Es tut mir leid! Es tut mir leid! Es tut mir leid!

Hanya Yanagiharas 960 Seiten dicker Roman „Ein wenig Leben“ wird als literarische Sensation und als wichtigstes Buch dieses Frühjahres gefeiert. Es kann sich nur um ein Missverständnis handeln.

Die Welt der Literatur, sie war schon immer empfänglich für das Spektakel, oder wie man heutzutage sagt: den Hype. Das geschickte Marketing der Verlage ist dabei nur ein Baustein. Insbesondere bei Romanen, die schon in englischer Sprache Bestsellerstatus erreichten, geht bereits Monate vor der deutschen Veröffentlichung ein Raunen durchs Netz. Wenn sich dann die deutsche Literaturkritik auch noch halbwegs auf das Buch einigen kann, werden schnell Floskeln wie „der Roman der Saison“ oder „Literatursensation“ bemüht. Aktuelles Beispiel: „Ein wenig Leben“, der zweite Roman der US-amerikanischen Autorin Hanya Yanagihara.

Dieses Buch tritt gleich mal gewichtig auf: Stolze 960 Seiten sind zu bewältigen. Erzählt wird die Geschichte der vier New Yorker Freunde JB, Willem, Jude und Malcolm von ihrer Zeit im College bis ins mittlere Erwachsenenalter. Im Laufe des Romans gerät Jude, der unter Schmerzattacken und Angstzuständen leidet, immer mehr in den Mittelpunkt. Langsam offenbart sich die Leidensgeschichte seiner Kindheit, die ihn einerseits außergewöhnlich willensstark machte, andererseits viele körperliche und seelische Verletzungen zufügte.

Freundschaft und Leid, Liebe und Tod – der Roman kratzt an den ganz großen Themen und breitet sie in einem langsam dahinfließenden Buchstabenstrom vor den Lesenden aus. Durch einige Kunstgriffe erscheint Yanagiharas Ansatz radikal modern. Es gibt HB Yanagihara_25471_MR1.inddbeispielsweise keine konkreten Hinweise auf die Jahrzehnte, in denen der Roman spielt. Heterosexuelle, homosexuelle oder bisexuelle Liebe – diese Kategorien spielen für die Autorin keine Rolle. Mit großer Selbstverständlichkeit lässt sie ihre Figuren ohne Scheuklappen lieben bzw. Sex haben. Und auch die Grenzen zwischen Freundschaft und Liebe lösen sich immer mehr auf, je weiter die Handlung voranschreitet. Doch durch die Loslösung von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die absolute Konzentration auf die vier Freunde scheint sich die Geschichte wie unter einer luftdichten Glocke abzuspielen. Die Autorin mag diese Kritik bereits erahnt haben, sie spricht daher von einem „modernen Märchen“. Wenig märchenhaft ist allerdings der belanglose Schreibstil, in dem sich die Geschichte Seite für Seite dahinbewegt. Yanagihara scheint prägnante Schilderungen oder treffende Metaphern absichtlich zu vermeiden, sie verlässt sich rein auf ihren Plot, den sie mit Cliffhangern und wenig subtilen Andeutungen unter Spannung zu halten versucht. Ideen zur Ausschmückung der Geschichte werden gerne fix eingestreut und halbherzig mit ein oder zwei Sätzen gerechtfertigt, ohne sie komplexer in der Handlung zu verankern. Vielleicht stellen sich eingefleischte Krimileser*innen so einen literarischen Roman vor. Peinlich wird es aber spätestens bei den Dialogen. Alleine der Ausspruch „Es tut mir leid!“ – abwechselnd von Jude oder einem seiner Freunde geäußert – wird inflationär gebraucht (gefühlt dreimal pro Seite) bis er zur Karikatur seiner selbst geworden ist.

In dem Urteil, dass ein Buch misslungen ist, steckt natürlich immer der Gedanke an den Roman, der dieses Buch hätte sein können. „Ein wenig Leben“ hätte mit seinem Mut zum Niederreißen von Genderkonventionen und der Ausleuchtung der Nuancen zwischen Freundschaft und Liebe ein neues Sprechen (oder besser: Schreiben) über diese Themenkomplexe erschaffen können. Doch Yanagihara scheitert genau daran. Am deutlichsten wird dieser Mangel bei einem der zentralen Themen des Romans: Schmerz. Jude, der alle erdenklichen Qualen erleiden musste und sich selbst auch Qualen zufügt, wird wie ein Automat dargestellt. Auf der einen Seite Qual rein, auf der anderen Schmerz und Leid raus. Was in seinem Inneren genau vorgeht, dafür findet die Autorin kaum Worte. Sie verlässt sich stattdessen darauf, den Lesenden im Ozean der Buchstaben treiben zu lassen, bis er in repetetiver Gefühligkeit zu ertrinken droht. Dieser Roman setzt also einzig und alleine auf die Taktik der Überwältigung. Vielleicht passt der Erfolg von „Ein wenig Leben“ daher perfekt in unsere Zeit, in der es nicht darauf ankommt, was oder wie man etwas sagt, sondern in der einem vor allem zugehört wird, wenn man besonders viel sagt.

Hanya Yanagihara. Ein wenig Leben. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. 960 Seiten, gebunden. Verlag Hanser Berlin 2017. 28,- €.

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4 Gedanken zu „Es tut mir leid! Es tut mir leid! Es tut mir leid!

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