35. Erlanger Poetenfest – ein Rückblick

Zum 35. Erlanger Poetenfest trafen sich wieder Autorinnen und Autoren sowie ein literaturinteressiertes Publikum zu Lesungen und Diskussionen, meist unter freiem Himmel. Libroskop war vor Ort und berichtet über Highlights vom Festivalsonntag.

Dass die Temperaturen sich mit 35 Grad an der Jahreszahl des diesjährigen Poetenfestes orientieren würden war nicht unbedingt vorauszusehen. Häufig genug hat es Ende August schon geregnet und die im Schlosspark Erlangen aufgebauten Podien mussten in das nahe liegende Markgrafentheater umziehen. Doch davon dieses Jahr keine Spur, die Sonne knallte so stark herunter, dass die nicht im Schatten liegenden Plätze direkt vor dem Lesepodium meist leer blieben. Ein kühler Kopf ist eben einfach nötig, um sich der Literatur zu widmen.

Nicht nur kühlen, sondern auch klugen Kopf bewiesen die Poetenfest-Macher_innen, indem sie aus aktuellem Anlass das Thema Flucht in das Programm mit einfliessen liessen. So wurde vor fast jeder Veranstaltung ein kurzer literarischer Text zu Flucht und Vertreibung verlesen, als Reminder nicht nur an das, was gerade in Deutschland und Europa geschieht, sondern auch an den Fakt, dass Flüchtende kein neues Phänomen sind und auch Deutschland seine ganz eigene Flüchtlingsgeschichte hat. Traurig aber, dass die meisten Texte schon Jahrzehnte alt waren. Aktuelle deutschsprachige Romane, die diese Thematik aufgreifen: Fehlanzeige, zumindest auf dem Lesepodium in Erlangen, bis auf eine Ausnahme auch in den Vorschaukatalogen der Verlage. Verschläft die deutschsprachige Literatur ein Jahrhundertthema, weil sie sich zu gerne im letzten Jahrhundert aufhält und lieber über Weltkriege, Wende und DDR schreibt?

Eine Frage, der sich auch die illustre Runde hätte stellen können, die sich am Sonntagnachmittag in der Orangerie traf. Während auf dem großen Podium im Schlossgarten die Lesungen begannen, stand hier das „Kumpelsystem Literaturkritik“ zur Diskussion. Diese Veranstaltung schloss an eine Debatte über den Zustand der Feuilletons an, die Verbrecher-Verleger Jörg Sundermeier im Frühjahr in einem Buchmarkt-Interview angestossen hatte. Moderator Florian Felix Weyh versuchte anfangs – durchaus mit einem Schalk im Nacken – aufzuschlüsseln, wer mit wem auf Podium wie verbandelt sei, wurde aber schnell von der Literaturkritikerin Ursula März ausgebremst, die in ihrem ersten Statement gleich die komplette Veranstaltung für überflüssig erklärte und stattdessen anregte, lieber über Literatur an sich zu diskutieren (und damit bei Libroskop durchaus offene Türen einrennt…). Jörg Sundermeier, der ebenfalls eingeladen war, gab März recht, fragte aber sogleich, wo denn diese Debatten über Literatur blieben. Als Beispiel nannte er die letzte Woche in der NZZ veröffentlichte Rezension des neuen Romans von Rolf Rothmann, in der Roman Bucheli der kompletten deutschen Literaturkritik ein Versagen bei der Besprechung dieses Textes vorwarf. Ein Fehdehandschuh, eine Aufforderung zur Debatte, die aber niemand im deutschen Feuilleton aufnahm. Unterstützung erfuhr Sundermeier durch Lothar Struck, der unter dem Namen Gregor Keuschnig über Literatur bloggt. Struck erinnerte die Literaturkritik an ihre Funktion der „Selektionsautorität“ (ein Begriff von Ijoma Mangold) und welche große Verantwortung diese mit sich bringe. Sundermeier und Struck waren sich im Grunde einig, dass die Kritik zu viel loben würde, zu wenig die Zwischentöne bei Romanen herausarbeiten würde, stattdessen mit Schlagworten wie „furios“, „brillant“ oder „Meisterwerk“ hantiere. René Aguigah, Leiter der Abteilung „Kultur und Gesellschaft“ bei Deutschlandradio Kultur, machte dazu geltend, dass genau so – emotional, subjektiv, „gnostisch“ – große Kritiker wie Marcel Reich-Ranicki oder F. J. Raddatz geschrieben hätten und er die Rückmeldung bekomme, dass auch die Radiohörer_innen sich solche Kritiken wünschten. Stimmt, meinte dazu Struck, Raddatz war Emphatiker, konnte aber zwischen Freundschaft und Literatur trennen: er ging beispielsweise bei Günter Grass ein- und aus, nur um im nächsten Moment Grass‘ Romane zu verreissen.

Das Podium von links nach rechts: Jörg Sundermeier (mit Mikro), Lothar Struck alias Gregor Keuschnig, Florian Felix Weyh, René Aguigah (verdeckt), Ursula März. Foto: Georg Pöhlein. Copyright: Erlanger Poetenfest.

Die guten alten Zeiten wünschte sich aber niemand auf dem Podium zurück. Ursula März gab zu bedenken, dass früher die Literatur und damit auch die Literaturkritik einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert einnahm, zuletzt ihrer Meinung nach in der Christa Wolf-Debatte Anfang der 1990er Jahre. Während René Aguigah den letzten Houellebecq als ein aktuelles Beispiel für einen breit diskutierten Roman einwarf, erlaubte sich Jörg Sundermeier die Pointe, dass ihn dieser Bedeutungsverlust natürlich kränke: er wünsche sich die Hegemonie der Literatur über alle anderen Künste, weil sie einfach das Größte sei! Auf Kumpel- bzw. Kuschelkurs waren die vier Diskussionsteilnehmer_innen also kaum, verloren aber nie den Humor in der sehr kurzweiligen Runde. Ganz nebenbei gab es noch interessante Details, etwa, dass Deutschlandradio-Mitarbeiter_innen dazu verpflichtet sind, Romane von Autor_innen, die sie bei einer Veranstaltung vorgestellt haben, nicht im Radio zu besprechen oder dass für den Verbrecher-Verlag eine noch so kleine ernsthafte Print-Kritik mehr Verkäufe generieren würde als eine einseitige Homestory über einen Autor, bei dem dessen „komplizierte Literatur“ nur in einem Nebensatz erwähnt werde. Gegen Ende wurde auch noch das Publikum vor Ort befragt, was es sich von der Literaturkritik erwarte, die Antworten fielen recht heterogen aus.

Schön auch, dass mit Lothar Struck/Gregor Keuschnig ein Literaturblogger auf dem Podium saß, dessen Außenseiterrolle allerdings ständig betont wurde. Dabei grenzt sich Struck/Keuschnig selbst gerne explizit von anderen Literaturblogger_innen ab, ist also auch in der Blogosphäre ein Außenseiter. Über die Rolle der zahlreicher werdenden Literaturblogs wurde entsprechend überhaupt nicht diskutiert.

Die Veranstaltungen des Poetenfestes sind zum großen Teil bei freiem Eintritt, was natürlich löblich ist, da so die materielle Zugangsschwelle zum Festival quasi nicht vorhanden ist. Der Preis dafür ist das umstrittene Sponsoring durch den Atomkonzern Areva. Als vor drei Jahren eine Initiative genügend Geld sammelte, um das Fest auch ohne Areva-Beteiligung zu finanzieren, winkte die Stadt Erlangen allerdings ab: mit dem Konzern, einem lokalen Arbeitgeber, mochte man es sich wohl nicht verscherzen. Auffallend war, dass von Protesten gegen dieses Sponsoring inzwischen beim Poetenfest nichts mehr zu sehen ist. Anscheinend hat das Publikum sich damit abgefunden, dass der Atomausstieg im Erlanger Schlosspark weiter auf sich warten lässt.

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Hauptpodium im Schlosspark. Foto: Erich Malter. Copyright: Erlanger Poetenfest.

Unter den Bäumen besagten Schlossparks stellte der Berliner Schriftsteller Ulrich Peltzer seinen neuen Roman „Das bessere Leben“ vor. Die filmische Prosa, mit der Peltzer das Innenleben seiner Figuren wiedergibt, funktionierte auch bei der Lesung, die wie immer vor einem riesigen, aber mucksmäuschenstill lauschenden Publikum stattfand – da sind die Erlangerinnen und Erlanger sehr diszipliniert und der Respekt für die Literatur scheint wie mit Händen greifbar. Beim anschließenden Gespräch mit Maike Albath auf einem der Nebenpodien ging Ulrich Peltzer auf die Arbeit an diesem umfangreichen und komplex zusammengesetzten Roman ein. Die Handlung spielt zu einem nicht geringen Teil in São Paulo, das Peltzer bei einer Reise kennenlernte. Eine Megacity, die ihm mit ihren Gated Communities und dem starken Gefälle zwischen arm und reich emblematisch für die globalisierte Weltwirtschaft erscheint. Hier gab es durch das Volkswagenwerk die vielleicht größte deutsche Industriestadt außerhalb Deutschlands, eine Stadt in der Stadt sozusagen. Thema des Romans ist die weltweite Finanzwirtschaft. Zwei Personen stehen im Mittelpunkt: Jochen Brockmann, ein erfolgreicher Sales Manager, und Sylvester Lee Fleming, ein skrupelloser Finanz-Investor und Risiko-Berater. Peltzer stellt mit diesem Roman auch die Frage, wie eine Generation, die einst politische Ideale hatte und für eine bessere Welt kämpfte zu den Verantwortlichen für die neoliberale Globalisierungspolitik werden konnte. Im Gespräch beschrieb er die absurden Auswüchse des Profitdenkens, etwas, wenn ein Entrepreneur die Idee entwickelt, eine Fischfabrik in Eritrea zu eröffnen. „Dort wo wir Armut und Diktatur sehen, sieht er Lohnkosten, die gegen null gehen und relativ stabile politische Verhältnisse“, so Peltzer, der für die Schreibarbeit an „Das bessere Leben“ im Banken- und Risikokapitalgeschäft recherchiert hatte. Dass der Verkauf einer solchen Idee an einen Investor viel mit der Schriftstellerei zu tun habe, weil auch dort das Erfinden von glaubhaften Geschichten gefragt sei, die Investitionswilligen dann aufgetischt werde, war nur eine der klugen Einsichten, die dieses Gespräch bot.

Zurück in die Orangerie, wo der Soziologe und Politologe Claus Leggewie sein Erinnerungsbuch „Politische Zeiten“ vorstellte. Leggewie ist seit den 70er Jahren aktiv, er forscht zu Themenkomplexen wie rechte Parteien, Migrationsgesellschaft und soziale Bewegungen. Ein Wissenschaftler, der sich immer als politisch verstand, sich aber keiner der vielen Unterfraktionen wirklich zuordnen mochte. Entsprechend ist es kein Wunder, dass sein Buch mit der Zeile „Beobachtungen von der Seitenlinie“ untertitelt ist. Leggewie wurde 1950 geboren, er bekam 1968 live mit und möchte die Zeit nicht missen. Auch wenn er heute vieles kritisch sieht, möchte er kein „68er-Verräter“ sein, der im Nachhinein alles besser wisse. Die Umbrüche damals haben Deutschland nachhaltig liberalisiert und zahlreiche nützliche Diskussionen in Gang gesetzt, so Leggewie. Auch die aktuellen Geschehnisse im Land spielten bei diesem Podiumsgespräch eine Rolle. Leggewie, der Anfang der 1990er Jahre den Begriff „Multikulti“ prägte (den er sich vom Jazzmusiker Don Cherry borgte und dessen „verkitschte“ Benutzung für „jedes x-beliebige Stadtteilfest“ er kritisiert) sieht viele Fortschritte und glaubt als Optimist und Enthusiast, dass auch die rechten Gewaltausbrüche der letzten Wochen die grundlegende Entwicklung zu einem toleranten, multiethnischen Deutschland nicht stoppen könnten. Blauäugig ist Leggewie allerdings nicht, er benannte sowohl den neu aufflammenden Antisemitismus in Europa, als auch eine „Putingläubigkeit“ unter sogenannten Wutbürger_innen als Probleme, die einer ernsthaften Diskussion und Lösung bedürfen.

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Klaus Theweleit im Gespräch mit Herbert Heinzelmann. Foto: Erich Malter. Copyright: Erlanger Poetenfest

Eines fassungslos machenden Themas, das besonders momentan, aber eigentlich immer aktuell ist, nahm sich der abschließende Sondergast auf dem Orangerie-Podium an. Die Henker des IS, Anders Breivik, die sadistischen US-Soldat_innen in Abu Ghraib – sie begingen nicht nur unfassbare, zynische Morde und Gewalttaten, ihre Taten entlockten ihnen sogar ein Lachen oder Grinsen. Und sie stehen damit nicht alleine, vom Personal der NS-Tötungsmaschinerie bis zum Genozid in Ruanda ist überliefert, wie Menschen – meist übrigens Männer – lustvoll mordeten und morden. In seinem neuen Buch „Das Lachen der Täter“ analysiert der Kulturwissenschaftler und Soziologe Klaus Theweleit die Psyche dieser Gewalttäter. Er baut dabei auf den Erkenntnissen seines Standardwerks „Männerfantasien“ auf und sucht Querverbindungen zur aktuellen Neurowissenschaft und zur Psychotherapie. Theweleit präsentierte sein Buch, indem er einige Passagen vorlas und die Grundthesen seiner Analyse skizzierte. Verfehlte frühkindliche Erziehung, emotionale Verarmung, militärischer Drill, sogar der bewusste Zugriff der Militärs auf Waisenkinder, um möglichst gefühlskalte „Kampfmaschinen“ zu erhalten – diese Mechanismen stellte Theweleit schon in früheren Arbeiten dar. Mit seinem neuen Buch geht er der Frage nach, woher der Lustgewinn und auch die sexuelle Erregung durch brutalste Gewalttaten kämen. Das „Gesehenwerden“ durch Youtube-Videos, die sowohl vom IS, als auch beim „Happy Slapping“ auf dem Schulhof eine Rolle spielten, seien nur ein Aspekt für eine Erklärung. Theweleit stellte überzeugend dar, wie neuere Erkenntnisse der Neurowissenschaften davon ausgehen, dass die Erfahrung von erlebter Gewalt, körperlicher Abhärtung, Drill oder fehlender Zuneigung durch die Zellstruktur im Körper „abgespeichert“ und in das Gehirn übertragen werde. Der Körper forme also das Gehirn, und nicht wie häufig angenommen anders herum. Diese Erkenntnisse machten ein Umdenken im Umgang mit der Lust an Gewalt nötig, Theweleit verwies auf die Notwendigkeit von Psychoanalyse in solchen Fällen. Eine spannende Studien, die Erklärungen, aber auch Lösungsansätze für ein erschreckendes Phänomen findet. Wer sich einen weiteren Eindruck vom Podiumsgespräch verschaffen möchte, kann hier einen Audiomitschnitt der Veranstaltung hören:

Dieser Bericht kann natürlich nur einen kleine Teil des vielfältigen Programms abbilden. Dennoch, das Poetenfest-Resümee für dieses Jahr muss lauten, dass vor allem in den Sonderveranstaltungen ein überraschend politisches Programm geboten wurde, das in seiner Hochkarätigkeit die belletristischen Lesungen auf dem Hauptpodium in den Schatten stellte. Die Organisator_innen entgingen damit der Elfenbeinturm-Falle und boten reichlich Gedankenfutter in einem heißen Sommer, der nicht nur meteorologisch als solcher gelten muss.

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5 Gedanken zu „35. Erlanger Poetenfest – ein Rückblick

  1. Ein toller Bericht – danke dafür! Ich konnte mich sehr gut in die Atmosphäre und die Diskussionen einfühlen … und saß quasi mal wieder mit im Schlossgarten … und das obwohl ich doch zu der Zeit an einem anderen Ort weilte 😉 LG, Bri

  2. Moin Tobias,
    vielen Dank für die Einblicke in das Fest und die einzelnen Stationen. Besonders die Podiumsdiskussion, die sich um die Literaturkritik drehte, war interessant zu lesen und die einzelnen Verlinkungen vertieften das Ganze. Danke auch für die kritische Stimme zu „Im Frühling sterben“. Mich macht es ja immer misstrauisch, wenn ein Buch so hoch gelobt wird. Diese differenzierte Besprechung hat endlich ein anderes Licht auf den Roman geworfen.
    Insgesamt ein schöner Überblick über das Festival und wie die anderen schon sagten – als wäre man dabei gewesen.
    Vielen Dank.
    Gruß
    Marc

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