Jahresrückblick 2016: Film

2016 war ein Kinojahrgang mit vielen starken Filmen, von denen es aber leider nicht alle in die deutschen Kinos geschafft haben. Libroscope benennt einige Highlights.

Es war Mitte des Jahres, als ich beschloss, an dieser Stelle neu anzufangen und zukünftig nicht nur über Literatur, sondern auch über Film zu schreiben. Damit ging ein Namenswechsel einher (von Libroskop zu Libroscope) um der neuen Ausrichtung Rechnung zu tragen. Und dann… passierte erstmal sehr wenig. Die Artikel zu Filmen hielten sich stark in Grenzen, was auch damit zusammenhängen dürfte, dass ich sowieso beruflich mit Kino zu tun habe. Aber ein Jahresrückblick muss nun doch sein.

Zumal 2016 kein schlechter Jahrgang war, ganz im Gegenteil: Selten ist es mir so leicht gefallen, wirkliche Lieblingsfilme zu benennen. Etwas schwieriger war es schon, diese Filme auf der großen Leinwand zu sehen. Denn: die Flut der nichtssagenden Filmware, mit der die Arthouse-Kinos von den Filmverleihern überschwemmt werden, verhindert häufig, dass die wirklich relevanten Filme hierzulande überhaupt ein Publikum finden können. Ob der Erfolg eines Films wie „Toni Erdmann“, der dem in Deutschland stark vernachlässigten Neuen Rumänischen Kino ästhetisch näher steht als dem meisten, was sonst hierzulande produziert wird, etwas an der Gesamtlage ändern wird, bleibt abzuwarten. Zu treuherzig folgen die meisten Kinobetreiber dem, was ihnen von den Verleihern vorgesetzt wird. Wenigstens wird das Publikum wieder kritischer und blieb beispielsweise den in Horden auftretenden französischen Komödien in 2016 weitgehend fern.

Doch genug des Kulturpessimismus, kommen wir lieber zu den Filmen, die 2016 begeistern konnten.

Die Filme 2016

The Lobster (Yorgos Lathimos)

Der Film des Jahres? Eindeutig. Eigentlich lief „The Lobster“ schon 2015 auf den Festivals, doch seine Geschichte hierzulande begann erst in diesem Jahr. Nicht im Kino, sondern auf DVD, denn Sony Pictures hatte sich entschlossen, den Film nicht in die Kinos zu bringen. Angeblicher Grund: zu sperrig, zu geringe Erfolgsaussichten – trotz Staraufgebot, trotz Kritikerlob, trotz Erfolg in Cannes. Es folgte ein kollektives Kopfschütteln unter Filmfans und in den Feuilletons, anschließend ein verspäteter kleiner Kinostart dank eines engagierten Kinokettenbetreibers. So bekam dieser Film auch ohne Werbekampagne viel Aufmerksamkeit.

Doch „The Lobster“ ist nicht wegen dieser Geschichte, die so symptomatisch ist für den Filmbetrieb in Deutschland, sondern wegen seiner filmischen Qualitäten absolut herausragend. Regisseur Yorgos Lathimos hat es geschafft, den skurrilen, zum Nihilismus tendierenden Humor seiner früheren Filme („Dogtooth“, „Alpen“) in eine große Produktion zu retten. Souverän geht er mit dem starbesetzten Schauspieler*innenensemble um und gewinnt einem Darsteller wie Colin Farrell in der Hauptrolle ganz neue Nuancen ab. Wunderbar fotografiert und mit seiner Satire auf die romantische Zweierbeziehung den Kern unseres sozialen Zusammenlebens treffend, ist „The Lobster“ schon jetzt ein zukünftiger Klassiker.

Sieranevada (Cristi Puiu)

Das Neue Rumänische Kino fristet in Deutschland ein Nischendasein, kaum ein Film schafft es hier, einen Verleih zu finden. Dabei produzieren Regisseure wie Corneliu Porumboiu, Cristian Mungiu, Radu Jude oder eben Cristi Puiu ein kleines Meisterwerk nach dem anderen. „Sieranevada“ ist jedenfalls einer der witzigsten Filme, die ich dieses Jahr gesehen habe. Größtenteils in einer Bukarester Wohnung gedreht und fast drei Stunden lang, taucht Puiu hier tief in den Mikrokosmos einer Großfamilie ein. Den Rahmen bildet ein Fest zu Ehren des jüngst verstorbenen Familienpatriarchen. Virtuos springt die Kamera von Zimmer zu Zimmer und zieht einen so tief in die Verstrickungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern hinein, dass man den entscheidenden kathartischen Moment zwischen den beiden Hauptfiguren fast verpasst. Bisher lief „Sieranevada“ nur auf Festivals, doch noch besteht Hoffnung, dass dieser ausgefuchste, höchst unterhaltsame Film 2017 den Weg in die deutschen Kinos schafft.

Right Now, Wrong Then (Hong Sang-soo)

Mann trifft Frau, Mann verliebt sich, doch alles geht schief. Mit minimalistischen Mitteln erzählt der südkoreanische Kritikerliebling Hong Sang-soo in „Right Now, Wrong Then“ diese Geschichte einer nicht glücken wollenden Liebe. Doch in der Mitte des Films gibt er dem Paar nochmal eine Chance: die Geschichte beginnt von neuem, unter anderen Vorzeichen. Und wieder werden sich Ham Chun-su und Yoon Hee-jung nicht bekommen, aber sie werden diesmal ehrlicher und gleichzeitig liebevoller zueinander sein. Die langen Dialoge mit ihrer feinen Ironie, der in rauen Mengen konsumierte Soju, die kleinen Verwirrungen und Mißverständnisse, all das lässt eher an das europäische Autorenkino eines Eric Rohmer denken als an südkoreanische Regiekollegen wie Kim Ki-duk oder Park Chan-wook. Und dennoch verströmt „Right Now, Wrong Then“ einen einzigartigen Charme, der sich allen Kategorien entzieht. Der Film läuft momentan noch in zahlreichen deutschen Kinos, nicht verpassen!

Balikbayan #1 – Memories of Overdevelopment Redux III (Kidlat Tahimik)

Manchmal gibt es Filme, die sich in ihrer Wildheit und Unangepasstheit jeder Kategorisierung entziehen. Kidlat Tahimiks 150 Minuten lange Neuinterpretation eines 16mm-Films aus den 1970er Jahren dürfte dazu gehören. Dies ist in keinster Weise ein nach den Regeln der Filmkunst (Wer hat die eigentlich aufgestellt? Weg damit!) „perfekter“ Film, sondern ein wild wucherndes, assoziationsreiches Werk voller Experimentierfreude. „Work in progress“ steht im Vorspann, doch dies bezieht Tahimik nicht nur auf diesen Film, sondern auch auf die Menschheitsgeschichte. Enrique, ein philippinischer Sklave, der mit Ferdinand Magellan die Welt umsegelte, wird kurzerhand zum ersten Gastarbeiter in Europa. Der Film ist ein einziger Befreiungsschlag gegen das koloniale Denken und entsorgt nebenbei noch ein paar Konventionen des Filmemachens.

Neben diesen vier wirklich herausragenden Filmen gab es noch eine ganze Reihe anderer Werke, die ich sehr genossen habe, die mir lange im Gedächtnis geblieben sind, die von diesem Filmjahr bleiben werden. Dies sind:

  • Alles was kommt (Mia Hansen-Løve)
  • Certain Women (Kelly Reichardt)
  • Bella e perduta (Pietro Marcello)
  • La La Land (Damien Chazelle)
  • Paterson (Jim Jarmusch)
  • Die Geträumten (Ruth Beckermann)
  • Cemetery Of Splendour (Apichatpong Weerasethakul)
  • Personal Shopper (Olivier Assayas)
  • 1001 Nacht-Trilogie (Miguel Gomes)

Ja, und „Toni Erdmann“ gehört schon auch auf diese Liste…

Klassiker und Entdeckungen

Von all den älteren Filmen, die ich in diesem Jahr das erste Mal gesehen habe, dürften „Stray Dogs“, „I Don’t Want To Sleep Alone“ und „What Time Is It There?“ von Tsai Ming-liang mich am stärksten beeindruckt haben. Klarer Fall von neuem Lieblingsregisseur. Tsai wurde in Malaysia geboren und lebt in Taiwan. Seine Filme einfach dem Slow Cinema eines Hou Hsiao-hsien zuzurechnen, wäre viel zu kurz gegriffen. Mit ihrer leisen Melancholie, den knappen Dialogen und den überraschenden Slapstick-Momenten verkörpern sie stille Oden an die Absurdität des Lebens. Tsai Ming-liang arbeitet in vielen Filmen mit den immer gleichen Darsteller*innen zusammen, was zum Gesamteindruck führt, es bei seinem Werk mit einem einzigen, langen Film zu tun zu haben. Dass Tsais Oeuvre tatsächlich wie vom Filmemacher angekündigt mit „Stray Dogs“ von 2013 einen verfrühten Abschluss finden könnte, stimmt mich traurig, könnte dieser Film mit seiner radikalen Reduktion doch für ein neues Kapitel im Schaffen dieses außergewöhnlichen Filmemachers stehen. Wer mehr über Tsai Ming-liangs Filme erfahren möchte, ist mit Patrick Holzapfels ausführlichen Besprechungen bei Jugend ohne Film gut beraten.

Der Tod von Chantal Akerman war der traurige Anlass für eine Retrospektive ihres Werkes und bot mir die Chance, erstmals ihre frühen Filme „News From Home“ und „Jeanne Dielman, 23, Quai du commerce, 1080 Bruxelles“ sehen zu können. Akermans Bedeutung für die Filmgeschichte ist unumstritten, mir war allerdings nicht klar, mit welcher großen ästhetischen Konsequenz sie bereits als junge Filmemacherin arbeitete. Besonders „Jeanne Dielman“ ist in seiner Art, aus Irritationen heraus bedingungslos auf einen drastischen Schlußpunkt hin zu erzählen auch heute noch erschütternd und faszinierend zugleich.

Desweiteren schätze ich mich glücklich, endlich einmal „Ich bin neugierig – gelb/blau“ von Vilgot Sjöman aus dem Jahr 1967 gesehen zu haben, „gelb“ sogar in einer seltenen 35mm-Kopie, dem Filmkollektiv Frankfurt sei Dank. Sjöman schickt die zwanzigjährige Lena als Reporterin durch den Wohlfahrtsstaat Schweden, lässt sie die (freie) Liebe und ihre Sexualität, aber auch Patriarchat, Ungerechtigkeit und Liebeskummer entdecken. Die wunderbar leichte Mischung aus Doku und Fiktion, die zudem ständig ihren eigenen Werkcharakter ironisch thematisiert, wirkt 50 Jahre später immer noch frisch. Hier dürfte beispielsweise ein Filmemacher wie Miguel Gomes reichlich Inspiration gefunden haben.

Außerdem haben folgende erstmals gesehene ältere Filme mein Filmjahr 2016 ungemein bereichert:

  • Funeral Parade Of Roses (Toshio Matsumoto 1969)
  • Klassenverhältnisse (Straub-Huillet 1983)
  • Kikis kleiner Lieferservice (Hayao Miyazaki 1989)
  • Slumming (Michael Glawogger 2006)
  • The Fantastic Mr. Fox (Wes Anderson 2009)
  • Poetry (Lee Chang-dong 2010)
  • Tomboy (Céline Sciamma 2011)
  • FOKN Bois – Coz Ov Moni 2 (FOKN Bois 2014)

– Tobias Lindemann

 

 

 

 

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