganfall berufsunfähig wird, ändert sich die Situation. Auf sehr unterschiedliche Weise gehen die Ärzte mit der Direktive zur Selektion um. Zum Eklat kommt es, als einer der Mediziner bei seinem Bemühen, besonders schwere Fälle zu retten, weit über das Ziel hinaus schießt.

Morio Kita beschreibt die beklemmende Stimmung in der deutschen Nervenklinik in einer schlichten, direkten Sprache. Seine Kenntnisse über die Geschehnisse im Deutschland der Nazi-Zeit sind exzellent, bei aller fiktiven Zuspitzung stellt der Roman das Verhalten des Klinikpersonals von blinder Gefolgschaft über Resignation bis zum Aufbegehren äußerst glaubhaft dar. Das macht „In Nacht und Nebel“ gerade für deutsche LeserInnen zu einer Entdeckung, zumal dieser Roman, für den Kita in Japan den renommierten Akutagawa-Preis verliehen bekam, von Otto Putz in ein elegantes, nuanciertes Deutsch übertragen wurde.

Morio Kita. In Nacht und Nebel. Roman. Aus dem Japanischen von Otto Putz. 172 Seiten, Klappenbroschur. cass Verlag 2013. 15,95 Euro.

kobayashi
Takiji Kobayashi – Das Fabrikschiff
Dieser schmale Roman ist ein Klassiker der japanischen ArbeiterInnenliteratur. Er schildert die Ereignisse auf einem Krabbenfangschiff in den 1920er Jahren. Mit rund 400 Mann Besatzung fährt dieses Schiff für Wochen und Monate durch die Fanggründe nördlich der japanischen Inseln. Matrosen, Fischer und Fließbandarbeiter sorgen nicht nur für den Fang riesiger Mengen von Krabben, sie verarbeiten das Krabbenfleisch auch gleich an Bord, wo es in Dosen abgepackt wird. Viele der jungen Männer sind Saisonarbeiter, darunter Ungelernte und Studenten, die sich Geld dazu verdienen müssen. In ihrer Not haben sie sich mit Knebelverträgen an die Reederei gebunden. Die Bedingungen an Bord sind schlecht, das Unterdeck, auf dem die Belegschaft schläft, hat schnell den Spitznamen „Jauchefass“ weg. Die Sicherheitsvorkehrungen sind schlampig und der brutale Aufseher Asagawa treibt die Arbeiter zu gnadenlosem Akkord an. Als es zu einem Todesfall kommt, schließt sich die Besatzung zusammen und sagt Asagawa und seinesgleichen den Kampf an…

Takiji Kobayashi )(1903 – 1933) war Mitglied der kommunistischen Partei und natürlich ist „Das Fabrikschiff“ ein parteiisches Buch, das Ausbeutung, Habgier und kapitalistische Dekadenz anprangert. Bemerkenswert ist, wie lebendig Kobayashi seine Charaktere zeichnet. Aus jeder Zeile springt einem die Sympathie für die „einfachen Leute“ förmlich entgegen. Als das Buch 1929 erschien, war das eine Seltenheit, denn die japanische Zensur war längst dabei, alle „antijapanischen“ Umtriebe zu unterbinden. Von der Geheimpolizei verfolgt, ging er in den Untergrund, wurde von Spitzeln verraten und am 20. Februar 1933 bei einem Verhör zu Tode gefoltert. „Das Fabrikschiff“ ist sein literarisches Vermächtnis, nach dem Zweiten Weltkrieg avancierte es zu einem identitätsstiftenden Werk für die neu erstarkte Arbeiterbewegung. 1958 für den Verlag Volk und Welt in Ost-Berlin erstmals ins Deutsche übersetzt, wurde der Roman sorgsam überarbeitet und vom cass Verlag 2012 wiederveröffentlicht.

Takiji Kobayashi. Das Fabrikschiff. Roman. Aus dem Japanischen von Alfons Mainka. 108 Seiten, Klappenbroschur. cass Verlag 2012. 9,80 Euro.

dazai
Osamu Dazai – Gezeichnet
Die Neuauflage dieses Romans war längst überfällig, handelt es sich dabei nicht nur um einen der literarisch bedeutendsten, sondern auch um einen der meistgelesenen Romane der japanischen Literatur im 20. Jahrhundert. Erstmals auf Deutsch 1997 im Insel Verlag erschienen, wurden antiquarische Exemplare zuletzt zu hohen Preisen gehandelt. Vor kurzem nun hat der cass Verlag diese Lücke geschlossen und „Gezeichnet“ für ein breites Publikum wieder zugänglich gemacht. Dazu cass-Lektor Hans Peter Jugl: „Dieses Buch ist eine wirkliche Pretiose, auch in der Übersetzung, wir konnten gar nicht anders, als es neu aufzulegen.“

Der Roman schildert in drei Tagebüchern, die dem Erzähler zugespielt wurden, das verpfuschte Leben eines talentierten jungen Mannes. „Ich habe ein schändliches Leben geführt“, beginnen die Aufzeichnungen. Aus wohlhabendem Elternhaus und mit allen Privilegien ausgestattet, zeigt er sich schon als Junge von seinen MitschülerInnen angewidert. Er versteckt sich hinter der Maske des Klassenkaspers. Überdurchschnittlich gutaussehend, liegen ihm bereits in seiner Jugend die Frauen zu Füssen. Sein künstlerisches Talent lässt ihm zum Comiczeichner werden, eine Karriere, die er als großes Scheitern empfindet. Alkohol und Morphium werden zu seinen Süchten, er begeht mit einer Geliebten einen gemeinsamen Selbstmordversuch – sie ertrinkt, er überlebt. Schließlich versucht er mit einer überstürzten Heirat seinem Leben eine neue Richtung zu geben, doch die „Schande“ wird ihn erneut einholen…

Im Original lautet der Titel des Romans „Ningen shikkaku“ was wörtlich übersetzt „als Mensch disqualifiziert“ bedeutet. In der Schilderung des „schändlichen Lebens“ gibt es zahlreiche Parallelen zu Osamu Dazais eigener Biografie. Auch er hatte mit Alkohol- und Drogensucht zu kämpfen, war gesundheitlich instabil und beging einen gemeinsamen Selbstmordversuch mit einer Lebensgefährtin. Der Roman fällt in die Kategorie des shishosetsu, der für die japanische Literatur prägenden Gattung des „Ich-Romans“. Die zwischen Leser und Autor durch die Nennung intimster und „schändlichster“ Ereignisse entstehende enge Bindung findet beim japanischen Publikum eine große Resonanz. „Gezeichnet“ wurde schon kurz nach seiner Veröffentlichung 1948 zu einem Bestseller und ist bis heute ein Kultbuch. Osamu Dazai erlebte nicht mal das Erscheinen des Romans mit: er beging mit einer Geliebten Doppelselbstmord und wurde am 19. Juni 1948, seinem 39. Geburtstag, tot aufgefunden.

Osamu Dazai. Gezeichnet. Roman. Aus dem Japanischen von Jürgen Stalph. Mit einem Nachwort von Irmela Hijiya-Kirschnereit. 156 Seiten, Klappenbroschur. cass Verlag 2015. 12,95 Euro.

Mit diesen Veröffentlichungen hat der cass Verlag drei außergewöhnliche „verlorene Bücher“ für das deutschsprachige Lesepublikum zugänglich gemacht. Weitere Wunschbücher gäbe es für Lektor Hans Peter Jugl durchaus, aber sie bleiben sein Geheimnis: „darüber sprechen wir vielleicht ein andermal. Fürs erste freuen wir uns auf zwei im deutschen Sprachraum noch unbekannte Stimmen: Nanae Aoyama mit ihrem Roman ‚Eigenwetter‘ (Herbst 2015), und Ko Machida, der im nächsten Jahr mit zwei grandiosen Erzählungen im cass-Programm leuchten wird.“ Wenn das nicht verlockend klingt!

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