17. Internationales Literaturfestival Berlin: Interview mit Elnathan John

Der Norden Nigerias ist arm, radikale islamische Gruppen wie Boko Haram sind in den letzten Jahren erstarkt. Mit seinem Roman „An einem Dienstag geboren“ zeichnet Elnathan John ein facettenreiches Bild des Lebens dort in Form einer Coming-Of-Age-Geschichte. Libroscope traf den Autor zum Interview.

In seinem Debütroman „An einem Dienstag geboren“ erzählt Elnathan John vom Aufwachsen im Norden Nigerias. Dantala, eine Junge aus einer armen ländlichen Familie, lebt auf den Straßen der Kleinstadt Bayan Layi. Nach politischen Unruhen flieht er nach Sokoto, wo erilb-logo in der Gemeinschaft einer Moschee ein neues Zuhause findet. Aus nächster Nähe erlebt er die Spannungen zwischen dem gemäßigten Prediger Sheikh Jamal und seinem radikalen Stellvertreter Malam Abdul-Nur. In Sokoto schließt Dantala Freundschaften, verliebt sich das erste Mal und versucht, den Kontakt zu seiner zerrissenen und durch Schicksalsschläge traumatisierten Familie nicht zu verlieren. Doch die religiösen Spannungen eskalieren und die Gewalt bedroht nicht nur die öffentliche Ordnung, sondern auch die Gemeinschaft, in der Dantala Zuflucht gefunden hat.

„An einem Dienstag geboren“ ist im Stile eines Abenteuerromans aus der Ich-Perspektive des jugendlichen Dantala geschrieben. Der Roman beeindruckt insbesondere durch seine genaue Darstellung der Gesellschaftsverhältnisse Nigerias, die weitaus komplexer sind, als es die Medien bei uns es gerne darstellen. Im Rahmen des 17. Internationalen Literaturfestivals Berlin traf ich Elnathan John, der auch als Blogger und Satiriker aktiv ist, für ein Interview.

?: In Ihrem Roman erzählen Sie eine Coming-Of-Age-Geschichte in Nordnigeria, aber auch die Geschichte des Aufstiegs radikaler islamistischer Gruppen. Sie selbst sind ebenfalls im Norden Nigerias aufgewachsen. Wie stark waren Sie von den radikalen Tendenzen in der Gegend betroffen?

Elnathan John: In Kaduna aufzuwachsen führte dazu, dass ich einige der Auswirkungen der Interaktionen sowohl zwischen religiösen Gruppen untereinander, aber auch zwischen diesen Gruppen und dem Staat erlebt habe. Es gab einige Vorfälle von religiösen Aufständen, in denen Christen Muslime töteten oder Muslime Christen, bei denen es Vergeltungsanschläge gab und Ausgangssperren. Hunderte Menschen sind dabei gestorben. Damit mussten wir umzugehen lernen. Tatsächlich musste meine Familie einmal aus dem Haus, in dem wir damals lebten, evakuiert werden und wir konnten dorthin nicht zurückkehren. Letzten Endes führte die Gewalt zu einer Neuorganisation der Stadt. Es gab eine Art von Trennung – auf der einen Seite die Muslime, auf der anderen die Christen. Heute gibt es mehr und mehr segregierte Stadtviertel, in denen hauptsächlich Muslime oder hauptsächlich Christen leben. Das hat zwar die Lage in der Stadt beruhigt, aber durch die Aufteilungen werden auch Vorurteile verstärkt. Als Muslime und Christen noch vermischt miteinander lebten, hatten Ressentiments es schwer, weil dein Nachbar Muslim war oder Du mit einem Christen zu Mittag gegessen hast. Aber nun ist es durch die Ausschließlichkeit der Wohnviertel möglich geworden, dass diese zunehmend feindlichen Gruppen und Tendenzen Fuß fassen.

Soviel zu der Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Generell hat die zunehmend problematische wirtschaftliche Situation dafür gesorgt, dass die Leute religiöse Gruppen als eine Quelle von Gemeinschaft und Trost und auch als eine Quelle des Lebensunterhalts ansehen. Das hat zur Stärkung dieser religiösen Gruppen geführt. Wann immer sie vorhaben, ihre Ansichten durchzusetzen, ist es für sie eine Leichtigkeit, junge Männer zu rekrutieren.

?: In den Danksagungen erwähnen Sie einen jungen Mann, Basiru, der als Inspiration für den Roman diente. Basiert die Handlung also auf realen Ereignissen?

EJ: Nun, das Buch ist Fiktion, aber die Hauptfigur wurde sicher von diesem jungen Mann inspiriert, den ich in den Danksagungen erwähne. Er war ein almajiri (arabisch: „Lernender“, meist auf Koranschüler bezogen), den ich an der Universität kennenlernte, an der ich sieben Jahre verbrachte. Er kommt auch aus Sokoto, daher gibt es die Verbindung zu dieser Stadt im Roman. Er schaute immer vorbei, suchte nach Arbeit, wusch Geschirr, übernahm das Wäschewaschen. Wir kamen ins Gespräch und ich bemerkte, dass ich, obwohl ich in der Nähe von Menschen wie Basiru lebte, nur wenig von ihm wusste. Denn selbst an dieser Universität kannten die meisten nicht mal den Namen dieser Jungs. Sie nannten sie nur „Boy“ und wenn sie „Boy“ riefen, dann kamen diese Jungs alle zusammen angerannt. Mehr wollten die Leute nicht von ihnen wissen. Mir wurde klar, wie junge Männer wie Basiru aus dem Blickfeld verschwinden und nur noch in Statistiken vorkommen. Sie werden zum Teil eines größeren Phänomens und nicht mehr als einzelne Menschen wahrgenommen, obwohl ihr Leben so komplex ist wie unseres. Ich war an der Universität, weil ich Anwalt werden wollte, und er war ein amajiri, der nicht einmal sein genaues Alter wusste. Sein Leben war nicht weniger vielfältig und kompliziert als meines. Und ich denke, mit dieser Einsicht beginnt man, andere Leute als menschliche Wesen zu sehen.

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Elnathan John (mittig) bei seiner Buchpräsentation (Foto: Copyright Ali Ghandtschi/ilb)

?: Die Hauptfigur in ihrem Roman, Dantala, findet in einer Moschee in Sokoto ein neues Zuhause. Geleitet wird diese Moschee von Sheikh Jamal, der zu Dantalas Mentor wird und als eine eher sanfte und intelligente Person dargestellt wird. Er scheint für eine Art von emanzipiertem Islam zu stehen, im Gegensatz zu den eher radikalen Gruppen.

EJ: In vielen Punkten, ja. Sheikh Jamal ist im Roman ein salafistischer Sheikh, der nicht akzeptiert, dass der Jihad der physischen Gewalt als Möglichkeit in Frage kommt, um Dinge zu ändern. Er repräsentiert eine bestimmte Position in dem Diskurs über das Für und Wider, ob ein Jihad stattfinden soll. Tatsächlich zeigt er, dass es überhaupt einen solchen Dialog innerhalb des Islam gibt.

Oft heißt es ja, dass sich viele Muslime nicht laut genug gegen Gewalt aussprächen, wenn es einen Anschlag gab, den Menschen im Namen des Islam begangen haben. Tatsächlich gibt es aber tagtäglich Auseinandersetzungen unter Muslimen, sogar innerhalb von salafistischen Gruppen, ob Gewalt im Rahmen des Jihad akzeptiert werden kann. Manche stimmen dem zu, manche nicht, ob aus praktischen oder aus theologischen Gründen. Aber dieser Diskurs findet statt. Diesen zu negieren, bedeutet, den größeren Zusammenhang nicht sehen zu wollen.

Mir war es wichtig, klarzustellen, dass es weit bevor eine Gruppe wie Boko Haram in Nigeria groß wurde eine lange Phase der Diskussionen zwischen Boko Haram und anderen, weniger radikalen salafistischen Predigern gab, die Mohammed Yusuf, dem Gründer von Boko Haram, in seinen Überzeugungen nicht zustimmten. Insbesondere ein Sheikh namens Jafar Mahmud Adam predigte öffentlich gegen Mohammed Yusuf. Er wurde eines Tages in seiner Moschee ermordet. Eine ganze Reihe von Leuten wird dafür verantwortlich gemacht. Solche Dinge passieren, wenn man gegen diese Gruppen predigt. Das ist Realität. Das heißt, bevor sich irgendwelche andere Gruppen gegen Boko Haram positionierten, haben diese salafistischen Gruppen, die ihnen theologisch viel näher standen, ihnen widersprochen. Dieser Dialog fand statt, aber die Leute wollen das nicht wahrhaben.

?: Sie haben sich entschieden, den Namen Boko Haram nicht im Roman zu verwenden. Warum?

EJ: In erster Linie, weil ich Schriftsteller bin, ich schreibe fiktive Geschichten. Und obwohl ich Boko Haram nicht erwähne, ist das meistens das erste, was den Leuten zu meinem Roman einfällt. Das wäre sicher noch naheliegender, wenn der Name tatsächlich vorkäme. Aber nicht Boko Haram ist zentral für den Roman, sondern die Faktoren, die eine Gesellschaft anfällig werden lassen für diese Art von Gewalt. Diese gibt es in vielen Orten in Nigeria und sie ist auch kein seltsames Phänomen, das aus dem Nichts heraus entstand oder auf der Tat einer bösen Einzelperson basiert. Die Faktoren, die das ermöglichen, existieren vielerorts, bis heute. Es geht also nicht um Boko Haram, sondern um die vorhandenen Umstände, die Boko Haram ermöglichten.

?: Bei der Lektüre des Romans bekam ich den Eindruck, dass Sie auch die Schönheit des Islams zeigen möchten und bei Ihrer Lesung haben Sie die Worte des Muezzins sogar gesungen. Sie selbst sind in einer christlichen Familie aufgewachsen und fühlen sich – soviel ich weiß – im Moment keiner Glaubensrichtung zugehörig. Wollten sie dennoch einen Teil der Faszination des Islams zeigen?

EJ: Ich denke, Sie können in fast allem etwas Schönes finden. Ich persönlich finde, dass der Gebetsruf sehr schön wiedergegeben wird. Auch in der muslimischen Kunst gibt es Schönheit in vielen Bereichen. Natürlich ist es einfach, vom Islam als dieser einen Sache zu sprechen, die entweder Gutes oder Schlechtes hervorbringt. Dabei ist er eine komplexe Angelegenheit, mit guten und schlechten Aspekten, die sich vermischen, wie bei fast jeder anderen Sache. Auch im Christentum und sogar im Atheismus kann man diese unterschiedlichen Aspekte finden. Dazu kommt, dass der Islam im Norden Nigerias nicht nur eine Religion ist, sondern zur Kultur gehört. Für manche Menschen definiert er ihre Art zu Leben, es ist also schwierig, ihn als eine verrückte Ideologie zu brandmarken. Als Schriftsteller habe ich mich mit Phänomenen, Ideologien und Individuen als vieldimensionalen, komplexen und nuancierten Erscheinungen auseinanderzusetzen. Das sorgt dafür, dass man die richtigen Fragen stellt und keine Urteile fällt, sondern so viele Seiten wie möglich darstellt. Ich zeige die zahlreichen Blickwinkel, aus denen sich die Dinge und auch die Menschen betrachten lassen. Das lässt uns erkennen, wie menschlich sie sind, wie komplex ihre Ideen sind. Je komplexer es wird, desto schwerer wird es, sie abzulehnen, ohne noch einmal über sie nachzudenken.

?: Einer der komplexen Zusammenhänge in Ihrem Roman ist die Verbindung von Bildung und Religion. Es gibt nicht viele Orte, an denen Bildung möglich ist, Dantala ist aber geradezu hungrig nach Wissen, er lernt auch Arabisch und Englisch. Ich habe mich aber gefragt, ob Bildung für Kinder aus armen nigerianischen Familien noch etwas ist, nach dem sie streben, angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse …

EJ: Ich glaube, menschliche Wesen sind generell neugierig. Wir sind neugieriger als die meisten anderen Lebewesen. Vielleicht ist es anmaßend, das zu sagen, aber wir haben ein bestimmtes Bewusstsein – zumindest denken wir, dass wir dieses haben – dass uns den Dingen auf den Grund gehen lässt. Und die Frage nach dem „Warum?“, die ja auch die Grundlage der Philosophie ist, stellt einen wichtigen Teil des menschlichen Wesens dar. Wir alle teilen das. Selbst die Menschen, die Bilder auf die Wände von Höhlen malten, stellten sich diese Frage. Sie wollten sich darstellen, etwas für die Nachwelt hinterlassen. Den jungen Leuten auf den Dörfern geht es genauso, insbesondere durch das Radio, durch Handys, durch das Internet. Sie wollen mehr wissen, sie wollen SMS und Mails schreiben können, sie wollen herausfinden, wie es auf der anderen Seite der Erde aussieht. Daher: ja, die Menschen sind immer noch hungrig nach Bildung. Schwierig wird es in Orten, in denen die Verhältnisse die Schulbildung in den Hintergrund drängen. Aber ich kenne niemanden, der nicht gebildet sein möchte.

?: Ein weiterer Aspekt, der in Ihrem Roman auf sehr komplexe Weise behandelt wird, ist Sexualität. Sie zeigen eine Reihe unterschiedlichster sexueller Erfahrungen, speziell für junge Männer. Sie schreiben darüber auch mit viel Humor. Warum war es Ihnen so wichtig, dieses Thema anzuschneiden?

EJ: Das hat wieder etwas damit zu tun, Romanfiguren als multidimensionale Gebilde zu begreifen. Es ist schwer, eine Coming-Of-Age-Story über einen jungen Mann, der von Gleichaltrigen umgeben elnathanist, zu schreiben, in der Sexualität keine wichtige Rolle einnimmt. Das wäre eine sehr künstliche Angelegenheit. Wenn Jungs in die Pubertät kommen, ihren Körper entdecken, das erste Mal eine Erektion haben … Darüber nicht zu schreiben, wäre für mich unnatürlich. Aber natürlich gibt es konservative Menschen, die nicht über die ganze Bandbreite der Sexualität sprechen möchten. Über das, was möglich ist, über die Möglichkeit, dass zwei Jungs zusammen masturbieren, beispielsweise, oder dass zwei Jungs sich zueinander hingezogen fühlen. Ich registriere aber, dass es das gibt und ich wehre mich dagegen, diese Aspekte zur Seite zu schieben oder für unwichtig zu erklären. Tatsächlich ist Sexualität sehr wichtig, sie gehört zum Kern dessen, was uns Menschen ausmacht. Selbst wenn jemand asexuell ist, handelt es sich um einen Ausdruck von Sexualität. Über Sexualität zu schreiben gehört also zum Herz der Geschichte, weil wir wissen, dass junge Männer durch viele Dinge angetrieben werden, dazu gehört auch das Bedürfnis, sich sexuell auszudrücken.

?: Ich fand es sehr erhellend, als Sie bei der Lesung erwähnten, dass Sexualität auch eine Motivation ist, sich religiösen Gruppen anzuschließen. Weil Sex in der Ehe stattfindet, aber die Heirat nur möglich ist, wenn man Geld hat. Für uns ist das eher abstrakt, weil unsere Gesellschaft anders funktioniert …

EJ: Richtig, oder wenn man das Klischee von den 70 Jungfrauen, die nach dem Tod auf einen warten, heranzieht: es geht in beiden Fällen darum, dass jungen Männern etwas versprochen wird. Wenn sie sich die Entführungen durch Boko Haram ansehen, dabei geht es einerseits bei den sehr jungen Mädchen darum, sie als Selbstmordattentäterinnen zu benutzen, aber die älteren Mädchen werden für die Kämpfer gebraucht. Sie können nicht 500 Männer in ein Camp packen – höchstens, alle 500 sind schwul – und erwarten, dass sie für Jahre dort bleiben und kämpfen, wenn es keine Möglichkeit für Sex gibt. Diese jungen Frauen sind enorm wichtig für die ganze Bewegung, genauso wichtig wie ihre Waffen. Deswegen ist die Entführung von Frauen solch eine große Sache für Boko Haram und viele andere Gruppen. Ebenso ist es mit dem Versprechen, eine Heirat möglich zu machen, das Geld für eine Heirat bereitzustellen. Das zieht junge Männer an. Es gibt ihnen ein Gefühl von Gemeinschaft, aber es sorgt vor allem für diese sehr grundlegende Sache namens Sex. Für junge Männer ist es daher wichtig, diese Muster zu erkennen und auf welche Weise sexuelle Frustration in Gewalt umschlagen kann.

?: Ihr Roman zeigt auch, dass der politische Islam – wenn man ihn so nennen möchte – ein grenzübergreifendes Phänomen ist. Ist er flexibler und klüger als die Regierungen, die eher am Prinzip der Nation und des Territoriums festhalten?

EJ: Wenn es um Ideologien wie den politischen Islam geht, spielen Landesgrenzen zunehmend keine Rolle. Wenn wir z. B. über den Salafismus sprechen, dann ist dieser nicht auf ein Land beschränkt. Aber es gibt auch Aspekte, die es gefährlich erscheinen lassen, ihn als ein globales Phänomen zu sehen. Zum Beispiel gibt es Schiiten in Nigeria, aber diese mit den Schiiten im Iran gleichzusetzen oder ihnen gegenüber die gleichen Strategien wie die iranische Regierung anzuwenden, wäre sehr problematisch. Das wäre Gleichmacherei. Man könnte sagen, der Iran ist ein Geldgeber für den Terror, wie es viele westliche Länder behaupten. Und deshalb möchte man jede schiitische Gruppe als eine behandeln, die den Terror unterstützt. Aber das ist ein Fehler. Denn dann würde man erwarten, dass eine Gruppe, die von einem Land, das „vermutlich“ den Terror unterstützt, Geld bezieht, eine Terrorgruppe ist. Aber tatsächlich wird Ihnen jeder objektive Beobachter mitteilen, dass es in Nigeria keine Angriffe von schiitischen Gruppen auf die allgemeine Öffentlichkeit gibt. Es gab aber Zusammenstöße zwischen Schiiten und Sunniten, was nichts Ungewöhnliches ist.

Aber insgesamt gibt es Loyalitäten, die über Landesgrenzen hinausgehen. Viele Sunniten in Nigeria sind Anhänger von Sheikh Inias aus Senegal, der eine sehr bodenständige Sufi-Lehre vertritt. Es gibt auch bei vielen anderen Gruppen Beziehungen in andere Länder. Wir haben es mit einem länderübergreifenden Phänomen zu tun, aber nicht anzuerkennen, dass die Verhältnisse sich von Land zu Land unterscheiden, wäre problematisch. Es ist also wichtig, genau hinzusehen, die Nuancen und die vielen Dimensionen zu erkennen. Und wie die örtlichen Gegebenheiten ein globales Phänomen verändern, wie es diesen Gegebenheiten angepasst wird.

?: Der Roman endet eher traurig, fast tragisch. Ich war nach der Lektüre überrascht, als ich erfuhr, dass Sie auch Satiriker sind, weil so viel Hoffnungslosigkeit in diesem Buch zu stecken scheint. Wo sehen sie Hoffnung in Nigeria für junge Menschen wie Dantala?

EJ: Interessant, letzthin meinte jemand, das Ende des Romans wäre hoffnungsvoll. (lacht) Eine ganz andere Reaktion. Es hängt davon ab, wie man es sieht. Vielleicht gibt es ein Licht am Ende des Tunnels? Für mich war es wichtig, eine Realität entstehen zu lassen, ohne vorher festzulegen, was meine Version von Hoffnung dafür wäre. Ich glaube daran, dass wir Menschen eine innere Widerstandskraft besitzen. Und trotz der schrecklichsten Bemühungen, Menschen in Ketten zu legen, finden sie Wege, zu überleben. Man kann an die Sklaven in den USA zurückdenken oder an die Juden, welche die Nazizeit überlebt haben. Also selbst, wenn ihre Häuser zerstört werden, ihre Familie verschwinden, sie vertrieben werden – es ist möglich, dass Menschen neu anfangen können. Das ist eine Form von Hoffnung. Die Wahrheit ist aber, dass es eine Realität gibt, die den Menschen ihre Familien verwehrt, ihr Zuhause verwehrt, ihnen alles nimmt, was sie haben. Aber solange der Überlebenswille des menschlichen Geistes nicht gebrochen ist, gibt es für mich Hoffnung.

Elnathan John. An einem Dienstag geboren. Roman. Aus dem Englischen von Susann Urban. 250 Seiten, gebunden. Reihe AfrikaWunderhorn im Wunderhorn Verlag. 2017. 24,80 €.

Foto: Copyright Ali Ghandtschi/ilb

 

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