afrika:diaspora 2 /// Afropolitan oder nicht afropolitan?

Mit ihrem Konzept der Afropolitans und einer zugehörigen Literatur sorgte die Schriftstellerin Taiye Selasi für zahlreiche Diskussionen. Nun nimmt sich das Magazin iz3w in einer Themenausgabe dieser Idee an und lässt auch kritische Stimmen zu Wort kommen.

afrika-diaspora-logo-libroscopeEs ist fraglich, ob die Schriftstellerin Taiye Selasi im Jahr 2005 ahnte, dass sich zehn Jahre später Menschen weltweit mit dem von ihr eingeführten Begriff „afropolitan“ definieren würden. Selasis Aufsatz „Bye-Bye Babar“ erschien im LIP Magazine und führte diesen Begriff ein, eine Bezeichnung für eine neue Generation mit afrikanischen Wurzeln, die sich aber in der ganzen Welt zu Hause fühlt. Eine „intellektuelle, urbane Avantgarde“, jenseits der Stereotypen über afrikanische Auswanderer*innen. Inzwischen hat ihre Idee Karriere gemacht. Mit der Veröffentlichung von Selasis Debütroman „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ (Originaltitel: „Ghana Must Go“) und der medialen Aufmerksamkeit, die die Autorin dadurch erfuhr, wurde der Begriff afropolitan virulent. Auch im Titel oder Untertitel der Artikelserie „afrika:diaspora“ hätte er auftauchen können, wie zuvor in einem Libroscope-Blogbeitrag über die Autorin und diesjährige Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo.

Nun hat sich das durchgehend lesenswerte Magazin iz3w der afropolitanen Literatur angenommen. Die Zeitschrift, die vom Informationszentrum 3. Welt in Freiburg herausgegeben wird, fällt seit Jahren durch eine kluge, kritische und die klassischen Zuschreibungen hinterfragende Auseinandersetzung mit politischen und kulturellen Themen auf und berichtet aus Lateinamerika, Asien und Afrika. Nun also ein Literaturschwerpunkt zum Hype, den Taiye Selasi vor Jahren auslöste. Und wie es sich für iz3w gehört, wird die Kritik daran gleich mitgeliefert.

Afropolitan als Konzept ist der Versuch, die Klischees über Menschen afrikanischer Herkunft aus den Angeln zu heben, dem Bild von Armut, Bildungsferne und Krieg eine coole Identifikationsmöglichkeit für das 21. Jahrhundert entgegenzusetzen. Es setzt auf Komplexität statt Vereinfachung und will globale und lokale Einflüsse zusammenbringen. Taiye Selasi selbst verteidigt in einem Text in der jüngst erschienenen Anthologie „In Search Of Afropolitan“ ihre Thesen. Ihr ginge es nicht darum, „Kategorien für einen kreativen Output zu schaffen“. Auch, dass das Label inzwischen für die Young Urban Professionals afrikanischer Herkunft herhalten müsse, die es natürlich weltweit gibt, war nicht ihre Absicht. Selasi untermauert ihr Motiv, durch „das Aussprechen von Wahrheit Räume zu schaffen.“ Denn die Afropolitans gäbe es nun mal, und Selasi wollte auch sagen: „Schau, Du gehörst dazu!“ So, wie sie auch zu sich selbst sagen wollte: „Du bist nicht allein!“

Unterstützung erfuhr Selasi durch den postkolonialen Theoretiker Achille Mbembe, der die Idee den inzwischen veralteten Konzepten wie Panafrikanismus oder Négritude vorzieht, da in den Afropolitans die diasporischen und mobilen Momente einer afrikanischen Realität viel stärker zum Ausdruck kämen: „Die Kulturgeschichte des Kontinents ist ohne das Paradigma des Herumziehens, der Mobilität und der Ortsveränderung kaum zu verstehen.“ Bei den „Weltafrikanern“ sieht er einen geschärften Blick auf Identität, der die Opfermentalität der Kolonialzeit ablehne. Hier gibt es Verbindungen zum Konzept des „Black Atlantic“ des Literaturwissenschaftlers Paul Gilroy, der bereits 1993 den Abschied von nationalen Zuschreibungen einforderte und stattdessen den Atlantik als symbolischen Ort der Migration (Sklavenschiffe früher, Studienaufenthalte heute) und Re-Migration (Rückkehr nach Afrika) ins Zentrum rückte. Doch Gilroy kann afropolitan als Idee wenig abgewinnen, da er darin nur ein Marketing- und Lifestylekonzept entdecken kann.

iz3w_coverGilroy ist mit seiner Kritik nicht alleine. So lehnt die Medienwissenschaftlerin Marta Tveit das afropolitane Konzept vehement ab, da es einschränkend sei, u. a. in seinem Rückbezug auf Afrika, und nicht ihrer Lebensrealität entspreche: „In mir schlagen keine Trommeln. Das Land meiner Mutter ruft mich nicht nach Hause.“ Auch die erfolgreiche nigerianisch-amerikanische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie sieht den Begriff in einem vielbeachteten Vortrag kritisch, weil er von vielen Erzählungen hin zu nur einer Erzählung führen würde, und das wäre genau das, was afrikanische Literatur oder Kultur nicht gebrauchen könne. Andere, wie eine Diskussionsrunde im New Inquiry, stellen gleich den Begriff einer afrikanischen Literatur in Frage. Und sie haben nicht unrecht, denn wie würden wir uns fühlen, wenn z. B. ein Chinese einfach von europäischer Literatur sprechen würde? Letzten Endes kann afropolitan auch zum Menetekel für die Literatur werden. Wie in der Musik das von den Plattenfirmen geschaffene Label „Weltmusik“ für eine weichgespülte, dem westlichen Geschmack angepasste Musik steht, erwartet auch ein Lesepublikum bei uns Literatur, in der es das Bekannte entdecken möchte. Greifen deshalb so viele gern zu den Büchern der Afropolitans?

Die afropolitane Ausgabe des Magazins iz3w denkt diese Kritik mit, stellt in separaten Artikeln Fragen nach Prekariat und Lifestyle hinter dem Begriff, portraitiert die Kwani-Literaturszene Kenias und entdeckt in den Romanen von Taiye Selasi, Teju Cole und Chimamanda Ngozi Adichie Figuren, die gar nicht so neu sind: Afrikaner*innen, die im Ausland lebten und nun zurückkehren gab es schon bei Richard Wright, Chinua Achebe oder Aimé Césaire. Auch dadurch wird dieses Heft zur uneingeschränkten Leseempfehlung.

iz3w. Ausgabe 357 | Afropolitan. November/Dezember 2016. 5,30 Euro. U. a. im Bahnhofsbuchhandel erhältlich oder digital beim Verlag. Website: www.iz3w.org

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