Lese-Vorfreude – zehn herausragende Titel für den Bücherfrühling 2017

Das neue Jahr hat begonnen und bringt uns wieder eine Flut an literarischen Neuerscheinungen. Libroscope hat zehn Titel aus den Frühjahrsprogrammen der Verlage heraus gepickt.

Neues Jahr, neue Bücher: Auch im Frühjahr 2017 ist die Anzahl der literarischen Neuerscheinungen schwer überschaubar. Da ich mich aber für meine Vorschau auf zehn Titel beschränken wollte, sind hier nicht die Roman-Blockbuster der Saison – von Auster bis Knausgård – aufgeführt, sondern teilweise Bücher, die im Getöse der vielen um Aufmerksamkeit heischenden Titel untergehen könnten. Mit Szilárd Borbély, Olga Grjasnowa, Tomas Espedal, Luiz Ruffato und Jonas Lüscher sind einige Namen vertreten, deren frühere Werke mich begeistert haben und deren neuen Büchern ich regelrecht entgegenfiebere. Hier meine Auswahl:

Szilárd Borbély – Kafkas Sohn (Suhrkamp Verlag)
borbelyDer ungarische Schriftsteller Szilárd Borbély nahm sich Anfang 2014 das Leben, kurz bevor sein Debütroman „Die Mittellosen“ auf Deutsch erschien. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Borbély längst an weiteren Prosatexten, die Fragment geblieben sind und nun auf Deutsch herausgegeben werden. „Kafkas Sohn“, das ist niemand anderes als das Alter Ego Borbélys, der sich in der Literatur auf die Suche nach einer neuen Heimat macht. Angelehnt an Kafkas „Brief an den Vater“ unternimmt Borbély nicht nur eine Exkursion in die Tiefen der eigenen Herkunft, er zollt ebenso seinem literarischen Vorbild, Ideengeber und Leitstern Tribut. Kafkas Einfluss findet sich auch in den jüdischen Motiven, die die Texte in diesem Band durchziehen. Ein weiteres Zeugnis dafür, dass uns in Szilárd Borbély eine große Stimme der europäischen Literatur zu früh verlassen hat. (Erscheint im März. Mehr Info hier.)

Tomas Espedal – Biografie, Tagebuch, Briefe (Verlag Matthes & Seitz Berlin)
espedalDer Schriftsteller als Alchemist, der seinen Alltag zu Literatur umformt – das ist die Gabe Tomas Espedals. Wie sein weltberühmter Kollege und Freund Karl Ove Knausgård schöpft der norwegische Schriftsteller scheinbar ungefiltert aus seinem Leben um daraus Bücher entstehen zu lassen, wie sie die Welt noch nicht gelesen hat. In diesem neuen Band nun wird die Schnittstelle zwischen Biografie und Fiktion so deutlich sichtbar wie nie zuvor im Werk Espedals. Drei Texte, die sich um das Leben und die Liebe, die Jugend und das Altern, den Einfluss anderer Schriftsteller*innen und die Beziehung zu seiner Mutter drehen. Espedal schreibt kraftvoll wie kaum ein anderer, er schont weder sich, noch die, die ihm nahe stehen. Das mag manchmal voyeuristisch anmuten, ist aber in seiner Energie aus Verzweiflung und Überlebensmut einfach mitreißend. (Erscheint im März. Mehr Info hier.)

Olga Grjasnowa – Gott ist nicht schüchtern (Aufbau Verlag)
grjasnowaFür ihren dritten Roman hat die 1984 in Baku geborene und in Berlin lebende Schriftstellerin den Verlag gewechselt (von Hanser zu Aufbau), ist sich aber thematisch treu geblieben. Grjasnowa schreibt nahe am Zeitgeschehen, in ihren Romanen begegnen wir den Heimatlosen und Identitätssuchenden, den Menschen unserer Zeit mir komplizierten Biografien und zerrissenen Familien. In „Gott ist nicht schüchtern“ stehen Amal und Hammoudi im Mittelpunkt. Beide gehörten in Syrien zur erfolgreichen Mittelklasse, sie als Schauspielerin, er als Arzt. Doch der syrische Bürgerkrieg zerstört ihr Land und ihre Existenz. Sie sind zur lebensgefährlichen Flucht nach Europa gezwungen. In Berlin begegnen sie sich wieder, doch was haben Exil und Neuanfang aus ihnen gemacht? Olga Grjasnowa hat bereits mit „Der Russe ist einer der Birken liebt“ und „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ bewiesen, dass sie es versteht, über wichtige Themen unserer Zeit zu schreiben – ohne Pathos und falsche Aufgeregtheit. (Erscheint im März. Mehr Info hier.)

Jonas Lüscher – Kraft (Verlag C. H. Beck)
luescher2„Frühling der Barbaren“, Jonas Lüschers Debütnovelle, war 2013 eine der Überraschungen der Saison. Nun legt der Schweizer Autor, der inzwischen in München lebt, seinen ersten Roman vor. Und wieder ist es die sogenannte (oder selbsternannte?) Elite, die Lüscher in den Fokus nimmt. Der Text folgt dem Rhetorikprofessor Richard Kraft, der im schwäbischen Tübingen ein eher trostloses Leben führt, zu einem Wissenschaftskongress in den USA. Hier, an der Stanford University, soll – frei nach Gottfried Wilhelm Leibniz – die Frage geklärt werden, weshalb alles, was ist, gut ist und wie wir es dennoch verbessern können. Für die beste Erklärung winkt ein horrendes Preisgeld. Lüscher untersucht die Verbindungen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, sein Roman stellt wichtige Fragen zu Moral, Bildung und dem Hunger der Eliten nach Macht und Geld. In einem federnd-eleganten Stil geschrieben, dürfte „Kraft“ eine erkenntnisreiche wie amüsante Lektüre werden. (Erscheint im Januar. Mehr Info hier, eine Leseprobe gibt es hier.)

Zia Haider Rahman – Soweit wir wissen (Berlin Verlag)
rahmanAus der Geschichte zweier Menschen eine allgemeingültige Parabel auf unsere Existenz in der Jetztzeit zu kreieren – glaubt man der englischsprachigen Literaturkritik, ist dieses Kunststück Zia Haider Rahman mit seinem Romandebüt gelungen. Der 1972 in Bangladesch geborene und in Großbritannien in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsene Autor bekam für seinen 600-Seiter „Soweit wir wissen“ einhelliges Lob. Ausgangspunkt ist das Wiedersehen des Ich-Erzählers mit seinem ehemaligen Kommilitonen Zafar, der eines Tages als Landstreicher vor seiner Tür steht. Der Ich-Erzähler ist Bankier in Zeiten der Krise, Zafar galt auf der Universität als Mathegenie, doch danach kam der Absturz. Der Erzähler bemüht sich, Zafars bewegte Geschichte zu erzählen, gerät jedoch bald an seine Grenzen. Die Kritik lobte besonders, wie wissend dieser Roman sei, ohne dieses Wissen über Geschichte, Politik und Wissenschaft allzu plakativ zur Schau zu stellen. (Erscheint im März. Mehr Info hier.)

Mathieu Riboulet – Und dazwischen nichts (Verlag Matthes & Seitz Berlin)
ribouletMathieu Riboulet ist zur Zeit einer der spannendsten Romanautoren Frankreichs. Mit „Die Werke der Barmherzigkeit“ erschien 2016 erstmals eines seiner Bücher auf Deutsch beim Secession Verlag, nun legt Matthes & Seitz Berlin nach. Riboulet beschäftigt vor allem, wie sich Zeitgeschichte in den menschlichen Körper einschreibt. „Und dazwischen nichts“ untersucht in Romanform die Jahre nach 1968, als Teile der Linken sich radikalisieren und im Terrorismus nach Lösungen für politische Probleme suchen. Der Ich-Erzähler erlebt die 1970er Jahre als Jahrzehnt der Gewalt, aber auch als Zeit seiner sexuellen Selbstfindung. Er nimmt die Position des Zeitzeugen ein, während sein Bruder an den bestehenden Verhältnissen zugrunde zu gehen droht. Doch mit der Ausbreitung von AIDS Anfang der 1980er wird auch das Leben des Ich-Erzählers aus der Bahn geworfen. (Erscheint im März. Mehr Info hier.)

Luiz Ruffato – Teilansicht der Nacht (Verlag Assoziation A)
Nacht_Einband_4.inddMit seinem fünfbändigen Romanprojekt „Vorläufige Hölle“ porträtiert Luiz Ruffato den Weg Brasiliens von der Agrargesellschaft in unsere postindustrielle Gegenwart. „Teilansicht der Nacht“ ist der dritte Band, angelegt im brasilianischen Hinterland in den 1970er Jahren. Die Autoproduktion von VW do Brasil gilt als Zeichen des Fortschritts, doch in dem Provinzort Cataguases macht sich dieser erst langsam bemerkbar. Als ein Zirkus hier seine Zelte aufschlägt und mit ihm ein neues, freies Lebensgefühl Einzug hält, kommen die Einwohner*innen erstmals mit emanzipierten Frauen und der Kultur einer protestierenden Jugend in Berührung. Über allem steht das lähmende Diktat der Militärjunta, deren Tage bereits gezählt sind. Ruffato, der vielleicht wichtigste brasilianische Schriftsteller seiner Generation, erzählt wie immer aus unzähligen Perspektiven und fast ausschließlich mit den Augen der „einfachen Leute“. (Erscheint im Februar. Mehr Info hier.)

Samuel Selvon – Die Taugenichtse (dtv)
selvon_taugenichtse_vp204887_4cDass migrantische Autor*innen Bücher schreiben, ist heutzutage selbstverständlich und eine ungemeine Bereicherung der literarischen Szene. Als Samuel Selvons erster Roman „Die Taugenichtse“ 1956 erschien, war dies anders. Selvon, der 1923 in Trinidad geboren wurde und 1950 nach Großbritannien emigrierte, machte sich als einer der ersten nicht nur die Perspektive der Einwanderer*innen, sondern auch die Eigenheiten des migrantischen Slangs zu Nutze. Das Ergebnis galt damals als unerhört. Aus heutiger Sicht sind „Die Taugenichtse“ bahnbrechend und haben sicher den Weg geebnet für Schriftsteller*innen wie Hanif Kureishi oder Zadie Smith. Sechzig Jahre später erscheint nun „Die Taugenichtse“ erstmals auf Deutsch und bietet auch einem Publikum hierzulande, diesen einflussreichen Roman zu entdecken. (Erscheint im Mai. Mehr Info hier.)

Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol (Rowohlt Verlag)
U1_978-3-498-07389-3.inddMariupol ist eine Hafenstadt im Osten der Ukraine, von hier kam Natascha Wodins Mutter, die 1943 zusammen mit ihrem Mann von den Nazis nach Deutschland verschleppt wurde. Zum Arbeitseinsatz gezwungen, nach Kriegsende in einem Lager für „Displaced Persons“ untergebracht (wo auch Natascha Wodin zur Welt kam), beging sie 1955 Selbstmord. Mit ihrem neuen Roman wagt Wodin den Versuch, die Herkunft und den tragischen Lebensweg ihrer Mutter nachzuzeichnen, ihr ein Gesicht zu geben, sie aus der Anonymität zu holen. Für das Manuskript zum Roman erhielt sie 2015 den Alfred-Döblin-Preis. Fast zeitgleich zur anstehenden Veröffentlichung von „Sie kaum aus Mariupol“ wird Wodins Erstling „Die gläserne Stadt“ bei ars vivendi neu aufgelegt – gleich zwei Gründe, diese viel zu wenig bekannte deutschsprachige Autorin in diesem Jahr zu entdecken. (Erscheint im Februar. Mehr Info hier.)

Hanya Yanagihara – Ein wenig Leben (Verlag Hanser Berlin)
HB Yanagihara_25471_MR1.inddDiesem fast eintausend Seiten dicken Roman, dem zweiten der US-amerikanischen Autorin Hanya Yanagihara, lagen im englischsprachigen Raum Kritik und Publikum zu Füssen. Von lebensverändernden Lektüreerlebnissen wurde berichtet, Debattierrunden tauschten sich über die Details von „Ein wenig Leben“ endlos aus. Der Roman erzählt episch und mit vielen unerwarteten Wendungen von Jude, JB, William und Malcolm. Die vier Männer verbindet ab dem College eine Jahrzehnte währende Freundschaft. Im Laufe des Romans rückt immer mehr Jude ins Zentrum. Woher kommen die Schmerzen, von denen er immer wieder geplagt wird? Seine Herkunft und seine Identität scheinen von einem Geheimnis umgeben zu sein. Viel mehr gibt der deutsche Verlag nicht preis, aber nach den bisherigen Reaktionen in anderen Ländern scheint es sich um einen unkonventionellen Pageturner zu handeln, der auch literarische Gourmets zufrieden stellen dürfte. Und das ist ja manchmal genau das, was wir wollen. (Erscheint im Januar. Update: Inzwischen habe ich das Buch gelesen und kurz rezensiert – meine Meinung hier.)

Des weiteren freue ich mich auf neue Texte von Jörg-Uwe Albig, Miljenko Jergović, Karl-Markus Gauß und Jérôme Ferrari. Und wie immer wird das Halbjahr einige Neuheiten bereit halten, von deren Brillianz oder sogar Existenz ich bisher nichts ahnen konnte, die mir aber sicher durch den einen oder anderen Blog sowie die Feuilletons näher gebracht werden. So viel zu lesen, so wenig Zeit…

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9 Gedanken zu „Lese-Vorfreude – zehn herausragende Titel für den Bücherfrühling 2017

  1. Servus Tobias, gesundes Neues und viel Lesefreude in 2017.
    Wieder eine spannende Auswahl dabei und da du Ferrari erwähnst: Ich lese gerade „Das Prinzip“, welches ich vor knapp 2 Jahren bei dir gewann. Sehr feine Lektüre über Herrn Heisenberg und sein Leben.
    Liebe Grüße
    Marc

  2. Das ist eine sehr schöne Mischung. Einige der Titel stehen auch bei mir hoch im Lesekurs, ist die Vorfreude groß. Andere wiederum sind mir beim Durchblättern der Vorschauen noch gar nicht so ins Auge gefallen. Viele Grüße

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