Schulterklopfen für die Falschen

Der Journalist Alex Perry berichtet in seinem Band „In Afrika – Reise in die Zukunft“ von seinen jahrelangen Recherchen in afrikanischen Ländern. Eine lohnenswerte Lektüre über die Geschichte und Gegenwart des Kontinents, die aber wenig Erhellendes über seine Zukunft zu sagen vermag.

„Africa Is The Future“ – als ich diesen Slogan vor einigen Jahren auf dem T-Shirt eines jungen Mannes las (noch dazu, von allen Orten auf dieser Welt, in Kassel), blieb er mir sofort im Gedächtnis haften. Mich reizte das Freche daran, eine Provokation für eine sich überlegen fühlende „erste Welt“. Afrika, dieser Kontinent der Armut, des Krieges und der politischen Instabilität soll die Zukunft sein? Die Fernsehnachrichten demonstrieren scheinbar täglich das Gegenteil, zeigen uns Flüchtlinge, hungernde Kinder und blutrünstige Warlords. Aber „Africa Is The Future“ machte mich auch nachdenklich. Kann sich in einem vom Krisenkapitalismus dominierten Europa noch eine Perspektive für Utopien entwickeln? Ist nicht vielleicht Afrika das Labor für Alternativen zu unserem ungerechten, dekadenten Gesellschaftssystem?

Jedenfalls sorgte dieser einige Jahre zurückliegende Moment dafür, dass ich nicht lange zögerte, als ich Alex Perrys Buch „In Afrika – Reise in die Zukunft“ im Regal einer Buchhandlung entdeckte. Denn auch wenn die Auseinandersetzung mit Kultur – vor allem Musik und Literatur – aus Afrika mich schon lange beschäftigte, so fehlte mir immer noch sachlicher Background und Wissen über die aktuelle Situation in afrikanischen Ländern. Mit „Afrika“ als Sammelbegriff geht es schonmal los, denn was würden wir davon halten, wenn ein Australier nicht genau zwischen Deutschland, den Niederlanden und Tschechien unterscheiden könnte und uns einfach als „Europäer“ ansprechen würde? Der Kontinent Afrika ist groß und vielfältig und es tut Not, sich wenigstens ein paar Basics über ihn und seine Menschen anzueignen. Als Antidot gegen eine westliche Arroganz, die viele gebildete Menschen hierzulande natürlich von sich weisen würden, welche sich aber immer wieder in Unwissen und Vorurteilen aufspüren lässt.

Alex Perry ist Journalist, wurde in den USA geboren und wuchs in England auf. Ab 1999 verbrachte er den Großteil seiner Zeit in afrikanischen Ländern. Er schreibt für Printmedien wie das Time Magazine und Newsweek als Kriegs- und Auslandskorrespondent. Schon nach wenigen Seiten der Lektüre ist spürbar, dass hier ein Journalist schreibt, der wenig Interesse daran hat, seiner Leserschaft nach dem Mund zu reden. Perry hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Realität abzubilden, Konflikte und gesellschaftliche Veränderungen zu analysieren sowie die Verwicklungen des Westens in die „afrikanische Misere“ aufzudecken. Anders kann man als Europäer bzw. Nordamerikaner auch nicht über diesen Kontinent schreiben, ohne in Paternalismus zu verfallen, und trotz seiner kritischen Haltung ist auch Alex Perry davor nicht gefeit, aber dazu später mehr.

Was dieses Buch in erster Linie leistet, ist eine schonungslose Analyse zahlreicher aktueller Krisen und Konflikte. Alex Perry widmet einzelnen Ländern ganze Kapitel, geht auf Kriege in Somalia und im Kongo ein, beschreibt die selbstzerstörerische Politik des ANC in Südafrika oder recherchiert zum Aufstieg der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria. WissenschaftlerInnen kommen selten zu Wort, Perry spricht stattdessen mit somalischen Piraten, Tuareg-Rebellen in Mali oder Warlords im Kongo. Außerdem geht er immer wieder auf die Geschichte einzelner Länder oder Regionen ein und bietet einen geschichtlichen Abriss über den Umgang Europas mit Afrika – einen u1_978-3-10-000193-1Kontinent, der Europa jahrhundertelang nur als Stützpunkt für ihre Handelsflotten interessierte, bis im 19. Jahrhundert das Wettrennen um die Kolonialisierung begann. Auch heute noch sind die Menschen Afrikas für viele BewohnerInnen im reichen Norden in erster Linie „niedliche arme Menschen mit bunten Kleidern und Trommeln“.

Alex Perry versteht es nicht nur, über diese Themen anschaulich und spannend zu schreiben, er ist auch meinungsstark. Eine Tatsache, die ich persönlich grundsätzlich begrüße, aber hier beginnt auch eines der Probleme dieses Buches. Sehr gut lässt sich dies an Perrys Kapitel über den ruandischen Präsidenten Paul Kagame festmachen. Kagame, dem es nach dem Genozid an den Tutsi 1994 gelang, sein Land zu befrieden und einen phänomenalen wirtschaftlichen Aufstieg anzustossen, wird mit ausführlichen Interviewpassagen porträtiert. Perry bewundert Kagame sichtlich, sieht ihn aber nicht unkritisch, denn unter Kagames Regierung gibt es Korruption und undemokratische Methoden. Zudem steht Ruanda im Verdacht, das Nachbarland Kongo wirtschaftlich auszunutzen. Doch der Autor nutzt die Person Kagame vor allem, um auf die Bigotterie des Westens hinzuweisen. Sind europäische Länder oder die USA um so vieles besser? Wer gibt ihnen (oder den Vereinten Nationen) das recht, über Ruanda ein Urteil zu fällen? Dieses Aufwiegen von Erfolg und Schuld, das Alex Perry immer wieder betreibt, zeigt, welche Maßstäbe er anlegt. Ist ein Politiker wirtschaftlich erfolgreich, dann seien ihm auch ein paar Menschenrechtsverletzungen verziehen. Versteht es ein eigennützig handelnder Warlord, den häufig ebenfalls eigennützig agierenden Entwicklungshilfeorganisationen Paroli zu bieten, wird er von Perry lobend erwähnt.

Spätestens im letzten Kapitel, genau dann, wenn es spannend werden könnte und um die Zukunft gehen sollte, sorgt Perrys Meinungsmache für eine Enttäuschung nach der anderen. Der Autor, der einige Seiten vorher noch die kapitalistische Ausbeutung von Rohstoffen anprangerte, outet sich hier als Fan von Nahrungsmittelbörsen und chinesischen Investoren. Anstatt Afrika einen eigenen Weg zuzutrauen, ist Perry vor allem von Ideen angetan, die den Kontinent verstärkt in eine Wirtschaftsordnung drängen würden, welche gerade in Asien, Amerika und Europa eine Krise nach der anderen hervorbringt. So endet ein Buch, das glänzend recherchiert ist und viele Entwicklungen und Ereignisse gekonnt zusammenfasst, mit einem Schulterklopfen für die Falschen. Eine Zukunft, die diesen Namen verdient, sieht anders aus.

Alex Perry.In Afrika – Reise in die Zukunft. Aus dem Englischen von Michael Bischoff. 544 Seiten, gebunden. Verlag S. Fischer. 24,99 Euro.

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