Das Rammeln und das Raunen

Gerhard Falkner erzählt in seinem Roman „Apollokalypse“ vom wilden Berlin der 1980er und 1990er Jahre. Ein Buch, dessen Herz unterhalb der Gürtellinie schlägt.

Nachgeborene haben’s schwer. Ständig wird ihnen erklärt, dass ja früher alles viel spannender, cooler, schöner, authentischer oder wenigstens billiger war. Das Bier für zwei Mark fünfzig, Alter! Und die Musik war auch besser damals! Besonders schwer haben es die Nachgeborenen natürlich in Berlin, denn nirgendwo war es einmal cooler als hier. Heute dagegen? Heute haben Hipster und Kinderwagenmütter die Stadt unter sich aufgeteilt, die letzten zerknitterten Ecken werden glattgebügelt und kein David Bowie wandelt mehr durch die Straßen Charlottenburgs. Echt traurig!

Berlin lebt von diesen Mythen, vom Hauch des großen Weltgeschehens, den manche hier zu spüren vermeinen – anders als in Bielefeld, Pforzheim oder Chemnitz. Auch der Schriftsteller Gerhard Falkner zog nach Berlin, weg aus der fränkischen Provinz. Natürlich schon damals, als es richtig cool war und Kreuzberg noch „ein Süppchen“ kochte, „von dem sich heute weder der Kessel, noch auch nur Spuren des Gebräus wiederfinden.“ So beschreibt es Falkner in seinem Berlin-Buch „Apollokalypse“, seinem ersten Roman, ein spätes Debüt.

Ein literarischer Unbekannter ist Gerhard Falkner keineswegs. Mit beständiger Energie und stetem Innovationswillen hat er seit Anfang der 1980er Jahre die deutsche Lyriklandschaft umgepflügt, hat die Postmoderne durchexerziert, Hölderlin wiederentdeckt und in seinen „Pergamon Poems“ Antike und digitale Jetztzeit kurzgeschlossen. Falkner ist kein Star, sondern ein „poet’s poet“, dessen gründlich durchdachte und ständig nach vorne strebende Arbeiten vor allem die zu schätzen wissen, die sich intensiv mit der Materie auseinandersetzen. Nun also ein Roman, an dem Gerhard Falkner schon lange arbeitete, angeblich jahrzehntelang. Vor zwei Jahren wollte er dazu noch nichts verraten, „sonst geht’s vielleicht daneben“. Aberglaube.

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Gerhard Falkner (Foto: Alexander Paul Englert)

Schon im Titel zeigt Falkner seine Vorliebe für die griechische Mythologie. „Apollokalypse“ – Apollo und Kalypso, Schönheit und Verführung also. Zwischen diesen Polen ist Falkners Erzähler hin- und hergerissen, die Apokalypse bleibt ebenfalls nicht aus, oder zumindest ein Apokalypslein. Georg Autenrieth heißt der, der hier zu uns spricht, höchst gebildet, aber eine gespaltene Persönlichkeit und damit als Erzähler äußerst unzuverlässig. Sein Familienname ist einerseits psychiatrisch vorbelastet, andererseits im fränkischen Raum nicht gerade selten, und wie seinen Erfinder zieht es G. E. von Nürnberg nach Berlin. Zwischenstationen: München, New York, die Fränkische Schweiz.

Georg Autenrieth ist nicht alleine, seine besten Freunde heißen Harald Büttner und Dirk Pruy, der eine Künstler, der andere von Beruf Sohn. Zusammen machen sie die Stadt unsicher, die meist noch geteilt ist, denn obwohl die Zeitebenen ständig verwischen, spielt die Handlung grob zwischen dem Ende der 1970er und dem Beginn der 1990er Jahre. Berlin ist in „Apollokalypse“ die Stadt von Exzess und Selbstverschwendung, trist, kaputt und gerade deswegen von geradezu erotischer Anziehungskraft. Die drei Freunde tauchen ein, werden eingetaucht, verlieren sich, scheitern, sterben, überleben. Davon erzählt Falkner in einem sprachgewaltigen Fluss der Metaphern und bildreichen Beschreibungen mit einer derben Lebendigkeit, die man dem eleganten Poeten fast nicht zugetraut hätte.

Das Kraftzentrum des wilden Berlins von damals macht Gerhard Falkner eindeutig unterhalb der Gürtellinie aus. Und hier wird es problematisch, weil der Roman durch den Phallozentrismus, den Falkners urbane Unterleibsdiagnose mit sich bringt, in eine apollokalypse.jpgaltbackene, triebgesteuerte Männerprosa abzudriften droht. Die allezeit willigen Frauen, die es nur richtig besorgt haben möchten – waren wir nicht froh, die im Laufe der Neunziger aus den Schriftstellerhirnen verschwinden zu sehen? Natürlich ist Falkner mit allen Wassern der Postmoderne gewaschen und dekonstruiert sein Männertrio erstmal als gescheiterte Existenzen mit psychischem Knacks, um sich dennoch seitenlang in Rammeleien und teilweise peinlichen Sexszenenanhäufungen zu ergehen. Da hilft es wenig, wenn er im Laufe des Romans dessen „Gemachtheit“ als Roman kurz aufblitzen lässt und Rilke zu seiner Verteidigung zitiert: Es kommt Langeweile auf, aber vielleicht auch die Erkenntnis, dass trotz aller Wildheit von damals das heterogen-queere Pop-Feminismus-Berlin von heute einen echten Fortschritt bedeutet.

Das Mythenspiel, zu dem der Roman im Verlauf immer mehr wird, treibt bunte Blüten. Georg Autenrieth wird nach einer Episode als unsichtbarer „Glasmann“ zum Geliebten einer Agentin und schließlich zum Mithelfer der RAF. Hier wird es immer nebulöser und fragmentarischer, aber Falkner vollbringt es auch, diesem gewissen Raunen, das diese deutschen Mythen des späten 20. Jahrhunderts begleitet, literarisch gerecht zu werden. Sein Erzähler verliert sich währendessen in der großen Stadt, konsultiert zwischendurch einen Psychiater, löst sich dennoch immer weiter auf. Wie die Stadt, in der er lebt(e), von der in der Gegenwart nur noch wenig übrig ist.

„Apollokalypse“ ist gespickt mit Querverweisen, Anspielungen und Zitaten. Neben einem (pop-)kulturellen Namedropping sind auch viele Figuren mit anspielungsreichen Namen ausgestattet. Diese zu dechiffrieren ist nicht nötig, um den Roman geniessen zu können. Seine atmosphärische Kraft bezieht er zweifelsohne aus den genauen Beschreibungen. Das präzise Sprachkunsthandwerk Falkners zeigt sich beispielsweise, wenn er über die Industrialszene schreibt: „Man bevorzugte das harte Licht, die scharfe Kante, Begegnungen ohne Ornament.“ Diese genialen Miniaturen gelingen vor allem, wenn der Autor einen gewissen Abstand zum beschriebenen Objekt hat oder sich aus seinem poetischen Fundus bedienen kann, etwa in den Landschaftsbeschreibungen. Letzten Endes ist es vielleicht die häufig fehlende Distanz zu Zeit und Kontext, die „Apollokalypse“ zu einem sprachlich mächtig beeindruckenden, aber auf seltsame Weise aus der Zeit gefallenen Roman macht. Als Nachgeborener jedenfalls klappt man das Buch zu und kann sich dem Gedanken nicht erwehren: gar nicht so schlecht, heute zu leben – ob in Berlin oder anderswo.

Gerhard Falkner. Apollokalypse. Roman. 432 Seiten, gebunden. Berlin Verlag 2016. 22,- €.

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