Als sich die Flüsse rot färbten

Heute vor fünfzig Jahren erschütterte ein Putschversuch Indonesien. In der Folge kam es zur brutalen Verfolgung der indonesischen Kommunist_innen, die in einem Massenmord gipfelte. Leila S. Chudoris Roman „Pulang (Heimkehr nach Jakarta)“, der zum Buchmesse-Gastauftritt Indonesiens erstmals auf Deutsch erscheint, spürt den Auswirkungen nach, die das Land bis heute prägen.

Als am 30. September 1965 sechs führende Generäle der indonesischen Armee von Unbekannten ermordet wurden, ahnte niemand, wie dieser Putschversuch das Land Indonesien über Jahrzehnte hinweg prägen sollte. Das Militär nutzte den misslungenen Staatsstreich als willkommenen Anlass, um sich in grausamer Weise politischer Gegner_innen zu entledigen. Unter dem Kommando des rechtsgerichteten Generals Suharto wurden in den Folgemonaten Hunderttausende (reelle Schätzungen sprechen von 500.000 bis zu über einer Million) Menschen ermordet. Indem Suharto den Putschversuch der Kommunistischen Partei Indonesiens (PKI) in die Schuhe schob, nutzte er die antikommunistischen Stimmungen in der Bevölkerung. Suhartos paramilitärische Truppen und tausende zivile Handlanger_innen töteten bereitwillig tatsächliche und vermeintliche Kommunist_innen, aber auch viele Mitglieder der chinesischen Minderheit. Augenzeug_innen berichteten, wie ganze Flüsse sich rot färbten vom Blut der unzähligen Ermordeten. Für die Massentötungen notwendige Denunziationen wurden durch Folter, Vergewaltigung und Verstümmelung erzwungen. Aus dem Blutbad zog Suharto auch politisches Kapital, als „Retter vor dem Kommunismus“ löste er Diktator Sukarno ab und regierte Indonesien in der Folge für über drei Jahrzehnte.

Obwohl die Massaker von 1965 und 1966 zu den größten Massenmorden im 20. Jahrhundert gezählt werden müssen, interessierte sich außerhalb Asiens kaum jemand dafür. Die Linke in Europa war mit dem Vietnamkrieg vollauf beschäftigt, das Feindbild Amerika mobilisierte die Massen. Auch Militär und Politik westlicher Staaten nahmen an den Massakern kaum Anstoss, aus den USA und Großbritannien kamen sogar wohlwollende Worte, schließlich gehörte der Antikommunismus zur Staatsdoktrin. Während in Indonesien die Schlächter von damals zu Helden stilisiert wurden, geriet der Massenmord international in Vergessenheit. Erst als 2012 der US-amerikanische Regisseur Joshua Oppenheimer mit seinem Dokumentarfilm „The Act Of Killing“ die fehlende Aufarbeitung der Bluttaten thematisierte, entstand eine neue Aufmerksamkeit. In diesen Tagen läuft mit „The Look Of Silence“ Oppenheimers zweiter Film bei uns in den Kinos, hier widmet er sich den traumatisierten Familien der Opfer.

Zerstörte Familien und Exil

Auch eine der Hauptfiguren in Leila S. Chudoris Roman „Pulang“ ist Dokumentarfilmerin. Die junge Filmstudentin Lintang Utara, Tochter eines indonesischen Vaters und einer französischen Mutter, bricht Mitte der 1990er Jahre von Paris aus nach Jakarta auf, um die Hintergründe zu erforschen, die ihren Vater und viele andere Indonesier_innen einst ins Exil trieben. Sie gerät mitten hinein in die gesellschaftlichen Spannungen, die schließlich zum Sturz von Diktator Suharto im Jahr 1998 führen sollen. Bei ihren Recherchen trifft Lintang auf zerstörte und zerstrittene Familien, die Jahrzehnte später noch unter den Auswirkungen der Verfolgungen von 1965ff leiden. Orde baru, „Neue Ordnung“, hieß das Programm, mit dem Suharto die antikommunistischen Morde zum Gründungsmythos eines neuen Indonesiens erhob. Alle Verfolgten, die das Morden überlebten, wurden als Eks Tapol (ex-politische Gefangene) abgestempelt, was sie de facto zu Bürger_innen zweiter Klasse machte.

Lintangs Vater, Dimas Suryo, entkam dem Morden 1965 durch einen glücklichen Zufall. Als Journalist einer Zeitung, deren Redaktion zu großen Teilen mit der PKI sympathisierte, flog er für eine Konferenz nach Chile während zu Hause der Putschversuch misslang und die antikommunistische Jagd begann. Nach einer Odyssee über Kuba und China landet er schließlich in Paris, wo er zunächst Exil-Zeitungen veröffentlicht um auf die Situation in Indonesien hinzuweisen, nach Jahren am Existenzminimum aber schließlich mit drei Landsleuten – Exilanten wie er – ein indonesisches Restaurant eröffnet. Das Netzwerk in die ehemalige Heimat ist noch sehr rege, sowohl zum Bruder, als auch zur Witwe seines bei den Verfolgungen getöteten Mentors Hananto Prawiro bestehen Kontakte. Als er schwer erkrankt, schwindet für Dimas jedoch die Hoffnung, noch zu Lebzeiten wieder einen Fuß auf indonesischen Boden setzen zu können.

Ein Restaurant als Anker in der Fremde

chudori_1In polyphoner Erzählweise und mit vielen Zeitebenen breitet Leila S. Chudori die Handlung aus, die, auch wenn nur ein Bruchteil des Personals tatsächlich miteinander verwandt ist, die Züge einer Familiensaga annimmt. Vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse sucht die Autorin nach den persönlichen Konsequenzen, die sich für ihre Protagonist_innen ergeben. Das Gefühl der Entwurzelung bei der Exil-Community in Paris, die Traumata, die Hananto Prawiros Witwe Surti von den Verhören zur Zeit der Verfolgung geblieben sind, auch die Probleme, die sich auftun, als Dimas‘ Neffe Rama in Jakarta eine Tochter aus gutem Hause heiraten möchte, zeigen den langen Schatten, den die Geschehnisse von 1965/66 bis ins Allerprivateste hinein werfen. Neben diesen Schicksalen spielt aber auch die indonesische Alltagskultur eine wichtige Rolle in „Pulang“, von Nelkenzigaretten bis zum Waywang-Schattentheater. Vor allem das Essen und das Kochen wird detailliert beschrieben. Das indonesische Restaurant in Paris, welches für die Exilant_innen einen wichtigen Bezugspunkt in der Fremde bietet und in dem ein nicht unbeträchtlicher Teil der Handlung spielt, bietet dafür den willkommenen Rahmen.

Gerade Paris erscheint im Roman aber auch als eine Folie, als exotischer Ort, der für westliche Freiheit steht. Die Eckdaten, die Chudori zur Charakterisierung der Stadt heranzieht (Mai 1968, Shakespeare & Company, der Friedhof Père Lachaise) wirken wie aus dem Reiseführer und machen klar, dass die Autorin vor allem für ein indonesisches Publikum schreibt. Jakarta bleibt im Kontrast dazu seltsam blass, wahrscheinlich, weil Chudoris indonesische Leser_innenschaft es zur Genüge kennt. Angesichts der wiederholten Anrufung literarischer Götter wie Joyce, Hemingway oder T. S. Eliot sowie des komplex angelegten zeitlichen Skeletts des Romans überrascht auch der Erzählstil mit seinen blumigen Beschreibungen und der etwas gefühligen Figurenzeichnung. Oder sind dies nur Anleihen bei indonesischen Erzähltraditionen, oder Nebeneffekte, die sich bei der Übersetzung aus dem Indonesischen einstellen? Fragen vielleicht, die sich im Rahmen des indonesischen Gastlandauftritts auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse klären lassen.

Aber selbst wenn „Pulang“ für ein hiesiges Publikum manchmal ungewohnte literarische Töne anschlägt, ist der Roman als Einblick in die zerrissene jüngere Geschichte dieses Landes eine große Bereicherung. Leila S. Chudori gelingt es, historische Zusammenhänge und persönliche Schicksale glaubhaft miteinander in Verbindung zu setzen. „Pulang“ wird so zu einem Monument für diejenigen, die unter Willkür, Gewalt und Mord leiden mussten und es bis heute noch müssen. Wie wichtig solch ein Buch für die gesellschaftliche Auseinandersetzung in Indonesien ist, zeigte sich zur Veröffentlichung, die 2012 für viele Debatten in den indonesischen Medien sorgte. Ein Buch, das nicht nur Verstehen hilft, sondern auch auf Verständigung in einem zerrissenen Land aus ist.

Leila S. Chudori. Pulang (Rückkehr nach Jakarta). Roman. Aus dem Indonesischen von Sabine Müller. 432 Seiten, gebunden. Weidle Verlag 2015. 25,- Euro.

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