Horizontwahrnehmung, selbsterkämpft

In „Rückkehr nach Reims“ betreibt Didier Eribon eine Spurensuche im provinziellen Millieu, in dem er aufgewachsen ist, und reflektiert seinen schwierigen Weg zum selbstbestimmten Leben. Ein Buch zwischen Memoiren und Gesellschaftsanalyse, das sich mit beträchtlichem Erkenntnisgewinn lesen lässt.

Was ist eigentlich mit Frankreich los? Die „Grand Nation“, einst Sehnsuchtsort deutscher Intellektueller, ist zum Sorgenkind geworden. Die Jugendkrawalle in den Banlieue, die homophoben und antifeministischen Großdemonstrationen sowie die Wahlerfolge des Front National zeichnen das Bild eines Landes, das nach rechts rückt und in dem ein von niederen Instinkten korrumpierter gesellschaftlicher Diskurs immer weiter verflacht. Doch was in Frankreich passiert, geht auch uns an – aus europäischer Perspektive, aber auch, weil die Mechanismen des französischen Rechtsrucks teilweise auf Deutschland übertragbar sind, wie die Wahlerfolge der AfD zeigen.

Didier Eribons Buch „Rückkehr nach Reims“ ist unter diesen Gesichtspunkten eine äußerst aufschlußreiche Lektüre. Eigentlich eine Reise in die Vergangenheit des Autors, der nach dem Tod des verhaßten Vaters wieder Kontakt zur Familie in der Provinz aufnimmt, funktioniert der Text gleichzeitig wie eine Analyse der letzten sechs Jahrzehnte französischer Sozialgeschichte. Ein gelungener Hybrid aus Autobiografie und Theorie, in gleicher Weise emotional einnehmend, analytisch klar und in einem literarischen Stil geschrieben.

Heute ist Didier Eribon Soziologieprofessor, seine Biografie über Michel Foucault (mit dem er befreundet war) machte ihn international bekannt, regelmässig mischt Eribon sich in die Debatten in Frankreich ein. Bis dahin war es ein weiter Weg. Eribon, 1953 geboren, wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Seine Geburtsstadt Reims, 130 km nordöstlich von Paris gelegen, bot mit ihren 180.000 Einwohner*innen einen klar abgesteckten Horizont. Industrielle Arbeit bestimmt den Alltag der meisten Menschen, auch in Eribons Familie. Für den intelligenten Jungen, der bald spürt, dass er sich sexuell zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt, gibt es hier kaum Luft zum Atmen. Seine Interessen stoßen auf Unverständnis, seine Homosexualität auf Spott und Ausgrenzung.

Wie viele Arbeiter*innen in den 1950er bis 1970er Jahren wählten Eribons Eltern die Kommunistische Partei – und pflegten dennoch rassistische und homophobe Ressentiments. Links wählen bedeutete für Eribons Familie vor allem, die eigenen Interessen vertreten zu sehen. Die Interessen anderer spielten dabei keine Rolle:

„Links zu sein, sagt Gilles Deleuze in seinem Abécédaire, das heiße, ‚eine Horizontwahrnehmung‘ zu haben (die Welt als ganze zu sehen, die Probleme der Dritten Welt wichtiger zu finden als die des eigenen Viertels). Nicht links zu sein hingegen bedeute, die Wahrnehmung auf das eigene Land, auf die eigene Straße zu verengen. Seine Definition ist der Art, in der meine Eltern links waren, diametral entgegengesetzt.“

Kein Wunder, dass seine Eltern im Laufe der 1990er Jahre, nachdem die Mitterand-Regierung unter einem sozialistischen Etikettenschwindel den Neoliberalismus nach Frankreich gebracht hatte und damit für Stellenabbau und Lohndumping sorgte, problemlos zum Front National wechselte. Ihr Stimme für den FN war ebenso Protest, wie es früher die Wahl der Kommunistischen Partei war, da beide als einzige die Probleme der Arbeiterschaft ernstzunehmen schienen bzw. scheinen. Eribon demaskiert hier auch die Denkfaulheit linker Intellektueller, die heute noch der Ansicht sind, dass früher die „einfachen Leute“ auf ihrer Seite waren. Das Problem liegt viel mehr bei einer linken Politik, die sich von den Interessen der sozial Benachteiligten verabschiedet, diesen in ihren Strukturen (Parteien) auch personell keinen Platz mehr einräumt oder ihnen mit linkem Populismus (der häufig gar nicht so links ist, siehe Sahra Wagenknecht) unreflektiert nach dem Mund zu reden versucht.

eribonDidier Eribon bleibt in dieser Analyse stets selbstkritisch. Der Weg, den er wählte – raus aus dem proletarischen Umfeld, hinein in das intellektuelle Millieu von Paris – führte auch zu einer Leugnung seiner Herkunft, die seinen neuen Freund*innen in der Großstadt wenig angenehm war. Irgendwann hatte der Autor selbst die Verbindung zu seiner Vergangenheit gekappt. Zugleich stellt Eribon glänzend dar, wie schwer der Aufstieg von „unten“ nach „oben“ ist, selbst wenn es bei ihm nicht um Reichtum, sondern um Bildung ging. Beim Nachvollziehen des hindernisreichen Weges, den Eribon durch das französische Bildungssystem nahm, wird ihm im Rückblick klar, wie häufig er an Punkte kam, an denen sein Scheitern vorprogrammiert war. Mehr als einmal geriet er an Aufnahmebedingungen und Prüfungskommissionen, die dafür sorgen sollen, dass die Kinder von Nichtakademiker*innen schön dort bleiben, wo sie gesellschaftlich herkommen. In heutiger Zeit, in der die soziale Mobilität in europäischen Ländern wieder abnimmt, kommt einem eine „Karriere“ wie die von Didier Eribon trotz aller Rückschläge schon fast märchenhaft vor. Aber Eribon weiß um das Glück, das er hatte.

Paris, das bedeutete für Didier Eribon aber nicht nur das Ankommen in einem befruchtenden intellektuellen Umfeld, sondern auch die Möglichkeit, seine Sexualität auszuleben. In Reims, wo die ganze Stadt die cruising area neben dem Theater kennt, war dies nur unter mißtrauischen Blicken und ständigen Angriffen (für Eribon meist verbal, doch für andere Schwule häufig physischer Art) möglich. Seine Familie, vor allem seine Brüder, können Eribons Schwulsein bis heute nicht akzeptieren. Trotz aller versuchten Annäherung bleibt eine Leerstelle in ihren Beziehungen.

„Rückkehr nach Reims“ ist ungemein erkenntnisfördernd mit seinen gesellschaftlichen Analysen, die in ihrer Tiefe weit über das hinausgehen, was sich in dieser Rezension wiedergeben lässt. Gleichzeitig ist dieses Buch das Zeugnis einer Selbstermächtigung, die Menschen in ähnlicher Situation eine große Inspiration sein dürfte. So war „Rückkehr nach Reims“ etwa ein wichtiger Anstoß für den jungen Schriftsteller Édouard Loise, sein Debütwerk „Das Ende von Eddy“ zu schreiben (er widmete den Text auch Didier Eribon). „Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat.“ Dieses Sartre-Zitat könnte als Geleitwort für „Rückkehr nach Reims“ gelten, als ein Credo der mündigen Gestaltung des eigenen Lebens, auch wenn die kapitalistische Gesellschaftsordnung, die Autoritäten und die eigene Herkunft uns gerne an dem Platz festhalten würden, an dem wir uns befinden.

Didier Eribon. Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. 240 Seiten, Klappenbroschur. Edition Suhrkamp 2016. 18,50 Euro.

 

 

 

Advertisements

5 Gedanken zu „Horizontwahrnehmung, selbsterkämpft

  1. Lieber Tobias,
    Deine Besprechung gefällt mir sehr gut und zeigt sehr schön, wie die Lektüre auch auf mich gewirkt hat. Gerade die Passagen, in denen Didier Eribon analysiert, wie es sein konnte, dass die Arbeiter zum Front National „übergelaufen“ sind, fand ich sehr erhellend und sehr wichtig auch für unsere deutsche Analyse und Diskussion im Zusammenhang mit der AfD.
    Viele Grüße, Claudia

    1. Liebe Claudia,
      danke, und schön, von Dir zu lesen 🙂
      Ja, die Passagen fand ich auch wichtig, deswegen kommen sie auch in der Rezension vor. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass sich das Buch in seinen vielen noch in ganz andere Bereiche führenden Gedanken gar nicht in einem so kurzen Text fassen lässt. Und dennoch ist es keine schwere Lektüre. Vielleicht das beste Buch, das ich dieses Jahr gelesen habe bisher.
      Viele Grüße, Tobias

  2. Hi Tobias, bei der Suche nach „Rückkehr nach Reims“-Rezensionen auf diese fantastische hier gestoßen, um dann festzustellen, dass der Verfasser mir das Buch geliehen hat. 🙂 Schöner Blog!
    Lass uns in Casablanca bei einem Bier unbedingt mal über dieses Buch reden! Der Text beschäftigt sehr…
    Viele Grüße, Sara

  3. das „IN Casablanca“ war natürlich ein Tippfehler, aber eigentlich auch eine ganz nette Vorstellung…Tripadvisor empfiehlt z.B. die Bar du Titan und dank der wundervollen Google-Übersetzungen bin ich auch voll und ganz überzeugt: „Ich empfehle Ihnen diese Bar für die großartige Musik (Blues, Rock), – billige Biere und nette Tapas. Es ist für diejenigen, die gerne Musik mit einer schön kalt wie Bier.“ 🙂
    https://www.tripadvisor.de/Restaurant_Review-g293732-d6757863-Reviews-Bar_du_Titan-Casablanca_Grand_Casablanca_Region.html

    1. Hallo Sara,
      schön, dass Du diesen Artikel und meinen Blog hier gefunden hast 🙂 Ich kann sehr gut verstehen, dass Dich das Buch gepackt hat, Monate später muss ich immer wieder darüber nachdenken. Ob für Eribon ein Abend mit nur einer (!) Bier ausreicht? Vielleicht sogar in Casablanca, da müsste ich dann nur meine Einstellung zum Blues nochmal überprüfen 😉 Liebe Grüße, Tobi

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s