Die Krise ist (k)ein Märchen

Neu im Kino: der Portugiese Miguel Gomes setzt mit seiner Trilogie „1001 Nacht“ dem Sparzwang der EU-Austeritätspolitik ein Kino der fantastischen Ausschweifung entgegen. Eine Work-in-progress-Auseinandersetzung mit diesem vielschichtigen Werk.

„1001 Nacht“ von Miguel Gomes lässt mich nicht los. Nachdem ich mich entschlossen habe, die drei Teile nochmals anzusehen, schreibe ich hier in den nächsten Tagen peu à peu über meine Gedanken zu einzelnen Szenen und zur Struktur des Films. Wer das nicht in aller Länge lesen mag, kann nach ganz unten scrollen und meine sechsminütige Radiorezension hören.

arabiannights4

Die Blicke der Männer, die im letzten Kapitel von Miguel Gomes‘ „1001 Nacht“ der Stimme eines Buchfinken lauschen, sind schwer zu deuten. Während die Vögel in abgedunkelten Käfigen ihr Lied singen, versuchen sie, die Modulation des Vogelgesangs zu entschlüsseln. Handelt es sich um eine außergewöhnliche Melodie? Wurde hart daran gearbeitet, dem Vogel diesen Gesang anzutrainieren? Für uns als laienhafte Zuschauer*innen ist das eine Gezwitscher kaum vom anderen zu unterscheiden. Langsam wird einem bewußt, dass hier ein höchst artifizielles Hobby ausgeübt wird, das einer genauen Sinneswahrnehmung und – von Seiten des Vogeltrainers – einer ausgefeilten Technik bedarf. Die billige Kleidung der Protagonisten, ihre ausgestellte Männlichkeit, ihre einfachen Umgangsformen stehen im Gegensatz zu den subtilen Nuancen des Vogelgesangs und zu ihrer emotionalen Bindung an die zarten Tiere. Plötzlich sehen wir diese Männer, deren Blicke während des konzentrierten Zuhörens ins Leere gehen, mit anderen Augen und etwas in die Zukunft weisendes, etwas unbenennbar Utopisches steht im Raum.

*  *  *

Miguel Gomes beendet seinen sechsstündigen, in die drei Teile „Der Ruhelose“, „Der Verzweifelte“ und „Der Entzückte“ aufgeteilten Film mit einer elegischen, die geweckten Hoffnungen wieder negierenden Sequenz. Der Vogelfänger Chico Chapas läuft durch die Landschaft, dazu ertönt Calling Occupants Of Interplenetary Craft von Langley Schools Music Project. Steht am Ende der Geschichten von Krise und Sozialabbau die Anrufung höherer Mächte, weil nichts anderes mehr zu helfen scheint? Weil die Politik sich hinter den Zwängen der Wirtschaftsordnung verbarrikadiert hat und die Menschen hilflos der Willkür der Mächtigen ausgeliefert sind?

*  *  *

Die sogenannte Euro-Krise und der Sparzwang, der dem lädierten Land Portugal in der Folge von der EU-Regierung verordnet wurde, scheint auch den Filmemacher Miguel Gomes anfangs hilflos gemacht zu haben. Zu Beginn von „1001 Nacht“ sehen wir bei der Entstehung eines Dokumentarfilms zu. Aufnahmen von den Werftarbeiter*innenstreiks in Viana do Castelo wechseln sich mit Bildern über einen Wespenjäger ab. Doch Gomes inszeniert ein Scheitern dieses Films – und versucht, vor seiner Verantwortung zu flüchten. Das Filmteam stellt ihm nach und will ihn zur Rechenschaft ziehen. Dieser Prolog von „1001 Nacht“ ist vielleicht einen Tick zu lang, bildet aber dennoch ein wunderbares Schelmenstück. Gleichzeitig stellt Gomes die Frage, wie es sich als Künstler*in mit der Wirtschaftskrise und den Folgen umgehen lässt. Seine Antwort: durch das Erzählen wilder Geschichten, in denen die Grenze zwischen Fiktion und Dokumentation unerkennbar verschwimmt. Manchmal sind sie so wild, dass einige Filmkritiker*innen an die Grenzen ihres Handwerks kommen.

*  *  *

arabiannights2

Ich muss immer wieder über die Symbolik der Scheherazade nachdenken. Sie erzählt in der Legende die Geschichten aus 1001 Nacht, um der Bestrafung durch ihren Mann, König Schahrayâr, zu entgehen. Schahrayâr heiratet, nachdem er von seiner früheren Frau betrogen wurde, jeden Tag eine neue Frau und bringt sie in der Nacht um, da er es nicht ertragen würde, nochmals betrogen zu werden. Scheherazade ist die Tochter des Großwesirs am Hofe und willigt in die Ehe mit dem grausamen König ein, um das Morden zu beenden. Ihre List ist das nächtliche Geschichtenerzählen. Im Film wird Scheherazade zum Alter Ego des Regisseurs. Bedeutet dies den hilflosen Versuch, durch einen Film die EU-Troika (König Schahrayâr) zu besänftigen und neue Sparmaßnahmen (Morde) zu verhindern? Erliegt Miguel Gomes damit eine Überhöhung seiner Rolle als Filmemacher oder handelt es sich um eine augenzwinkernde Selbstironisierung?

*  *  *

Einge Schauspielerinnen und Schauspieler tauchen mehrmals in den drei Teilen von „1001 Nacht“ auf. Crista Alfaiate spielt die Scheherazade, aber auch die Iro-Punkerin Maria im Kapitel „Das Bad der Prächtigen“, Adriano Luz ist zweimal als Gewerkschafter Luis zu sehen, Chico Chapas ist nicht nur Vogeljäger im Teil 3, sondern auch Titelfigur im Kapitel über den Banditen „Simão ohne Gedärme“. Auch Luísa Cruz und Américo Silva tauchen in mehreren Rollen auf und Miguel Gomes selbst hat als Chaffeur einen kurzen Cameo-Auftritt. Was hat es damit auf sich? Nach nochmaliger Sichtung kann ich in diesen Doppelungen keinen tieferen Sinn erkennen. Scheinbar arbeitet Gomes einfach gerne mit einem festen Team zusammen, gleichzeitig erinnern die immer wieder auftauchenden gleichen Gesichter an eine Low-Budget-Produkton. Kino in Krisenzeiten eben.

*  *  *

Erst vor kurzem sah ich Gomes‘ Film „Aquele Querido Mês de Agosto„, der zwar in Deutschland nicht in die Kinos kam, aber international für große Aufmerksamkeit sorgte. Ich war überrascht, wievieles von dem, was „1001 Nacht“ ausmacht, schon in diesem Film angelegt ist: Die Vermischung von Dokumentarfilm und Fiktion, der plötzliche Switch hinein in das Narrative, das Filmteam als Bestandteil der Handlung. Bereits in diesem frühen Film zeigt Gomes seine Vorliebe für lokale Mythen und Folklore. Besonders das Kapitel „Die Geschichte vom Hahn und dem Feuer“, aber auch „Das Bad der Prächtigen“ knüpfen stark an „Aquele Querido Mês de Agosto“ an. Kleine Dörfer im Nirgendwo als Spielorte, ein Blick für lokale soziale Gefüge, frisch aufspielende Lainerdarsteller*innen – in diesen subtileren Erzählungen kommt „1001 Nacht“ spürbar zu sich selbst. Ganz anders das an den Anfang gestellte Kapitel „Die Männer mit einem Steifen“ mit seinem derben Humor. Bei der zweiten Sichtung wirkt es in seiner Bemühung um eine grotesk überzeichnete Kritik an der EU-Politik und der portugiesischen Politkaste eher schal.

arabiannights1

Für die Sendung Stoffwechsel bei Radio Z Nürnberg habe ich „1001 Nacht“ besprochen, hier der Podcast:

1001 Nacht. Regie: Miguel Gomes. Teil 1: Der Ruhelose. 125 Min. Teil 2: Der Verzweifelte. 131 Min. Teil 3: Der Entzückte. 125 Min. Verleih: Realfiction. Ab 28. Juli im Kino.

 

 

Advertisements

Ein Gedanke zu „Die Krise ist (k)ein Märchen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s