Alle gegen einen

Julie Mazziere erzählt in ihrem Roman „Grabrede auf einen Idioten“ vom Hass auf Außenseiter in einem Allerweltsdorf.

Der Bürgermeister und sein Stellvertreter beschließen, dass der „Dorfdepp“ zu sterben habe. Er ginge ja eh schon immer allen auf die Nerven. Kurzerhand erledigen sie die Sache selbst und werfen den jungen Mann in einen Brunnen, wo er nach kurzer Zeit stirbt. So unverschämt lakonisch fängt der Debütroman von Julie Mazzieri an. Doch was auf den nächsten gut 200 Seiten folgt, ist alles andere als vorhersehbar.

„Grabrede auf einen Idioten“ ist ein seltsam sprödes Buch. Die Autorin, 1975 im französischsprachigen Teil Kanadas geboren und inzwischen auf Korsika lebend, lässt uns über vieles im Unklaren. Es gibt beispielsweise kaum Anzeichen dafür, zu welcher Zeit und an welchem Ort die Handlung des Romans spielt. Es könnten die 1940er Jahre oder die 1970er sein. Oder doch die Gegenwart? Kanada oder Frankreich? (Ich tendiere zu letzterem.) Fast wirkt dieser Text wie ein karg inszeniertes Theaterstück und ich musste beim Lesen nicht nur einmal an Lars von Triers Film „Dogville“ denken. Ein Schauplatz also, wie er überall auf der Welt existieren könnte und über dem eine archaische Stimmung hängt wie eine gewaltige Gewitterwolke.

Dass der „Idiot“ plötzlich verschwunden ist, scheint kaum jemanden zu stören, schockierender ist für die DorfbewohnerInnen der Tod einer jungen Frau kurz darauf. Wer steckt dahinter? Der Bürgermeister sieht die Chance gekommen, die Spur von sich weg zu lenken und spricht öffentlich eine Verdächtigung gegen den kürzlich zugezogenen Saisonarbeiter Paul Barabé aus. Naiv und mit seiner Stelle auf einem Bauernhof überfordert, bekommt Paul erst nichts mit und erkennt spät die Angst und den Zorn der Dorfbevölkerung. Begegnungen mit der Mutter des Ermordeten, dem Schäfer des Ortes und den verdrucksten Kindern des Bauern öffnen ihm langsam die Augen, doch Paul macht mehr falsch als richtig, bis es für einen Ausweg zu spät ist.

Buchcover - Julie Mazzieri Grabrede auf einen IdiotenDiese Handlung, die eigentlich eines Krimis würdig wäre, erzählt Julie Mazzieri ohne Schockeffekte und ohne erkennbare Spannungskurve. Fast kommt es einem so vor, als würde sie eine Art „Anti-Suspense“ zum Konzept erheben, so unbeteiligt gibt sie sich als Erzählerin. Dazu kommen etliche Nebenfiguren, die nur kurz angerissen werden und gelegentlich mit einem Satz wie „Wir werden ihn bis zum Schluss nicht wiedersehen.“ früh wieder aus dem Romangeschehen entlassen werden. Die zugezogene Familie mit ihrem kranken Pferd, der Pfarrer mit seiner geschwätzigen Haushälterin, der von Gewissensbissen geplagte Vertreter des Bürgermeisters und seine Frau – sie bevölkern diese Geschichte, erzählen von der vielfältig dysfunktionalen Dorfgemeinschaft und wirken gleichzeitig wie Geister, abwesend und des Lebens unfähig.

Mazzieri scheint es eher um eine soziale Mechanik der Amoralität als um ein stimmungsvoll sattes Gesellschaftsbild zu gehen. Das Untertanentum, das Prinzip der Gemeinschaft gegen den Einzelnen, die Macht von Gerüchten und Verdächtigungen – das haben wir natürlich anderswo schon gelesen, und dennoch kommen solche Geschichten nicht aus der Mode, weil die realen Verhältnisse auf der Welt ihnen weiterhin recht geben. Bei aller Kargheit vermag „Grabrede auf einen Idioten“ aber sogar einen grotesken Humor zu entwickeln und bewahrt dabei besonders der Figur des Paul Barabé gegenüber eine äußerst ambivalente Haltung. Das Landleben macht einem dieser verstörende Roman in jedem Fall kaum sympathischer.

Julie Mazzieri. Grabrede auf einen Idioten. Aus dem Französischen von Christoph Roeber. 248 Seiten, broschiert. Diaphanes Verlag 2015. 18,95 Euro.

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Ein Gedanke zu „Alle gegen einen

  1. Ich sage nur: „Landschaft und Verbrechen“… das war ein Freudscher Vertipper und ich mußte sofort daran denken, als ich eben Deinen Rezensions-Schlußsatz gelesen hatte. Das Buch klingt sehr interessant, zeitlos und doch aktuell. Und wie wunderbar, eine neue Rezension bei Libroskop zu lesen! Willkommen zurück! Liebe Grüße: Frauke

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