Liebe hinter perlgrauen Fassaden

2015 starb der spanische Schriftsteller Rafael Chirbes. Posthum erschien nun der Roman „Paris-Austerlitz“ über eine Liebe, die an den Verhältnissen scheitert. Fast zwanzig Jahre lang schrieb der Autor an diesem letzten Buch.

Paris, das ist nicht immer die Stadt der Postkartenmotive und des ungetrübten Sonnenscheins. Im Herbst prägt ein Grau die französischen Metropole, opak wie „nebliger, in Wasser gelöster Pastis, die Farbe der Stadt, wochenlang“. Der Himmel und die Fassaden gleichen sich einander an in diesem hellschmutzigen Farbton und nicht nur der Umschlag, auch der Text von Rafael Chirbes’ letztem Roman ist von diesem Grau durchsetzt.

Fast zwanzig Jahre hat der spanische Schriftsteller an „Paris-Austerlitz“ geschrieben, fertiggestellt hat er den schmalen Roman nur wenige Wochen vor seinem Tod im Sommer 2015. Liest man in dieser Geschichte zwischen den Zeilen, liegt die Vermutung nahe, dass hier ein stark biografisch gefärbter Schlüsseltext vorliegt. Rafael Chirbes war homosexuell, was über die längste Zeit seines Lebens in der Öffentlichkeit nicht bekannt war. „Paris-Austerlitz“ wirkt in Anbetracht dessen wie ein Geständnis, für dessen Preisgabe der Autor fast zwei Jahrzehnte brauchte.

Anders als die mit einem umfangreichen Personal angelegten Gesellschaftsromane, für die Rafael Chirbes weit über Spanien hinaus bekannt wurde, ist dieser letzte Roman auf zwei Figuren konzentriert. Ein junger Spanier aus betuchten Kreisen entflieht seiner Heimatstadt Madrid und damit auch seiner erzkatholischen Erziehung, um in Paris ein Leben als Künstler zu führen. Er malt und zeichnet, in Frankreich erhofft er sich Inspiration und die Möglichkeit, von seiner Kunst zu leben. Und auch die Chance, seine Liebe zu Männern freier leben zu können.

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Rafael Chirbes (1949 – 2015)

In der Pariser Schwulenszene begegnet er Michel, die beiden Männer könnten unterschiedlicher kaum sein. Michel ist über zwanzig Jahre älter, stammt aus einfachen Verhältnissen und arbeitet in einer Fabrik. Sein ganzes Wesen verströmt eine unbedingte Körperlichkeit, die den Ich-Erzähler sofort anzieht. Hinter der Fassade des Arbeiters entdeckt er einen feinfühligen Menschen, der pragmatisch und liebevoll ist, lebenslustig und verletzbar.

Die Liebesaffäre zwischen den beiden ungleichen Männern ist zu Beginn ein „warmes Zuhause“, doch schnell werden die Differenzen sichtbar. Der schnöselige junge Mann aus Madrid genießt die Geborgenheit, lässt aber auch selten Gelegenheiten aus, sich über seinen Liebhaber zu stellen. Und Michel wird immer wieder verfolgt von den Ereignissen in seiner Familie, von der Brutalität und Zerrissenheit des Vaters, von der Hilflosigkeit der Mutter. Subtil flechtet Chirbes diese „Ursprungserzählung“ mit ein, die viel über Herkunft und Klassenunterschiede erzählt, ohne sich in Klischees zu ergehen. Die Liebe ist nicht immer fähig, über jeden Graben eine Brücke zu schlagen, eigentlich eine Binsenweisheit, aber selten wird diese Erkenntnis in einem Roman so empathisch verhandelt wie hier.

Es sind die 1980er Jahre in Paris und irgendwann taucht AIDS am Horizont auf. Es sorgt für Tod und Leid in der Schwulenszene der Stadt. Auch Michel hat sich angesteckt, er erkrankt am Kaposi-Sarkom und liegt nach kurzer Zeit schwerkrank im Hospital. Eine Zumutung für den alles mit seiner Körperlichkeit wettmachenden Arbeiter, die er jedoch mit Gleichmut erträgt. Nicht so der Ich-Erzähler, der neurotisch-hypochondrisch auf die Erkrankung Michels reagiert. Zunehmend meidet er den Kontakt, seine Krankenbesuche werden seltener, Michels Reaktionen sarkastischer. Am Ende wird es nicht der Tod sein, der den Schlussstrich unter diese ungewöhnliche Liebesgeschichte ziehen wird.

9783956141225Was „Paris-Austerlitz“ mit den anderen Romanen von Rafael Chirbes eint ist die Frage nach Verantwortung und Schuld, die hier allerdings nicht anklagend, sondern selbstzweifelnd gestellt wird. Schon zu Beginn wird klar, dass diese Liebe gescheitert ist, dass sie die trennenden Faktoren von Herkunft und Alter nicht überwinden konnte. Der Ich-Erzähler beschreibt die Geschehnisse nüchtern, aber er geht auch hart mit sich selbst ins Gericht und hinterfragt seine Privilegien. Er bezichtigt sich der Unfähigkeit zu Empathie und Solidarität, die er erst im Nachhinein für Michel empfinden kann. Das Grau, das den Text durchzieht, ist auch die Farbe der Lähmung, die sich breitmacht, wenn die Überwindung von Zuschreibungen und Erziehung nicht gelingt. Und selbst der Pastis nicht helfen kann.

Rafael Chirbes bleibt also auch in seinem letzten Prosawerk ein klassenbewusster Autor. Selten wählte er, der sich Zeit seines Lebens mit der Franco-Diktatur und ihrem Erbe, der Bequemlichkeit der Intellektuellen oder zuletzt in seinem großartigen Roman „Am Ufer“ mit der Verlogenheit des Kapitalimus beschäftigte, ein privateres Sujet. Doch das Private bleibt bekanntermaßen politisch, wie dieser Roman eindrücklich beweist. Wie viel der Text tatsächlich mit der Biografie des Autors zu tun hat, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Es ist letzten Endes auch nicht wichtig. „Paris-Austerlitz“ wirkt in jedem Falle wie ein Destillat der Themen, die Chirbes’ Literatur unterfüttert haben. Dieser kurze, konzentrierte Roman ist ein mehr als würdiger Abschluss für das Lebenswerk dieses wichtigen europäischen Schriftstellers.

Rafael Chirbes. Paris-Austerlitz. Roman. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. 160 Seiten, gebunden. Verlag Antje Kunstmann 2016. 20,- €.

 

 

 

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