Können wir bitte endlich wieder über Literatur reden?

Die Literaturblogosphäre debattiert über eine Professionalisierung, der Buchbetrieb debattiert über die Qualität des zeitgenössischen Feuilletons und der Perlentaucher debattiert über ein Online-Literaturmagazin. Aber wer debattiert eigentlich noch über Bücher?

Es ist noch gar nicht so lange her, da interessierte ich mich vor allem für Musik. Sie war jahrelang meine große Leidenschaft, tagein, tagaus hörte ich mir die allerneuesten Veröffentlichungen an, verschlang Zeitschriftenartikel und diskutierte mit Gleichgesinnten. Wo gab es spannende neue Strömungen? Wer wurde von wem beeinflusst? Welche Musik war genial, welche peinlich? Doch vor einiger Zeit vollzog sich ein schleichender Wandel. Plötzlich bestimmten nicht mehr Klänge und Inhalte die Diskussion, sondern Themen wie Filesharing, Streamingdienste oder das Vinyl-Revival. Sollte der Medientheoretiker Marshall McLuhan recht behalten mit seiner Prophezeiung „the medium is the message“? War die inhaltliche Debatte für immer von einer mehr und mehr um sich selbst kreisenden Diskussion über schick designte Abspielgeräte und digitale Vervielfältigung abgelöst worden?

Ich weiß nicht, ob mich tatsächlich die Verflachung einer Diskussion im Musikbereich in die Hände der Literatur getrieben hat. Schließlich höre ich noch Musik, die intensivere Auseinandersetzung findet aber inzwischen mit Büchern und deren Autorinnen und Autoren statt. Doch die Geister der Vergangenheit scheinen mich einzuholen, stelle ich doch fest, dass sich in der Literatur eine ähnliche Verschiebung in der Diskussionslandschaft eingestellt hat.

Sieg des Mediums über den Inhalt

Zuerst erörterte man eifrig die Vor- und Nachteile des e-Books. Es folgte die Urheberrechtsdebatte. Dann ging es monatelang darum, ob ein Konzern wie Amazon nun gut oder schlecht für die Literatur sei. Alljährlich kommen die Debatten um den Deutschen Buchpreis dazu, über seine Bedeutung und ob die Jury denn die richtige Wahl getroffen habe. Momentan wird gleichzeitig an drei Fronten über die Qualität der Literaturkritik in den Feuilletons, über die Notwendigkeit eines digitalen Literaturmagazins und über die Rolle von Literaturblogs (auch hier und hier) gestritten.

Nun bin ich wahrlich ein Freund von Diskussionen. Ich weiß es zu schätzen, unterschiedliche Positionen zu lesen, sie abzuwägen und mir eine eigene Meinung zu bilden. Diskurse sind gut und sinnvoll, so lange es nicht um die Legitimation von Massenmord, die Verharmlosung menschenfeindlicher Einstellungen oder ähnliche No-Gos geht. Wenn ich in den vielstimmigen Diskussionen kurz innehalte, fällt mir allerdings auf, dass kaum jemand über die Bücher an sich diskutiert. Und ich meine damit deren Inhalt (nicht im Sinne von „Datenmenge“) und deren Qualität (nicht im Sinne von „bibliophile Ausstattung“). Fast scheint es, als habe das Medium über den Inhalt gesiegt.

Manchmal stelle ich mir vor, wie herrlich es wäre, wenn die selbe Zeit, die manche Menschen für oben genannte Themen aufbringen, umkanalisiert werden könnte. Wenn wochenlang die Argumente hin- und herfliegen würden, ob etwa Dietmar Daths Romane die Gesellschaft dauerhaft verändern könnten oder nicht. Ob das literarische Vermächtnis eines Roberto Bolaño selbst die anspruchsvollste HBO-Fernsehserie auf Dauer obsolet werden lässt. Wie viele Seiten gefüllt werden könnten mit Bekenntnissen wie „der Detailreichtum bei Péter Nádas hat mein Leben für immer verändert“.

Über Literatur schreiben, dikutieren, streiten

Ich werde selten nostalgisch, aber wenn ich mich daran erinnere, wie im Literarischen Quartett mit schärfsten Mitteln darüber gestritten wurde, ob eine Liebesszene bei Murakami nun gelungen oder misslungen war und darüber dann auch die Ur-Besetzung der Sendung zerbrach, dann klingt das heute ziemlich unglaublich. Soviel für den Streit um die „literarische Wahrheit“ zu riskieren, ist beeindruckend. Und es ist übrigens nicht gefühlte fünfzig, sondern erst fünfzehn Jahre her. Ist so etwas heute noch möglich? Wahrscheinlich würde Sigrid Löffler heute gehen, weil Reich-Ranicki sie wegen Besitz eines e-Bookreaders vor der Kamera runterlaufen lassen würde.

Seit knapp zwei Jahren bin ich Literaturblogger und wie bei vielen anderen, die online schreiben, ist die Leidenschaft für Bücher und natürlich ein gehöriges Maß an Sendungsbewusstsein mein Antrieb. In dieser Zeit musste ich beobachten, dass auch in den Blogs immer mehr über oben genannte Meta-Themen diskutiert wird und sich vor allem die wirklich lebendigen Auseinandersetzungen an diesen Topics entzünden. Stichwortgeber ist dabei meistens – auch wenn das viele Bloggerinnen und Blogger nicht wahrhaben wollen – das Feuilleton oder „der Literaturbetrieb“. Dabei wären alle Freiheiten da, um sich mit aller Passion der Literatur zu widmen. Am ehesten noch findet eine lebendige Diskussion in der Kommentarspalte unter einer Rezension statt. Ist das nicht etwas wenig, bedenkt man die vielen Möglichkeiten, die das Bloggen bietet?

In der momentanen Gemengelage fühlen sich Literaturblogs als die Underdogs. Gerne klopfen wir uns selbst auf die Schulter, dass wir ja viel freier wären als das Feuilleton oder die Literaturkritik im Fernsehen. Nicht so verkopft, nicht so blasiert, viel näher am Leser. Besonders, wenn es Kritik von außen gibt, üben die Bloggerinnen und Blogger den Schulterschluss. Doch wenn die Wellen höher schlagen, dann meist wegen solcher Angriffe (Das böse Feuilleton! Der törichte Kommentar im Netz!) und nicht, weil ein Buch gerade unser Leben auf den Kopf stellt.

Blogs haben alle Freiheiten – was machen wir daraus?

Vielleicht ist es falsch, überhaupt die dezidierte Lust am literarischen Diskurs von der Literatur-Blogosphäre zu erwarten. Schließlich macht ja jede und jeder mehr oder weniger, was sie oder er will, mit einem Spektrum vom Frauenmagazin-kompatiblen Fünfzeiler bis zur literaturwissenschaftlichen Abhandlung. Und wahrscheinlich ist das auch gut so.

Letzten Endes denke ich einfach egoistisch. Die Diskussionen über Meta-Themen, die der Literaturbetrieb so gerne wochenlang wiederkäut, sollen auch in den Blogs stattfinden dürfen. Wegen mir soll auch über die Longlist des Deutschen Buchpreises geschrieben werden. Aber all das ermüdet mich auch. Vielleicht bin ich ja in der Minderheit, aber ich möchte leidenschaftliche, kluge, kenntnisreiche und gewitzte Beiträge über Romane, Erzählungen und Lyrik lesen. Und ich wünsche mir, dass sich lebendig und ausführlich über diese Bücher ausgetauscht wird. Ob es sich dabei um Rezensionsexemplare handelt oder nicht, ob eine Kaffeetasse auf dem Foto abgebildet ist oder nicht… wenn der Text dieses Buch gut analysiert und eine Diskussion über das Buch entsteht, ist mir das ziemlich schnuppe.

In diesem Sinne: können wir jetzt endlich (wieder) über Literatur reden?

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43 Gedanken zu „Können wir bitte endlich wieder über Literatur reden?

  1. Hallo Tobias,
    vielleicht ist einfach der Denkansatz bzw. die Erwartungshaltung, die einzelne Literaturblogger zum Bloggen brachte, falsch.
    Als ich mit einem Freund vor knapp 2,5 Jahren damit anfing, waren wir unseres Literaturzirkes im realen Leben müde geworden – zu unterschiedliche Leute, zu unterschiedliche Interessen. Wir hatten uns rege Diskussionen eben auch via Blog erhofft.
    Natürlich wundere ich mich auch – mein Abendland-Artikel, impulsiv geschrieben in einer halben Stunde, ruft eine riesige Resonanz hervor, manche Buchbesprechung, in die ich deutlich mehr Hirnschmalz und Zeit investiere, erhält kaum Kommentare. Und ich hab soviel Selbstbewußtsein, dass ich nicht denke, dies liegt daran, dass ich sehr platt oder schlecht schreibe…
    Sondern mittlerweile denke ich eher, dass Literaturblogs in allererster Linie ein Infoangebot an Leser sind und der reinen Informationsvermittlung dienen, der Literaturvermittlung – die Diskussion, ob man von Blogs (dass man hier ja sowieso von einer Vielfalt ausgehen muss und daher nicht vereinheitlichen kann, wurde jetzt auch schon oft genug geschrieben) „Literaturkritik“ erwarten soll, halte ich sowieso für rein akademisch.
    Also: Ich wähle Bücher aus, die ich vorstellen will – und darunter durchaus auch mal mit negativen Anmerkungen. Aber ich habe nicht mehr die Erwartung, dass über bzw. auf dem Blog mehr entstehen kann als ein Anstoß.
    Die Diskussionen über Bücher, das Reden – das findet im echten Leben statt. Ich glaube nicht, dass die Blogosphäre – auch aufgrund der Informationsüberflutung, der Vielzahl an Angeboten etc. – dafür den richtigen Raum bieten kann.
    LG Birgit

    1. Liebe Birgit,
      Deine Analyse und Deine Erfahrungen teile ich. Aber es muss ja nicht heissen, dass dies immer so bleibt. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Vielleicht geben Blogs jetzt nur Anstösse, vielleicht bieten sie aber auch ein Potential, das noch versteckt irgendwo schlummert? Ich versuche mir, dieses Denken zu erhalten, es motiviert mich für die Zukunft und lässt mich mein eigenes Bloggen hinterfragen, nach Entwicklungsmöglichkeiten suchen.
      Erstaunlich ist ja, dass es gerade die unbekannten Bücher sind, die hohe Zugriffszahlen erreichen (zumindest auf meinem Blog ist es so). Weil über die populären eh schon in allen Zeitungen etwas steht. Was meine Hoffung nährt, dass Blogs es auch schaffen könnten, Diskurse anzustossen, die über die Blogosphäre hinaus ausstrahlen könnten.
      Liebe Grüße, Tobias

  2. … und sinnvoll mitdiskutieren kann man ja eigentlich auch nur dann, wenn man selbst das betreffende Buch halbwegs zeitnah gelesen hat…. Für mich sind deshalb die (seltenen) Diskussionen eher ein begrüßenswerter Nebeneffekt des Bloggens. LG, Anna

    1. Liebe Anna,
      das Argument kann ich nachvollziehen, nur glaube ich, dass z. B. ganz viele über das Feuilleton diskutieren, ohne regelmässig mehrere Zeitungsfeuilletons zu lesen. Und sie erlauben sich dennoch ein Urteil. Diskussionen über Bücher könnten ja auch bedeuten, zu begründen, warum man ein bestimmtes Buch erst gar nicht in die Hand nimmt o. ä.
      Liebe Grüße, Tobias

  3. Der Diskurs über einzelne Werke ist ein Wunsch, der sich kaum erfüllt. Selten stehen Bücher so im Fokus der Öffentlichkeit, dass viele es zugleich lesen und auch diskutieren wollen. Mein letzten Versuch wagte ich mit Houellebecqs „Unterwerfung“. Es entwickelte sich letztlich denn doch ein sehr müder Diskurs. Und er brachte zugleich eins an den Tag, was solche Diskurse erschwert: viele wollten das Buch nicht mehr lesen, weil es ja jetzt so gehypt sei. Eine nicht ungewöhnliche Haltung unter Literaturbloggern, die man z.B. bei Film oder Musik so nicht kennt.

    Viele bevorzugen die eigene Neuentdeckung und hoffen da zu den ersten zu gehören. Doch dann können die Leser des Beitrages auch selten was diskutieren, sondern sich eigentlich nur bedanken. Denn die Form der dann üblichen Buchbesprechung ist die zweite große Hürde, die einen Diskurs oft verhindert. Denn der Schwerpunkt liegt in der Zusammenfassung des Gelesenen und einem mehr oder weniger umfangreichen ästhetischen Urteil. Selten jedoch greift jemand Kernthemen eines Buches auf und – davon angeregt – erörtert sie essayistisch oder stellt gar grundsätzliche Fragen in den Raum. Dies wäre dann eine Anregung zum Austausch.

    Ich vermute ein wenig, dass es vielen Verfassern von Buchbesprechungen ähnlich geht, wie auch vielen Autoren mit ihren Büchern. Sie wollen nach so viel intensiver Beschäftigung mit dem Werk nicht darüber diskutieren, sondern erst mal etwas „Applaus“ geniessen.

    1. Du hast viele wichtige Punkte angesprochen. Mir ist auch bei Houellebecq die Unlust, das Buch in den Blogs kontrovers zu diskutieren, aufgefallen. Bei „Der Circle“ von Dave Eggers war es etwas besser. Die essayistische Betrachtungsweise mag ich persönlich sehr gerne, für solche Beiträge ist zumindest mein Applaus sicher 🙂

  4. Lieber Tobias,

    deinen Wunsch teile ich, doch halte ich ihn für kaum realisierbar. Mir ergeht es da wie Birgit: meine kleine Ergänzung zur Debatte hatte ich in einer halben Stunde geschrieben, andere Beiträge liegen hier viel länger, an denen arbeite ich über mehrere Tage und stecke auch bereits schon Zeit und Gedanken in die Lektüre – die Resonanz darauf ist dann jedoch überschaubar. Es gibt natürlich immer wieder Kommentare, aber es ensteht dabei keine wirkliche Diskussionen. Diskussionen entstehen in meinem Blog häufig nur dann, wenn es auf die Metaebene geht. Das hat sicherlich damit zu tun – und das schreibt Buchpost ja auch -, dass man nur intensiv über ein Buch diskutieren kann, das man auch gelesen hat oder zu dem man zumindest einen Bezug hat.

    Die Idee von Thomas, sich Kernthemen herauszugreifen, um diese zu erörtern, finde ich gut. Vielleicht werde ich demnächst nochmal einen Versuch wagen etwas an dem statischen Rezensionsformat zu ändern.

    Liebe Grüße
    Mara

    1. Den Ansatz, sich mal mit Kernthemen zu befassen und etwas abzurücken von ellenlangen Inhaltszusammenfassungen, finde ich höchst interessant, auch wenn es vermutlich nicht meins wäre, denn was man nicht vergessen darf: Viele BloggerInnen benutzen ihre Beiträge auch (nicht nur, aber auch) als Gedächtnisstütze, die – und das ist das Schöne daran – immer wieder auch anderen gefällt, missfällt, zum Kaufen animiert oder eben nicht, zu reizenden Kommentaren führt etc. Meine momentane Comenius-Reihe wäre sonst gar nicht zu rechtfertigen: Zunächst einmal möchte ICH mich an diese Zitate erinnern und stelle dann erfreut fest, dass andere sich auch an dieser „Entdeckung“ freuen – Wären allerdings alle meine Beiträge so aufgebaut, würde ich mir selbst als erste „entfolgen“ 🙂

    2. Liebe Mara,
      das klingt nach einer spannenden Idee. Ich bin gespannt, wie Deine Umsetzung aussehen könnte und freue mich schon auf den Austausch, der daraus entstehen könnte.
      Liebe Grüße, Tobias

  5. Literaturblogs eignen sich schlecht für Literaturdiskussionen. Als Blogger schreibt man seine Meinung und als Blogleser weiss man nicht ob der Blogger Diskussionen überhaupt wünscht oder wie Brasch und Buch so schön schreibt, nur am Applaus interessiert ist.
    Sehr interessante Diskussionen über Literatur habe ich schon sehr oft in Leserunden erfahren. Meist sind Autoren dabei eher hinderlich, weil manche Leser dann Angst haben ihre Meinung zu verdeutlichen, aber selbst dann kann es zu wunderbaren Diskussionen kommen, wenn das Buch eine Diskussionsbasis bietet.
    Lg Lara

  6. Lieber Tobias, ich verstehe deinen Wunsch, doch der Beitrag ist ja auch wieder meta & wird womöglich mehr Kommentare motivieren als die dollste Buchbesprechung. Und eigentlich finde ich solche Beiträge zwischen all den Besprechungen durchaus interessant. Solange wir immer wieder zur Literatur, mit oder ohne Tassen, zurückfinden. Besonders, wenn Fragen erstmals aufgeworfen werden. Nach der xten Runde finde ich’s dann auch eher überflüssig. Aber vielleicht stellen sich ja die diversen Fragen diversen Leuten einfach zu unterschiedlichen Zeiten.
    Herzliche Grüße
    Petra

    1. Liebe Petra,
      ja, mein Beitrag ist auch meta, aber es ist auch das erste Mal, dass ich in solch einer Debatte mitzumischen versuche. Weil ich sie zunehmend öde finde. Das mit den Kommentaren hat natürlich genau so geklappt, wie Du es prophezeit hast 🙂
      Liebe Grüße, Tobias

  7. Lieber Tobias, Mara, Petra und alle anderen,
    aber man könnte die Meta-Ebene ja für was Konstruktives nutzen. Nachdem ja nun mehrere ähnliche Eindrücke schildern…warum nicht einmal eine Vernetzung, wie Brasch & Buch es bei Unterwerfung anstoßen wollte, eine Leserunde zu unbekannteren Werken in die Welt rufen?
    Das war mit ein Auslöser für mich, warum ich das Projekt Buchpreisblogger oder auch das Longlist-Lesen letztes Jahr reizvoll finde/fand – weil da eben zum Teil durch das gemeinsame Lesen eben Diskussionen entstanden – auch wenn es natürlich Werke sind, die eh in aller Munde sind.
    Ein anderes Projekt war, soweit ich weiß, das gemeinsame Lesen von Joyce, etc…

    Das gliche dann den aus dem realen Leben bekannten Leserunden…

    Aber unabhängig davon: Auch wenn zu Buchbesprechungen nicht die Diskussionen aufkommen (da geht es mir eben auch wie Anna, ich setze oft Likes, weil ich ein Buch oder den Beitrag interessant finde, mag aber nicht kommentieren, weil ich es noch nicht gelesen habe), dennoch bin ich, trotz anfänglich anderer Erwartungshaltung, nicht enttäuscht oder desillusioniert: Das Bloggen hat zum Teil mein Leseverhalten verändert, bewußter gemacht, durch andere Blogs fielen mir erst Bücher auf, die es niemals ins Feuilleton schaffen (und da was mitzukriegen ist in der Provinz eben schwerer als z.B. in Frankfurt oder Berlin), es hat meinen Horizont erweitert und nicht zuletzt etliche schöne Kontakte und Austausche gebracht. Das ist doch auch was!

    1. Das wäre doch eine tolle Idee, was sich hier gerade herausschält. Warum nicht mal gemeinsam an etwas schreiben? Oder wenn sich Bloggerinnen und Blogger auf der Buchmesse über den Weg laufen, dann nicht nur Gruppenfotos machen, sondern sich zur Bloggerrunde treffen, die Diskussion aufnehmen und das ganze später auf den Blogs präsentieren? Vielleicht wäre das ja eine konkrete Anregung für die Buchpreisblogger?

      1. Lieber Tobias,
        das ist ja das Prinzip der Buchpreisblogger – nicht jeder liest alle 20 Titel runter – das wäre nicht zu schaffen und hätte auch nichts mehr mit kritischer Auseinandersetzung zu tun, sondern nur mit Fließbandlesen – sondern man sucht sich die Titel aus, die man lesen will. Und da werden dann auch mehrere Leute dasselbe Buch lesen – mit unterschiedlichen Ergebnissen. Daher hat mich das gereizt, weil es eben eine Art Literaturzirkel ist.
        Aber wir können das ja wirklich mal mit einigen Büchern, z.B. aus Deiner Reihe der vergessenen Klassikern, probieren – wirf doch mal einige Titel in die Runde, vielleicht finden sich Interessierte? Einen Test wäre es wert.

        1. Liebe Birgit, die verlorenen Klassiker sind wohl nicht so geeignet, weil schwer erhältlich, ich fände auch etwas Gegenwärtigeres gut. Wie wäre eine Diskussion zum Thema „Lebensentwürfe“ oder „Wie leben?“ mit Büchern von Kristine Bilkau („Die Glücklichen“), Anke Stelling („Bodentiefe Fenster“) und z. B. auch Philip Schönthaler? Oder vielleicht geben die Herbstneuheiten auch etwas spannendes her, was sich dann mit der Longlist für den DBP überschneiden könnte?…
          Liebe Grüße, Tobias

          1. Ich wäre dabei. Bei „Die Glücklichen“ hätte ich den Vorteil, dass ich es schon gelesen habe. Könnte auch mein Exemplar zur Verfügung stellen. Klingt allgemein nach einer guten Idee.
            Gruß
            Marc

          2. Billkau habe ich gerade eben angeschafft, das ginge also – aber eigentlich dachte ich, war Deine Intention auch, unbekanntere Bücher mehr in den Fokus zu rücken – und nicht das, was vielleicht eh Chancen auf die Longlist hat (was ich bei „Die Glücklichen“ mir vorstellen könnte)? Vielleicht für so eine Leseaktion doch etwas noch Unbekannteres? Aber wenn sich mehr Leute für Bilkau und Schönthaler finden, bin ich gerne dabei…

              1. Prinzipiell bin ich gerne dabei, kann aber nur begrenzt Beiträge liefern. Hätte eine Idee für die Umsetzung, die ich in den nächsten Tagen gerne vorstellen würde.
                Gruß,
                Marc

  8. Lieber Tobias,

    deine Kritik kann ich gut nachvollziehen. Mir ist diese ganze Meta-Diskussion bisweilen, so interessant sie in ihren einzelnen Formen und Beirtägen sein kann, deutlich zu selbstbezüglich. Ich muss mich als Literaturblogger nicht immer wieder nach meiner eigenen Position befragen (besonders in Abgrenzung zu anderen Angeboten) oder ständig positionieren. Ich versuche in meine Rezensionen oft etwas übergeordnetere Gedanken einzubringen, wie zuletzt z.B. bei Anke Stellings „Bodentiefe Fenster“, in dem es u.a. um eine ganz bestimmte Lebenshaltung geht, die die Erzählerin letztlich zusammenbrechen lässt. Freilich ohne, dass sich nach diesem Zusammenbruch etwas Wesentliches ändert. Über diese Lebenshaltung könnte man sprechen, das tut aber keiner. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass man nicht explizit dazu auffordert, so wie mancher Youtuber: „Wie seht ihr das? Packts mir doch in die Kommentare“ .. insgesamt befürchte ich aber auch, dass solche wirklich umstürzenden Diskurse im Internet nicht auf der inhaltlichen Ebene stattfinden. Dafür ist auch die Reichweite der meisten Literaturblogs nicht hoch genug. Die Idee, gemeinsam irgendwas zu lesen und dann darüber zu schreiben, ist gut, aber natürlich nicht neu. Das wurde immer wieder versucht und ist für die Beteiligten auch wirklich ein Gewinn, dass da aber von außen viel käme von Lesern, das ist eine Seltenheit. Vielleicht liegt das auch daran, dass eine solche Diskussion, soll sie fundiert sein und fruchtbar, einiges an Zeit brauchen. Vieles, auch im kulturellen Bereich, muss heute auch schnell konsumierbar sein. Ein „Themen-Lesen“ über mehrere Blogs wäre das nicht, abgesehen davon, dass die Szene der Literaturblogger sehr klein ist und die Leserschaft sich größtenteils überschneidet. Ich erinnere mich daran, dass so eine breite Diskussion auf mehreren Blogs und Kanälen nicht unbedingt zu mehr Interesse für ein Buch geführt hat, sondern sich dann eher ein Übersättigungsgefühl einstellte. Schwierig, schwierig …

    Liebe Grüße,
    Sophie

    1. Liebe Sophie,
      danke für Deine Gedanken. Die Gefahr einer Übersättigung besteht natürlich, aber ja vielleicht nur dann, wenn nicht differenziert diskutiert, sondern einfach nur gelobt/abgefeiert wird. Natürlich ist ein Austausch nicht neu, es gibt ja auch Lesekreise. Aber wenn LiteraturkritikerInnen im Fernsehen in einer Runde zusammensitzen, schaltet man ja auch nicht ab mit dem Gedanken „Kenn ich schon“. Ich habe die Anregung mit Anke Stellings Buch gleich mal aufgenommen und schlage es zusammen mit „Die Glücklichen“ von Krisitne Bilkau für eine Diskussion vor (siehe auch meine Antwort auf Birgits letzten Kommentar).
      Liebe Grüße, Tobias

      1. Lieber Tobias,

        ich habe sowohl Kristine Bilkau als auch Anke Stelling gelesen und kann mir gut vorstellen, darüber in anderem Rahmen zu sprechen. Wenn euch da etwas Genaues vorschwebt, wie das Ganze aussieht … bin gespannt!

  9. Hallo Tobias,
    auch wenn dein Beitrag jetzt auch auf der Metaebene statt findet kann man ihn nur begrüßen. Manches Mal bin ich nur noch verwunder und erstaunt, woher manche Diskussionen kommen. Hab ich mich den einen Tag über die Buchpreisblogger gefreut, wird am nächsten Tag eine Diskussion über das Selbstverständnis von Blogs befeuert, die ich für mich nicht ernst nehmen kann, da es, wie deine Überschritt schon sagt, um Literatur gehen soll.
    Was einen Lesekreis in den Blogs angeht, hatten/haben manche schon einen interessanten Ansatz und auch mir schwebte schon eine Idee vor, die ich aber mangels Reichweite erst einmal hinten angestellt habe.
    Liebe Grüße
    Marc

  10. Lieber Tobias,
    ich finde so eine Diskussion – und diese steht ja, ich gehe wegen der zeitlichen Nähe mal davon aus, auch in Zusammenhang mit den Buchpreisbloggern – nicht grundsätzlich verkehrt. – Mal davon abgesehen, dass jede veröffentlichte Liste erst einmal ohne Kenntnis dessen, was sich inhaltlich dahinter verbirgt, immer öffentlich diskutiert werden muss. Das ist mal einfach so, ein Naturgesetz wahrscheinlich 🙂 –
    Die Thesen sind steil, ja, und auch zu verallgemeinernd, aber einen Trend zu zumindest diskussionswürdigen „Kooperationen“ zwischen Verlagen und Bloggern, vielleicht nunmehr auch zwischen Buchpreis und Bloggern, ist in letzter Zeit schon zu erkennen. Klar, der eine nutzt die Popularität der Blogs für das eigene Buch, der andere bekommt durch die Reichweite der Verlage neue Leser zugetragen, manchmal gibt es noch ein Aberndessen oder einen Verlagsbesuch, das scheint für beide Seite (Achtung: eine meiner absoluten Lieblingsfloskeln) eine „Win-Win-Situation“ zu sein. Kratzt aber deutlich an der Glaubwürdigkeit der Blogs – und insofern finde ich eine Diskussion, die darüber nachdenkt, nicht verkehrt. Nicht dass wir hier völlig zu Werbeplattformen der Verlage verkommen.
    Wir werden sehen, wie die disjährigen Buchpreisblogger dieses „Problem“ meistern, ob es kritische Beiträge gibt oder nur Wohlfühlbesprechungen. Vielleicht gibt es ja tatsächlich Diskussionen, wofür insofern gesorgt zu sein scheint, als dass ein Titel von mehreren Bloggern gelesen wird. Genau das ist im letzten Jahr beim Longlistlesen die Vorausssetzung dafür gewesen, Diskussionen führen zu können. Birgit hat das in ihrem Kommenta ja schon beschriben. Und da fing die Sache an richtig Spaß zu machen, als sich nämlich auch andere Blogger eingeschaltet und ihre Meinungen zu dem einen oder anderen Titel formuliert haben. „Koala“ ist mir da in Erinnerung mit einer recht kontroversen und lebhaften Diskussion.
    Vielleicht sind wir alle dieses Mal gefordert, auch Titel aus der Liste herauszupicken, um somit gerüstet zu sein für eine Diskussion. Denn, dieses Argument ist ja schon mehrfach gekommen und ich kann es aus eigener Sicht nur bestätitgen: eine Diskussion macht nur Sinn, wenn der Titel gelesen und auch noch recht präsent ist. So könnten die Listen, die nun auf uns alle zukommen, Anlass sein, sich quasi zum Lesen zu verabreden. Ich suche mir den oder die Titel aus, der oder die mich ansprechen und beteilige mich bei den Buchpreisblogs, die sie lesen „müssen“. Das wäre doch der Versuch, diese Anglegenheit zu einer konstruktiven und kritischen Diskussion zu nutzen – und ist vielleicht auch Anlass für die offiziellen Paten der Titel, sich kritisch(er) damit auseinanderzusetzen.
    Ansonsten würde ich mich gerne an einem – unabhängig vom Buchpreis – virtuellen Lesezirkel beteiligen. Mein Steckenpferd sind nun mehr die zeitgenössischen Romane, da würden „Die Glücklichen“ prima passen, vielleicht auch Doris Knechts „Wald“. Aber ganz furchtbar gerne auch ein anderer Titel. Ich bin also dabei (wenn es nicht gerade die „vergessenen Klassiker“ sind ;)).
    Wenn sich nun auf diese Weise ein Blogger-Lesezirkel ergibt, dann wäre die ganze Diskussion doch gerade nicht verkehrt gewesen! Und wir hätten ganz viel dafür getan, endlich wirder einmal über Inhalt und Form von Büchern streiten zu können!
    Viele Grüße, Claudia

    1. Liebe Claudia,
      Deinen Anmerkungen kann ich zustimmen, ich habe nicht so viel Angst davor, dass Blogs zum Werbekanal der Verlage werden, mein Beweggrund wäre eher die Vielfalt, die Leidenschaft… na ja, hab ich ja weiter oben schon geschrieben. Aber sowas kann auch bei den Buchpreisbloggern passieren, man muss es nur tun 🙂
      Die Idee eines virtuellen Lesekreises finde ich ganz famos und ich glaube, genau das scheint hier gerade zu entstehen. Ich finde auch, dass es etwas Zeitgenössisches sein sollte. Ich verstehe es also richtig, Du wärst an Bord, oder?
      Liebe Grüße, Tobias

  11. Ich wäre natürlich auch mit an Bord, finde die Idee ganz großartig – die Bilkau habe ich mir erst letzte Woche gekauft, ich wäre aber auch an einer Diskussion zu jedem anderen Buch interessiert! 🙂

  12. Ihr lieben Alle, die jetzt Lust haben, mizumachen. Würde vorschlagen, die Umsetzung per Mail zu diskutieren. Einverstanden? Dann würde ich mich in den nächsten Tagen bei Euch melden.
    Gegenvorschläge?
    Herzliche Grüsse, Tobias

  13. Just do it 😉 Das machen wir, freue mich auf rege Diskussion und das blogübergreifend. Was sich da für Möglichkeiten auftun ;))) Mail folgt von mir heute noch. LG, Bri

  14. ich les das jetzt erst sehr spät, aber was mich wundert: bewegt man sich damit nicht sehr unter seinesgleichen? literaturblogger lesen und schreiben für literaturblogger?

    nur mal so aus interesse: habt ihr nicht den ehrgeiz, dem feuilleton die leser abspenstig zu machen? also leute, die v.a. lesen und nicht schreiben? jedenfalls keine kritiken?

    fragt nur so „gwunder“, wie es im schweizerdeutschen so schön heisst,
    gregor (zuerchermiszellen.wordpress.com)

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