„Look up here, I’m in heaven“

Unter diesem Titel veranstaltete das Literaturhaus München einen Abend in memoriam David Bowie und Prince. Julia Riedler, Thomas Meinecke und Hans Nieswandt erinnerten an die beiden Musiker, ihre Vorläufer und ihren Einfluss auf die Musik von heute – ein geglücktes Experiment.

Das Literaturhaus München ist sicher nicht der erste Ort, der einem einfällt, wenn bei einer Veranstaltung zwei kürzlich verstorbenen Popmusikern gedacht wird. Entsprechend kündigte die frisch gebackene Literaturhauschefin Tanja Graf den Abend als „Experiment“ an, mit dem sie gerne das Themenspektrum und die Präsentationsformen in ihrem Haus erweitern möchte. Experiment geglückt, möchte man am Ende dieses unterhaltsamen und trotz sommerlicher Hitze sehr gut besuchten Abends sagen.

Das Podium war dabei alles andere als literaturfern besetzt. Schließlich ist Thomas Meinecke, der die Idee zur Veranstaltung hatte, nicht nur Musiker bei der Freiwilligen Selbstkontrolle und Radio-DJ, sondern auch Romanautor mit einer Reihe von Veröffentlichungen im Suhrkamp Verlag. Sein Kollege Hans Nieswandt hatte vor einigen Jahren mit „plus minus acht“ einen kleinen DJ-Buch-Bestseller bei Kiepenheuer & Witsch, inzwischen ist er künstlerischer Leiter des neu gegründeten Instituts für Populäre Musik der Folkwang Universität Essen. Dritte im Bunde war die Schauspielerin Julia Riedler, seit einem Jahr an den Münchner Kammerspielen und auch aus Fernseh- und Hörspielproduktionen bekannt.

Gleich zu Beginn machte Meinecke klar, dass es nicht im trockenen Vortragstil darum gehen solle, wer am meisten über Bowie oder Prince wisse. Stattdessen sollten sich im improvisierten Hinundher die Bälle zugespielt werden und zwar mittels Youtube-Videos, die spontan auf Leinwand eingespielt wurden. So startete das Trio mit einem neueren Clip von David Bowie („The Stars Are Out Tonight“) um sogleich beim Spiel mit Identitäten zu landen, das für das Werk beider Popstars so zentral ist. Rasch ging es nun von Bowies früher Theaterkarriere über den Einfluss des japanischen Kabuki auf seine Bühnenkostüme hin zur von Bowie beeinflußten Performancekunst eines Leigh Bowery: David Bowie als androgynes Wesen, als Wandelnder zwischen den Geschlechterrollen. Damit war er in der Glamrock-Ära sicher am meisten „far out“ und ebnete den Weg für androgyne Popstars der 1980er Jahre von den New Romantics bis Boy George. Dass Bowie bei aller künstlerischer Freiheit auch ein Businessman war, einer eben, der um seinen Martktwert wußte, blieb dabei nicht außen vor.

Prince wurde erst Ende der 1970er aktiv, wie stark er selbst von Bowie beeinflusst war (oder ob sich die beiden jemals trafen) konnte an diesem Abend nicht ganz geklärt werden. Jedenfalls spielte er ein ähnliches Spiel mit Identitäten. Das etwas misslungene eingespielte Video zu „If I Was Your Girlfriend“ lenkte vom Text ab, in dem Prince sich der Fantasie hingibt, wie es wäre, nicht der Liebhaber seiner Freundin, sondern ihre beste Freundin zu sein. 1987 war das für einen Songtext ganz schön queer. Prince‘ Selbstinszenierung, vor allem Anfang der 1980er Jahre mit Damenunterwäsche (Zitat Meinecke: „Das war damals etwas radikales, heutzutage gibt’s das bei H&M und viele sitzen nur mit Unterwäsche bekleidet in der Straßenbahn.“), Rüschenbluse, Plateauschuhen und Bikinihöschen warf mehr als einmal in der damaligen Musikpresse die Frage auf, mit welcher sexuellen Orientierung man es denn hier zu tun habe. Das Trio auf der Bühne erweckte nicht nur Erinnerungen an Vorläufer der Prince’schen Queerness wie Little Richard oder den obskuren Esquerita, sondern auch an seine geistigen Kinder. Tatsächlich ist es fraglich, ob es afroamerikanische queere Rapper*innen wie Le1f, Zebra Katz oder Mykki Blanko ohne Prince in dieser Form geben würde.

Nachdem Julia Riedler von Mykki Blanco über die Choreografin Marlene Monteiro Freitas zum postkolonialen Diskurs kam, in den Thomas Meinecke mit einem Ausflug zum Tanzstil Voguing hineingrätschte, war ein deutliches Ächzen im älteren Teil des Literaturhaus-Publikums zu hören. Zeichen für einen Generationenkonflikt? Die jüngeren Anwesenden freuten sich jedenfalls, dass nicht nur Heldenbeweihräucherung stattfand, sondern Links in die Gegenwart (oder sogar Zukunft) gesetzt wurden. Etwas verunsichert kehrten Riedler, Nieswandt und Meinecke zu David Bowie und Prince zurück, erörterten noch, ob das Prince’sche Konzept der „Hornyness“ nicht eher macho sei, schließlich gab es noch eine Runde mit Publikumsfragen und als versöhnende Geste am Ende das Video zu „Purple Rain“.

War dieser Abend nun eine Literaturveranstaltung oder nicht? Vielleicht nicht im engeren Sinne, aber im 21. Jahrhundert, ca. 50 Jahre nach dem Aufkommen der ersten „Popliteratur“ und in einer Zeit, wo sich unterschiedliche Kunstformen längst gegenseitig beeinflussen, wirkt es absolut zeitgemäß, eine solche Veranstaltung in den heiligen Hallen einer Literaturinstitution zu erleben. Und wie die Zeichensysteme und Identitäten des Pop zu Literatur werden, lässt sich nirgendwo besser erleben wie in den Romanen von Thomas Meinecke. In diesem Sinne kann man dem Literaturhaus München nur den Mut wünschen, auch in Zukunft ähnlich grenzensprengende und bereichernde Veranstaltungen ins Programm zu nehmen.

Hier noch einige der an diesem Abend gezeigten Videos:

 

 

 

 

 

 

 

 

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