afrika:diaspora 5 /// Nnedi Okorafor – Lagune

Die nigerianisch-amerikanische Autorin Nnedi Okorafor zählt international zu den profiliertesten Vertreter*innen der afrofuturistischen Literatur. Mit ihrem Roman „Lagune“, der von der Landung Außerirdischer in Nigeria erzählt, ist sie nun auch auf Deutsch zu entdecken.

afrika-diaspora-logo-libroscopeNnedi Okorafors Roman beginnt, wie viele Science Fiction-Romane beginnen: mit der Ankunft von Außerirdischen. Von allen Orten der Welt haben sich die Ankömmlinge für ihre Landung die Bucht von Lagos ausgesucht. Ausgerechnet hier! Wären sie nicht im Meer vor New York oder Los Angeles oder Hong Kong viel näher an den kulturellen und ökonomischen Zentren der Menschheit gewesen? Stattdessen also Bar Beach am Rand der nigerianischen Millionenmetropole, der die Lagune (portugiesisch: Lagos) schon im Namen eingeschrieben ist. Die Menschen, die sich am Strand zum Flanieren und Amüsieren treffen, werden von einem Ultraschallknall und einer gigantischen Flutwelle aufgeschreckt. Dann betritt eine Frauengestalt das Ufer.

Zum selben Zeitpunkt begegnen sich hier die Meeresbiologin Adaora, der verwundete Soldat Agu und der in ganz Westafrika berühmte Rapper Anthony de Craze. Sie haben sich noch nie zuvor gesehen. Von der Flutwelle erfasst, werden sie ins Meer gezogen, wieder zurück an Land gespült und treffen auf die seltsame Frau, die dem Meer entsprang. Schnell wird klar: das Zusammentreffen der drei ist kein Zufall. Und die Frau ohne Namen, von Adaora bald mit dem Namen Ayodele versehen, stammt nicht von dieser Erde.

Natürlich gehört die Geschichte vom Erstkontakt zwischen irdischem und außerirdischem Leben zu den klassischen Stoffen der Science Fiction. In Nnedi Okarafors Roman ist aber nicht nur der Ort der Handlung ungewöhnlich. Abgesehen vom grundsätzlichen Setting fällt der Großteil des Textes aus dem Rahmen dessen, was hierzulande in diesem Genre zu erwarten ist. „Lagune“ ist wie viele andere Romane Nnedi Okorafors dem Afrofuturismus zuzurechnen, der bereits seit den 1960er Jahren in der afroamerikanischen Popkultur präsent ist, eine dezidiert schwarze Science Fiction-Literatur hervorbrachte und seit einigen Jahren auch afrikanische Länder erobert. Nun liegt Okorafors erster ins Deutsche übersetzter Roman in sehr hübscher Aufmachung vor, weitere sollen beim Verlag Cross-Cult folgen.

Inspiriert zu diesem Buch wurde Okorafor, die als Kind nigerianischer Einwanderer*innen in den USA zur Welt kam, durch den südafrikanischen SciFi-Spielfilm „District 9“. Der rassistischen Darstellung der Nigerianer*innen in diesem Film, die beim Erscheinen 2009 vielfach kritisiert wurde, wollte die Autorin ein differenziertes Bild entgegensetzen. Das Romanpersonal, auf das die Außerirdische Ayodele bei ihrer Kontaktaufnahme in Lagos trifft, ist jedenfalls sehr vielfältig ausgefallen, aber bei weitem nicht immer sympathisch. Ob Adaoras Mann Chris, der unter dem Einfluss des bigotten christlichen Predigers Vater Oke steht, oder Moziz, der mit seiner Gang einen Plan schmiedet um Ayodele zu entführen: Die wenigsten Menschen begegnen der in friedlicher Absicht gekommenen fremden Spezies mit Wohlwollen. Hexenaberglauben, christliche Heilsfantasien und die durch das Militär geschürte Hysterie lassen die Lage immer weiter eskalieren. Doch Ayodele kann auf das ihr immer wieder entgegengeschleuderte „Du bist böse!“ nur antworten: „Nein, ich bin Veränderung.“ Und das ist wortwörtlich gemeint, denn die extraterrestrischen Besucher*innen können ihre Gestalt wandeln und sogar in die Zellstruktur anderer Lebewesen eindringen.

Während die Menschen in Lagos versuchen, mit den friedlichen Außerirdischen klarzukommen und die Stadt dabei immer mehr dem Chaos anheim fällt, erfahren wir eine ganze Menge über das Leben in der nigerianischen Megapolis. Über die Area Boys, die bewaffnet in den Wohnvierteln ihr Unwesen treiben, über die jungen Leute, die von Internetcafés aus Betrugsmails in die ganze Welt versenden, über Armut und Reichtum, lagune_rgbüber das Verhältnis zwischen den Geschlechtern und in einer kurzen Episode sogar das schwere Schicksal eines Crossdressers, der von seinen Freunden geoutet wird. In den knappen, schnell aneinandermontierten Kapiteln erschließt sich durch viele Nebenerzählungen ein soziales Puzzlebild der Stadt Lagos von heute. Als Kontrast lässt Nnedi Okorafor Elemente der westafrikanischen Mythologie einfließen. So hat die geschichtenerzählende Spinne Udide Okwanka aus der Sagenwelt der Igbo ebenso einen Auftritt wie der Voodoogeist Papa Legba. Alt und neu, alltäglich und fantastisch werden rasant verquickt, was einen ganz eigenen Sound erzeugt.

Doch „Lagune“ ist in erster Linie das Werk einer Science Fiction-Autorin für ein Science Fiction-Publikum. Besonders im letzten Drittel des Textes wird dies spürbar. Hier reihen sich Kämpfe zwischen Adaora, Agu und Anthony (wie wir inzwischen wissen sind alle drei mit übernatürlichen Fähigkeiten gesegnet) mit Seemonstern (von den Außerirdischen ebenfalls mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet) nahtlos an fantastische Unterwasserepisoden. Die subtilen Milieuschilderungen treten in den Hintergrund, plötzlich regieren Action und Spannung, was etwas plakativ wirkt. Warum die Autorin, die – ganz dem emanzipativen Gedanken verpflichtet – ihren Roman mit starken Frauenfiguren, einem Kopfnicken Richtung LGBTI-Community und religionskritischen Untertönen ausstattet, am Ende die außerirdische Schlüsselfigur Ayodele unbedingt mit dem Staatspräsidenten zusammenbringen muss, bleibt ein Rätsel. Für genrefremde Leser*innen beginnt jedenfalls irgendwann eine Geduldsprobe, die man nach den ersten zweihundert Seiten nicht erwartet hätte.

Nichtsdestotrotz ist „Lagune“ der intelligenten Seite der Science Fiction zuzurechnen. Und wie jeder clevere Science Fiction Roman hat auch Nnedi Okorafors Text eine Message für uns. Oder sogar mehrere. Das Eintreffen der Außerirdischen als Ankunft weitreichender Veränderungen ist schnell erkennbar, symbolisch scheint mit ihnen die (post-)moderne Welt in Lagos Einzug zu halten, die mit ihrer steten Wandelbarkeit die klassischen Systeme (Religion, Militär, Klassenzugehörigkeit etc.) ins Wanken bringt. Am Ende wird die Veränderung die Menschen durchdringen und ein Teil von ihnen sein. Das Motiv der friedlichen Koexistenz wird natürlich auch bedient und eine ökologische Botschaft wird in Spurenelementen ebenfalls mitgeliefert. Unter dieser symbolischen Last droht die Story manchmal begraben zu werden, die Autorin rettet sich dann ins Fragmentarische und bricht gerne mal einen Erzählstrang abrupt ab. Am Ende ist und bleibt „Lagune“ aber ein kaleidoskopartiger Lese-Trip, trotz mancher Schwächen. Wer diese verzeihen kann, erlebt eine höchst eigenständige Mischung aus SciFi-Genre, Großstadtroman und magischem Realismus, die man so noch nicht gelesen hat.

Nnedi Okorafor. Lagune. Aus dem Englischen von Claudia Kern. 420 Seiten, Klappenbroschur. Cross Cult Verlag 2016. 18,- €.

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