Im Herzen der Bestie

Die französische Autorin Shumona Sinha legt mit „Erschlagt die Armen!“ einen zornigen Roman über das europäische Asylsystem vor. Es könnte das Buch der Stunde sein, nicht obwohl, sondern gerade weil es poetisch, verstörend und höchst literarisch ist.

„Was in der Akte steht, ist Quatsch.“ Nur einer der Männer hat den Mut, es offen auszusprechen, zu bekennen, dass er eine Geschichte erfunden hat. Die junge Frau, die seine Aussagen für die Beamt_innen übersetzt, horcht auf. Sie weiss, dass er damit riskiert, nicht dauerhaft in diesem Land bleiben zu können. Ist ihm die Wahrheit so viel wert oder ist er einfach größenwahnsinnig? Egal, nach den Unmengen von Lügen, die der Frau jeden Tag aufgetischt werden, wird dieser Mann zu ihrem Helden. Sie gibt ihm den Spitznamen „Robin Hood“.

Doch für Heldentum ist kein Platz im rigorosen Verfahren der Asylbehörde. Mag einem die Flucht eines Menschen nach Europa heroisch vorkommen, kaum ist er hier angekommen, zählt für ihn nur die Unterordnung. Ein devotes Buhlen um die Anerkennung setzt ein, der Zwang, dem zu entsprechen, was die Beamt_innen hören wollen. Die Autorin Shumona Sinha kann darüber aus erster Hand berichten, jahrelang arbeitete sie als Dolmetscherin für den französischen Staat im Asyl-Auswahlverfahren, direkt im Herzen der Bestie. Die Veröffentlichung dieses Romans führte allerdings zu ihrer Entlassung. Aus Liebe zur Sprache und Kultur Frankreichs kam sie als junge Frau nach Paris, verließ dafür ihr Geburtsland Indien, doch was sie bei ihrer Arbeit erlebte, veränderte ihr Bild von Europa, das für sie zu einem „Kontinent auf Morphium“ wurde, wie sie an einer Stelle in diesem Roman schreibt.

geb_SU„Erschlagt die Armen!“ – schon der bei Baudelaire entliehene Titel ist eine Provokation, und er bleibt nicht die einzige in diesem zornigen Roman, der zugleich von großer poetischer Kraft ist. Eine Provokation ist dieses Buch auch, weil es nicht mit Betroffenheit auf die Verhältnisse reagiert, sondern mit Wut, Angst, Verachtung und Kälte. Wut auf ein unmenschliches Asylsystem, aber auch Verachtung für die, die sich von diesem System verbiegen lassen, Täter wie Opfer. Das wirkt verstörend, will aber vor allem die Diskussion ankurbeln, wo der größere Affront liegt: wie die Autorin über diese Tatsachen schreibt oder ob diese unmoralischen Dinge tatsächlich in einem reichen europäischen Land so passieren dürfen.

Zu Beginn des Romans erfahren wir, wie sich die Ich-Erzählerin in Polizeigewahrsam wiederfindet. Sie hat in der Metro einem jungen Mann – er ist indischer Herkunft wie sie – eine Weinflasche über den Kopf gezogen. Die Polizeibeamt_innen verstehen die Welt nicht mehr. Wie kann gerade diese Frau, die selbst in einem fremden Land geboren wurde, gewaltsam auf einen Migranten losgehen?

Buhlen um einen Platz ganz unten

Von dieser Eingangsszene aus schildert Shumona Sinha die Geschichte ihrer Erzählerin als einen Prozess der Zuspitzung, der in dieser Gewalttat eskaliert. Ihrer Arbeit geht die Protagonistin in einem Pariser Vorort nach, dessen grauer Charme seit kurzem „Künstler und Aktivisten, die Bibliothekare, Buchhändler und Lehrer“ anzieht, Politiker_innen lassen sich seltener blicken. Hier, zwischen Stadtautobahnen und gesichtslosen Sozialwohnbauten, lebt auch ihr Klientel unter menschenunwürdigen Bedingungen. Gekommen sind sie aus den ärmsten Gegenden des Erdballs, aus Ländern, „die man Entwicklungsländer nennt, was den Eindruck erwecken soll, es gäbe Veränderung, gäbe Entwicklung.“ Fast ausschließlich sind es Männer, die bei der Behörde vorsprechen, um einen gesicherten Aufenthaltsstatus zu erreichen, eine Arbeitserlaubnis, einen Platz ganz unten in der französischen Gesellschaftshierarchie zu ergattern. Immer noch besser wie das Leben, das sie hinter sich gelassen haben. In den Augen der Erzählerin wirken sie wie eine Armee der Hoffnungslosen:

Abgewertete Männer, Zwerge, gelähmt vor Angst oder gar vor Hoffnung, bloß noch Nummern auf einer Warteliste oder einer Akte, Männer, die ihr Verlangen nach dem weißen Horizont, dem europäischen Traum, zu teuer bezahlt hatten. Gebeugte, missgebildete, halbblinde Männer, in Kellern zusammengepferchte Männer, die nachts aus dem Boden sprießten und in einer Erde Wurzeln schlugen, die sie nicht liebten, aber begehrten. Letztendlich war es nichts als schneller Sex zwischen den Männern und dem Land, ein Verlangen ohne Liebe.

Längst kann die junge Dolmetscherin die Geschichten der Menschen im Asylverfahren, die sie übersetzen muss, nicht mehr hören, in aller Eile zusammengedichtete Fabeln voller Ungereimtheiten, die eine politische Verfolgung beweisen sollen. In der Behörde selbst sitzt sie zwischen allen Stühlen: von ihren Kolleg_innen einerseits ständig verdächtigt, nicht korrekt zu übersetzen, erwarten die Antragsstellenden von ihr andererseits Verständnis und Errettung. Sie ahnt, dass beide Seiten schließlich nur Verachtung für sie übrig haben. Die Erzählerin ist gefangen in einem Apparat der machtvollen Repression und Ausgrenzung, und Shumona Sinha findet dafür irritierende – auch sexuelle – Bilder, etwa wenn die Abhängigkeiten innerhalb der Behörde einen homoerotischen Unterton bekommen oder die Erzählerin mit Durchschnittsfranzosen ins Bett geht, mit den Gedanken immer noch bei den männlichen Migranten und Flüchtlingen – eine abstrakte Rache im wahllosen Beischlaf.

Verrat aus Liebe

„Lieben heißt verraten“, sagt Sinhas Erzählerin an einer Stelle, und dieser Verrat hat viele Gesichter. Er macht die Erzählerin zur Richterin über die Menschen, die täglich zu ihr kommen um einen dauerhaften Aufenthaltsstatus zu erreichen. Er lässt sie auch ihre eigenen Eltern verurteilen, die zurück geblieben sind in Indien, gefangen in ihren Traditionen. Pragmatisch und emotionslos bekennt die Erzählerin: „Ich habe Euch benutzt wie eine Rakete die Abschussrampe.“ Ein Verrat aber auch, wenn sie mit beißender Ironie über die Mitarbeiter_innen einer Flüchtlingsinitiative schreibt:

Diese goldenen Nymphen hatten das empfindsame Herz junger Mütter. Sie liefen über vor Zuneigung und nährten die ins Straucheln geratene Hoffnung der Leute. Es ist eine Wohltat, Arme und Elende zu stillen. Nächstenliebe erleichtert das schlechte Gewissen, verringert die Schuldenlast, die man den anderen gegenüber hat.

So fallen Sätze, die wir einer indischstämmigen Frau durchgehen lassen, die wir jedoch aus dem Mund eines CSU-Politikers schwer verurteilen würden. Verrat und Liebe liegen hier aber auch deshalb so dicht beieinander, weil Shumona Sinha nur durch den Verstoß gegen Anstandsregeln zum Kern aus Wahrheit vordringen kann. Weil sie wissen will, ob die Flüchtlingshelfer_innen nur ein paar Punkte auf der Karma-Payback-Karte sammeln oder tatsächlich das Asylsystem aus seinen Angeln heben wollen. Weil sie die Unterteilung der Flüchtlinge in „Gute“ (politisch Verfolgte) und „Schlechte“ (sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge) in einer Welt der globalen Ungleichheit als zynisch empfindet. Weil sie nicht begreifen kann, wie ein Land, ein ganzer Kontinent sogar, der sich die Menschenrechte auf die Fahnen geschrieben hat, ein solches herabwürdigendes Verfahren dulden kann. „Lieben heißt verraten“ und diese Liebe sehnt sich danach, die Maske der Milde fort zu reissen und einen ungeschönten Blick auf die Dinge zu werfen.

Literatur, die schmerzt

Und da dieser Blick schmerzt, muss auch Shumona Sinhas Literatur schmerzen. Die Autorin hat sich für einen Weg des poetischen Furors und der kraftvollen Allegorien entschieden. Eine Prosa, die mehr Erkenntnisse zu Tage fördert als so manches Sachbuch zum Thema, weil sie zwischen den Zeilen die radikaleren Fragen stellt. Rimbaud und Genet, Baudelaire und Artaud standen Pate und je weiter man liest, desto klarer wird einem, dass es die literarischen Dissident_innen gewesen sein müssen, die diese Autorin nach Frankreich lockten. In besagter Traditionslinie ist „Erschlagt die Armen!“ auch ein äußerst pessimistisches Werk, aber wie wir spätestens seit Schopenhauer wissen, sind Pessimist_innen meist die besseren Humanist_innen.

Shumona Sinha. Erschlagt die Armen! Roman. Aus dem Französischen von Lena Müller. 128 Seiten, gebunden. Edition Nautilus 2015. 18,- Euro.

Advertisements

5 Gedanken zu „Im Herzen der Bestie

  1. Lieber Tobias,
    du schreibst: „So fallen Sätze, die wir einer indischstämmigen Frau durchgehen lassen, die wir jedoch aus dem Mund eines CSU-Politikers schwer verurteilen würden.“ Ich bin sehr gespannt, wie das beim Lesen wirkt. Ich bin gespannt auf die Erkenntnisse über das hinaus, was ein Sachbuch ermöglicht. Und sicherlich wird die Lektüre im Vergleich zu Jenny Erpenbecks „Gehen, ging, gegangen“ ein ganz deutliches Gegenteil sein – spekuliere ich einmal nach Deiner Besprechung. Und das Brave, das recht Einseitige, das auf jeden Fall wenig Differenzierte, ist etwas, was Erpenbecks Roman vorgeworfen werden kann. Ich bin also wirklich sehr gespannt auf eine andere Stimme, eine kraftvolle, eine wütende.
    Viele Grüße, Claudia

    1. LIebe Claudia,
      hoffentlich schreibst Du über Deine Leseeindrücke – ich gehe mal davon aus. Ich freue mich jetzt schon, Deine Meinung zu dem Buch zu erfahren. Es lädt gerade zu zur Diskussion ein.
      Herzliche Grüße, Tobias

  2. Literatur, die schmerzt – so ist es mir bei der Lektüre auch gegangen. Ich habe das Buch nicht gern, sondern eher wiederstrebend gelesen – obwohl (oder auch weil) ich es für große Literatur halte. Die Erzählerin so unsympathisch in ihrer Verachtung und ihrem Verrat an „den eigenen Leuten“, wie sie am Ende da im Pelzmantel in der Metro steht und zuschlägt. Und doch habe ich lange nichts gelesen, was so radikal die dünne Tünche der Humanität zerkratzt um einen Blick auf die brutale Weltordnung zu werfen. Ein bisschen Willkommenskultur, Ehrenamt und ein paar Almosen werden nicht reichen um die Welt zu einem weniger zynischen Ort der Ungleichheit und Ausgrenzung zu machen. Wir müssten schon politisch werden. Und vielleicht ist es an der Zeit den milden, wohltätigen Blick auf „die Flüchtlinge“ zu lassen und mal einen Blick in den Spiegel zu werfen. Was haben wir in den Wohlstandszentren, wohin alle fliehen, mit den Ursachen zu tun?
    Widerstrebend gelesen mit gesträubten Nackenhaaren. Und am Ende liegt dennoch Trost in dieser Literatur. Eben weil sie nicht beschönigt, sondern wahr ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s