Lese-Vorfreude – zehn herausragende Titel aus dem Bücherherbst 2015

Herbst, Buchmesse, Weihnachtsgeschäft… im zweiten Halbjahr laufen die Verlage zu Höchstform auf und bringen ihre Spitzentitel an den Start. Libroskop hat nach den unbekannteren Perlen gesucht und zehn Bücher aus den Verlagsvorschauen heraus gepickt.

In diesem Beitrag soll es nicht um die Bücher gehen, die eh alle im kommenden Herbst lesen werden. Natürlich werden es alle rechtzeitig mitbekommen, wenn der neue Roman von Jonathan Franzen erscheint. Ob „Unschuld“ mit seinen gut 850 Seiten die Massen verzücken wird, bleibt abzuwarten. Eben so wenig ist es nötig, treuen Knausgård-Leser_innen Band 5 seines autobiografischen Romanprojektes schmackhaft zu machen, die Gemeinde lechzt sowieso schon danach. Im folgenden möchte ich lieber zehn Bücher vorstellen, die im Getöse der literarischen Bestseller unterzugehen drohen, meiner Meinung nach aber ein Publikum verdient haben.

Auffallend ist im Übrigen, wie früh der Bücherherbst dieses Jahr anzufangen scheint. Zahlreiche Verlage veröffentlichen ihre Toptitel bereits im August. Was ist der Grund dafür? Will man noch etwas Aufmerksamkeit erreichen, bevor Buchmesse und Deutscher Buchpreis für Wochen die Feuilletons, Blogs und Buchhandlungsregale verstopfen? Solange das Wetter sich nicht nach dem Jahreszeitenkalender der Verlage richtet, darf dieses Rätsel auch ungelöst bleiben…

César Aira – Eine kurze Episode im Leben eines Landschaftsmalers
(Verlag Matthes & Seitz Berlin)

SU_HUmbolds Schatten.inddIm Hause Matthes & Seitz lässt man sich nicht beirren und arbeitet weiter an der „Bibliothek César Aira“, die uns diesen genialistischen argentinischen Schriftsteller näher bringen will. Von der deutschen Literaturkritik gab es für diese Initiative bisher wenig Aufmerksamkeit, vielleicht, weil Aira mit seinen kurzen, doppelbödigen, zitatgespickten Texten, die gerne die Grenze zur Meta-Literatur überschreiten, nicht dem Trend zu Innerlichkeit und Epik in der europäischen Literatur entspricht. Roberto Bolaño, Patti Smith, Ricardo Piglia oder Jace Clayton (aka DJ /Rupture) wissen es besser und gehören zur internationalen Garde der Aira-Fans. „Eine kurze Episode…“ erzählt in einer Mischung aus Abenteuergeschichte und Künstlerportrait von dem Maler Johann Moritz Rugendas und seiner Lateinamerikareise an der Seite von Alexander von Humboldt. Außerdem erscheint noch „Duchamp in Mexiko“, dieser Band versammelt drei Essays César Airas. (erscheinen im November)

Nanae Aoyama – Eigenwetter (cass Verlag)
eigenwetterIm Mittelpunkt der Texte der 1983 geborenen japanischen Schriftstellerin Nanae Aoyama stehen meist junge Menschen, die orientierungslos sind oder als sogenannte „Freeter“ der soliden beruflichen Karriere – und damit dem gesellschaftlichen A und O in Japan – eine Absage erteilen. Dafür wurde sie bereits mit den wichtigsten japanischen Literaturpreisen, dem Akutagawa-Preis und dem Yasunari-Kawabata-Preis, ausgezeichnet. Auch in ihrem ersten ins Deutsche übersetzten Roman ist eine junge Karriereverweigererin die Hauptprotagonistin. Chizu ist zwanzig und zieht nach Tokyo, als ihre Mutter aus Berufsgründen nach China geht. Eine Wohnung findet Chizu bei der entfernten Verwandten Ginko. Die ist zwar schon Anfang siebzig, überrascht die in der Luft hängende junge Frau aber immer wieder durch ihre Offenheit und Lebensfreude. Eine sachte Annäherung beginnt. Ein Roman, der einen differenzierten Blick auf den Generationenkonflikt in der japanischen Gesellschaft wirft. (erscheint im August)

Horacio Castellanos Moya – Der Traum von Rückkehr (S. Fischer Verlag)
castellanosAus seinem Land fliehen, weil die politischen Verhältnisse lebensbedrohend sind. Horacio Castellanos Moya, engagierter Schriftsteller aus El Salvador, musste diese Erfahrung bereits zweimal in seinem Leben machen. In „Der Traum von Rückkehr“ fragt Castellanos Moya nach den Beschädigungen und Traumata, aber auch nach den Selbstlügen, die Vertreibung und Exil mit sich bringen. Sein Protagonist Erasmo Aragón will mit Hilfe einer Hypnosetherapie die Spuren des Bürgerkriegs in seiner Psyche erforschen. Doch schon bald beginnt er seiner eigenen Erinnerung zu misstrauen. Horacio Castellanos Moyas Prosa ist voller gewagter Einfälle und schwarzem Humor. Trotz etlicher übersetzter Werke steht dieser Schriftsteller immer noch im Schatten großer Namen. Das sollte sich endlich ändern. (erscheint im September)

Leila S. Chudori – Pulang (Heimkehr nach Jakarta) (Weidle Verlag)
chudori_1Indonesien ist das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Eines der bevölkerungsreichsten Länder der Erde, aber trotz hohem Alphabetisierungs- und Bildungsgrad keine große Lesenation. Die indonesische Literatur ist noch von der mündlichen Übertragung geprägt, in dem stark religiös geprägten Land führt muslimische Erbauungsliteratur die Bestsellerlisten an. Dennoch gibt es spannende indonesische Belletristik. Aus der kleinen Schar von Romanen, die zum Buchmesseschwerpunkt ins Deutsche übersetzt wurden, ragt „Pulang“ deutlich heraus. Die Autorin Leila S. Chudori sorgte in ihrer Heimat nach dem Erscheinen 2012 für große Diskussionen, beleuchtet der Roman doch den Massenmord an den Kommunisten (tatsächliche und vermeintliche) im Indonesien der 1960er Jahre. Ein Verbrechen, das erst ganz zaghaft aufgearbeitet wird. „Pulang“ trägt seinen Teil dazu bei. (erscheint voraussichtlich im August)

Tomas Espedal – Wider die Kunst (Verlag Matthes & Seitz Berlin)
espedalNoch steht Tomas Espedal im Schatten seines berühmten Freundes und Kollegen Karl Ove  Knausgård. Noch, denn mit jedem Text, der von Espedal auf Deutsch erscheint, wächst seine Anhängerschaft. Auch Espedal schreibt direkt aus dem Leben, auch Espedals Literatur ist schonungslos autobiografisch. Nach „Wider die Natur“, einem Roman über Espedals gescheiterte Liebesbeziehungen, geht es in „Wider die Kunst“ ebenfalls um den Verlust geliebter Menschen, wenn auch in anderer Endgültigkeit. Der Autor beschreibt hier sein Leben nach dem Tod seiner Mutter und dem kurz darauf folgenden Tod seiner Ehefrau. Radikal ehrlich geht Espedal mit seinem Schicksal, seiner Familie, sich selbst ins Gericht. Aus dieser Aufrichtigkeit entsteht Literatur von außergewöhnlicher Kraft und Schönheit. (erscheint im August)

Alban Nikolai Herbst – Traumschiff (Mare Verlag)
Herbst_Traumschiff_CoverDieser Autor ist ein Vielschreiber, ein Textberserker, ein Writer’s Writer, letztlich auch ein großer Unbekannter der deutschsprachigen Literatur. Denn obwohl der 1955 geborene Alban Nikolai Herbst bereits über 30 Romane, Erzählbände und Gedichtzyklen veröffentlicht hat, ist er nur einem kleinen Publikum ein Begriff. „Traumschiff“ ist der erste „große“ Roman dieses Ausnahmeautors seit einigen Jahren, ein Buch über das Sterben als „letztem großen Gesang auf das Leben“, wie es der Klappentext formuliert. Herbst schickt seinen Protagonisten Gregor Lanmeister auf eine letzte Reise, eine Kreuzfahrt mit 144 anderen, die nicht zurückkehren werden. Ein ungewöhnlich zarter Roman über die Versöhnung mit dem eigenen Schicksal und das, was das Leben ausmacht. (erscheint im August)

Claude Lanzmann – Das Grab des göttlichen Tauchers (Rowohlt Verlag)
lanzmannDurch seinen epochalen Dokumentarfilm „Shoah“ ging Claude Lanzmann in die Filmgeschichte ein, mit seiner Autobiografie „Der patagonische Hase“ zeigte der französische Filmemacher aber auch seine Qualitäten als Prosaautor. Aus Anlass von Lanzmanns 90. Geburtstag versammelt der Rowohlt Verlag nun einige der wichtigsten essayistischen Texte aus dessen Werk in einem Band. Die Auswahl reicht von frühen Beiträgen aus der legendären Zeitschrift Les Temps modernes bis zu seinem berühmten Essay über Steven Spielbergs „Schindlers Liste“. Aus ihnen entsteht das Porträt eines streitbaren, scharfsinnigen Intellektuellen, dessen Einmischungen wertvoll für unsere Auseinandersetzung mit Gegenwart und Geschichte sind. (erscheint im Oktober)

Luiz Ruffato – Ich war in Lissabon und dachte an dich (Verlag Assoziation A)
Lissabon_END.inddMenschen flüchten nach Europa, suchen Schutz vor Verfolgung, Krieg und Armut. Dass die Fluchtrouten nicht unbedingt über das Mittelmeer, sondern auch über den Atlantik führen, zeigt uns der brasilianische Autor Luiz Ruffato. Sein Romanheld Serginho hat sich nach Portugal abgesetzt, nachdem ihm in Brasilien Frau und Arbeit verloren gegangen sind. Ohne Papiere schlägt er sich durch das Großstadtleben von Lissabon. Und er ist nicht alleine, denn auch andere Migrant_innen aus Angola, Brasilien und verschiedenen Ländern Osteuropas suchen in der portugiesischen Metropole ein besseres Leben. Luiz Ruffato ist einer der innovativsten Schriftsteller Lateinamerikas, sprachmächtig, experimentierfreudig und mit einem Blick für soziale Verwerfungen. In diesem Roman zeigt er uns mit lakonischem Humor ein Lissabon abseits touristischer Klischees. (erscheint im August)

Shumona Sinha – Erschlagt die Armen! (Edition Nautilus)
geb_SUDieser Roman hat seine Autorin den Job gekostet. Die indischstämmige Shumona Sinha arbeitete bei der Pariser Ausländerbehörde, ihre Erfahrungen sind in dieses zornige Buch eingeflossen, das bei Erscheinen in Frankreich kontrovers diskutiert wurde und Sinha einige Literaturpreise einbrachte. Die Erzählung beginnt mit einer Gewalttat: die indischstämmige Dolmetscherin einer Asylbehörde greift einen jungen Migranten in der U-Bahn an. Auf der Polizeiwache wird sie aufgefordert, ihre Beweggründe zu erklären. Sie erzählt von den Verhören und Protokollen, die ihren Berufsalltag ausmachen. Von den Asylbewerber_innen, denen nichts anderes übrig bleibt als zu lügen, um wenigstens den Hauch einer Chance auf eine Anerkennung zu haben. Und von den abschätzigen Blicken der Migrant_innen, die sie als „Teil des Systems“ ansehen. Unter dem Titel eines Baudelaire-Zitats gibt dieser Roman Einblicke in ein verrücktes, aufgeblasenes System, in dem über menschliche Schicksale gerichtet wird. Aktueller kann Belletristik nicht sein. (erscheint im August)

Serhij Zhadan – Mesopotamien (Suhrkamp Verlag)
zhadanDie Ukraine ist nicht nur das Land, das zwischen Russland und NATO zerrieben wird, es ist auch das Land, in dem Schriftsteller_innen wie Popstars behandelt werden und für ein riesiges Publikum schreiben. Entsprechend mischten sie sich auch in die Maidan-Bewegung ein. Serhij Zhadan lebt in Charkiw in der Ostukraine. In der zweitgrössten Stadt des Landes sind die Spannungen zwischen ukrainischen Nationalist_innen und prorussischen Aktivist_innen schon seit Jahren spürbar. Zhadan kritisierte die prorussische Gewalt (und wurde dafür von militanten Putinfreunden krankenhausreif geschlagen), aber auch die politischen Lösungen der ukrainischen Regierung sind ihm zuwider. Seine anarchistische Grundhaltung schlägt sich in seinem neuen Prosaband „Mesopotamien“ nieder. Serhij Zhadan schreibt über das multikulturelle Leben in Charkiw und wie es durch den Krieg gefährdet wird. Seine Protagonist_innen, eine Gruppe junger Studierender, sind auf der Suche nach Freiheit und Freundschaft, nach einem selbstbestimmten Leben. Aber werden sie es in diesem Land finden? (erscheint im August)

Also, es sieht fast nach einem teuren August aus, hoffentlich ist die Urlaubskasse gut gefüllt und es bleibt etwas Geld für den Besuch im Buchladen übrig. Und da wir gerade schon über Geld sprechen, muss ich auch noch kurz Unmut los werden. Schön ausgestattete Bücher sind wieder in, und das ist eine feine Sache, aber leider sind die Preise, die dafür verlangt werden, in vielen Fällen schlicht und ergreifend zu hoch. So kosten die Bände der Anderen Bibliothek inzwischen 42,- Euro, vor zwei Jahren waren es noch 36,- Euro. Bei diesem Preisanstieg und nachdem Die Andere Bibliothek ihre preisgünstigen Broschurbände klammheimlich wieder eingestellt hat, fühle ich mich als Zielgruppe nicht mehr angesprochen. Auch die Preise der Naturkunden bei Matthes & Seitz Berlin ziehen kräftig an. Werden hier Bücher zum Luxusgut? Zum Glück bleiben die Verkaufspreise bei den meisten Verlagen aber weitgehend stabil.

Advertisements

8 Gedanken zu „Lese-Vorfreude – zehn herausragende Titel aus dem Bücherherbst 2015

  1. Ja, es wird ein interessanter und teurer Herbst…und Du hast gleich mehrere Sachen im Beitrag, die mich interessieren würden: Auf jeden Fall werde ich mir das Buch von Lanzmann besorgen, Tomas Espedal (Wider die Natur) hat mich begeistert, auch das wird wohl in das Regal kommen…
    Und mal wieder lateinamerikanische Literatur…da habe ich viel verpasst in letzter Zeit.
    Doch danke auch für Deinen Hinweis auf die steigenden Preise für das „schöne Buch“: Auch bei mir bricht langsam der Ärger über die Entwicklung der Anderen Bibliothek aus, ich drehe mich allmählich um und ignoriere das entsprechende Regal beim Buchhändler.
    Zumal auch das Programm nicht mehr ganz so interessant ist wie in den Jahren unter HME.

    1. Du hast recht, Birgit, das Programm der Anderen Bibliothek war auch schon spannender. Ich kann mir das ganze nicht recht erklären. Angeblich sind die Abonnent_innenzahlen wieder gestiegen, warum dann die Preise anheben? Vielleicht hat sich der Verlag mit den „Luxusbroschuren“ übernommen? Ich hoffe mal, dass Lafcadio Hearns „Japanische Geister“, das im Herbst erscheinen wird, evtl. als Erfolgsausgabe nachgereicht wird. Das ist das einzige Buch, das mich interessiert.

  2. Schöne Tipps, vielen Dank. Und das eine oder andere Buch zum Thema „Flucht und Entwurzelung“ ist auch dabei. Ja, wenn es ständig solche Buchvorstellungen gibt, dann wird es tatsächlich ein teurer Herbst… :-).
    Vielleicht finden wir ja von Deinen vorgsetllten Büchern auch ein nächstes Leseprojekt fürs gemeinsame Lesen.
    Viele Grüße, Claudia

  3. Ich danke dir für diese tollen Tipps, einiges davon ist auf meine Wunschliste gewandert. Ich finde es schön, dass du den Fokus auf die Bücher legst, die neben den großen Highlights drohen unterzugehen. Besonderes freue ich mich auf das neue Buch von Claude Lanzmann, den „Patagonischen Hasen“ habe ich vor Jahren mit großem Interesse gelesen.

    Liebe Grüße
    Mara

  4. […] Die Herbstprogramme sind in den letzten Wochen, ach was sag ich, Monaten, wie Pilze aus dem Boden geschossen und erschlagen den gemeinen Leser. Manche Blogger nehmen sich diese Kataloge aber gezielt vor und picken die für sich geeigneten Perlen aus. Caterina von Schöne Seiten, mit Verlinkung Nummer 2 (die Dritte kommt heute auch noch), geht da quer durch den Gemüsegarten und stellt die Bücher vor, die sich in ihrem Regal ganz wunderbar machen würden. Hier geht es entlang zu ihren literarischen Neuerscheinungen im Herbst 2015. Tobias von libroskop geht da diesmal einen anderen Weg und hat 10 Bücher heraus gepickt, die seiner Meinung nach mehr Beachtung verdienen sollten und die abseits der großen Namen in diesem Herbst das Licht der Bücherwelt erblicken. Zu seiner Vorfreude auf den Bücherherbst geht es hier entlang. […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s