Lese-Vorfreude – zwölf spannende Neuerscheinungen im Herbst 2017

Zwölf äußerst subjektiv ausgewählte Titel, die uns in den nächsten Monaten erwarten – vom modernen mazedonischen Klassiker bis zum aktuellen Pulitzer-Preisträger.

Es fühlt sich äußerst seltsam an, in der schwülen Hitze eines Augusttages über das, was da im Herbst kommen wird, nachzudenken. Aber es ist höchste Zeit für diese Vorschau, denn die Verlage haben seit neuestem den August als favorisierten Monat für ihre Neuerscheinungen auserkoren. Und der August hat ja bereits begonnen. Woran das liegen mag, ist pure Spekulation, sicher hat aber die Longlist für den Deutschen Buchpreis, die am 15. August veröffentlicht wird, ihren Anteil an dieser Veröffentlichungspolitik. Man kann nur hoffen, dass uns keine französischen Verhältnisse drohen. In unserem Nachbarland werden ja an zwei Terminen im Jahr fast alle Neuerscheinungen auf den Markt gekippt, was den wichtigen Literaturpreisen geschuldet ist, aber Presse und Publikum regelmäßig überfordert.

Aber genug der Beschwerde, denn über eines kann man sich sicher nicht beschweren: über zu wenig interessante Bücher im zweiten Halbjahr 2017. Die Auswahl fiel mir nicht leicht, deshalb sind es diesmal nicht zehn, sondern zwölf Bücher, die auf dieser Liste gelandet sind.

 

Petre M. Andreevski – Quecke (Guggolz Verlag)

odsgih9gqmidff27ektc_9783945370131.jpgMazedonien, dieses kleine Land im Südosten Europas, ist als Literaturnation ein weißer Fleck auf der Landkarte. Dem Guggolz Verlag ist es zu verdanken, dass nun einer der wichtigsten mazedonischen Romane des 20. Jahrhunderts erstmals auf Deutsch vorliegt. „Quecke“ erschien im Original 1980 und ist in Petre M. Andreevskis Heimat längt Schullektüre. Die Geschichte von dem Ehepaar Velika und Jon, das in einem Bergdorf die historischen Umbrüche erlebt, führt uns in die Balkankriege und den Ersten Weltkrieg. Andreevski, der von 1934 bis 2006 lebte und auch zahlreiche Lyrikbände veröffentlichte, verhandelt in „Quecke“ Weltgeschichte ebenso wie private Tragödien. Sein Roman ist aber vor allem ein Fest der Mitmenschlichkeit, verfasst in einer poetischen Sprache von klarer Schönheit. (Bereits Anfang August erschienen, mehr Info hier.)

 

Attila Bartis – Das Ende (Suhrkamp Verlag)

bartis 42763.jpgVor zwölf Jahren erschien Attila Bartis’ Roman „Die Ruhe“ mit Verspätung auf Deutsch, ein fiebriger, düsterer Familienroman aus dem Ungarn des Kalten Krieges. Wer ihn gelesen hat, weiß: ein einzigartiges Buch. Nun erscheint Bartis’ neuer Roman „Das Ende“, an dem der in Budapest lebende Autor fast fünfzehn Jahre geschrieben hat. Auf 750 Seiten spannt Bartis die Geschichte des Fotografen András Szabad auf. Nach dem Tod der Mutter und der Festnahme des an den Aufständen im Jahre 1956 beteiligten Vaters scheint sein Leben von Unheil überschattet zu sein. Doch die Kunst der Fotografie gibt ihm Halt, bis er am Ende seines Lebens Bilanz zieht und viele Dinge in einem anderen Licht erscheinen. Eine in präzise beobachteten Episoden erzählte Lebensgeschichte über einen Menschen, der von Gewalt und Zerbrechlichkeit geprägt ist. Übersetzt übrigens von Terézia Mora. (Erscheint am 9. Oktober, mehr Info hier.)

 

Dietmar Dath – Der Schnitt durch die Sonne (S. Fischer Verlag)

dath_978-3-10-397306-8Wie macht Dietmar Dath das eigentlich? Seit der Jahrtausendwende hat der Schriftsteller und FAZ-Redakteur über zwanzig Romane veröffentlicht, dazu kommen noch zahlreiche Sachbücher, Essays und natürlich brillante Zeitungsartikel. Noch dazu ist wohl kaum ein deutscher Autor der Zukunft (und damit unweigerlich den wichtigen Themen der Gegenwart) auf der Spur. „Der Schnitt durch die Sonne“ bietet abermals die für Dath typische Mischung aus Science Fiction (Science wird bei Dath meist groß geschrieben), Politik und Soziologie. Die Reise von sechs Menschen zur Sonne, die sie auf Einladung einer fremden Spezies antreten, klingt nach einer Heldengeschichte. Wären da nicht die Konflikte, denen sich die fremde Zivilisation ausgesetzt sieht. Dath-Fans freuen sich jetzt schon, aber auch alle, die an Cixin Lius unerwartetem SF-Bestseller „Die drei Sonnen“ Gefallen fanden, sollten hier zugreifen. (Erscheint am 24. August, mehr Infos hier.)

 

Annie Ernaux – Die Jahre (Suhrkamp Verlag)

ernaux 22502Dass dieser Roman endlich auf Deutsch erscheint, dürften wir Didier Eribon zu verdanken haben. Er zog das Werk von Annie Ernaux in seinem Buch„Rückkehr nach Reims“ mehrmals zu Rate. Kein Wunder, ist Annie Ernaux doch eine Autorin, bei der sich ähnlich wie bei Eribon autobiografisches Schreiben und Soziologie verschränken. Ernaux’ Roman „Die Jahre“ war nach seinem Erscheinen 2008 in Frankreich ein Gesprächsthema und hielt sich lange auf den Verkaufslisten, in dieser „kollektiven Autobiografie“ fanden sich viele Leserinnen und Leser wieder. Suhrkamp ließ sich wohl vom ungeahnten Eribon-Erfolg ermutigen und bringt 2018 auch noch Ernaux’ „Mémoire de fille“ von 2016 auf Deutsch heraus. Ach ja, und von Didier Eribon erscheint diesen Herbst auch etwas Neues bei Suhrkamp … (Erscheint am 11. September, mehr Infos hier.)

 

Iliazd – Philosophia (Verlag Matthes & Seitz Berlin)

iliazd 9783957574756Der Verlag Matthes & Seitz führt seine „Russische Bibliothek“ fort, die uns schon einige wunderbare Romanentdeckungen beschert hat (u. a. Olga Slawnikowa, Alexander Goldstein und Pavel Salzman). Nun erscheint erstmals der Text eines in Tiflis geborenen, auf russisch schreibenden und vor allem als Typograph berühmt gewordenen Autors auf Deutsch. Iliazd, eigentlich Eli Eganbjuri, auch als Ilja Sdanewitsch bekannt, lebte ab 1920 im Pariser Exil, war dem Futurismus zugeneigt und schloss sich den Dadaist*innen an. Sein Roman „Philosophia“ erzählt von einer Zeitspanne, in der Istanbul (damals noch Konstantinopel) zur Zuflucht für russische Exilant*innen wurde – und mittendrin der Erzähler. Ein Schelmenroman und eine Fluchtgeschichte, gespickt mit historischen Dokumenten und verfasst in einer verspielten Sprache. (Erscheint am 29. September, mehr Info hier.)

 

Elnathan John – An einem Dienstag geboren (Verlag AfrikAWunderhorn)

elnathan_gr_gerDie Meldungen über die Terrortaten der islamistischen Boko Haram sind seltener geworden, doch tatsächlich ist diese Gruppe im Norden Nigerias und in den angrenzenden Regionen der Nachbarländer immer noch sehr aktiv. Der 1982 geborene nigerianische Schriftsteller Elnathan John stammt aus Kaduna und somit aus einer Region, die vom Boko Haram-Terror bedroht ist. Sein Debütroman versucht Erklärungen zu finden für den Zulauf, den die Gruppe zeitweise erhielt und wagt dazu einen tiefen Blick in die zerrissene Gesellschaft Nigerias. Eingebettet in eine Coming-Of-Age-Geschichte, in deren Zentrum Dantala, ein Junge aus Bayan Layi, steht, zeigt „An einem Dienstag geboren“ die religiösen und sozialen Verhältnisse in bewundernswerter Komplexität. Kein gemütliches Stück Literatur aus Afrika, aber der Erkenntnisgewinn dürfte vorprogrammiert sein. (Erscheint im August, mehr Info hier.)

 

Han Kang – Menschenwerk (Aufbau Verlag)

Kang_Menschenwerk_U1.indd„Die Vegetarierin“ von Han Kang war vielleicht einer der verblüffendsten literarischen Erfolge des Jahres 2016. Neun Jahre nach seiner Veröffentlichung erhielt die englische Übersetzung des Romans den International Booker Prize und auch in Deutschland wurde „Die Vegetarierin“ aufgrund seiner ungewöhnlichen Thematik und Erzählstruktur gefeiert. Der Aufbau Verlag legt nun nach und veröffentlicht mit „Menschenwerk“ einen Roman, der von der englischsprachigen Literaturkritik ebenfalls mit viel Lob bedacht wurde. Die Geschichte führt diesmal in das Jahr 1980, als Studentenproteste in Südkorea gewaltsam niedergeschlagen werden. Erzählt wird von drei Menschen, deren Leben durch den Verlust von Angehörigen oder durch die am eigenen Leib erlebte Folter nach einer Festnahme tief erschüttert wurde. (Erscheint am 15. September, mehr Info hier.)

 

Édouard Louis – Im Herzen der Gewalt (S. Fischer Verlag)

louis_978-3-10-397242-9Von all den Autorinnen und Autoren, deren neue Bücher zum diesjährigen Buchmesseschwerpunkt Frankreich erscheinen, dürfte Édouard Louis am ehesten der Begriff „Star“ angeheftet werden. Sein Debütroman „Das Ende von Eddy“ jedenfalls sorgte vor zwei Jahren für viel Aufmerksamkeit, auch bei uns. Nun erscheint Roman Numero 2 und Édouard Louis bleibt seinem autobiografischen Stil treu. Er erzählt von einer Begegnung eines Nachts mit einem jungen Mann, die zu einem Flirt wird. Im Laufe der Nacht, die so verführerisch und spontan beginnt, wird der junge Mann, ein Algerienfranzose, eine Waffe auf den Autor richten. Ein unbequemer Text, der von Begehren, Migration und Rassismus erzählt und eine strukturelle Gewalt sichtbar macht, die unsere Gesellschaften vergiftet. Louis lesen dürfte diesen Herbst Pflicht sein! (Erscheint am 24. August, mehr Info hier.)

 

Peter Nádas – Aufleuchtende Details (Rowohlt Verlag)

U1_978-3-498-04697-2.inddWürde man mich fragen, welche Autorin oder welcher Autor den Literaturnobelpreis verdient hätte, dann wäre Peter Nádas sicher einer der wenigen Namen, die ich nennen würde. Seine „Parallelgeschichten“ und sein „Buch der Erinnerung“ gehören zu den wichtigsten Werken der europäischen Literatur der letzten Jahrzehnte und zu den einnehmendsten Leseerfahrungen meines Lebens. Nun erscheint Peter Nádas’ Autobiografie. Mit ca. 1250 Seiten ist „Aufleuchtende Details“ ein monumentales Werk. Doch wer diesen großen Stilisten kennt, der mit seinen geschliffenen Sätzen die kleinsten menschlichen Regungen zu durchdringen weiß, dürfte ahnen, dass hier kein Wort zu viel ist. (Erscheint am 11. Oktober, mehr Info hier.)

 

Shumona Sinha – Staatenlos (Edition Nautilus)

geb_SUGeboren in Kalkutta, lebt Shumona Sinha seit 2001 in Paris. Und da sie aus Liebe zur Sprache nach Frankreich kam, versteht sie sich explizit als französische Schriftstellerin. Mit „Erschlagt die Armen!“ auch bei uns schlagartig bekannt geworden, liegt nun der dritte Roman von ihr auf Deutsch vor. In „Staatenlos“ erzählt Sinha anhand von drei Schicksalen über die Rolle von Frauen in einer globalisierten Welt, in der Patriarchat und Rassismus immer noch den Ton angeben. Zwischen Kalkutta und Paris verortet, sind die drei Protagonistinnen nirgendwo angekommen, eben „Staatenlos“. In dem packenden Sound geschrieben, der schon „Erschlagt die Armen!“ zu einem Ereignis machte, ist dieser Roman nicht nur engagierte, sondern auch stilistisch anspruchsvolle Literatur. (Erscheint im September, mehr Info hier.)

 

Zadie Smith – Swing Time (Verlag Kiepenheuer & Witsch)

smith 9783462049473Wenn man der internationalen Literaturkritik glauben darf, müssen wir weiter auf einen schlechten Roman von Zadie Smith warten. Zum Glück! Seit ihrem Debüt „Zähne zeigen“ ist Smith ihren Themen treu geblieben, wenn man aber anfängt, diese aufzuzählen (multikulturelles Zusammenleben, Geschlechterverhältnisse, Tradition vs. Moderne) fällt einem auf, wie unzureichend diese Schlagworte sind. Denn Zadie Smiths Romane bestechen nicht nur durch ihre Intelligenz, sondern auch durch ihre Lebendigkeit und Komplexität. „Swing Time“ scheint keine Ausnahme zu sein. Die Geschichte zweier Freundinnen, die sich beim Tanzunterricht kennenlernen, führt aus einem Londoner Vorort bis nach Afrika, ohne dabei ihre Plausibilität oder Vitalität einzubüßen. Ein Roman voller Musik und lebendig gezeichneter Figuren, kurzum: ein weiterer Hit. (Erscheint am 17. August, mehr Info hier.)

 

Colson Whitehead – Underground Railroad (Hanser Verlag)

Whitehead_25655_MR3.indd„The Underground Railroad“, so wurde ein geheimes Netzwerk genannt, das Sklav*innen im 19. Jahrhundert die Flucht aus den Südstaaten in die Freiheit des Nordens ermöglichte. Der Kunstgriff in Colson Whiteheads mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnetem Roman liegt darin, dass der Autor den Namen wörtlich nimmt – und seine Heldin Cora auf der Flucht erst mal durch eine Falltür in ein unterirdisches Tunnelsystem befördert. Angereichert mit Elementen des magischen Realismus und der „Speculative Fiction“ näher als der „Great American Novel“, ist Whitehead ein Roman gelungen, der aus einer historischen Vorlage den immer noch nicht überwundenen Rassismus gegen Schwarze in der US-amerikanischen Gesellschaft heute thematisiert. Und er tut dies nicht mit dem moralischen Zeigefinger, sondern höchst überraschend und originell. (Erscheint am 21. August, mehr Info hier.)

 

Soweit der kleine Libroscope-Ausblick. Natürlich gibt es noch einige weitere Bücher, die erwähnt werden könnten. Höchst erfreulich beispielsweise, dass bei Matthes & Seitz Berlin weitere Bände von César Aira erscheinen werden. Auch das Engagement des Diaphanes Verlags für etwas abwegigere französische Autor*innen sei erwähnt. Hier erscheint nicht nur ein weiterer Roman von Pierre Guyotat, sondern auch eine dringend benötigte Neuauflage von Georges Perecs legendärem Roman „Das Leben. Gebrauchsanweisung“ sowie drei Bände mit bisher nicht übersetzten Werken der experimentellen Literaturgruppe Oulipo.

Natürlich interessiert mich auch, auf welche neuen Bücher Ihr Euch besonders freut. Feedback ist jedenfalls höchst willkommen!

 

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7 Gedanken zu „Lese-Vorfreude – zwölf spannende Neuerscheinungen im Herbst 2017

  1. Mein Geldbeutel ächzt, lieber Tobias. Du kannst doch nicht so viele schöne, interessante Bücher vorstellen 😉 Es sind jedenfalls einige auf die Wunschliste gelangt.

    Lieben Gruß aus dem nicht weit entfernten Cadolzburg.

  2. Underground Railroad ist auch schon auf meiner Liste … und sonst eine sehr schöne Auswahl von Büchern, die mir noch nicht mal ins Blickfeld gekommen sind 😉 LG,Bri

  3. Ich bin vor allem gespannt auf Edouard Louis und Shumona Sinha … Zadie Smith liegt schon (in der englischen Fassung) auf meinem Urlaubslektürestapel. Underground Railroad ist ein fantastisches Buch … schön, dass es nun in Übersetzung herauskommt.

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