afrika:diaspora 6 /// Samuel R. Delany – Dunkle Reflexionen

Ein Leben nach dem Afrofuturismus: „Dunkle Reflexionen“, ein Roman aus seinem Spätwerk, zeigt Samuel R. Delany als gewitzten Erzähler auf Augenhöhe mit den Großen der US-amerikanischen Literatur.

afrika-diaspora-logo-libroscopeEinmal Science Fiction, immer Science Fiction – hat man als Autor*in erst mal den Stempel abbekommen (gleiches trifft wohl auf fantastische Literatur zu), dann bleibt die Zuschreibung eine Karriere lang bestehen. So auch bei Samuel R. Delany. Er gilt seit seinen Anfängen in den 1960er Jahren als Urvater der afroamerikanischen Science Fiction und Vertreter des Afrofuturismus, auch wenn dieser Begriff erst drei Jahrzehnte später geprägt werden sollte. Dabei waren Delanys Bücher von Beginn an intelligenter als das, was sich üblicherweise in den SF-Regalen der Buchhandlungen ansammelte. Einem größeren Publikum wurde dies 1975 mit „Dhalgren“ klar, einem verrätselten, dystopischen Roman, der auch außerhalb von Spezialistenkreisen wahrgenommen wurde, von den Feuilletons überwiegend positiv besprochen wurde und sich in der Folge zum Millionenseller entwickelte. Nach dem „Nimmèrya“-Zyklus in den 1980er Jahren, den Kenner*innen für den Beginn der postmodernen Fantasyliteratur halten, wandte sich Delany anderen Formen zu, schrieb Essays, Kritiken und autobiografische Texte. In Deutschland wurden seine Bücher fortan nicht mehr verlegt. Ein SF-Autor mit literarischen Ambitionen, der über Homosexualität, Blackness und philosophische Themen schreibt – für Verlage hierzulande scheinbar ein Ausschlussgrund.

Seit einigen Jahren hat sich nun der kleine Berliner Verlag Golkonda vorgenommen, diese Lücke zu schließen. Neben Neuübersetzungen der vier „Nimmèrya“-Bände sollen hier nach und nach bisher unübersetzte Delany-Werke erscheinen. Dieser Initiative ist es zu verdanken, dass der Roman „Dunkle Reflexionen“ – im Original 2007 erschienen – seit einiger Zeit auf Deutsch vorliegt (wenn auch mit einer nicht besonders ansprechenden Buchgestaltung) und uns eine andere Seite des in den USA längst zum modernen Klassiker avancierten Autors zeigt.

delany portrait
Samuel R. Delany

„Dunkle Reflexionen“ erzählt drei Episoden aus dem Leben des Dichters Arnold Hawley. Der Roman beginnt im fortgeschrittenen Alter Hawleys und findet über die mittleren Jahre schließlich seinen Weg zum jugendlichen Arnold, um gegen Schluss wieder im Zeitraffer Kurs auf eine späte Lebensphase zu nehmen. Hawley hat in seinem Leben ein paar Gedichtbände veröffentlicht, die es zu bescheidenem Erfolg beim amerikanischen Lyrik-Publikum gebracht haben. Liebevoll aufgereiht stehen die Bücher in einem kleinen Regal – ironisch „Prahlregal“ genannt – im Flur seiner Wohnung. In New York City kann man von ein paar hundert gedruckten Lyrikbänden nicht leben, deshalb arbeitet Hawley als Dozent an der Staten Island State University. Das reicht gerade so für ein Auskommen am Rande des Existenzminimums. Der Alltag ist von einfachen Mahlzeiten, möglichst preiswerten Freizeitvergnügungen sowie natürlich vom Schreiben seiner Gedichte geprägt. Dass der seit Jahren getragene Mantel langsam fadenscheinig wird, dass Arnold seine Wohnung häufig nur zum Arbeiten verlässt – längst hat sich der idealistische Poet daran gewöhnt. Doch drei unvorhergesehene Ereignisse, die dem Buch seine Struktur als Triptychon einschreiben, wachsen sich in diesem einfachen Leben zu wahren Erdbeben aus. Zum ersten erhält Arnold eines Tages zu einem späten Zeitpunkt seiner „Karriere“ völlig überraschend den angesehen Alfred-Proctor-Literaturpreis, zum zweiten geht er aus einer Laune heraus mit der fast zwanzig Jahre jüngeren Judy eine Ehe ein, die nach wenigen Tagen und auf äußerst tragische Weise wieder endet, zum dritten macht Arnold als Jugendlicher eine erste homosexuelle Erfahrung.

Die schrullige, aber grundsympathische Hauptfigur des Romans nutzt Samuel R. Delany für ein literarisches Spiel, das sich aber nur als solches erkennen lässt, wenn man etwas mehr über den Autor weiß. Wie seine Figur Arnold Hawley ist Delany ein schwuler Afroamerikaner, der zwar schon alle möglichen literarischen Textformen, aber noch nie ein Gedicht veröffentlicht hat. Auch Delany war früher trotz seiner Homosexualität mit einer Frau verheiratet, doch die real existierende Ehe mit der Schriftstellerin Marilyn Hacker verlief ganz anders als die Liaison zwischen seinem Romanhelden und der naiven Judy. Und auch Delany lehrte lange Jahre an der Universität, aber Fotografien des Schriftstellers lassen keinerlei Nachlässigkeiten in seiner Erscheinung erkennen, ganz im Gegenteil. Dieses Spiel mit Autobiografie und Fiktion bringt „Dunkle Reflexionen“ in vielen Momenten zum Schillern und nötigt dem Delany-Kenner eine ständige Neujustierung ab.

Doch in erster Linie ist „Dunkle Reflexionen“ ein Roman darüber, was es heißt, ein schwarzer, schwuler Schriftsteller zu sein und erzählt gleichzeitig von universell gültigen delany dunkle reflexionenLebensmotiven. Delany beschreibt mit akribischer Genauigkeit die Folgen, die der obskure Proctor-Literaturpreis für das Leben des Lyrikers Hawley bringt, von der kurzfristigen, geringfügigen Verbesserung seines Lebensstandards über die Auswirkungen auf sein Verhältnis zu seinem Lektor bis zu den Eifersüchteleien zwischen ihm und anderen Schriftstellerkolleg*innen. Die katastrophal endende Ehe mit Judy wird schließlich zur Inspiration für Hawleys Lyrik. „Dunkle Reflexionen“ ist in weiten Teilen eine Sympathiebekundung für den Idealismus der kompromisslosen Schriftstellerei und gleichzeitig ein Kommentar auf die seltsamen Gebräuche und Konventionen des Literaturbetriebs. Doch auch die Zeitläufte machen sich bemerkbar, schwingen doch die allgegenwärtige Homophobie der 1950er Jahre, die Bürgerrechtsbewegung und das Black Power Movement der 1960er sowie die Auswirkungen des Neoliberalismus der „Reaganomics“ ab den 1980er Jahren immer mit.

Am Ende seines Lebens ist Arnold Hawley gesundheitlich angeschlagen, nach dem Tod seiner geliebten Tante ohne familiäre Bindungen und lebt ein finanziell äußerst prekäres Leben. Doch Delany erspart uns Verbitterung und Moralisieren, stattdessen erzählt er liebevoll-ironisch und mit einem Humor, dessen Trockenheit ihresgleichen sucht. Von Andy Hahnemann treffend ins Deutsche übertragen, hat Delanys Ton die Konventionen der Science Fiction längst hinter sich gelassen und erinnert an klassische amerikanische Erzähler wie Saul Bellow oder Vladimir Nabokov. „Dunkle Reflexionen“ zeigt, dass es auch hierzulande Zeit wird, den Namen Samuel R. Delany mit diesen und anderen Größen der US-Literatur in einem Atemzug zu nennen.

Samuel R. Delany. Dunkle Reflexionen. Aus dem Englischen von Andy Hahnemann. 300 Seiten, Klappenbroschur. Golkonda Verlag 2013. 16,90 Euro.

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