Die Seeräuberin und der vierte Aggregatszustand

Niemand schreibt hierzulande schlauere Wissenschaftssatiren als die Münchner Schriftstellerin Christine Wunnicke. In ihrem neuen Roman „Katie“ treffen im London des Jahres 1870 ein ehrgeiziger Chemiker und ein spiritistisches Medium aufeinander – eine Konstellation, die für schönsten literarischen Funkenflug sorgt.

Als sich die Wissenschaft im 19. Jahrhundert aufmachte, alles, aber auch wirklich alles zu erforschen – oder zumindest erforschen zu wollen – waren Irrwege vorprogrammiert. Immerhin können wir das aus gemütlicher heutiger Perspektive so betrachten und so mancher Irrtum bringt uns mit einem Jahrhundert Abstand zum Schmunzeln. Die Münchner Schriftstellerin Christine Wunnicke weiß aus diesen forscherischen Kapriolen der Vergangenheit literarisch Kapital zu schlagen. Bereits mit ihrem letzten Roman „Der Fuchs und Dr. Shimamura“ tauchte sie tief in die Geschichte von Psychoanalyse und Medizin ein, indem sie einen japanischen Arzt zu Forschungszwecken nach Europa reisen ließ. Gegenstand war die zu Beginn des 20. Jahrhunderts häufig diagnostizierte „hysterische Erkrankung“ – eine Modekrankheit, wie man heute weiß, noch dazu eine, die gerne zur Stigmatisierung weiblicher Gemütszustände benutzt wurde.

In Wunnickes neuem Roman „Katie“ bewegen wir uns noch etwas weiter zurück in der Zeit und landen im London des Jahres 1870. Hier versucht der Chemiker William Crookes, dem „vierten Aggregatszustand“ auf die Spur zu kommen. Wie dieser sich nun genau darstellen soll, ist dem ehrgeizigen Wissenschaftler selbst nicht ganz klar, aber schon seit Jahren führt er – von seinen Gelehrtenkollegen skeptisch beäugt – fruchtlose Experimente durch. Eine neue Möglichkeit, ans Ziel seiner Forschungen zu gelangen, glaubt er gefunden zu haben als ihm eines Tages das Mädchen Florence Cook ins Labor geschickt wird. Florence hat trotz ihrer Jugend bereits eine kurze, aber spektakuläre Karriere als Medium für spiritistische Séancen hinter sich, die sich in der britischen Metropole wie im Rest Europas großer Beliebtheit erfreuen. Leider hat ein Zwischenfall bei einer Sitzung ihren Ruf beschädigt. Der Chemiker Crookes soll diesen durch ein Gutachten, das ihre Fähigkeit zur Materialisierung von Geistern bestätigt, wiederherstellen.

Florence Cooks spiritistische Spezialität ist die Materialisierung der androgynen Seeräuberin Katie, die im 17. Jahrhundert eine beispielslose Laufbahn vom verwaisten Mädchen zur Piratenkönigin hinlegte, deren Leben aber tragisch endete. Katie war gewitzt und klug, und als Geist ist sie das immer noch. Nachdem Florence dauerhaft im Haushalt von William Crookes und seiner ätherischen, dauerschwangeren Ehefrau Nelly einquartiert wird, treibt die rothaarige Piratin dort ihr astrales Unwesen.

Die Nähe der ernsthaften Wissenschaften zu dem Ende des 19. Jahrhunderts sehr populären Spiritismus ist natürlich kein Hirngespinst. Auf dem Weg zum Wissensgewinn, vor allem aber im Rennen um die wissenschaftlichen Pioniertaten war den mehr oder weniger belehrten Glücksrittern, in diesem Buch stellvertretend durch die Figur William Crookes verkörpert, fast jedes Mittel recht. Für esoterische Gedanken zeigten sich selbst seriöse Gelehrtenkreisen offen. Schließlich hatte eine Sitzung im Tischerücken große Ähnlichkeiten mit einer Versuchsanordnung und vor Forschern wie Geisterbeschwörern schien eine Terra incognita zu liegen, für deren Erforschung fast jedes Mittel recht war.

katieChristine Wunnicke hat für diesen Roman sorgfältig recherchiert, um ihr Faible für naturwissenschaftliche Details ausleben zu können. Es sind Szenen, die uns teilweise absurd vorkommen, etwa wenn die schwangere Nelly Crookes völlig ungeschützt mit etwas Quecksilber herumspielt, um sich die Zeit zu vertreiben, oder dem Medium Florence Stromstöße verpasst werden, um die Astralenergie zu maximieren und denn sehnlich herbeigewünschten „vierten Aggregatszustand“ zu erreichen. Natürlich ist es nicht nur das Können der Autorin, sondern auch die historische Distanz, die hier den Witz erzeugt. Lustvoll spielt Wunnicke mit den tradierten Bildern von Frankenstein bis zu Dr. Jekyll und Mr. Hyde, die einem unweigerlich bei der Lektüre durch den Kopf spuken, schließlich boten die Anfänge der Wissenschaft bereits zeitgenössischen Autorinnen und Autoren reichlich Stoff für ihre Geschichten. Die Geschichte stützt sich auf  zahlreiche belegbare Fakten,  auch real existierende Figuren wie Charles Darwin haben ihren Auftritt, aber vieles bliebt in der Schwebe. Das Spiel mit Sein und Schein beherrscht die Autorin kunstvoll, sie lässt manches im Unklaren und vermischt das Unmögliche mit dem Möglichen. Für einen Moment scheinen die Geister realer als erwartet, doch schon im nächsten Kapitel schleichen sich wieder Zweifel ein, ob nicht doch alles ein Spuk ist.

Mit ihrer ironischen Haltung macht Christine Wunnicke nicht bei der Wissenschaft halt. Im weiteren Verlauf sieht sich das Quartett, bestehend aus dem Medium Florence, dem Chemiker Crookes nebst Frau sowie dem schüchternen Assistenten Pratt, dazu gezwungen, als spiritistische Freakshow in einem Theater in der Londoner City aufzutreten. So landet der leidenschaftliche Wissenschaftler schließlich beim Spektakel für die Spiritsmushörigen, inklusive jugendlicher Katie-Fans, die um die Geisterpiratin einen romantischen Kult gesponnen haben. Plötzlich scheint das Geschehen unserer Gegenwart seltsam nahe zu sein, in der sich populärwissenschaftliche Begeisterung, antimoderne Irrationalität und Popkultur gerne mal die Hände reichen. „Katie“ ist also nicht nur ein amüsanter historischer Roman, sondern auch eine blitzgescheite Reflexion über die Nähe von Wissen und Wahn, ob damals oder heute.

Christine Wunnicke. Katie. Roman. 176 Seiten, gebunden. Berenberg Verlag 2017. 22,- €

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3 Gedanken zu „Die Seeräuberin und der vierte Aggregatszustand

  1. Lieber Tobias,
    nun hat Piratenkönigin „Katie“ seit ein paar Tagen mit großem Getöse verschiedene Blogs geentert und dabei wahre Begeisterungsstürme ausgelöst. Ich frage mich fast, ob diese ehrlich und seriös entstanden oder durch das eine oder andere spiritistische Mätzchen erzeugt worden sind… Deine Besprechung macht jedenfalls neugierig auf „Katie“ und Lust, sich in die offensichtlich noch sehr offene und suchende Forschungslandschaft des 19. Jahrhunderts zu begeben. Die vielleicht, du deutest das ja auch an, gar nicht so ganz weit von dem Umgang bzw. der Kritik an Wissenschaft heute entfernt ist (Stichwort Klimaveränderung).
    Viele Grüße, Claudia

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