Lob des Lesekreises

Über das Glück, mit anderen gemeinsam zu lesen: eine kleine Hymne auf meinen Lesekreis.

Warum beginnt man einen Literaturblog? Als ich vor fast vier Jahren Libroscope ins Leben rief, haben verschiedene Umstände eine Rolle gespielt. Ich konnte beruflich nicht mehr journalistisch arbeiten, hatte aber vorher sowieso schon fürs Radio über Bücher geschrieben bzw. Beiträge produziert und Interviews geführt. Es bot sich also an, das in veränderter Form weiterzuverfolgen. Viel gewichtiger war allerdings der Wunsch, sich über Literatur auszutauschen. Mein Traum war damals ein Lesekreis, in dem man sich regelmäßig trifft, gemeinsam Lektüren festlegt, seine Eindrücke teilt und diskutiert. Doch leider war aber in meinem Freundeskreis zu diesem Zeitpunkt niemand begeistert von der Idee. Sie verlief im Sand. Dann halt ein Literaturblog, auch nicht schlecht.

Vor kurzem ist nun der langgehegte Wunsch, einen Lesekreis zu gründen, doch noch in Erfüllung gegangen und nach einigen Monaten kann ich behaupten, dass dieser mein Leben sehr bereichert. Ich will daher eine kleine Lobeshymne auf diesen Lesekreis im Speziellen, aber vielleicht auch auf Lesekreise allgemein anstimmen. Wer mir unterstellt, damit eventuell zur Nachahmung aufrufen zu wollen, mag durchaus richtigliegen.

Als sich eine Freundin und (inzwischen ehemalige) Arbeitskollegin im letzten Herbst unerwartet doch für die Idee begeistern ließ, mochte ich nicht sofort glauben, dass daraus etwas wird. Nun ergeben zwei Leute noch nicht wirklich einen „Kreis“ und spannend wird es erst, wenn mehrere Sichtweisen und Meinungen aufeinandertreffen. Zu meiner Überraschung fand die Idee im weiteren Kolleg*innenkreis sofort regen Anklang. Na klar, wir gründen einen Lesekreis! Nie hätte ich mit so großer Zustimmung gerechnet, Freundinnen und Freunde kamen hinzu. Im Nu waren wir rund zehn Leute, die sich allerdings fast alle vorher schon kannten – und mochten. Trotzdem eine ziemlich bunt zusammengewürfelte Truppe mit einer Altersspanne von Anfang zwanzig bis Ende vierzig und durchwegs mit sehr unterschiedlichem Lesebackground. Ob akademisch gebildet oder nicht, ob Fantasy-Gelegenheitsleser, das englische Original bevorzugende Leseratte oder eher dem Sachbuch zugeneigter Vielleser, alles dabei.

Das Erstaunliche ist, dass es von Anfang an funktioniert hat. Die Auswahl des Buches, das alle als nächstes lesen werden, ist jedes Mal spannend, aber bisher ergab sich eine gelungene Mischung aus Anspruch, Relevanz (Stichwort: Klassikerstatus) und Zugänglichkeit. Vielleicht war „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun ein ganz guter Startpunkt, verbindet es doch historische Einblicke mit einem ungewöhnlichen literarischen Stil und einer starken Ich-Erzählerin. In den Folgemonaten fiel die Auswahl sehr bunt aus. Neben aktuellen Bestsellern (Saša Stanišićs „Vor dem Fest“ oder Heinz Strunks „Der goldene Handschuh“) und literarischen Klassikern (Chinua Achebes „Alles zerfällt“ oder William Faulkners „Als ich im Sterben lag“) schreckte die Gruppe auch vor unbekannten Perlen („Das Hausboot am Nil“ von Nagib Machfus) und experimentellen Texten („Wie ich Nonne wurde“ von César Aira oder „Sphinx“ von Anne Garréta) nicht zurück. Natürlich ist ein César Aira nicht unbedingt konsensfähig, aber auffallend war, dass gerade die populären zeitgenössischen Bücher im Lesekreis sehr kritisch aufgenommen wurden. Durchaus nicht vorhersehbar hingegen, dass Chinua Achebes afrikanischer Klassiker mit einem einhelligen Lob von allen Mitgliedern der Gruppe bisher am positivsten bewertet wurde. Ein Lesekreis ist also immer für eine Überraschung gut. Und noch etwas hat sich gezeigt: Wenn man nicht alleine liest, traut man sich mehr zu, denn auch ein kompliziertes Buch kann durch den Austausch zu einer bereichernden Lektüre werden.

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Überhaupt lässt sich der Sinn und Zweck eines Lesekreises nicht am simplen Urteil über ein Buch bemessen, es sind die Zwischentöne und Diskussionen, die wertvoll sind. Ob nun literarisches Wissen geteilt wird oder der Sinn uneindeutiger Passagen zur Interpretation anregt, ob Urteile vehement verfochten werden oder manchen das Buch am Ende in einem neuen Licht erscheint – die Lust am Debattieren ist das A und O. Für Selbstdarsteller*innen ist da kein Platz, es sollte schon die Bereitschaft sein, sich aufeinander einzulassen. Und bloß nicht beleidigt sein, wenn jemand anderem das Buch, das man für eine Meisterwerk hält, nicht gefällt! Aus anfänglichen Erfahrungen hat mein Lesekreis auch gelernt: Inzwischen werden nur noch Bücher vorgeschlagen, die niemand bereits gelesen hat. So bleiben Verletzungen und Vorwürfe à la „Ihr mögt mein Lieblingsbuch nicht, Ihr Ahnungslosen!“ erspart. Die Gesprächsrunde über ein Buch zeigt auch, dass ein gewisses gegenseitiges Vertrauen wichtig ist. Schnell kann es persönlich werden, was aber nur dann funktioniert, wenn man das Persönliche des Anderen respektiert. Und natürlich beteiligen sich die einzelnen Mitglieder je nach Temperament unterschiedlich stark an der Diskussion. Eine Fazitrunde bietet aber am Ende jeder und jedem die Gelegenheit, nochmal etwas zum Buch zu sagen.

Bisher trifft sich der Lesekreis monatlich und dieser Rhythmus hat sich bewährt, was sich auch daran zeigt, wie hoch die Anwesenheitsquote ist. Sporadische Leser*innen werden so nicht überfordert und Vielleser*innen haben noch Zeit für andere Lektüre, zumal dicke Bücher erst gar nicht auf die Vorschlagsliste kommen (die inoffizielle Grenze liegt gefühlt bei 350 Seiten). In der Zeit zwischen zwei Terminen findet natürlich schon jede Menge Austausch statt, wenn man sich auf der Arbeit oder anderswo über den Weg läuft. Die Neugierde, wie es den anderen mit der Lektüre ergeht, lässt sich schlecht verbergen.

Ein schöner Nebeneffekt ist auch, dass jedes Mal für die Runde gekocht wird (kochen muss immer die- bzw. derjenige, dessen Buchvorschlag gewählt wurde). Das sorgt für einen kommunikativen Einstieg, bis dann irgendwann zwischen letztem Happen der Hauptspeise und meist noch vor dem Nachtisch das Gespräch sehr organisch in Richtung Literatur kippt. Wie solch eine Debatte aussehen kann, wird demnächst in einem Post hier zu lesen sein. Lang lebe der Lesekreis!

lkbuchWer nach diesen Beschreibungen Lust bekommen hat, selbst einen Lesekreis zu gründen, sich aber noch zusätzliche Anregungen holen möchte, dem sei Thomas Böhms „Lesekreisbuch“ empfohlen. Es versammelt in kompakter Form Erfahrungsberichte, nützliche Tipps sowie Vorschläge für die Lektüre, der sich ein Lesekreis widmen könnte.

 

 

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10 Gedanken zu „Lob des Lesekreises

  1. Kann ich alles unterschreiben – durch die Diskussion gewinnt eine Lektüre meist an Tiefe, was ich auch ungemein bereichernd finde. Wir haben zwar keinen physisch realen Lesekreis, aber aus diesem Gedanken heraus ist unser Blog entstanden: Ein paar Lesesüchtige, die sich in einer virtuellen Lesecommunity trafen, dort unterhielten, diskutierten und dann gemeinsam einen Blog aufzogen ;). Also da kann ich auch nur sagen – Leute lest nicht nur im stillen Kämmerchen, sondern gemeinsam und sprecht darüber. Super Sache!! LG, Bri

    1. Liebe Bri,
      vielen Dank und schön, dass Du auch Fan des gemeinsamen Lesens bist. Allerdings bevorzuge ich den „realen“ Lesekreis, meine Erfahrungen in Social Reading waren nicht so gut. Aber das steht und fällt natürlich mit den Leuten, die sich da zusammenfinden. Die Chemie muss stimmen. Mich würden noch Deine konkreten Erlebnisse mit einzelnen Lektüren interessieren. Wenn Du Lust hast, schreib doch noch was dazu. Liebe Grüße, Tobias

      1. Da wir schon ab und an zufälligerweise paralell lasen, haben wir angefangen, uns je nach Zeit und Laune Bücher auszugucken, die uns allen irgendwie zusagen könnten. Wenn wir so ein Buch gefunden haben, haben wir versucht, es zumindest zeitgleich zu lesen. Aber wir haben sehr unterschiedliche Lesetempi und auch unterschiedlich viel Zeit. Manchmal lesen wir auch nacheinander und tauschen uns dann darüber aus. Ich bin eher so der Konzeptionsfreak, also gucke drauf, wie ist das Buch angelegt, sind Verknüpfungen der Stränge vorhanden, wenn ja, wie. Meine Mitstreiter lesen anders, meist schneller und manchmal überlesen sie etwas, manchmal überlese ich etwas und dann helfen wir uns auf die Sprünge. Schwierig, weil emotional wird es, wenn ich ein Buch toll fand, meine Mitstreiter aber nicht so – umgekehrt ist das genauso der Fall. Und manchmal kommen dann auch gemeinschaftliche Rezensionen dabei raus. Mit einer meiner Mitstreiterinnen telefoniere ich regelmäßig und wir unterhalten uns dann auch sehr oft über die aktuelle Lektüre, geben uns viele Lesetipps. Die Chemie muss passen, da hast Du Recht. Und bei uns passt es 😉 LG, Bri

  2. Absolute Zustimmung. Seit zwei Jahren besuche ich einen englischen Bookclub und das beste sind die Diskussionen, die sich ergeben und die so unterschiedlichen Perspektiven auf ein Buch. Außerdem rostet so mein Englisch nicht ein. Das macht unglaublich viel Spaß und mittlerweile sind wir da schon relativ gut eingespielt. Meine Buchauswahl wird meistens nicht so hymnisch gefeiert (Nell Zink kam gar nicht gut an), Cheryl Strayed hingegen mochten wir alle. Eigentlich hätte ich auch gerne einen deutschen Lesekreis, vielleicht ergibt sich das noch einmal. 🙂 Wir kochen nicht füreinander, wir treffen uns meistens nachmittags mit Kuchen oder vormittags zum brunchen. Das ist immer sehr gemütlich und richtig toll! Liebe Grüße, Eva

    1. Liebe Eva,
      die Bookclubs der englischen Literaturwelt stehen sicher Pate für die Lesekreise, die sich hierzulande bilden. Da hat das ja eine lange Tradition und gehört zur literarischen Kultur. Mein „Sehnsuchtslesekreis“ war immer der Mudd Up Book Club, den Jace Clayton in New York organisierte (ich glaube, er ist inzwischen eingestellt – siehe Blogroll hier rechts). Da hätte ich gerne teilgenommen, aber jetzt bin ich auch „zu Hause“ glücklich geworden. Liebe Grüße, Tobias

      1. Lieber Tobias,
        ich wusste gar nicht, dass Bookclubs so eine lange Tradition haben. Wir sind mittlerweile so halb deutschsprachig – halb native Speaker, das ist eine schöne Kombi. Ich habe gerade den Mudd Up Book Club gegoogelt, das klingt ja spannend, aber aktuelles scheint es da nicht mehr zu geben. Schade. Liebe Grüße,
        Eva

  3. Danke für den schönen Beitrag über Euren Lesekreis. Nun bin ich noch etwas neugierig und frage, wie so ein Abend abläuft. Dass gekocht und gegessen wird, ist schon mal klasse – auch hier gibt es ja verschiedene Geschmacksnoten. Doch zu den Büchern: alle, oder viele haben sie gelesen? Gibt es dann gleich persönliche Kommentare, eine kleine Einführung oder ein Kapitel vorlesen?
    Bei unserem philosophischen Lesekreis beginnen wir ebenfalls mit einem Abendessen, lesen dann einen verabredeten Text beziehungsweise Kapitel – derzeit aus den Essays von Montaigne -, fragen, kommentieren und diskutieren teils spontan oder anschließend. Über die Jahre haben wir uns zahlreiche Werke gemeinsam erlesen und wechselseitig ausgelegt und interpretiert. Das hat was.
    Gute Wünsche und schöne Grüße

    1. Danke für Dein Feedback! Um die Fragen zu beantworten: jede und jeder hat das Buch gelesen bzw. sollte es gelesen haben, dafür sind meistens vier Wochen Zeit, manchmal sogar länger. Beim Treffen werden dann die Erfahrungen ausgetauscht und Fragen diskutiert. Manchmal gibt es eine kleine Einführung, aber meistens ist es nicht wirklich strukturiert. Wir haben aber gemerkt, dass ein bisschen Struktur gewinnbringend sein könnte und werden daran etwas ändern. Philosophie zu lesen, das kann ich mir gemeinsam sehr reizvoll vorstellen, also wirklich eine kurze Textpassage und diese dann gleich besprechen. Aber mein Lesekreis hat sich der Belletristik verschrieben und da ist das Lesen des ganzen Romans fast unabdingbar. Viele Grüße, Tobias

  4. Lesekreise sind eine großartige Art der Lektüre/Diskussion, die die Literaturwahrnehmung und das Nachdenken ganz eigentümlich prägt … Ich trauere immer noch etwas meinem jahrelangen (Theorie-)Lesekreis nach, der sich irgendwann durch diverse Umzüge verflüchtigt hat. Aber es hat ja auch etwas von einem informell-spontanen „Lesekreis“, wenn man mit Freund_innen zufällig parallel liest.

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