afrika:diaspora 4 /// Ondjaki – Die Durchsichtigen

Beißende Ironie und magischer Realismus: Ondjakis mit dem Prémio José Saramago ausgezeichneter Roman ist ein faszinierendes literarisches Denkmal für die Bewohner*innen Luandas.

afrika-diaspora-logo-libroscopeLuanda, Boomtown. In keiner afrikanischen Hauptstadt ist der wirtschaftliche Aufschwung der letzten Jahre so deutlich zu spüren wie hier. Seit dem Ende des Bürgerkriegs 2002 hat sich Angola zu einer Exportnation für Öl und andere Rohstoffe gemausert. Das Geld, das dadurch ins Land fließt, nutzt aber nur einer kleinen Oberschicht, während über die Hälfte der Bevölkerung weiterhin in Armut lebt. Für die Hauptstadt, in der gut ein Drittel der 25 Millionen Angolaner*innen zu Hause ist, bringt der Öl-Boom seltsame Veränderungen mit sich. Durch Schutzzölle sind importierte Güter absurd teuer, weshalb Luanda jüngst zu einer der Städte mit den höchsten Lebenshaltungskosten für Ausländer*innen erklärt wurde. Das Stadtbild wird währendessen in nur langsam vorankommenden Prozessen modernisiert, jahrelang blockieren Baustellen den Verkehr und stürzen ganze Stadtviertel ins Chaos. Eine Stadt im Umbruch: Mit seinen Boulevards an der Atlantikküste gibt sich Luanda glamourös, doch hinter der glitzernden Fassade brodelt es.

Ndalu de Almeida, der unter dem Schriftstellernamen Ondjaki Gedichte und Romane schreibt, wurde 1977 in Luanda geboren und wuchs hier auf, doch das Studium führte ihn nach Portugal und längst lebt er auf der anderen Seite des Atlantiks in Brasilien. Kein ungewöhnlicher Lebenslauf, die portugiesische Sprache verbindet alle drei Länder, der lusophone Sprachraum hebt sie aus ihren Kontinenten heraus und schafft ein transatlantisches Netzwerk. In seinen Büchern aber scheint Ondjaki seiner Geburtsstadt treu geblieben zu sein. Sein Roman „Die Durchsichtigen“ ist ein literarisches Denkmal für das chaotische, übergeschnappte und widersprüchliche Luanda von heute, geschrieben in einer bildhaften Sprache und mit allerlei orthografischen Eigenheiten versehen.

ondjaki
Ndalu de Almeida alias Ondjaki

Wie es sich für einen Großstadtroman gehört, ist das Personal zunächst etwas unübersichtlich, aber immerhin gibt es einen zentralen Ort, an den die Handlung immer wieder zurückkehrt: ein Wohnhaus in einem einfachen Viertel Luandas, sieben Stockwerke hoch und schon ziemlich in die Jahre gekommen. Tatsächlich ist der Bau so desolat, dass in den meisten Stockwerken ständig Wasser läuft, an den Wänden entlang, durch Fenster und Türen. Es sammelt sich in großen Pfützen und stürzt in Kaskaden die Treppen hinab ins Erdgeschoss. Doch das hat auch Vorteile: Während andere Stadtviertel immer wieder buchstäblich auf dem Trockenen sitzen, ist das kostbare Nass für die Bewohner*innen des Hauses ständig verfügbar. Eine Schar skurriler und doch ganz alltäglich wirkender Menschen hat sich hier niedergelassen: der schwerfällige Edú, dessen herausstechendes Merkmal eine Hodenhernie, ein sogenannter Mbumbi ist, die Marktverkäuferin MariaComForça mit ihrem Mann JoãoDevagar, der von einem Kino auf der Dachterrasse des Hauses träumt, der aus dem Süden Angolas geflüchtete Waisenjunge Paizinho oder der StummeGenosse, der ganz oben wohnt und tagein, tagaus seine alten Jazzplatten anhört. Und dann ist da noch Odonato, der mit Ehefrau, Tochter und Mutter hier wohnt und in Sorge um seinen erwachsenen Sohn CienteDoGrã lebt, der auf die schiefe Bahn geraten ist.

Die Dinge nehmen ihren Lauf, als CienteDoGrã eines Nachts bei einem lächerlichen Überfall erwischt und mit einer Gewehrkugel in seinen Matako, also seinen Allerwertesten, getroffen wird. CienteDoGrã landet im Zuchthaus und Odonato will ihn aus der Gewalt der Polizei retten. Ein langwieriges, von absurden Begegnungen gekennzeichnetes Bemühen um CienteDoGrãs Freiheit beginnt. Odonato trifft auf korrupte Beamte und einen alten Freund im Dienste der Kriminalpolizei, doch die ihm von diesen versprochene und teuer erkaufte Hilfe bleibt aus. Aus Sorge um seinen Sohn beginnt Odonato, durchsichtig zu werden, erst nur an den Händen, doch bald lässt sich die Durchsichtigkeit seines Körpers nicht mehr verbergen. Währendessen geht drum herum der alltägliche Wahnsinn weiter, wird auf Portugiesisch, Umbundu und Englisch parliert, versucht der im Viertel tätige Briefträger seinen Antrag auf ein Fahrrad bei der Politik durchzusetzen, frequentiert der namenlose Muschelverkäufer regelmäßig das unter Wasser stehende Haus, um mit Odonatos Tochter Amarelinha zu flirten und wollen die Stammgäste der Kneipe Noés Arche dem Geheimnis auf die Spur kommen, warum gerade die dortige Kühltruhe seit Jahrzehnten ununterbrochen läuft, selbst wenn in der Nachbarschaft für Tage der Strom ausfällt. Das Stadtgebiet von Luanda wird zwischenzeitlich regelrecht umgegraben, denn die Regierung hat es sich in den Kopf gesetzt, jeden Winkel nach Ölquellen abzusuchen.

„Die Durchsichtigen“ trägt mit seinen narrativen Überzeichnungen und den vor Ironie sprühenden Dialogen alle Kennzeichen einer Gesellschaftssatire. Die Gier nach Öl und was sie in Angola in Bewegung gesetzt hat, hallt in diesem Roman genauso wieder wie die Abkehr von alten Idealen zugunsten des Kapitalismus. Kein Wunder, dass an einer Stelle des Textes per Regierungserklärung „das frühzeitige Versterben der Genossin Ideologie“ bekannt gegeben wird. Sarkasmus hebt sich Ondjaki allerdings für Regierung und Polizeiondjakicover_gr_ger auf, die Bewohner*innen des „Wasserhauses“ sind zwar schrullig, aber liebenswert. Hier bildet sich das Leben in einer chaotischen, von großer Ungleichheit geprägten afrikanischen Metropole ab. Schlicht und ergreifend wundervoll ist es, wie zärtlich und poetisch Ondjaki über diesen Alltag zu schreiben weiß. Seine neue Wahlheimat Brasilien hat ihn spürbar mit dem magischen Realismus der lateinamerikanischen Literatur in Berührung gebracht, eng stehen in diesem Roman das Mögliche und das Fantastische nebeneinander. Besonders das Bild der immer durchsichtiger werdenden Hauptfigur Odonato, der schließlich so leicht wie ein Luftballon wird und mit einer Schnur vor dem Davonfliegen gerettet werden muss, ist bewegend schön.

Ondjaki steht mit dieser Verbindung aus Poesie und Gesellschaftskritik in der jüngeren angolanischen Literatur nicht alleine da, in José Eduardo Agualusa mit seinem Roman „Barroco Tropical“ könnte man einen Seelenverwandten entdecken. Auf diesem Wege scheinen beide Autoren zu versuchen, ein internationales Publikum für die Verhältnisse in Angola zu sensibilisieren. Immerhin ist es Ondjaki gelungen, mit „Die Durchsichtigen“ großes Gehör zu finden: Der Autor gewann für diesen Roman 2013 den Prémio José Saramago. Doch der junge Schriftsteller aus Luanda bleibt skeptisch, ob die reichen Länder wirklich zuhören wollen. In einer Szene des Romans lässt er eine BBC-Reporterin zu Odonato sagen: „niemand will gute Geschichten aus Angola und Afrika. Zu gute, verstehen Sie? eine Meldung dann und wann ist das eine, andauernd Interessantes zu berichten ist etwas anderes.“ Odonato kann dieser Ignoranz nur seinen immer transparenter werdenden Körper entgegensetzen: „man muss Wahrheit sichtbar machen, auch wenn man dafür unsichtbar werden muss.“

Ondjaki. Die Dursichtigen. Roman. Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler. 352 Seiten, gebunden. Reihe AfrikaWunderhorn im Verlag Wunderhorn 2015. 24,80 Euro.

 

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