Jahresrückblick 2016: Literatur

Welche Bücher boten 2016 ein besonderes Leseerlebnis? Eine ganz subjektive Libroscope-Auswahl.

Ein schlimmes Jahr ist es gewesen, dieses 2016, vor allem politisch und gesellschaftlich eine Katastrophe. Darin sind sich viele Menschen einig. Doch wo sich zu viele einig sind, ist Misstrauen angebracht. Waren all die Dinge, die 2016 besonders stark zum Vorschein gekommen sind – Populismus, Denkfaulheit, Konservatismus, rassistische und homophobe Einstellungen etc. – nicht in all den Jahren zuvor genauso vorhanden? Hatten wir vorher vielleicht einfach Glück, dass es nicht so viele relevante Marker gab, an denen sie sichtbar wurden? Ich will nicht in Abrede stellen, dass Donald Trump ein gefährlicher Politiker ist, dass der Brexit in Großbritannien zu einem Freifahrschein für rassistische Übergriffe wurde und dass der Aufstieg der AfD hierzulande die politischen Debatten ein Stück weiter nach rechts gerückt hat. Es ist aber auch scheinheilig, so zu tun, als wäre 2015 die Welt noch in Ordnung gewesen. Oder als würden alle, die sich jetzt aufregen, seit Jahren aktiv an einer emanzipatorischen Gesellschaft mitarbeiten. Viele, die sich hinterher beklagten, schafften es nicht mal an die Wahlurne, weder gegen den Brexit, noch gegen Trump. Abstimmungen sind dabei doch nur die Makulatur dieses Systems, dass sich Demokratie nennt und sich dieser Tage gerne als sehr gefährdet darstellt.

Angesichts der jüngsten politischen Veränderungen werden die Rufe nach einem Programm contra die Trumps, Petrys und Farages dieser Welt laut. Doch kann ein „linker“ Populismus funktionieren? Wer das – meiner bescheidenen Meinung nach – wichtigste Buch in diesem Jahr gelesen hat, sollte zu dem Schluss kommen: das kann nicht gut gehen. Soviel zur Einleitung, diesmal sehr politisch, dabei soll es um Literatur gehen, aber für mich gehören Literatur und Politik eben auch zusammen. Nicht ausschließlich, aber sehr häufig.

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Die Bücher 2016

Das wichtigste Buch war natürlich „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon (Suhrkamp) und ich kann gar nicht ausreichend in Worte fassen, auf wie vielen Ebenen dieses Buch großartig ist. Eine dieser Ebenen ist die Analyse des Wahlverhaltens der französischen Unterschicht, die sich von strammen Unterstützer*innen der Kommunistischen Partei zu Le Pen-Wähler*innen wandelten. Eribon erteilt einer linken Boheme, die in den 1960er und 1970er Jahren die Arbeiter*innen auf ihrer Seite wähnte, eine kalte Abfuhr. Von einer Erziehung zur Emanzipation ist bei den einfachen Leuten nichts angekommen. Entsprechend leicht fiel es ihnen, später für den Front National zu stimmen. Was soll in solch einer Situation ein linker Populismus helfen, außer vordergründig Mehrheiten zu beschaffen, die von der Sozialdemokratie dann nur dazu benutzt werden, ein Programm zum Nachteil der Geringverdienenden und Arbeitslosen (= Neoliberalismus) durchzusetzen? Diese Analyse kombiniert Eribon mit autobiografischen Einblicken, der Beschreibung der Homophobie in der französischen Provinz und der Undurchlässigkeit des Bildungssystems. Elegant geschrieben und bis ins Detail erkenntnisreich, ist „Rückkehr nach Reims“ einfach großartige Literatur, ob in 2016 oder in jedem anderen Jahr. Meine ausführliche Besprechung hier.

Den vielleicht verstörendsten Roman las ich in Han Kangs „Die Vegetarierin“ (Aufbau Verlag). Dieser Roman aus Südkorea wirkt nur zu Beginn wie ein radikales Plädoyer gegen das Fleischessen. Je tiefer man in diesen aus drei Perspektiven erzählten Text vordringt, desto deutlicher wird, dass hier große, allgemeingültige Begriffe verhandelt werden: Anpassung und Protest, Konvention und Individuum, Begehren und Projektion, Identität und Entgrenzung. „Die Vegetarierin“ ist ästhetisch minimalistisch bis zur Kargheit, in seiner Haltung feministisch, mit seinem kompromisslosen Ende äußerst irritierend. Ein Roman, der lange und dunkel nachhallt.

Ganz anders „Die Durchsichtigen“ von Ondjaki (Verlag Das Wunderhorn). Diese Hommage an die Bewohner*innen der angolanischen Metropole Luanda hat zwar durchaus dunkle Untertöne, ist aber mit seiner Ironie, seiner sonnigen Farbigkeit und seinen am magischen Realismus angelehnten fantastischen Elementen eine Ode an das Leben. Hier habe ich „Die Durchsichtigen“ ausführlich besprochen.

#blacklivesmatter, unter diesem Slogan wehren sich in den USA Afroamerikaner*innen gegen die Polizeigewalt, die in den vergangenen Monaten zahlreiche schwarze Todesopfer forderte. Das theoretische Manifest für die Bewegung schrieb der Essayist und Journalist Ta-Nehisi Coates mit „Zwischen mir und der Welt“ (Hanser Berlin Verlag). Dieser buchlange Essay ist als Brief an Coates‘ heranwachsenden Sohn verfasst, spricht vom Heranwachsen als männlicher Afroamerikaner in den USA, vom alltäglichen Rassismus, den Projektionen, denen sich ein schwarzer Körper ausgesetzt sieht und der Sehnsucht nach Bildung, die sich ein schwarzer Geist hart erkämpfen muss. Ta-Nehisi Coates schreibt manchmal pathetisch, fast immer entlarvend, stellenweise schmerzhaft persönlich. Ein Text, der aufrüttelt und die Sinne schärft.

Nennenswert erscheinen mir noch zwei Bücher über Musik, die ich erhellend fand und die sich eine politische Perspektive auf ihr Themengebiet erlauben: „Uproot“ von Jace Clayton (Verlag Farrar, Straus and Girouxmeine Besprechung hier) und „Wir müssen hier raus! Krautrock, Freebeat, Reeducation.“ von Wolfgang Seidel (Ventil Verlag).

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Klassiker und erst jetzt Entdecktes

Ein Lesejahr besteht natürlich nicht nur aus brandaktuellen Lektüren. Im vergangenen Jahr konnten mich auch einige Bücher begeistern, die schon vor längerer Zeit erstmals erschienen sind.

Zuallererst sei hier „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun (List Verlag) genannt, ein Roman, den ich schon seit langem lesen wollte. Den konkreten Anlass bot nun die Gründung des ersten Lesekreises, dem ich angehören darf, was ich als großes Glück begreife! Und bereichernd war auch die gemeinsame Lektüre dieses Klassikers mit seiner präzisen Analyse einer Frauengeneration zwischen selbstbestimmtem Lifestyle und ökonomischer Abhängigkeit vom männlichen Geschlecht zu Beginn der 1930er Jahre. Zudem ist „Das kunstseidene Mädchen“ auch sprachlich eine Wucht.

Ein weiterer „weiblicher Klassiker“ ist „Nada“ von Carmen Laforet (List, auch neu als Taschenbuch bei Suhrkamp) über die Erlebnisse einer jungen Frau in Barcelona kurz nach dem spanischen Bürgerkrieg. Dieser 1944 entstandene, vom Existenzialismus eingefärbte Roman mit der Beschreibung einer schrägen Großfamilie und eines nicht weniger skurrilen jugendlichen Freundeskreises erzählt mit einer für das jugendliche Alter der Autorin überraschenden Reife von Weltschmerz und Lebenssehnsucht.

Neu als Taschenbuch veröffentlicht, aber bereits 2005 erstmals auf Deutsch erschienen, ist „Blauer Hibiskus“ von Chimamanda Ngozi Adichie (Fischer Verlag). Erzählt aus der Perspektive eines jugendlichen Mädchens im Nigeria der Jetztzeit, schildert dieser Roman das Aufwachsen in einer wohlhabenden Familie zwischen christlichem Wahn, afrikanischen Traditionen und aufklärerischen Wertvorstellungen. Genau beobachtet, klug und einfühlsam erzählt – für mich ein weiterer Indiz dafür, dass Chimamanda Ngozi Adichie eine der wichtigsten und besten Schriftstellerinnen unserer Zeit ist.

Meine Lektüre von Adichie und Ta-Nehisi Coates sowie verschiedene andere Dinge – unter anderem die Performance „#negrophobia“ von Jaamil Olawale Kosoko und die Musik von Kendrick Lamar, Matana Roberts, Julius Eastman sowie den Fokn Bois – haben dazu geführt, dass ich mich verstärkt mit afrikanischer und afroamerikanischer Literatur beschäftige. Resultat dieses Interesses ist die Artikelserie „afrika:diaspora“, in der ich auch über James Baldwin geschrieben habe. Seine Romane „Giovannis Zimmer“ und „Eine andere Welt“ (meine Rezension hier) sind Klassiker der Literatur des Black America, bei uns allerdings fast vergessen. Aber die Renaissance, die Baldwin momentan in den USA erfährt, wird auch vor Europa nicht Halt machen, schließlich wirken Baldwins Texte heute – im Angesicht von #blacklivesmatter, homophobem Populismus und der Entzauberung des schwarzen Hoffnungsträgers Barack Obama – so zeitgemäss wie zu ihrer Entstehungszeit vor 50 Jahren.

„Was interessiert Dich so an Afrika?“ meinte eine Freundin letzthin. Diese Frage kann ich kaum beantworten, ohne an Literatur zu denken. Literatur befähigt uns, Empathie für andere zu empfinden, uns in sie hinein zu versetzen. Wenn ich mich ernsthaft mit Literatur beschäftige, muss sie mich nicht da „abholen“, wo ich bin. Wenn ich lese, bin ich durstig danach, die Welt durch andere Augen zu sehen. Die Unfähigkeit zum Perspektivenwechsel ist vielleicht eines der Grundprobleme im momentanen gesellschaftlichen Klima und um sich nicht darauf einzulassen, wird ungebremster Egoismus durch diverse Ängste gerechtfertigt. Hier schließt sich der Kreis zur Einleitung dieses Posts. In der Beschäftigung mit Afrika, mit der afroamerikanischen oder auch „afropolitanen“ Community wird jedoch eine andere Sicht auf die Dinge möglich. Ich will natürlich weiterhin versuchen, den (Achtung, Klischee!) deutschen männlichen Rentner ernst zu nehmen, aber der Alltag in einer afrikanischen Großstadt erscheint mir wesentlich dringlicher, weil gefährlicher, komplizierter, an existenzielle Fragen des Menschseins heranreichend. Gerade dort, in Lagos, Luanda, Kinshasa oder Cape Town könnte die Zukunft lauern, während es in Unterleuten, Fürstenfelde oder am Prenzlauer Berg vor allem nach Vergangenheit riecht.

In diesem Sinne: einigen wir uns auf die Zukunft! Hallo, 2017!

– Tobias Lindemann

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2 Gedanken zu „Jahresrückblick 2016: Literatur

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