afrika:diaspora 3 /// James Baldwin – Eine andere Welt

James Baldwins Roman zeigt eine Clique von Frauen und Männern im New York der 1950er Jahre im Schatten von Rassismus, Homophobie und einem konservativen sozialen Klima. Obwohl bereits 1962 erschienen, hat dieser Klassiker der afroamerikanischen Literatur nichts an Brisanz verloren.

afrika-diaspora-logo-libroscopeRufus Scott ist Schlagzeuger in einer Jazzband. Aufgewachsen im New Yorker Stadtteil Harlem, ist er nun Teil der Künstlerbohème in Greenwich Village. Seine Abende verbringt er in den Clubs auf oder vor der Bühne, er greift gern zur Flasche, stürzt immer wieder ab und wird von seinem besten Freund, dem erfolglosen Schriftsteller Vivaldo, aufgefangen. Eines Abends lernt Rufus Leona kennen. Die Frau aus den Südstaaten lebt erst seit Kurzem in New York und verfällt dem rauen Charme Rufus‘. Leona ist weiß, Rufus ist Afroamerikaner, was für die beiden erstmal keine Rolle spielt. Erst als aus der Affäre eine Beziehung wird, entstehen Probleme: Vorurteile dringen von außen auf das Paar ein, Leona erkennt den quälenden Selbsthass, der Rufus immer häufiger in psychische Abgründe fallen lässt. Es kommt zu häuslicher Gewalt, Rufus vergeht sich an Leona, was diese bald nicht mehr erträgt. Sie wird in eine psychiatrische Klinik eingewiesen und von ihrer Familie heimgeholt. Rufus verwindet die Trennung nicht und springt von der George Washington Bridge.

Ein Romananfang wie ein Paukenschlag: Der erste Teil des ersten Kapitels von „Eine andere Welt“ ist das intensive Psychogramm eines zerrissenen Menschen auf 80 Seiten, vollgepackt mit Leben, Leid und Lügen. Rufus‘ Schicksal ist emblematisch für eine Zeit, in der selbst in einer weltoffenen Stadt wie New York der Rassismus vorherrschte. Seine Entscheidung zum Selbstmord wird schließlich zur Feuerprobe für seinen Freundeskreis. Wieso konnte er nicht mehr weiterleben? Rufus‘ engster Freund Vivaldo, das befreundete Paar Cass und Richard – er ein erfolgreicher Schriftsteller, sie Mutter von zwei Kindern – sowie der frisch aus Europa zurückgekehrte Schauspieler Eric und Rufus‘ Schwester Ida, die Jazzsängerin ist, rätseln, reflektieren und trauern.

james_baldwin_allan_warren
James Baldwin (1924 – 1987)

Gleichzeitig beginnt mit Rufus‘ Tod eine Reihe von persönlichen Verquickungen und Auseinandersetzungen zwischen den Mitgliedern der Clique. Cass beginnt eine Affäre mit Eric, der sich aber eigentlich zu Männern hingezogen fühlt und einst mit Rufus liiert war. Vivaldo verliebt sich in Ida, die sich ihrerseits von einem Fernsehproduzenten den Hof machen lässt, was Vivaldo schließlich auch in die Arme Erics treibt, dessen große Liebe, der junge Franzose Yves, immer mehr in den Hintergrund rückt. Es dürfte kein Zufall sein, dass James Baldwin seinem Roman ein Zitat von Henry James voranstellte, denn das immer dichter werdende Geflecht, das sich zwischen den fünf Freundinnen und Freunden sowie einigen Randfiguren entwickelt, hätte auch ein Entwurf vom Meister des psychologischen Gesellschaftsromans des 19. Jahrhunderts sein können.

So klassisch die Struktur von „Eine andere Welt“ anmutet, so modern sind die Themen dieses Romans. Tatsächlich wirkt Baldwins Text heute so zeitgemäß, dass man sich immer wieder in Erinnerung rufen muss, es hier mit Geschehnissen in den späten 1950er Jahren zu tun zu haben. Denn die drei großen Themen, die James Baldwin mit diesem Roman bearbeitet, sind Rasse, Klasse und sexuelle Orientierung. Und die haben nichts von ihrer Relevanz eingebüßt.

Als zentrales Motiv zieht sich die Scham durch diesen Text. Scham empfindet Rufus für seine Herkunft, seine Hautfarbe und weil er Frauen wie Männer begehrt. Scham empfindet auch Cass, die mit Eric ins Bett geht, während ihr Mann Richard hart an seiner Karriere arbeitet und zwei Kinder zu Hause auf sie warten. Und auch Eric ist von Scham erfüllt, hatte er doch Yves die Liebe geschworen und gerät in New York in einen emotionalen Strudel, der ihn an dieser Liebe zweifeln lässt. Vivaldo schließlich schämt sich für seine Herkunft aus einfachen Kreisen und sein Unvermögen, ein Künstlerleben zu führen. James Baldwin erzählt diese Lebensstränge ohne sprachliche Tabus, weshalb ihm bei Erscheinen des Romans der Ruf eines Skandalautors anhing. Viel wichtiger ist jedoch, wie er erkennen lässt, dass es kleine Verletzungen, aber vor allem die gesellschaftlichen Konventionen sind, die Scham und Leid auslösen. Über seine Romanfiguren richtet er nicht, sie sind Menschen, die an den Zuschreibungen von außen zerbrechen, scheitern, sich reiben, aber auch wachsen. Die Fülle an fein justierten Perspektiven auf diese Versuche, mit den sozialen Konventionen umzugehen, ist einer der Reichtümer dieses Romans.

Natürlich will Baldwin diesen ständigen Kampf nicht nur darstellen, „Eine andere Welt“ hat eine klare Intention, ist aber diskursiv angelegt. Baldwin war entschiedener Gegner des in der US-Gesellschaft virulenten Rassismus und kämpfte für die Gleichberechtigung homo- und bisexueller Menschen, sein umfangreiches Essaywerk ist schwerpunktmäßig eine_andere_weltdiesen Themen gewidmet. Sein Verhältnis zur Bürgerbewegung der 1960er Jahre war dennoch nicht unkompliziert. Viele Jahre verbrachte James Baldwin im selbstgewählten französischen Exil. Obwohl er später auf Veranstaltungen des Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) sprach und mit Martin Luther King befreundet war, bezeichnete er sich selbst nie als einen Bürgerrechtsaktivisten. Ideologisch stand der von den Medien hofierte Schriftsteller sowieso in vielen Punkten dem radikalen Malcolm X näher. Die Abneigung, sich vor den Karren einer Bewegung spannen zu lassen, manifestiert sich in Baldwins Werk und „Eine andere Welt“ macht hier keine Ausnahme. Als würde der Roman sagen: zu komplex sind die Zusammenhänge, simple Antworten gibt es nicht.

Mit dieser Attitüde strahlt Baldwins Roman natürlich auch in unsere Gegenwart, in der die einfachen Lösungen rechter Populist*innen Konjunktur haben – auch, aber nicht nur in den USA. Tatsächlich scheinen die Themen, von denen „Eine andere Welt“ durchdrungen ist, nichts von ihrer Brisanz verloren zu haben. Rassistische Polizeigewalt ist in den USA weiterhin an der Tagesordnung, die Quote afroamerikanischer Männer, die in Gefängnissen einsitzen, ist unverändert hoch, die Hetze gegen LGBTI-Menschen immer noch mehrheitsfähig. James Baldwin starb 1987. Mit seiner Literatur, die keine Angst vor gesellschaftlichen Tabus und erzählerischer Komplexität zeigte, ist er neben Toni Morrison einer der großen Wegbereiter für eine junge afroamerikanische Literatur. „Eine andere Welt“ zeigt, dass es gerade heute ungemein gewinnbringend sein kann, ihn nicht nur auf dem Sockel, auf den er gehoben wurde, zu verehren, sondern auch zu lesen.

James Baldwin. Eine andere Welt. Roman. Aus dem Englischen von Hans Wollschläger. 380 Seiten. Taschenbuch. Rowohlt/rororo 1965/1991. Nur antiquarisch erhältlich.

Advertisements

2 Gedanken zu „afrika:diaspora 3 /// James Baldwin – Eine andere Welt

    1. Hallo, I Am Not Your Negro ist ein absolut sehenswerter Film und bietet eine guten Einstieg in Baldwins Denken. Ich habe noch „Giovannis Zimmer“ gelesen, auch sehr gut, aber die Rassismus-Thematik spielt darin keine Rolle. Leider ist Baldwins Werk in Deutschland fast komplett vergriffen. Ich hoffe, daran wird sich bald etwas ändern, vielleicht kann sich sogar Rowohlt zu Neuauflagen (und Neuübersetzungen?) entschließen. Viele Grüße, Tobias

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s