afrika:diaspora 1 /// Fiston Mwanza Mujila – Tram 83

Das „Tram 83“ ist ein Nachtclub in einer fiktiven afrikanischen Großstadt. Hier lässt Fiston Mwanza Mujila Künstler, Gauner und Touristen aufeinandertreffen. Doch die eigentliche Attraktion des Romans ist seine von der Energie des Jazz inspirierte Sprache.

afrika-diaspora-logo-libroscopeMusik als Ideengeber für die Literatur hat eine lange Geschichte. Thomas Mann ließ sich für die Struktur des „Doktor Faustus“ von Arnold Schönbergs Zwölftonmusik inspirieren, Jack Kerouac und andere Beat Poets wurden vom Be-Bop beflügelt, selbst eine Cornelia Funke gibt an, dass klassische Musik ihr Werk beeinflusse. Was auch immer LiteratInnen über ihr Verhältnis zur Musik behaupten, es mag in manchen Fällen tatsächlich beim Lesen spürbar sein, häufig scheint es aber weit hergeholt. Im Falle von Fiston Mwanza Mujilas Roman „Tram 83“ aber ist schon ab Seite 1 klar, dass diese Literatur einem ganz eigenen Taktgeber folgt.

Laut dem Klappentext soll niemand anderes als John Coltrane Pate gestanden haben für „Tram 83“. Wenn man sich im Oeuvre Coltranes etwas auskennt, waren es wohl eher Werke wie „Meditations“ oder „Ascension“ als „A Love Supreme“ oder „Blue Train“. Jedenfalls konfrontiert uns Fiston Mwanza Mujila zu Beginn mit einer wahren Kakophonie von Worten, Sätzen und Phrasen. Es entstehen Wortkaskaden wie Riffs, die sich in abgewandelter Form fortpflanzen, loopen, plötzlich wieder auftauchen. Gewollte Wiederholungen verbinden die Kapitel, strukturieren dadurch den Erzählfluss. Nur langsam findet man sich zurecht, kann sich auf diesen stark rhythmischen Text einlassen, erkennt, dass es immer wieder die gleichen Personen sind, die einem begegnen, während im Hintergrund das Leben in seinen seltsamsten Ausformungen vorbeizieht.

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Fiston Mwanza Mujila

Kulisse des Romans ist der Club „Tram 83“, Dreh- und Angelpunkt des Nachtlebens in der heruntergekommenen Großstadt Stadtland, irgendwo in Afrika. Hier treffen sich Künstler, Glücksritter, Minenarbeiter, Touristen (echte und „gewinnorientierte“ Touristen, ergo ausländische Investoren), Prostituierte und Gauner. Zu ihnen gehören der Schriftsteller Lucien, der lange außerhalb Stadtlands gelebt hat und gerade in die Metropole zurückgekehrt ist, und sein bester Freund Requiem, Überlebenskünstler und Drahtzieher bei allerlei krummen Geschäften. Hier diskutieren sie, treffen Geschäftspartner und Auftraggeber, buhlen um Frauen, streiten sich und vertragen sich wieder, während unglaubliche musikalische Attraktionen die Bühne des „Tram 83“ entern, dem Alkohol gehuldigt wird und in den „gemischten Sanitäranlagen“ sexuelle Ausschweifungen stattfinden. Wiederkehrende Auftritte haben die „Kellnerinnen und Aushilfskellnerinnen“, die nicht ohne ein standesgemäßes Trinkgeld wieder abziehen, Luciens Verleger Ferdinand, für den der Dichter sein neuestes Stück immer wieder umschreibt, und die „Küken und Single-Mamis“, die zum Anschaffen im „Tram 83“ unterwegs sind. Zwischendurch fällt in regelmäßigen Abständen im ganzen Viertel der Strom aus.

Der Ton des Romans springt mit zahlreichen elliptischen Brüchen ständig zwischen expressionistischer Poesie und stark rhythmisierten Aufzählungen, zwischen plötzlich eingeschobenen Mini-Dialogen und lyrisch dahinfließenden Passagen hin und her. Wie tram83coversoll sich das lesen lassen? Der Schlüssel dazu ist Fiston Mwanza Mujilas Vortragsstil. Hat man einmal gehört, wie er in einem zwischen hohem Ton und predigerhaftem Stakkato mäandernden Fluss seine Texte liest, seine Stimme dabei immer wieder ins fast hysterische Lachen kippend, erschließt sich „Tram 83“ auf eine ganz andere Art und Weise. Mujila, der in der Demokratischen Republik Kongo aufwuchs, inzwischen in Graz lebt und auf Französisch schreibt, unterrichtet auch afrikanische Literatur. Sein Stil scheint die traditionellen Geschichten der Griots und die expressionistische Lyrik europäischer Prägung miteinander zu versöhnen. Folklore hat er allerdings nicht im Angebot, denn „Tram 83“ ist zwar bis in Faserspitzen des Papiers, auf dem es gedruckt wurde, mystisch aufgeladen, dabei aber urban und ganz 21. Jahrhundert. Der Nachtclub wird zum Spiegel der kongolesischen Gesellschaft, in der politisches Chaos, kapitalistische Selbstbereicherung und die Kräfte von Verführung und Gewalt den Ton angeben. Der Schriftsteller Lucien, der gegen die Verhältnisse im Club ankämpft, könnte als Mujilas Alte Ego verstanden werden.

Doch „Tram 83“ ist mit Sicherheit kein leicht zugängliches Buch. Haben wir es hier mit einem originär „afrikanischen“ Ansatz des Erzählens zu tun? Dafür gibt es wenige Anzeichen, denn auch im Vergleich zu traditionellen afrikanischen Narrativen oder den modernen Klassikern wie Chinua Achebe oder Wole Soyinka fällt Fiston Mwanza Mujila deutlich aus dem Rahmen. Hier ist vielmehr ein Einzelgänger am Werk, der seine vor Ideen übersprudelnde Hybrid-Prosa aus allerlei Quellen speist – und dabei auch nach seinen eigenen Regeln spielt, was nicht unproblematisch ist. So ist etwa der Umgang mit dem Thema Prostitution in „Tram 83“ allzu leichtfertig. Doch zum Schluss noch einmal zurück zu John Coltrane. Würde die Musik des großen Jazzsaxofonisten so klingen, wäre sie in Literatur übertragen worden? Nein, wahrscheinlich nicht. Fiston Mwanza Mujila lässt dafür zu sehr den Unterleib sprechen, die spirituellen und „kosmischen“ Aspekte in Coltranes Musik finden hingegen wenig Widerhall. Dies soll aber keinesfalls bedeuten, dass man sich dem treibenden Beat von „Tram 83“ leicht entziehen könnte. Ganz im Gegenteil.

Fiston Mwanza Mujila. Tram 83. Roman. Aus dem Französischen von Katharina Meyer und Lena Müller. 208 Seiten, gebunden. Paul Zsolnay Verlag 2016. 20,- €.

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4 Gedanken zu „afrika:diaspora 1 /// Fiston Mwanza Mujila – Tram 83

  1. Schöner Zufall; ich tippe auch gerade daran – Thema „Literatur, aber als Musik“, oder anders herum? Jedenfalls hat’s mir ausgesprochen gut gefallen. Ein Buch wie ein saftiges, stark gewürztes Hundekotelett. Lieben Gruß, Sonja

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