Hart am Leben entlang

Mit der Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse für „Sie kam aus Mariupol“ und der Wiederveröffentlichung ihres Debütromans „Die gläserne Stadt“ erfährt die Schriftstellerin Natascha Wodin endlich die Wertschätzung, die ihr schon lange gebührt.

Das Verwandeln der eigenen Biografie in Literatur ist nichts Neues, hat aber momentan Konjunktur. Unter dem schicken Begriff „Autofiktion“ subsummiert, diskutieren die Feuilletons gerne die Romane von Karl-Ove Knausgard, Thomas Melle oder Tomas Espedal, die ihr eigenes Leben zum Steinbruch für ihr Werk erklärt haben und dabei sowohl mit sich, als auch mit ihrem privaten Umfeld schonungslos umspringen. Wie wunderbar passt es da ins Bild, dass Natascha Wodin dieses Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse verliehen bekam. Schließlich hat die 1945 geborene Autorin seit ihren literarischen Anfängen immer sehr nahe am eigenen Leben geschrieben. Wie nahe, das lässt sich nicht nur mit dem in Leipzig ausgezeichneten Buch „Sie kam aus Mariupol“ erleben, sondern auch durch die Lektüre von Wodins kürzlich neu herausgegebenem Debütroman „Die gläserne Stadt“. Beide Texte hintereinander zu lesen ist nicht unbedingt notwendig, aber äußerst bereichernd.

 

„Sie kam aus Mariupol“ vermeidet die Kategorie des Romans. Tatsächlich ist es schwierig, dieses Buch einzuordnen. Ist es eine biografische Erzählung? Eine Recherche? Ein Erinnerungsbuch? Wohl von allem etwas. Vielleicht handelt es sich hier um einen Text, dessen literarische Kühnheit auf den ersten Blick hinter der (auto-)biografischen Fassade verschwindet. Die Erzählung ist jedenfalls packender als so manches Buch, auf dem groß der Gattungsbegriff „Roman“ prangt.

Ausgangspunkt ist eine ziellose Recherche im Internet. Natascha Wodin, die ihre Mutter im Alter von zehn Jahren durch Selbstmord verlor, weiß kaum etwas über ihre familiäre Herkunft. Als Kind von Zwangsarbeitern in einer Notunterkunft im bayerischen Fürth kurz nach Kriegsende geboren, bleibt ihr insbesondere die Familiengeschichte ihrer im ukrainischen Mariupol geborenen Mutter verborgen. Der Vater, aus Russland stammend und ein schweigsamer, zum Alkohol neigender Egozentriker, gab zu Lebzeiten wenig von seinem Wissen preis. Es war, wie Wodin schreibt, „eingeschlossen in ihm wie in einem Tresor, zu dem nicht einmal er den Schlüssel besaß“.

mariupol
Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko und Matilda Iosifowna, Mutter und Großmutter von Natascha Wodin

Nur eine Fotografie von ihrer Mutter und Großmutter ssowie zweifelhafte Erinnerungsfetzen sind Natascha Wodin aus Kindheitstagen geblieben. Kam ihre Mutter wirklich aus einer Adelsfamilie? War der Großvater durch den Handel mit Kohle reich geworden und ihr Onkel tatsächlich Opernsänger? Zu unglaublich, zu nah an den Wunschvorstellungen eines Kindes klangen manche dieser Versatzstücke. Diese Sammlung von Fragmenten schien für immer ein Rätsel zu bleiben.

Doch die zufällige Suche im Internet fördert plötzlich eine Spur zur Lebensgeschichte der Mutter zutage. Durch glückliche Zufälle gerät Wodin an einen ukrainischen Hobbyhistoriker, Konstantin genannt, der für sie vor Ort in Archiven und Gemeindebüchern nachforscht. Es tauchen Fotos und Geburtsurkunden auf, schließlich erfährt Wodin von der Existenz noch lebender Verwandter aus ihrer weitläufigen Familie, die sie anruft und denen sie Briefe schreiben kann.

Schritt für Schritt fügen sich die Puzzleteile zusammen und dort, wo vorher eine riesige Lücke klaffte, breitet sich nicht nur die Familiengeschichte von Wodins Mutter Jewgenia, sondern die Geschichte ganz Osteuropas im 20. Jahrhundert exemplarisch aus. Vor und nach der Oktoberrevolution 1917 wird das am Asowschen Meer gelegene und durch die Migration aus Griechenland geprägte Mariupol zum Schauplatz der Auseinandersetzungen zwischen antizaristischen Kräften und der weißen Garde. Jewgenias Familie steckt mittendrin, schließlich ist man durch den Handel mit Kohle reich geworden und daher ein Dorn im Auge der Revolutionäre, obwohl der Vater und Jewgenias Stiefbruder selbst auf deren Seite kämpfen. Lidia, die ältere Schwester, führt akribisch Tagebuch und berichtet von Plünderungen, Hunger und der Willkür der wechselnden Machthaber über die Stadt. Als sich die politischen Verhältnisse stabilisieren, sorgen Stalins Säuberungsaktionen in den eigenen Reihen für hunderte Tote. Lidia schließt sich einer kommunistischen Untergrundgruppe an, fliegt auf und wird in die Verbannung geschickt.

Für die 1920 geborene Jewgenia ist das Leben ein einziger Ausnahmezustand. Durch den Russlandfeldzug Nazideutschlands gerät die Familie erneut in die Schusslinie und Jewgenia wird zur Arbeit in der deutschen Besatzungsbürokratie gezwungen. Als die Rote Armee Mariupol zurückzuerobern droht, fürchtet sie, als Kollaborateurin getötet zu werden. Zusammen mit ihrem Mann geht sie halb freiwillig als Zwangsarbeiterin nach Deutschland. Die beiden landen in Leipzig in einem Lager des Flick-Konzerns, wo menschenunwürdige Zustände herrschen, die sich nur wenig von den Bedingungen in einem Konzentrationslager unterscheiden.

Nach der Befreiung Deutschlands durch die Alliierten kommen Natascha Wodins Eltern aus der Zwangsarbeit frei, doch eine Perspektive haben sie nicht. In die Sowjetunion zurückkehren steht außer Frage, aber auch in Deutschland sind die beiden als „Displaced Persons“ nur Menschen dritter Klasse. Alle Hoffnung liegt auf einem Ausreiseantrag in die USA, doch als dieser nicht akzeptiert wird, schwindet besonders für die schwer traumatisierte Mutter jeglicher Lebenswille. Ein Leidensweg, an dessen Ende der Selbstmord steht.

Natascha Wodin erzählt in „Sie kam aus Mariupol“ nicht nur von den Beschädigungen, die ihre Mutter in ihrem kurzen Leben erfuhr, mit jeder Quelle und jeder erfolgreichen Recherche fügt sich ein neues Steinchen in ein riesiges Mosaikbild, das sich „Identität“ nennt. Formal lässt sich die Autorin von den Ereignissen leiten. Erzählt sie zu Beginn noch aus der Perspektive der forschenden Tochter, rückt nach der Entdeckung des Tagebuchs ihrer Tante Lidia deren Sicht auf die Familienhistorie in den Vordergrund. Im dritten Kapitel schließlich verweben sich eigene Kindheitserinnerungen und die neu erworbenen Erkenntnisse über den Werdegang der Eltern. Eine sich ganz selbstverständlich weiterbewegende Erzählung, die eher der Intuition als einer gewollten Konstruktion zu folgen scheint. So entsteht ein dichter Teppich, der viele allgemeinhistorische Punkte streift und vom Leben unter zwei Diktaturen berichtet. Zudem leistet der Text einen wichtigen Beitrag für die Geschichte der nach Deutschland gekommenen oder verschleppten Zwangsarbeiter*innen, aber auch der sogenannten „Displaced Persons“. Von beiden wurde in literarischen Texten selten so detailliert erzählt.

Natascha Wodin
Natascha Wodin

„Sie kam aus Mariupol“ ist – das wird an vielen Stellen des Textes deutlich – auch ein Buch, das vom Heilen einer Wunde erzählt. Natascha Wodin konnte endlich viele Fragen über ihre Herkunft klären, was sie als ausgesprochenes Glück empfindet. Die Lektüre macht einen nachdenklich über die identitätsstiftende Bedeutung einer nachvollziehbaren Familiengeschichte. Ist das nicht etwas Veraltetes, das in einer multikulturellen Gesellschaft nur noch eine Rolle am Rand spielen sollte? Für Natascha Wodin sieht es anders aus. Als Kind, aber auch als Erwachsene, war sie ständig den Zuschreibungen von außen ausgesetzt, als „Russerl“ und als Mädchen „aus den Häusern“, wo die „Heimatlosen“ leben.

Wie stark diese Suche nach Identität Natascha Wodins Leben prägte, lässt sich in ihrem Roman „Die gläserne Stadt“ nachlesen. Bei einer Grenzkontrolle wird die als Übersetzerin tätige Wodin gefragt, ob sie Russin oder Deutsche sei. „Tja, wenn ich das wüßte!“ antwortet sie. Nach dem frühen Tod der Mutter ist sie mit Mitte dreißig noch nicht im eigenen Leben angekommen.

Zentral für „Die gläserne Stadt“ ist die Liebe zu Lew Ginzburg, im Roman nur „L“ genannt. Die Begegnung mit dem vierundzwanzig Jahre älteren, frisch verwitweten Übersetzer und Literaturfunktionär aus Russland stellt das Leben der unsicheren Natascha Wodin gehörig auf den Kopf. Es beginnt eine Zeit mit fiebrig erwarteten Telefonaten und Treffen in trostlosen Hotelzimmern. Wodin lässt ihren Lebensgefährten in der gemeinsamen Wohnung sitzen, kann dank Ginzburgs hervorragender Kontakte nach kurzer Wartefrist in die UdSSR reisen und genießt dort die Vorzüge eines Besuches als Gast des Staates. Als ihr Visum abläuft, besucht Ginzburg sie in Deutschland. Die beiden schmieden Heiratspläne, immer wieder von Ginzburgs seltsamen Schwur begleitet, sie zur „Schriftstellerwitwe“ zu machen.

Die Romanhandlung umfasst einen relativ überschaubaren Zeitraum, gerade einmal sechzehn Monate bis zum Tod Ginzburgs im September 1980, eine Zeit aber, in der für Natascha Wodin ihre gesamte Existenz auf dem Spiel steht, sie drauf und dran ist, ihr Leben in der BRD aufzugeben für eine nur vage vorhersehbare Zukunft in der Sowjetunion. Doch das nach kurzer Krankheit eintretende Ableben Ginzburgs macht alle Pläne zunichte und wirft Wodin auf ihre sich in Auflösung befindende Existenz zurück.

Obwohl Natascha Wodin schon 38 Jahre alt war, als „Die gläserne Stadt“ 1983 erschien, versprüht dieser Text unbedingt die Dringlichkeit eines Debütromans. Die Sprache ist ein Abbild der Getriebenheit und Zerrissenheit der Erzählerin, furios drängt die Handlung nach vorne und lässt einem wenig Zeit zum Atemholen. Dabei bleibt der Text immer eng an den Geschehnissen und unterwirft sich einem Realismus der Emotionen, wie man ihn heutzutage selten in Romanen der deutschsprachigen Literatur antrifft. Auch wenn die Autorin selbst inzwischen kritisch auf dieses außerordentliche Frühwerk blickt: dass „Die gläserne Stadt“ in einer Klassiker-Edition bei ars vivendi neu erscheint ist absolut gerechtfertigt.

„Die gläserne Stadt“ – wie wir in „Sie kam aus Mariupol“ erfahren, war dieser Begriff eine Redewendung von Wodins Mutter. Sie brachte damit die Härte und Undurchlässigkeit der deutschen Gesellschaft zum Ausdruck. Dies ist nur eines der Beispiele dafür, wie die beiden Bücher miteinander kommunizieren, sich ergänzen, sich aber auch gegenseitig in Frage stellen. Sie wirken wie der Anfangs- und (vorläufige) Schlusspunkt eines aufwühlenden Autorinnenlebens. Die einst wütende, von Selbstzweifeln geplagte Schriftstellerin kann es immer noch nicht lassen, sich an ihrem Leben abzuarbeiten, aber sie hat inzwischen ihren Frieden gefunden. Und die Literatur hat das Ihre dazu beigetragen.

Natascha Wodin. Sie kam aus Mariupol. 368 Seiten, gebunden. Rowohlt 2017. 19,95 Euro.

Natascha Wodin. Die gläserne Stadt. Eine Erzählung. 280 Seiten, gebunden. ars vivendi 2017. 20,- Euro.

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2 Gedanken zu „Hart am Leben entlang

  1. Besten Dank für diese Besprechung der beiden Bücher, die im Kontext anders ausfallen als in den einzelnen Rezenssionen. MIch berührt die Frage, wie gestaltet sich und gelingt ein Ankommen im Zusammenhang mit all den Familiengeschichten und politischen Umständen. So wünsche ich der Autorin, den Schlüssel zum Tresor zu finden – wie auch allen anderen Ankommenden in Fürth und Nürnberg.

    1. Danke für Dein Feedback. Du sprichst ein Thema an, dass in meiner Rezension mitschwingt, aber nicht explizit benannt ist: Ankunft in Deutschland. Es gibt große Parallelen zwischen dem Aufwachsen von Natascha Wodin und der Situation von geflüchteten Menschen, die seit kurzem in Deutschland leben. Auch in dieser Hinsicht sind die beiden Romane höchst aktuell. Sie zeigen, wie schwierig es ist, eine persönliche Identität zu entwickeln, wenn die Gesellschaft einen ausschließt.

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