afrika:diaspora 8 /// Samuel Selvon – Die Taugenichtse

In seinem ersten Roman „The Lonely Londoners“ beschrieb Samuel Selvon nicht nur die Lebenssituation der ersten afro-karibischen Einwanderergeneration in Großbritannien, er schuf auch einen einzigartigen literarischen Sound. Mit kleinen Schönheitsfehlern liegt dieser einflussreiche Text nun auf Deutsch vor.

Wenn heute Romane von Autorinnen und Autoren wie Taye Selasi, Teju Cole oder Abbas Khider in den Bestsellerlisten auftauchen, ist das nichts Außergewöhnliches mehr. afrika-diaspora-logo-libroscopeLiteratur von Migrant*innen oder von Schriftsteller*innen, die sich in mehreren Ländern zu Hause fühlen, sind längst massenkompatibel. Vor sechzig Jahren waren sie eine Ausnahmeerscheinung. So beispielsweise Sam Selvons Debütroman, der nun unter dem Titel „Die Taugenichtse“ erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt.

Als nach dem zweiten Weltkrieg in Großbritannien die Wirtschaft wieder Fahrt aufnahm, wegen der Kriegstoten aber Arbeitskräfte fehlten, wurde gezielt in den zum Commonwealth zählenden Ländern um Arbeitsmigrant*innen geworben. Zehntausende kamen, konnten ohne Beschränkungen einreisen und hatten einen Anspruch auf die Verleihung der vollen englischen Staatsbürgerrechte. Der Großteil stammte von den Westindischen Inseln, vor allem aus Jamaika, aber auch aus afrikanischen Ländern. Sie brachten Englisch als Muttersprache mit, wenn auch häufig mit einer starken lokalen Einfärbung, und waren mit den Grundelementen der britischen Kultur vertraut.

SamSelvon
Samuel Selvon (1923 – 1994)

Auch Samuel Selvon war einer, der sich vom Versprechen mitreißen ließ, in Großbritannien ein gutes Leben führen zu können. 1923 in Trinidad geboren, kam er 1950 nach London, arbeitete zunächst bei der Indischen Botschaft am Empfang, machte sich aber schnell mit Kurzgeschichten einen Namen, die er unter Pseudonymen wie Big Buffer oder Ack-Ack veröffentlichte. Landesweit bekannt wurde er durch seine Texte für das „Carribean Voices“-Radioprogramm der BBC. Für seinen ersten Roman „The Lonely Londoners“ experimentierte er lange, bis er den richtigen Ton fand. Sein Ziel: einen Stil zu entwickeln, der die Dialekte und den Slang der Zugewanderten widerspiegelt, aber eine eigene literarische Qualität besitzt. Er entschied sich für ein „kreolisiertes“ Englisch, streng genommen eine Kunstsprache, die Selvon aber die Möglichkeit bietet, nicht nur Dialoge, sondern auch die Erzählung selbst zu „kreolisieren“, ihr also die Fremdheit in der britischen Gesellschaft einzuschreiben. Für die englische Literatur, aber auch für die Weltliteratur eine große Innovation, das Buch wurde quasi mit seinem Erscheinen 1956 zum Klassiker. Für die deutsche Übersetzung ist es Miriam Mandelkow gelungen, diesen ganz eigenen Sound adäquat zu übertragen.

„The Lonely Londoners“ ist in erster Linie ein Roman über das Ankommen und beginnt mit Szenen an der Waterloo Station, wo die Neuankömmlinge der „Generation Windrush“ (benannt nach der „Empire Windrush“, die 1948 die ersten Arbeitsmigrant*innen aus der Karibik nach Großbritannien brachte) das erste Mal Londoner Boden betreten. Von hier aus begeben sie sich in die zentrumsnahen Stadtteile Notting Hill und Bayswater – heutzutage Nobelviertel, damals boten dort heruntergekommene Quartiere günstigen Wohnraum. Moses Aloetta ist einer, der schon angekommen ist. Seit Jahren lebt er hier, arbeitet Schicht und holt immer mal wieder Verwandte oder Bekannte von Bekannten an der Waterloo Station ab, um ihnen den Start in London zu erleichtern.

Moses ist das erzählerische Alter Ego Selvons. Mit Verwunderung und Amüsement, aber auch genervt und verwirrt nimmt er sich der Neuankömmlinge an, die sich schwer tun, in der britischen Großstadt Fuß zu fassen. Das Wetter, die Bürokratie, die Arbeitsvermittlung, die geldgierigen „Landlords“: Es gibt viele Hindernisse für die jungen Männer, die aus Barbados, Tobago oder Jamaika gekommen sind. Und Frauen selvon_taugenichtse_vp204887_4csind es tatsächlich eher selten, meist kommt dann gleich die ganze Familie. Wie im Falle von Tolroy, zu dessen Überraschung nicht nur seine Mutter, sondern auch seine Tante nebst Kind dem Zug an der Waterloo Station entsteigen. Wie nun Tolroy, der mit seinem geringen Lohn gerade mal für sich alleine sorgen kann, diese kleine Sippe durchbringen soll, macht ihm ernsthaft Sorgen. Aber die resolute „Tanty“ kommt besser in der neuen Heimat klar als ihr überrumpelter Neffe.

Doch wie schon erwähnt sind die Neu-Londoner vor allem Männer und diesen widmet sich der Roman in einer Aneinanderreihung quirliger Episoden. Da ist etwa der skurrile Galahad aus Trinidad, der im britischen Sommer friert und bei nasskaltem Wetter nur in Pyjama und Trenchcoat herumläuft. Oder der charmante Hallodri Cap, der wie Moses schon etwas länger in London ist und sich mit gewitzten Gaunereien sowie auf Kosten seiner zahlreichen Bekannten ohne Arbeit durchs Leben schlägt. Oder Five Past Twelve, der bei den britischen Damen äußerst gut ankommt und keine Party auslässt. Ihre Wege kreuzen sich in Marble Arch, wo sie den Rednern der Speaker’s Corner lauschen und im Sommer wenige Meter weiter auch gerne mal mit einem Mädchen in den Büschen des Hyde Parks verschwinden.

Sam Selvon erzählt von dieser im Entstehen begriffenen afro-karibischen Diaspora lakonisch und mit viel feinem Humor, er bürstet Klischees gegen den Strich und nimmt die britische Mehrheitsgesellschaft auf die Schippe. Zwischen all der Lebensfreude und dem Willen, aus dem „neuen Leben“ das Beste zu machen, gibt es aber auch traurige Seiten. Denn selbst wenn manche Episode den frechen Witz eines Calypso-Songs haben mag, wie sie in den 1950er Jahren zeitgleich zur Einwanderungswelle in Großbritannien populär wurden, beschreibt der Autor auch Heimweh und Einsamkeit, Ängste und Scheitern.

Diese Melange aus ironischem Witz und Melancholie, die im Originaltitel „The Lonely Londoners“ mitschwingt, hat über die Jahrzehnte ebenso wenig von ihrem Reiz eingebüßt, wie die Thematik der Migration ihre Relevanz. Absolut ärgerlich ist es aber, dass die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Die Taugenichtse“ in den Handel kommt. Das klingt nicht nach dem vielschichtigen Portrait einer Generation von Zuwanderer*innen, sondern eher nach Lausbubengeschichten, von den falschen Menschen gelesen könnte es sogar rassistische Vorurteile bestätigen. Auch das Buchcover in seiner farbenfrohen Karibikhaftigkeit, das so gar nichts von der urbanen Atmosphäre des Romans transportiert, ist ein Fehlgriff. Diese Schönheitsfehler können aber nicht davon ablenken, dass wir es hier mit einem außerordentlich wichtigen Stück Literatur zu tun haben, dessen enormer Einfluss auf die Literatur nachfolgender Generationen sich heute deutlicher zeigt denn je.

Samuel Selvon. Die Taugenichtse. Roman. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. Mit einem Nachwort von Sigrid Löffler. 176 Seiten, gebunden. dtv 2017. 18,- Euro.

 

 

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2 Gedanken zu „afrika:diaspora 8 /// Samuel Selvon – Die Taugenichtse

  1. Naja, im Buch selbst werden die Hauptfiguren ja als Taugenichtse bezeichnet – also ganz an den Haaren herbeigezogen ist der Titel auch nicht. Und das Cover … finde ich nun auch nicht ganz daneben gegriffen. Don’t judge a book by its cover 😉 Aber wie Du schon schreibst – Schönheitsfehler … schöner Beitrag zu einem wirklich außergewöhnlichen Buch. LG, Bri

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