Auf der Suche nach den verlorenen Büchern 8: Violette Leduc

Die Französin Violette Leduc schrieb radikal neuartig über ihr beschädigtes Leben und ihre Liebe zu Frauen. So wurde sie en passant zur Vorreiterin einer selbstbewussten, von allen Tabus befreiten weiblichen Literatur. Ihr Roman „Die Bastardin“ ist ein Rohdiamant, der wiederentdeckt werden will.

Wir leben in vergesslichen Zeiten. Die Archive scheinen dank digitaler Technologien noch nie so umfassend gewesen zu sein und ihr Inhalt noch nie so leicht zugänglich wie heute, aber dennoch hat das kollektive Gedächtnis Erinnerungslücken. Besonders leicht vergessen wir, wie die vielen Annehmlichkeiten und Freiheiten, die uns heute (zumindest in Mitteleuropa) ein schönes Leben ermöglichen, in die Welt kamen. Sie fielen nicht vom Himmel, die meisten von ihnen mussten erkämpft werden. Doch wer waren die Menschen, die diese Kämpfe führten?

Violette Leduc (1907–1972) war eine bescheidene Kämpferin. Sie hatte nicht die große Welt, nicht einmal die Welt der Literatur im Sinn, als sie ihre Bücher schrieb. Sie wollte nur ihre Haut retten – mittels Literatur. Gerade so leistete sie einen wichtigen Beitrag zu der Freiheit, die es Frauen erlaubt, über sich und ihr Leben schreiben zu dürfen, wie sie wollen.

„Tag für Tag muss ich Zeilen schinden, um von Tag zu Tag zu leben.“

Violette Leduc ca. 1969
Violette Leduc ca. 1969

Die wichtige Rolle, die Violette Leduc zukommt, erkannte als Erste Simone de Beauvoir. Die feministische Vordenkerin sorgte 1946 persönlich für die Veröffentlichung von Leducs Erstling „L’Asphyxie“ im renommierten Verlag Gallimard in einer von Albert Camus betreuten Reihe. De Beauvoir sah in der Autorin eine neue Art von Schriftstellerin, die ihr Leben als Frau in Literatur verwandelte, ohne jegliche moralischen Beschränkungen. Und es war im Wortsinne ein beschädigtes Leben, aus dem Violette Leduc zu berichten hatte.

„Bastard“ ist das Schimpfwort, das Violette bereits in jungen Jahren am häufigsten zu hören bekommt. Als uneheliches Kind im nördlichsten Zipfel Frankreichs zur Welt gekommen, von ihrem wohlhabenden Vater nicht anerkannt, lebt Violette Leduc mit ihrer Mutter in ärmlichen Verhältnissen. Als die Mutter einen neuen Mann kennenlernt, gelingt mit dem Umzug nach Valenciennes der soziale Aufstieg. Doch das Verhältnis ist belastet, der überfürsorglichen Mutter versucht Violette zu entkommen, findet bei Tante und Großmutter Zuflucht und Verständnis.

„Ich verliess meine Eltern mit der Leichtigkeit eines Spaziergängers, der zur Stunde des Schliessens einen Park verlässt.“

In der Pubertät werden die Probleme nicht weniger. Die jugendliche Violette geht mit ihrem Aussehen hart ins Gericht. Die Nase zu groß, die Beine zu kurz – das Mädchen findet sich hässlich. Gleichzeitig fühlt sie sich sexuell zu Frauen hingezogen. Ein Verlangen, das im katholischen  Frankreich nur im Verborgenen gestillt werden kann. In Douai endet die heimliche Beziehung zu einer Mitschülerin im Internat unglücklich, die Affäre mit einer Musiklehrerin mündet in einen Skandal. Die Lehrerin muss gehen, eine Zeit noch besteht die Verbindung weiter, trotz des Altersunterschiedes. Später in Paris wird Jacques Violette Leducs langjähriger Lebensgefährte und kurzzeitig ihr Ehemann. Von ihm wird sie schwanger. Sie lässt das Kind abtreiben, ein traumatisches Erlebnis, das sie noch Jahre später verfolgen wird.

Es wird noch bis 1945 dauern, bis Violette Leduc ernsthaft mit dem Schreiben beginnen wird. Dazu ermutigt sie der Schriftsteller und Lebemann Maurice Sachs, mit dem sie ab Ende der 1930er Jahre eine kräftezehrende platonische Beziehung führt. Im Krieg schlägt sich Leduc anfangs mit kleinen Schreibaufträgen für Illustrierten, später mit Handel auf dem Schwarzmarkt durch. Bei Kriegsende, ohne Berufsabschluss, ohne Familie, ohne Lebensgefährtin oder -gefährten und seit ihrer Kindheit mit geringem Selbstbewusstsein, fühlt sie sich ausgenutzt, abgewiesen, einsam. Aus dieser deprimierenden Situation erwächst die Schriftstellerin Violette Leduc.

„Ich sagte, dass ich der Schmied meines Schmerzes sein werde.“

Der Spruch, viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller schrieben ihr ganzes Leben lang im Grunde ein einziges Buch, trifft auf Violette Leduc im Besonderen zu. Diese Frau hatte nur eine Stoff für ihre Romane: ihr Leben. Zu etwas Außergewöhnlichem, ja Radikalem wurden sie durch Leducs Mut, das Verborgene und scheinbar Unaussprechliche mit einer an Besessenheit grenzenden Intensität zu Papier zu bringen. Sie schrieb schonungslos über die Anfeindungen und Verletzungen, über die Ausbeutung und die Zurückweisung die sie in ihrem Leben erleben musste. Und über ihre Leidenschaft und ihre Liebe, in erster Linie zu anderen Frauen. Das ging ihrem Verlag Gallimard bald zu weit. Aus Angst vor einem Eklat entfernte die Verlagsleitung 1955 aus dem Roman „Ravages“ ganze Kapitel, die eine explizite Darstellung lesbischer Liebesspiele enthielten. Erst 1966 erschienen diese Passagen in einem dünnen Band unter dem Titel „Thérèse et Isabelle“, dem liberalen Klima desbastardin neuen Jahrzehnts sei Dank. Für ihre Unerschrockenheit und ihren rauen Erzählstil wurde Violette Leduc gefeiert von Kolleginnen und Kollegen wie Jean Genet, Jean Cocteau, Jean-Paul Sartre und der oben bereits genannten Simone de Beauvoir. Weniger gefeiert wurde sie von der Öffentlichkeit. Ihre Romane gingen unter, nicht einmal ein Skandälchen wurde in der Presse entfacht, sie wurden einfach totgeschwiegen.

In Frankreich und im Ausland änderte sich dies erst mit Leducs 1964 erschienenem Roman „Die Bastardin“. Man könnte dieses Buch als Autobiografie ansehen, aber wie jede große Schriftstellerin erfindet Violette Leduc sich ein Stück weit selbst. „Die Bastardin“ ist ein unerhörtes Buch, maßlos, kompliziert und unausgewogen. Leduc breitet in aller Offenheit ihr brüchiges Leben aus, spart weder mit Selbstmitleid, noch mit Selbstironie. Zermürbend schreibt sie über die emotionalen Abhängigkeiten, die ihre frühen Jahre prägten, nur um im nächsten Satz in saloppe Schilderungen eines Nachmittagsbummels zu wechseln. Anderswo finden sich Selbstreflexionen, elgant und pathetisch, aber auch in aller Deutlichkeit beschriebene erotische Szenen, die in ihrer trockenen Lakonie kaum als Futter für Voyeure taugen. Leduc pfeift auf Konventionen, beispielsweise, wenn sie, anstatt eine bestimmte Lebenssituation darzustellen, einfach auf einen ihrer anderen Romane verweist. Sollen die Leute doch dort nachlesen!

„Du siehst, Leser, ich verhehle nicht meine Undankbarkeit und meine Grausamkeit.“

Die Lektüre der „Bastardin“ ist manchmal anstrengend, manchmal überfordernd und dennoch ist hier erkennbar keine Stümperin am Werk. Vielmehr lässt sich dieser autobiografische Roman als ungeschönte und von jeglicher akademischer Förmlichkeit unbelastete Literatur lesen, die direkt aus dem Leben schöpft. Das war damals ungewöhnlich und ist es erst recht heute, in Zeiten eines literarischen Betriebs, der gebildetes Mittelmaß präferiert und immer hermetischer zu werden scheint. Fünfzig Jahre nach seinem Erscheinen ist dieser Roman immer noch ein Aha-Erlebnis.

Für „Die Bastardin“ wurde Violette Leduc für den Prix Goncourt nominiert und endlich von einem großen Publikum entdeckt. Lange währte die ungetrübte Freude an dem späten Erfolg leider nicht, Leduc musste sich nach einer Brustkrebsdiagnose mehreren Operationen unterziehen. An den Folgen der Erkrankung starb sie 1972 mit nur 65 Jahren.

Wo Violette Leducs Erbe heutzutage zu finden ist, bleibt schwer auszumachen. Sie war bahnbrechend für eine authentische, unverblümte Darstellung weiblicher Kämpfe und Leidenschaften, nicht zuletzt weiblicher Sexualität. Durch ihre Literatur entstanden Freiräume, die andere Autorinnen nach ihr nutzen konnten. In den heutigen Zeiten der grenzenlosen Vermarktung, auch von weiblicher sexueller Selbstfindung, verwischen allerdings die Kategorien. Wahrscheinlich steht Violette Leduc einer Annie Sprinkle oder einer Laurie Penny näher als den „Feuchtgebieten“ und „Shades Of Grey“ der Bestsellerlisten. Leducs Literatur zu lesen bedeutet auch, die Freiheiten, die sie sich nahm, wertzuschätzen als eine kostbare Errungenschaft, die nicht im Wettlauf um verkaufsträchtige Spektakelliteratur verspielt werden sollte.

„Du, der Du mich liest, suche, komme zu einem Schluß.“

In Vergessenheit ist Violette Leduc nicht geraten, dafür sorgte auch Martin Provosts gelungener Spielfilm „Violette“, der letztes Jahr bei uns in den Kinos lief (hier die Libroskop-Rezension). Nur traurig, dass die deutschen Verlage anscheinend Violette Leduc aus ihrem Gedächtnis gestrichen haben. „Die Bastardin“ wurde 1965 bei Piper erstmals auf Deutsch veröffentlicht. Die damalige Übertragung von Walter Tiel ist deutlich angestaubt und liest sich hölzern, der Übersetzer scheint mit dem wild galoppierenden Stil der Autorin heillos überfordert gewesen zu sein. Sowohl „Die Bastardin“ als auch die beiden Erzählungen „Therese und Isabelle“ und „Die Frau mit dem kleinen Fuchs“ wurden Ende der 80er Jahre letztmals aufgelegt. Wer sie antiquarisch ergattern möchte, muss mindestens 40 Euro hinblättern – selbst für halbzerfledderte Taschenbücher. Ein Mißstand, dem hoffentlich bald von engagierten deutschsprachigen VerlegerInnen ein Ende bereitet wird.

Violette Leduc. Die Bastardin. Aus dem Französischen von Walter Tiel. Taschenbuch, 414 Seiten. rororo 1978. Nur noch antiquarisch erhältlich.

P. S. Auch die Blogs Wissenstagebuch und Dandelion Literatur haben über Violette Leduc geschrieben.

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