Sommerzeit – Sprechblasenzeit

In der Hitze der vergangenen Wochen tat sich das Hirn manchmal mit dem Lesen schwer, vor allem, wenn es um anspruchsvolle Belletristik ging. Zeit also, mal wieder tief ins Comicregal zu greifen und sich einigen Graphic Novels zu widmen, die Libroskop hier in fünf Kurzrezensionen vorstellt.

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Michael Cho – Shoplifter

Eigentlich wollte Corinna den Job in der Werbeagentur nur annehmen, um nach dem Studium etwas Geld zu verdienen und damit ihren ersten Roman zu finanzieren. Jahre später ist die ehemalige Literaturstudentin in der Agentur hängengeblieben und ärgert sich mit karrieregeilen Kolleg_innen, langweiligen Branchenparties und ihrem noch langweiligeren Singleleben herum. Einen kleinen Kick geben ihr die Ladendiebstähle im Convenience-Shop um die Ecke. Nur eine Zeitung oder ein Magazin lässt sie mitgehen – ein kurzer Nervenkitzel in der Ödnis des Alltags. Doch als Corinna eines Tages von dem Ladenangestellten ertappt wird, schämt sie sich in Grund und Boden. Aber gäbe es nicht andere Dinge in Corinnas ziellosem Leben, die ihr viel peinlicher sein müssten?

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Michael Chos „Shoplifter“ ist ein Beleg dafür, dass die spannendsten Comics gerade aus Kanada kommen. Dass dieser Band das Debüt des gebürtigen Südkoreaners ist, merkt man seinem Zeichenstil keinesfalls an, der souverän und von großer grafischer Prägnanz ist. Der Strich erinnert entfernt an die europäische Ligne claire, die zweifarbige Ausführung, die den Panels die Anmutung kleiner, sorgfältig hergestellter Siebdrucke gibt, ist handwerklich perfekt und charmant zugleich. Fast stellt die Grafik die Erzählung in den Schatten, denn die Geschichte von Corinna, die ihren Job hasst und kein rechtes Ziel für ihr Leben weiß, hat man in dieser oder abgewandelter Form schon anderswo gelesen. Doch vielleicht ist es wichtig, dass gerade jetzt solche Geschichten wieder erzählt werden. Es kann nie genug Ermutigungen geben, auf wirtschaftliche Vernunft, Job und Karriere zu pfeifen und seinen Traum zu verwirklichen. Oder es wenigstens zu versuchen. So ist „Shoplifter“ ein sympathisches Erstlingswerk mit Botschaft und weckt zugleich die Hoffnung, dass wir von diesem Comicautor noch einiges erwarten dürfen.

Michael Cho. Shoplifter – Mein fast perfektes Leben. 96 Seiten, broschiert. Egmont Verlag 2015. 14,99 Euro.

 

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Jillian Tamaki/Mariko Tamaki – This One Summer (Ein Sommer am See)

Und noch ein Comic aus Kanada, der einem schier die Freudentränen in die Augen treibt. Hier stimmt einfach alles, vom wunderbar detaillierten Zeichenstil über die treffenden Beobachtungen bis zur dichten Atmosphäre. Jillian und Mariko Tamaki (die beiden sind Cousinen) erzählen von den beiden pubertierenden Mädchen Rose und Windy, die sich jedes Jahr an einem der großen Seen Kanadas treffen, an den ihre Eltern immer in den Sommerurlaub fahren. Doch dieses Jahr ist etwas anders. Roses Eltern streiten sich ständig und etwas Unausgesprochenes belastet das Familienleben. Und während die jüngere Windy noch verwirrt ist von den frühen Anzeichen der Pubertät, die natürlich mit coolen Sprüchen überspielt werden, spürt Rose das erste Mal die Anziehungskraft, die von älteren Jungs ausgeht. Jillian und Mariko Tamaki fühlen sich sensibel in die Erlebniswelt der beiden Mädchen ein, sie treffen genau den richtigen Ton, ob bei vertrauten Freundinnengesprächen oder bei den Begegnungen mit den älteren Jugendlichen, die beim Dorfladen abhängen.

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Wenn Windy und Rose heimlich Horrorfilme aus der Videothek ausleihen, um sich gegenseitig ihre Abgebrühtheit zu beweisen, dann schaudert und giggelt man mit ihnen mit, und wenn die Flip-Flops auf dem sandigen Boden dieses schlürfende Geräusch erzeugen, dann fühlt man sich sofort an jenen melancholischen Sommerort versetzt. Mariko Tamaki lässt sich viel Zeit, die zahlreichen kleinen Szenen geben einem ein Gefühl für die langen Urlaubswochen und auch für die Langeweile, die die Jugendlichen befällt. Fad wird einem beim Lesen nie, dafür sorgt Jilliam Tamakis lebendiger Kreidestift-Zeichenstil, der zwischen äußerst dynamischen Panels, Szenen mit untergründigem Suspense und nie ermüdenden Dialogstrecken eine große Bandbreite meistert. Am Ende sind einem nicht nur die burschikose Windy und die fragile Rose ans Herz gewachsen, man wird diesen Comic auch irgendwo zwischen „Ghost World“ von Daniel Clowes und „Blankets“ von Craig Thompson, also bei den ganz großen Coming-Of-Age-Graphic Novels, ins Regal einsortieren – oder ihn gleich nochmal von vorne lesen wollen.

Jillian Tamaki/Mariko Tamaki. This One Summer. Englische Ausgabe. 320 Seiten, broschiert. Verlag First Second 2014. ca. 13,- Euro.

In deutscher Übersetzung erschienen unter dem Titel „Ein Sommer am See“ bei Reprodukt für 29,- Euro.

 

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Yoshihiro Tatsumi – Fallen Words

Als der japanische Zeichner und Autor Yoshihiro Tatsumi im März 2015 mit 79 Jahren verstarb, war das ein riesiger Verlust für die japanische Mangakunst. Tatsumi wurde außerhalb Japans erst in den letzten zehn Jahren bekannt, der US-amerikanische Zeichner Adrian Tomine hatte Tatsumis Werk ins Englische übersetzt und eine Auswahl seiner frühen Strips herausgegeben. Für seine 2009 fertig gestellte Autobiografie „A Drifting Life“ bekam Tatsumi schließlich weltweite Anerkennung und gewann wichtige Preise auf internationalen Comicfestivals. Weitaus wichtiger war aber Yoshihiro Tatsumis Arbeit für eine Art „alternativen Manga“, den er Gekiga nannte. Tatsumi verabschiedete sich schon 1957 von Superhelden und Abenteuergeschichten, er behandelte nun die Brüche der japanischen Nachkriegsgesellschaft. Seine Themen wurden Gewinnstreben, Anpassungsdruck, Sucht, sozialer Neid oder der Konflikt zwischen den Geschlechtern. Andere Künstler_innen wie Shigeru Mizuki, Tadao Tsuge oder Keiji Nakazawa folgten ihm in diese Richtung.

tatsumi2Für den letzten zu Lebzeiten fertiggestellten Gekiga-Band, „Fallen Words“ von 2012, griff Yoshihiro Tatsumi überraschenderweise eine japanische Erzähltradition auf, die in seinem bisherigen Werk keine Rolle gespielt hatte. Rakugo ist eine seit dem 18. Jahrhundert bekannte Form des humorvollen Geschichtenerzählens vor Publikum, beispielsweise im Theater oder auf Jahrmärkten. Das spezielle Kennzeichen des Rakugo ist die Pointe am Ende, ochi genannt, die für ein westliches Publikum ungewohnt ist, wertet sie doch häufig die gesamte Geschichte um oder lässt das zuvor Erzählte als sinnlos oder überflüssig erscheinen. Yoshihiro Tatsumi stellte bei seiner Beschäftigung mit dem Rakugo Parallelen zum Gekiga fest und wählte acht klassischen Geschichten aus, die er in seinem unverkennbaren Stil in Bilder umsetzte. Diese Comics führen uns zurück in die Edo-Epoche, in ein Japan des 19. Jahrhunderts, was für Tatsumi-Fans erstmal eine Umstellung bedeutet. Noch einmal lässt sich der simple, schon fast karge Strich des Altmeisters bewundern. Sein Gespür für die dunklen Seiten der menschlichen Existenz kommt ebenso zum Vorschein wie sein Sinn für Humor, der sich in den verzwickten Plots wunderbar entfalten kann. „Fallen Words“ ist somit der würdige Abschluss eines einflussreichen und in seiner Innovationslust einmaligen Comickünstlerlebens.

Yoshihiro Tatsumi. Fallen Words. Englische Ausgabe. 290 Seiten, broschiert. Verlag Drawn & Quarterly 2012. ca. 17,- Euro.

 

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Scott McCloud – Der Bildhauer

Der US-Amerikaner Scott McCloud legt mit „Der Bildhauer“ seinen ersten Comicroman vor. Bekannt wurde er in den 1990er Jahren er durch seine Comics über Comics, die erstmals eine Theorie der neunten Kunst in Bildform formulierten. „Der Bildhauer“ ist nun nach Eigenaussage des Künstlers der Versuch, die schmerzende Lücke in der künstlerischen Biografie zu schliessen und eine „große“ Graphic Novel vorzulegen. Die Hauptfigur der Story, der Bildhauer David Smith, fürchtet, nicht gesehen zu werden, keine Spuren in der Welt zu hinterlassen. Er leidet bitterlich unter seiner künstlerischen und kommerziellen Erfolgslosigkeit. Eines Tages tritt der Tod in sein Leben, verkleidet in der Gestalt seines Onkels Harry, und bietet ihm einen Deal an: David bekommt die Gabe, mit seinen bloßen Händen Stein zu formen, hat aber nur noch 200 Tage zu leben. David geht den Pakt ein – nur um sich kurz darauf unsterblich in die Laienschauspielerin Meg zu verlieben. Plötzlich bekommt Zeit für ihn eine andere Bedeutung und David findet eine neue Ausdrucksform für seine Kunst, mit der er nicht dem eitlen Kunstmarkt gefallen muss. Doch kann David dem faustischen Handel noch entkommen?

Wuchtig und episch erzählt ist „Der Bildhauer“ mit seinen gut 500 Seiten. Die mit fantastischen Elementen angereicherte Geschichte ist packend, oft aber in ihrem „Carpe diem!“-Sendebewusstsein etwas kitschig. Das liegt auch an der Figur der Meg, die als Wildfang in kurzen Röcken eine klassische Männerfantasie darstellt. Natürlich ist Meg auch „irgendwie kompliziert“ (sprich: manisch-depressiv) und Davids Familiengeschichte ist von einer herzzerreißenden Tragik, die mehr als over the top wirkt. Vielleicht wäre hier weniger mehr gewesen. Das Pathos, das gegen Ende vollends Überhand nimmt, erinnert stark an die Dramatik von Hollywood-Superheldenfilmen. Kein Wunder, dass die Filmrechte für den Stoff längst von einem großen Filmstudio gekauft wurden. „Der Bildhauer“ ist, wenn auch in einem der europäischen Comictradition und dem Independent Comic verpflichteten Stil gezeichnet, „großes Kino“. Ein Blockbuster als Comic also mit all den positiven und negativen Nebeneffekten, die dieses Genre mit sich bringt – in der deutschen Ausgabe allerdings gut viermal so teuer wie ein Kinoticket…

Scott McCloud. Der Bildhauer. 496 Seiten, gebunden. Carlsen Verlag 2015. 34,99 Euro.

 

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Naoki Urasawa/Takashi Nagasaki – Billy Bat

Zum Schluss noch ein Comic, der einem einen guten Grund liefert, die Manga-Abteilung einmal nicht links liegen zu lassen, sondern gezielt dorthin zu gehen, wo diese vielen kleinen Bände stehen, im Format kleiner als Taschenbücher, und wo sich das ganz junge Comicpublikum tummelt. Denn „Billy Bat“, die Serie des japanischen Zeichners Naoki Urasawa und seines Szenaristen Takashi Nagasaki, ist eine Wucht. Hier werden Dinge behandelt, die man von einer Manga-Serie nicht unbedingt erwartet: Diskurse über Original und Plagiat, das japanisch-amerikanische Verhältnis, Kommerz versus Underground, es gibt auch einen – nein, gleich mehrere Comics im Comic. Aber mal der Reihe nach, worum geht es überhaupt? Im Zentrum steht der japanischstämmige Zeichner Kevin Yamagata, der Ende der 1940er Jahre einen Detektivcomic unter dem Titel „Billy Bat“ zeichnet (wunderbare Persiflage auf das Noir-Genre, übrigens). Der Held: eine Fledermaus. Von Geheimdienstmitarbeitern bekommt er die Information, dass es in Japan bereits einen Manga gäbe, der eine Fledermaus zum Helden habe, die „Billy Bat“ exakt gleiche. Kevin begibt sich in das Land seiner Vorfahren und gerät dort in ein Netz aus Intrigen und kriminellen Machenschaften. Bald erkennt er, dass die seinem „Billy Bat“ ähnelnde Fledermaus seit Jahrhunderten einen Einfluss auf die Menschheitsgeschichte ausübt. Die entsprechenden Informationen finden sich auf einer historischen Schriftrolle.

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Von diesem Eingangssetting aus setzen Urasawa und Nagasaki zu einem wilden Ritt durch die Geschichte an, der innerhalb der ersten vier Bände (soweit bin ich bis jetzt gekommen) u. a. den Shimoyama-Vorfall, die Ermordung John F. Kennedys, den Verrat von Judas an Jesus sowie eine Fehde zwischen jungen Ninja im japanischen Mittelalter beinhaltet. Das klingt nach einem großen Chaos und ist in seiner Fledermaus-Verschwörungstheorie auch etwas trashig, entfaltet sich aber durch die temporeichen Bilder Urasawas in einer bezwingenden Dynamik, die einen immer weiter lesen lässt. Zudem zeichnen die beiden Mangaka wunderbare Charaktere und detailverliebte Szenarien, die einer Graphic Novel würdig wären. Dank intelligenter Dialoge und der weiter oben bereits angesprochenen Subtexte kommt auch das Hirn nicht zu kurz. Ein Manga mit großem Suchtpotenzial also, der weit aus dem Meer der hiesigen Manga-Veröffentlichungen herausragt. Bisher sind 11 Bände erschienen und ein Ende scheint noch nicht absehbar…

Naoki Urasawa/Takashi Nagasaki – Billy Bat. Bisher 11 Bände, alle erschienen im Carlsen Verlag. Je Band 8,95 Euro.

 

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5 Gedanken zu „Sommerzeit – Sprechblasenzeit

  1. Lieber Tobias,
    ich habe ja nun auch gerade eben meine erste Graphic Novel gelesen – von Reinhard Kleist: Der Traum von Olympia. Die Geschichte der Samia Yusuf Omar (ganz passend zu meinen Lektüren zum Flüchtlingsthema). Aber ich kann mit diesem Genre nicht warm werden. Und kann das nicht einmal erklären. Vielleicht so: Die Sprechblasen sind mir als Text zu knapp, die Bilder wertschätze ich wahrscheinlich nicht genug, vielleicht fehlt mir dazu schlicht das Deutungsrepertoire. (Ein Kollege würde das möglicherweise wieder auf die protestantische Sozialisation zurückführen… :-)). Ob ich es noch einmal mit einer weiteren Graphic Novel versuchen soll? Aber mich haben als Kind und Jugendliche auch schon andere Comics nie wirklich interessiert.
    Viele Grüße, Claudia

    1. Liebe Claudia,
      hmmm… weiß nicht, ob ich Dir da einen entscheidenden Tipp geben kann. Ich selbst bin mit Comics aufgewachsen (Asterix, Disney, Spirou & Fantasio). Das Comics auch etwas anderes leisten können als leichte Unterhaltung hat mir damals als es rauskam „Maus“ von Art Spiegelman gezeigt, die Geschichte seiner Eltern im Holocaust. Das ist sehr bedrückend, in seiner künstlerischen Umsetzung verblüffend, ein echtes Erweckungserlebnis. Wenn Du einen Comic suchst, der Dir Gedankenfutter bieten soll, dann ist „Maus“ immer noch äußerst empfehlenswert. Weitere Erweckungserlebnisse waren dann später Yoshihiro Tatsumi und Chris Ware. Inzwischen sind die literarischen Comics als Graphic Novels inflationär geworden und vieles davon ist lahm, aber es gibt immer noch Perlen, die die Lektüre lohnen. Reinhard Kleist ist nicht so mein Fall, er ist ja auf Biografien spezialisiert und sein Zeichenstil gefällt mir nicht besonders… War das jetzt eine hilfreiche Antwort?…. hmmm…
      Herzliche Grüße, Tobias

      1. Auf jeden Fall hilfreich! Vielleicht liegt es ja tatsächlich an Kleists Zeichenstil, dass ich seine Geschichte von Samia und ihren Fluchterlebnissen sehr seicht finde, mir die Geschichte – trotz der Bilder – nicht so auf den Leib rückt, wie das sogar die sprachlich eher nüchternen Darstellungen von Di Nicola oder Wolfgang Bauer tun. Ich werde es also noch einmal versuchen. Und bei Deinen Abbildungen ist ja recht deutlich zu sehen, dass der Zeichstil – natürlich – sehr unterschiedlich sein kann.
        Viele Grüße, Claudia

  2. Ich liebe Comics, bin aber leider quasi ahnungslos auf diesem Feld, und außer dem Tatsumi keinem der hier so schön Präsentierten bislang begegnet. Vielen Dank also für die Ansatzpunkte – ich freue mich jetzt auf Billy Bat!

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