Kosmopolit hinter den Plattentellern

Jace Clayton sorgte als DJ /Rupture für die innovativsten DJ-Mixe der Welt, nun hat der Blogger und Autor eines der besten Musikbücher der letzten Jahre geschrieben. „Uproot – Travels in 21st-Century Music And Digital Culture“ findet mit Neugier und Weitblick optimistische Perspektiven für eine globale Musikkultur.

Die Welt der Popmusik scheint momentan auf den ersten Blick keine besonders glückliche zu sein. Alte Held*innen liefern schwache Comebacks ab oder sterben gleich weg, Schlager und Retrorock feiern Erfolge, alle singen auf deutsch oder gleich wieder in Mundart und dann noch dieser Boom der Coverbands…. Blickt man auf den Mainstream,wirkt dieser angestaubt und ganz schön spießig. Und über allem stimmt die Musikindustrie das Klagelied an, man könne in Zeiten der Digitalisierung mit Musik eh kein Geld mehr verdienen.

Fast möchte man das Interesse an (in Ermangelung eines besseren Begriffs) „Pop“ verlieren, wenn es nicht reichlich Musik gäbe, die abseits dieses Jammertals existiert. Und ein Buch wie „Uproot – Travels in 21st-Century Music And Digital Culture“ von Jace Clayton, das Lust macht, diese Musik zu entdecken.

Jace Clayton wurde vor gut 15 Jahren schlagartig bekannt, als er begann, unter dem Namen DJ /Rupture Mixtapes ins Internet zu stellen. Diese mit drei Plattenspielern eingespielten Mixe, die virtuos HipHop, Breakcore, arabische oder afrikanische Musik, R&B aus den Charts sowie elektronische Experimente zusammenbrachten und gleichzeitig dekonstruierten, verbreiteten sich weltweit. Innerhalb kürzester Zeit wurde er zum jclaytonvielgebuchten DJ, der alle Kontinente bereiste und bald auch seine eigene Musik produzierte. Der in Boston aufgewachsene Clayton wurde mit seiner Site negrophonic.com zum einflussreichen Blogger, lebte für einige Jahre in Madrid und Barcelona, bevor er in die Staaten zurückkehrte, beim legendären Radiosender WFMU jahrelang eine wöchentliche Sendung gestaltete und den „Mudd Up! Book Clubb“ gründete. Ein Kosmopolit hinter den Plattentellern also. Inzwischen schreibt Jace Clayton regelmäßig für englischsprachige Publikationen wie den New Yorker, die Washington Post oder n+1 und erdachte die für Musiksoftwares programmierten Sufi-Plugins.

Jace Clayton ist noch lange kein Star, das US-Popbusiness mit seinen Sternchen und Hits ist ihm dennoch nicht fremd. In „Uproot“ schreibt er über die Marketingstrategien von Beyoncé, Kanye West oder Jay-Z, aber auch über Whitney Houstons „I Will Always Love You“, immer aber mit einer gewissen Distanz und unter ungewöhnlichen Vorzeichen. Hauptantriebskraft ist für ihn eine schier unstillbare Neugier auf ungehörte Musik, fündig wird er jedoch eher selten im selbsternannten anglophonen Zentrum der Popwelt. Stattdessen reist er beispielsweise nach Marokko, um sich dort von Berber-Musiker*innen erklären zu lassen, warum gerade in ihrer recht orthodoxen Musik die Gesangs-Software Auto-Tune (bekannt und berüchtigt geworden durch Chers Hit „Believe“) einen solch flächendeckenden Siegeszug antreten konnte. In Monterrey besucht Clayton sogenannte Tribal-Parties, bei denen tausende Teenager zu einer Form von House Music tanzen, die außerhalb Mexikos kaum bekannt ist. Auf westafrikanischen Straßenmärkten beobachtet er, wie die aktuellsten Hits per Bluetooth von Telefon zu Telefon wandern und in Kairo trifft er auf die wichtigsten Protagonisten des Mahraganat, auch Festival genannt, einer elektronischen Musik, die bei riesigen Hochzeitsfeiern ihren Ursprung nahm.

Claytons Betrachtungen und Nachforschungen sind stets respektvoll und auf eine angenehm unversnobbte Weise philosophisch, aber auch voller Selbstironie. Schließlich gibt es nicht wenige selbsterklärte Botschafter*innen einer angeblichen „Weltmusik“, die seit den 1980er Jahren dafür sorgen, dass ein verwässerter Ethno-Sound als Lifestyle-Musikuntermalung zu uns in die westliche Welt gespült wird. Jace Clayton sieht sich in starker Abgrenzung zu den Peter Gabriels und David Byrnes dieser Welt: „World Music“ entlarvt er als einen von der Industrie geschaffenen Schubladenbegriff, um non-anglophone Musik besser vermarkten zu können. Stattdessen geht es dem Autor darum, ein Bewusstsein für die real existierenden, sehr inspirierenden, manchmal schier unglaublichen Querverbindungen und Veränderungen zu schaffen, für welche Globalisierung und Digitalisierung in einer weltweiten Musikkultur gesorgt haben. So, wie dem jugendlichen Jace Clayton eine wie aus dem Nichts auftauchende Kassette der japanischen Noiseband The Hanatarash Ende der 1980er Jahre neue Hörwelten erschloss, finden unterschiedliche Musiken ständig irgendwo auf der Welt einen ungeahnten Resonanzraum jenseits von Kommerz und Konformität.

Begeisterungsfähig ist Jace Clayton fast immer, aber er ist nicht naiv. Durch Innovationen wie die MP3-Komprimierung oder Youtube-Videos hat der Austausch und die gegenseitige Befruchtung, aber auch die Jagd nach Trends an Rasanz zugenommen. Damit einher geht der Verfall klassischer Wege, wie sich mit Musik Geld verdienen lässt. Clayton blendet bei allem Optimismus, der sein Buch so erfrischend macht, diese materialistischen Fragen uproot-book-3d-cropnicht aus, denn: auch Musiker*innen müssen morgens frühstücken und brauchen ein Dach über dem Kopf. Äußerst differenziert betrachtet er das perfekte System, mit dem inzwischen Brandingprojekte wie die Red Bull Music Academy einerseits interessante Musik finanziell fördern, andererseits neben ihrem Firmenlogo keine anderen Inhalte mehr sichtbar werden lassen. Claytons Exkurs zur Washingtoner Band Fugazi, die mit ihrem Label Dischord seit fast dreißig Jahren für faire Deals und bezahlbare Konzertticketpreise steht, und gleichzeitig bei vollkommener kreativer Selbstkontrolle ein weltweites Publikum erreichen konnte, mag in diesem Zusammenhang anachronistisch wirken. Auf den zweiten Blick aber offenbart sich, woran es manchen Musiker*innen momentan fehlt: am Willen, die eigene Kunst dauerhaft zu selbst bestimmten Regeln an die Frau bzw. den Mann zu bringen. Was natürlich mehr Mühe macht wie das Unterzeichnen eines Sponsoringvertrags.

Mit seinem Weitblick, seiner Neugier und seinem kritischen Ansatz (auch gegenüber seiner eigenen Rolle als DJ und Autor) hat Jace Clayton eines der interessantesten und besten Musikbücher der letzten Jahre geschrieben. Dort, wo andere so gerne in Nostalgie verfallen, bleibt Clayton ganz im Jetzt und wagt viele Ausblicke in die Zukunft. Und bei aller persönlichen Einfärbung sowie mancher autobiografischen Einflechtung umgeht er auch die Falle des trolligen DJ-Anekdotenbüchleins, das seit einigen Jahren Konjunktur hat.

Aber was hat das ganze nochmal mit Whitney Houston zu tun? Deren Vibrato im Gesang zu Beginn von „I Will Always Love You“ dient Jace Clayton dazu, die Querverbindungen ganz einfach anschaulich zu machen. Melisma nennt sich die spezielle Art, mit der Houston die ersten Verse intoniert, eine Gesangstechnik, die religionsübergreifend in asiatischen, arabischen und afrikanischen Kulturen verwurzelt ist und über den Gospel afrikanischer Sklav*innen in die USA kam, um durch einen Welthit wieder zurückzukehren in diese Teile der Welt. Die Software Auto-Tune hasst allerdings melisma – sie kann diese Art des Vibrato nicht digital verarbeiten.

Jace Clayton. Uproot – Travels in 21st-Century Music And Digital Culture. Englische Originalausgabe. 274 Seiten, broschiert. Verlag Farrar, Straus and Giroux 2016. ca. 16,- Euro.

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