Die Flüchtlinge und die Literatur

Deutschland erlebt momentan einen massiven Zustrom von Geflüchteten. Die Ankunft dieser Menschen verändert unser Land. Wie reagiert die Literatur darauf?

Seit Tagen schreibe ich an diesem Beitrag und ständig fange ich wieder von vorne an, da die Flüchtlingssituation jeden Tag neue Dimensionen annimmt. Es scheint fast so, als könnte man den Ereignissen nur hinterher hinken. Nun hat die deutsche Regierung gestern die Grenze nach Österreich geschlossen. Deutschland macht dicht. Ob hier CDU-Innenminister de Maizière nur Eingeständnisse an seinen Koalitionspartner Seehofer macht? Die CSU hatte sich in den letzten Tagen vehement über die Aufnahme von Flüchtlingen aus Ungarn als „falsches Signal“ beschwert. Um Ottonormalbürger_innen auf seine Seite zu ziehen, ist sich Seehofer auch nicht zu schade, den „gesicherten Ablauf“ des Oktoberfests anzuführen. Als ob auf der Wiesn, dem größten Sauffest der Republik, etwas gesichert ablaufen würde!

Klar ist, dass die Bundesregierung die Entwicklungen komplett verschlafen hat. Schon vor einem Jahr, als die Zahl der Geflüchteten aus Syrien deutlich anstieg, sagten Flüchtlingsorganisationen voraus, dass es erst richtig losgehe – und 2015 neue Größenordnungen annehmen werde. Reaktion der Bundesregierung: keine. Nun fühlt man sich plötzlich von Flüchtlingen „überrannt“, Kommunen ächzen unter den „Belastungen“. Wahr ist: es war alles vorhersehbar, aber kaum jemand wollte es wahrhaben.

Willkommenskultur vs. brauner Bodensatz

Nun ist es sehr erfreulich, dass der Großteil der Menschen im Lande mit Sympathie und herzlichen Willkommensgesten auf die Geflüchteten reagiert. Vor gut zwanzig Jahren, zur Zeit der rassistischen Pogrome (und es waren Pogrome, nicht nur „Angriffe“) von Rostock-Lichtenhagen, Mölln oder Solingen, reagierte die Politik mit einer Verschärfung des Asylrechts, sie gab quasi den Nazis recht, und viele Bürger_innen lehnten „Asylanten“ ab. Das ist momentan anders. Natürlich gibt es rassistische Gewalt und jede Flüchtlingsunterkunft, die in Brand gesetzt wird, ist ein Zeichen für den rechten Bodensatz in Deutschland. Dennoch kann man echt dankbar sein für das Engagement und die Gastfreundschaft, die viele Menschen hierzulande für Geflüchtete aufbringen.

Aber es ist nicht alles gut. Wenn in Ungarn Geflüchtete wie Vieh behandelt werden, dann ist die Grenze zur Unmenschlichkeit überschritten und wenn Deutschland nun Grenzkontrollen wieder einführt, dann erfüllt es denn Herzenswunsch von NPD, PEGIDA & Co. Es muss also heißen: wachsam bleiben!

Als ich vor kurzem las, wie eine Bloggerkollegin schrieb, dass sie angesichts der Situation in Ungarn so aufgewühlt sei und es ihr deshalb kaum möglich wäre, Literatur zu lesen, konnte ich gut mitfühlen. Was will man noch von der Belletristik, wenn die Realität gerade Geschichten erzählt, die einen den Atem anhalten lassen, die einen zum Umdenken und zum Handeln zwingen? Wo hört die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit durch Literatur auf und wo beginnt die Dekadenz, das abgehobene Dasein im literarischen Elfenbeinturm?

Empathie durch Literatur

Da ich als Literaturenthusiast vom Lesen nicht lassen mag (und kann), muss die Lösung natürlich lauten: gebt mir Literatur, die mich die Dinge besser verstehen lässt! Die das Weltgeschehen kommentiert, transzendiert oder von Zukünften fantasiert, die wir uns noch nicht vorstellen können. Literatur und Leben durchdringen sich gegenseitig, und man muss kein Literaturmissionar sein, um davon überzeugt zu sein, was Literatur leisten kann in einer gesellschaftlichen Situation wie dieser. Die beiden Wissenschaftler David Comer Kidd und Emanuele Castano von der New School for Social Research in New York wiesen erst letztes Jahr nach, wie das Lesen von Belletristik die Fähigkeit zur Empathie steigert – übrigens viel stärker als das Lesen eines Sachbuchs zur gleichen Thematik.

Es sollte also lohnen, sich auf die Suche nach Belletristik zu machen, in der Flucht und Migration eine Rolle spielen. Nur fündig muss man erstmal werden. In der deutschen Gegenwartsliteratur jedenfalls scheint das Thema kaum angekommen zu sein. Als rühmliche Ausnahme aus den Herbstprogrammen gilt der Roman „Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck. In zahlreichen Feuilletons wurde der Text positiv besprochen, aber es wurden auch kritischen Stimmen laut, dito bei den Literaturblogs. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich selbst wenig dazu sagen, meine Lektüre steht noch aus. Schwierig wird es aber, wenn ein Kritiker wie Jörg Magenau in der SZ dem Roman „Bravheit“ unterstellt, weil er das tue, was gerade alle erwarten: das Thema Flüchtlinge aufzugreifen. Was wäre denn in Herrn Magenaus Augen gewagter oder wilder gewesen? Ein Urteil von oben herab, der Elfenbeinturm scheint nicht weit.

Die deutsche Gegenwartsliteratur spinnt sich ein

Nun herrschen natürlich in der Literatur alle Freiheiten und ein Roman, der aktuelle Ereignisse in Prosa fasst, muss nicht automatisch gelungen sein. Dennoch werde ich den Eindruck nicht los, gerade die deutsche Gegenwartsliteratur habe sich so in einen Kokon aus Kriegserlebnissen, DDR-Geschichte, Familienroman und bildungsbürgerlicher Nabelschau eingesponnen, dass ihr langsam der Realitätsbezug abhanden kommt. Ein Blick über die Sprach- und Ländergrenzen zeigt, dass es auch anders geht. Beispielsweise die französische Literatur, wo es natürlich den (eher misslungenen) letzten Houellebecq gab, vor allem aber spannende Romane zu Migration und Asyl von Shumona Sinha und Yannick Haenel, denen zudem keinerlei Betroffenheitskitsch anhaftet. Belletristik, die uns einen Schritt weiter bringt, unseren Blick schärft, unser Verständnis weckt; in der englischsprachigen Literatur gibt es dafür äußerst populäre Beispiele wie Chimamanda Ngozi Adichie, Lloyd Jones oder Chris Cleave.

Die Flüchtlinge, die gerade nach Deutschland kommen, entlarven das, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Ihr Kommen macht uns etwa bewusst, wie lange hierzulande der Bau von günstigem Wohnraum vernachlässigt wurde. Ihre Geschichten verdeutlichen uns, wie stark die Länder der „ersten Welt“ Schuld tragen an der Situation in den von Krieg und Elend gezeichneten Herkunftsländern dieser Menschen. Und die organisierte Gewalt gegen Flüchtlingsunterkünfte zeigt uns, wie sehr die Politik trotz der Selbstenttarnung des NSU die Möglichkeit eines rechten Terrors verdrängt hat. Die Flüchtlinge krempeln unser Land um. Die Veränderungen, die ihr Kommen mit sich bringt, werden auch vor der Literatur und davor, wie wir Literatur wahrnehmen, nicht halt machen.

P. S. Sehr empfehlenswert: meine Kollegin Claudia von Das graue Sofa hat den Themen „Flucht und Entwurzelung“ aktuell einen Leseschwerpunkt gewidmet.

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12 Gedanken zu „Die Flüchtlinge und die Literatur

  1. Lieber Tobias,
    ein toller Artikel, in dem Du so schön die Brücke baust zwischen unserer Realtiät und der Literatur. Ich habe mich auch über Jörg Magenaus Buchbesprechung gwundert, sie hatte ein wenig den Beiklang, als hätte Jenny Erpenbeck sich ganz – auch ökonomisch – zielsicher für ihren neuen Roman mal nach einen gesellschaftlichen Aspekt umgeschaut, den man mal literrarisch bearbeiten kann, Aufmerksamkeit wird er schon wegen der Aktualität bekommen. Ich sehe es genau anders, so wie Du es auch in Deinem Artikel beschreibst, dass wir eine solche Literatur, die sich mit dem Thema Flucht – und dann auch mit der Entwurzelung, wenn die Flüchtenden dann angekommen sind und sich eben nicht mal eben in die Kultur des neuen Landes einfügen können – auseinandersetzt und uns hier neue Einblicke gewährt, Denkanstöße gibt, Brüche in Biografien aufzeigt, Lebensentwürfe erzählt. Und diese Literatur können wir ja tatsächlich im deutschsprachigen Raum mit der Lupe suchen. Statt dessen entstehen Dystopien fast am laufenden Band (ich denke an Valerie Frtisch, an Heinz Helle, die zwar sehr sprachmächtig erzählt werden, bei denen ich mich aber frage: Und nun?). Da ist Jenny Erpenbecks Roman eine schöne Ausnahme – hat aber, und da muss ich Jörg Magenau dann doch zustimmen – eine so ruhige, eine so brave Erzählstimme, dass sie lange nicht ankommt gegen die energiegeladenen, wütenden, das Thema so differenziert betrachtenden Franzosen. Du siehst, ich bin gerade mitten drin in „Erschlagt die Armen“ – und komme nur ganz langsam voran, weil die Geschichte, die Sprache, fast jeder einzelne Satz so viel erzäheln, so viel Nachdenkenswertes übermitteln. Vielleicht – auch das hast Du ja in Deiner Besprechung des Romans schon festgehalten – ist solch ein Text auch wirklich nur von einem Autoren, von einer Autorin möglich, die selbst eine Einwanderungsgeschichte hat. Es ist ja damit zu rechnen, dass unter den vielen nun in Deutschland ankommenden Flüchtlingen auch Schriftsteller sind. Vielleicht gibt es dann demnächst dieses starke Literatur auch bei uns.
    Viele Grüße, Claudia

    1. Liebe Claudia,
      danke, dass Du die Dystopien erwähnst! Die lese ich sehr gerne (z. B. J. G. Ballard), aber der Überschuss, den es davon gerade gibt, ist schon sehr auffällig. In Zeiten von Wirtschaftskrisen ist die Lust am Untergang weit verbreitet, war ja zuletzt auch in der Jugendliteratur ein Trend. Da kommen Ängste zur Sprache, die ich sogar berechtigt finde, aber abgesehen davon, dass manche Dystopien wie auf dem Reißbrett entworfen wirken, strahlt da natürlich wenig in die Zukunft aus. Ich finde Utopien schon sehr wichtig, gerade das „Rumspinnen“ macht den Kopf weit!
      Und ich sehe das genauso wie Du, es werden immer mehr Autorinnen und Autoren mit MIgrationsgeschichte, das verändert auch die Sichtweisen. Ich glaube, die deutschsprachige Literatur in zehn Jahren wird bedeutend spannender sein!
      Herzliche Grüße, Tobias

  2. Hallo Tobias,
    ich kann mich Claudia nur anschließen und sagen, dass mir dein Artikel sehr aus dem Herzen spricht. Da gibt es nichts mehr hinzuzufügen, außer einen Appell in die Literaturwelt zu rufen sich der aktuellen Situation anzunehmen und darüber zu schreiben. Vielleicht passiert es ja noch mit Verzögerung. Man darf gespannt sein.
    Grüße
    Marc

    1. Hallo Marc,
      danke für Dein Feedback! Ja, die Literatur ist eine Kunstform, deren Produktion viel Zeit bedarf. Andererseits ist das Thema ja schon seit Jahren aktuell, aber selten so nah erfahrbar hierzulande wie momentan.
      Herzliche Grüße, Tobias

  3. Lieber Tobias,
    auch mich beschäftigt die Verknüpfung des Flüchtlingsthema mit der Literatur im Moment sehr. Und habe just in diesen Tagen Grenzfall sowie Havarie von Merle Kröger (Ariadne / Argument Verlag) gelesen – Besprechung folgt. Vielleicht interessant für dich? Vor allem Havarie fand ich sehr stark, weil es das Thema Flucht in vielen Varianten durchspielt, jede Figur ist in irgendeiner Weise auf der Flucht, nicht nur die augenscheinlichen Flüchtlinge.

    Beste Grüße,
    caterina

    1. Liebe Caterina,
      Merle Kröger, die vergesse ich immer. Ich lese ja selten Krimis, aber „Havarie“ hatte ich mir als Lektüre vorgenommen. Werde ich bald in Angriff nehmen. Ich kenne und schätze ja Merle Krögers Dokumentarfilme, die sie zusammen mit Philip Scheffner macht. Der Film „Revision“ basiert auf den Ereignissen, die auch in „Grenzfall“ eingeflossen sind und auch zu „Havarie“ wird es ein filmisches Pendant geben, wohl erst 2016. Die Filme sind auch immer sehr vielschichtig und haben mich begeistert, noch ein Grund mehr, endlich mal einen Roman von Merle Kröger zu lesen. Bin auf Deine Besprechung gespannt!
      Herzliche Grüße, Tobias

      1. Dass die Bücher auf Dokumentarfilmen beruhen, wusste ich bis zur Lektüre nicht, Kröger weist aber darauf hin, und ich werde sie mir sicher noch ansehen. Und du solltest ruhig Havarie lesen, mit Krimi hat das im Grunde kaum etwas zu tun, auch als Thriller würde ich es nicht bezeichnen, wiewohl die Verlegerin Else Laudan den Begriff im Vorwort in den Mund nimmt.

  4. Lieber Tobias, vielen Dank für den interessanten Artikel, ich kann in vielen Punkten nur zustimmen. Allerdings finde ich, verlangst du von der Literatur etwas, das du selbst – und ja aus guten Gründen – kaum leisten kannst: Du sagst es zu Beginn des Artikels, du schreibst seit Tagen an deinem Artikel und fängst immer wieder von vorn an. Die Ereignisse überschlagen sich und man kommt nicht hinterher. Da Literatur einen langen Atem braucht, ist es doch kaum möglich das Thema Flucht, so wie wir alle gerade damit konfrontiert werden, in den aktuellen Büchern zu finden.
    Das Thema Flucht an sich aber findet sich durchaus. Eine interessante Frage wäre, wie das, was diesen Sommer passiert, sich in zwei, drei oder vier Jahren an den Themen und Schwerpunkten ablesen lassen wird. Nebenbei, wenn ich das bemerken darf, finde ich es aber überraschend, dass du eine Literatur einforderst, aber das, was da ist, selbst nicht gelesen hast: Jenny Erpenbeck und Havarie ist dir beim Schreiben gar nicht erst eingefallen. Es gibt durchaus noch einige erwähnenswerte Romane: Sherko Fatha, Der letzte Ort; Dorothee Elmiger, Schlafgänger; Ulrike Draesner, Sieben Sprünge vom Rand der Welt; um nur drei zu nennen, welche verschiedene Facetten der Flucht und Fremdheit aufgreifen.

  5. Weitere Lesetipps zum Thema Flucht und Migration:

    – Pius Alibek, Als ich unter Sternen schlief
    – Mahi Binebine, Kannibalen (Vergriffen, Neuauflage unbestimmt)
    – Rawi Hage, Kakerlake
    – Meral Kureyshi, Elefanten im Garten
    – Nadifa Mohamed, Black Mamba Boy
    – Abasse Ndione, Die Piroge (auch verfilmt)
    – Maxi Obexer, Wenn gefährliche Hunde lachen
    – Hamid Skif, Geographie der Angst

    Sowie
    – T.C. Boyle, America
    – Jennifer Clement, Gebete für die Vermissten

    Und nicht zu vergessen:
    – Shaun Tan, Ein neues Land (Graphic Novel ohne Worte)

    Beste Grüße!

  6. Lieber Tobias, ich würde Dich gerne auf das diesjährige Literaturfest aufmerksam machen. Albert Ostermaier hat ein Programm gestaltet mit dem Titel front:text, das sich mit Flucht und Exil auseinandersetzt. Jenny Erpenbeck und Shumona Sinha sind auch dabei. http://www.literaturfest-muenchen.de/navi2/forumautoren/. Wir haben auch gerade eine Blogparade #fluchtgeschichten gestartet, vielleicht magst Du teilnehmen? http://blog.litmuc.net/2015/10/19/blogparadefluchtgeschichten/
    Schöne Grüße, Heike vom Literaturfest

  7. Hallo,
    die Aktualität von Jenny Erpenbeck, „Gehen, ging, gegangen“, spricht für sie, wobei ich nicht so sehr für die Literaturszene, mehr für die Flüchtlingsbegleiter argumentiere. Die Lebensgeschichten der afrikanischen Füchtlinge finde ich ebenso lesenswert wie die ihres Begleiters Richard und seiner Feunde. Das Gemeinsame ist der Heimat-Verlust. Die einen haben ihre afrikanische Heimat verloren, die anderen ihre DDR-Vergangenheit. Wie geht es weiter?
    Beste Grüße
    arnoldnuremberg

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