From Station To Station

Nanae Aoyama folgt in ihrem Roman „Eigenwetter“ einer ziellosen jungen Frau durch Tokyo. Das subtil erzählte Portrait wirft auch ein Licht auf den Generationskonflikt in der japanischen Gesellschaft.

Kommt ein Reisender nach Tokyo, so breitet sich vor ihm ein Dickicht an Häusern aus. Ein- oder zweistöckig, dicht an dicht, erstrecken sich die Wohnbauten über eine schier unendliche Fläche, wie ein riesiges Dorf. Höher und futuristischer werden die Bauwerke häufig nur dort, wo ein Bahnhof der Nahverkehrslinien errichtet wurde und täglich zehntausende Pendler_innen die Bahnsteige fluten. Tokyo ist eine Stadt von großer Komplexität, aber die Zuglinien strukturieren das Häusermeer, allen voran die Yamanote-Linie, die mit ihrer Ringbahn das Stadtzentrum abzirkelt. Die Bahnhöfe sind nicht nur Verkehrsknotenpunkte, sie bilden mit den angrenzenden Geschäften, öffentlichen Einrichtungen, Kneipen und Restaurants den Mittelpunkt der Stadtviertel, die sich um sie herum ausbreiten.

Wenn Chizu aus ihrem Fenster blickt, liegt der Bahnsteig eines dieser Bahnhöfe direkt vor ihr. Die junge Frau verbringt Stunden damit, den mässigen Betrieb außerhalb der Hauptverkehrszeiten zu beobachten und über ihr Dasein zu sinnieren. Eine Zeit lang wird sie auch in einem Bahnsteigkiosk in einem angrenzenden Stadtviertel arbeiten. From station to station: der Bahnhof, dieser melancholische Ort des Ankommens und Gehens, scheint symbolisch für ihr Leben zu stehen.

Ein Sorgenkind in Tokyo

Nanae Aoyama lässt ihre Romanheldin Chizu mit Anfang zwanzig in Tokyo stranden. Die Mutter zieht der Arbeit wegen nach China, die junge Schulabsolventin aus der Kleinstadt kommt bei der entfernten Verwandten Ginko unter, die mit ihren 71 Jahren alleine in einem kleinen Haus lebt, das nur durch einen Garten von der Bahnstrecke getrennt wird. Chizus Einstellung zum Leben, ihr Desinteresse am Studieren oder einer klassischen beruflichen Karriere, ihre vor sich hindümpelnde Beziehung zu einem nerdigen jungen Mann, ihre Haltlosigkeit und Indifferenz machen sie zum Teil eines gesellschaftlichen Phänomens, das in Japan freeter genannt wird. Die Absage an alle Erwartungen der Leistungsgesellschaft, einhergehend mit dem Broterwerb in Gelegenheitsjobs und der ausgiebigen Sinnsuche in jungen Jahren, isteigenwetter_cover in der seit fast zwanzig Jahren andauernden ökonomischen Stagnation zum Massenphänomen geworden. Nanae Aoyama gilt spätestens nach ihrer Auszeichnung mit dem wichtigen Akutagawa-Literaturpreis für „Eigenwetter“ als eines der literarischen Sprachrohre dieser Generation, die vom gesellschaftlichen Mainstream in Japan als „Sorgenkinder“ betrachtet werden.

Der Roman verneigt sich vor der klassischen japanischen Literatur, indem er dem Jahreszeitenzyklus folgt und Chizu von einem Frühling bis zum Frühling des nächsten Jahres begleitet, auch die poetischen Beschreibungen von Himmel und Landschaft, die eine Aussage über die Gefühlswelt der Hauptprotagonistin transportieren, knüpfen an japanische Erzähltraditionen an. In seiner Erzählweise ist „Eigenwetter“ aber von minimalistischer Modernität, der Roman lebt vom Spannungsfeld zwischen subtilen Beobachtungen und einer jugendlichen Direktheit. Dieser formelle Kontrast spiegelt den Grundkonflikt zwischen Chizu und ihrer Gastgeberin Ginko wider, der den Text bestimmt. Jung gegen alt, so einfach lautet die Formel für Chizu und sie macht keinen Hehl daraus, dass sie sich ihrer fünfzig Jahre älteren Verwandten haushoch überlegen fühlt. Offen verspottet sie die rüstige alte Dame und wie zum Beweis schleicht die Teilzeitkleptomanin Chizu nachts in das Schlafzimmer Ginkos um dort Kleinigkeiten zu stehlen. Kleine Gemeinheiten, die nicht unentdeckt bleiben.

Dem Alltag abgelauschte Momente

Der Konflikt, der den Roman prägt, könnte symbolisch für das Verhältnis der freeter zur älteren Generation in Japan stehen. Aus diesem Blickwinkel betrachtet wird Nanae Aoyama zur Mittlerin in der Auseinandersetzung, denn bald erkennen die beiden so unterschiedlichen Protagonistinnen Gemeinsamkeiten. Beide empfinden Leere und Langeweile, beide sehnen sich nach Lebenslust und Gesellschaft, beide verlieben sich in diesem Jahr, das sie miteinander verbringen, neu: Ginko in „Opa Hosuke“, einen eleganten älteren Mann, Chizu in den Bahnbediensteten Fujita, den sie bei der Arbeit kennenlernt. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn gerade Chizus Beziehung nur wenige Wochen überlebt, während Ginko ein stabiles, wenn auch unscheinbares Glück in ihren späten Jahren findet. Chizu reagiert mit den üblichen Bosheiten, bis sie sich schließlich für die alte Frau freuen kann, emotionale Wechselspiele, die sich in den mit leichter Hand inszenierten Dialogen niederschlagen, welche den Erzählfluss wunderbar natürlich dahin fliessen lassen. Wenn in diesen scheinbar dem Alltag abgelauschten Momenten immer wieder Augenblicke von tiefer Lebensweisheit auftauchen, geht „Eigenwetter“ deutlich über eine Coming-Of-Age-Geschichte oder das Thema Generationskonflikt hinaus, begibt sich aber dennoch nie in die Nähe einer zu Kalendersprüchen neigenden ikikata-Literatur. Die Abgrenzung zur glücksverheißenden Schreibe eines Literaturstars wie Banana Yoshimoto könnte nicht deutlicher ausfallen: wo Yoshimoto Übersinnliches preist, bleibt Aoyama der Realität verpflichtet, wo die Erfolgsautorin alles zusammenfügt, um das persönliche Glück möglich zu machen, vermeidet „Eigenwetter“ den Kitsch und lässt die losen Enden offen liegen.

Wenn Chizu auf den letzten Romanseiten aus einem Zug heraus das Häuschen, in dem sie ein Jahr verbracht hat, zum Abschied betrachtet, hat sich einiges verändert. Chizu hat sich neu verliebt, sie arbeitet nun in einem Büro, hat sich mit Arbeitskolleginnen angefreundet und Ginko hat der jungen Frau den Respekt vor dem Alter gelehrt. Ihre Zukunft aber liegt offen vor ihr, sie wird an einem Bahnhof, an dem jemand auf sie wartet, beginnen. Ein Schluss, in dem sich noch einmal die komplexe Gefühlswelt der Romanheldin abzeichnet, so meisterhaft beiläufig erzählt wie in einem Film von Yasujiro Ozu.

Nanae Aoyama. Eigenwetter. Roman. Aus dem Japanischen von Katja Busson. 156 Seiten, Klappbenbroschur. cass Verlag 2015. 17,- Euro.

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4 Gedanken zu „From Station To Station

  1. Deine Rezension hat mir sehr gefallen! Ich bin ganz dem Mainstream folgend über Murakami an die japanische Literatur herangeführt worden und lese derzeit Oe. Eigenwetter kommt auf jeden Fall auf meine Merkliste.

  2. Danke für die ausführliche Rezension. Die Geschichte an den Bahnhöfen entlang der Keio-Linie, raus aus dem Hochhauszentrum Shinjukus hinein ins flache Häusermeer, ist wirklich etwas Besonderes und wohltuend anders als das Geschreibsel einer Banana. Und sie ist gut übersetzt.
    Ist „ikikata-Literatur“ mehr als ein Sachbuchgenre, gibt es deutsche Übersetzungen davon?

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