17. Internationales Literaturfestival Berlin – ein Rückblick

Vom 6. bis 16. September fand in Berlin das 17. Interationale Literaturfestival statt. Libroscope war vor Ort, konnte aber leider nur an den letzten fünf Tagen des Festivals teilnehmen. Doch die hatten einige spannende Veranstaltungen zu bieten. Ein kleiner Festivalbericht.

Es waren fünf ungemein bereichernde Tage, die ich auf dem Internationalen Literaturfestival verbrilb-logoingen durfte. Im Nachhinein bedauere ich, dass es nur fünf sein konnten, aber wenn man nicht in Berlin lebt, bedarf es der nötigen freien Tage und da war leider nicht mehr drin. Zu gerne hätte ich den zum Festival gehörenden Internationalen Kongress zu Demokratie und Freiheit wahrgenommen und auch die Lesungen von Cécile Wajsbrot, Eliot Weinberger, Maaza Mengiste, Laurie Penny oder Petina Gappah hätte ich gerne erlebt. Ärgerlich auch, dass ich z. B. die Lesung von Yaa Gyasi übersehen habe, die perfekt in meinen Zeitplan gepasst hätte, aber manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Das Wort „International“ im Namen des Festivals ist jedenfalls Programm, was sehr erfrischend ist. Deutschsprachige Autorinnen und Autoren sind zwar vertreten, aber eindeutig in der Unterzahl. Mit zahlreichen Gästen aus außereuropäischen Ländern war das 17. ilb eine ungemein den Blick weitende Veranstaltung. Die Berliner*innen scheinen auch zu schätzen, was sie an diesem Festival haben. Einen riesigen Publikumsansturm gab es natürlich bei Stars wie Yasmina Reza, Arundhati Roy oder Donna Leon, aber auch die Lesungen weniger bekannter Schriftsteller*innen waren durchwegs gut bis sehr gut besucht. Auch auffällig, dass der Altersdurchschnitt des Publikums viel niedriger war als bei so mancher Literaturveranstaltung, die ich in den letzten Jahren erlebt habe. Bei der Programmgestaltung schienen sich Festivalleiter Ulrich Schreiber und sein Team trotzdem von der Qualität und nicht von der Bestsellertauglichkeit der jeweiligen Literatur leiten zu lassen. Schön, dass dieses großartige Engagement nach siebzehn Jahren finanzieller Förderung auf Projektbasis nun von der Stadt Berlin mit einem festen Budget ausgestattet werden soll. Diese Entscheidung wurde während der letzten Festivaltage bekannt und sorgte für sichtbare Freude und Genugtuung beim Veranstalterteam.

Mein persönliches Festivalprogramm begann am Dienstag mit der Buchpräsentation von Elnathan John, den ich – wie hier nachzulesen – am darauffolgenden Tag zum Interview treffen konnte. John wuchs im nördlichen Nigeria auf, sein Roman „An einem Dienstag geboren“ entwirft ein vielschichtiges Bild der dortigen Gesellschaft. Die Menschen sind arm und fühlen sich von der Regierung im Süden vernachlässigt, die entstehenden sozialen und politischen Lücken werden von islamistischen Gruppen für ihre Zwecke genutzt, zumal der Islam in diesem Teil des Landes zur Tradition gehört. Die Veranstaltung hat für mich Johns Roman in einem neuen Licht erscheinen lassen. Während die Lektüre durch die drastischen Ereignisse der Geschichte einer Tour de Force gleicht, präsentierte der Autor sein Buch mit einem geradezu entwaffnenden Humor. Elnathan John ist auch Satiriker, auf seinem Blog schreibt er jede Woche einen ironischen „Liebesbrief“ an den nigerianischen Staatspräsidenten Muhammadu Buhari. In seinen Antworten auf die Fragen der Moderatorin verbanden sich erhellende Analysen der momentanen Lage in Nigeria mit Reflektionen über Elnathan Johns Zeit in Berlin, wo er seit einigen Monaten lebt. Berliner Leser*innen sei seine Gesprächsreihe „Elnathan’s Boat“ ans Herz gelegt, in der er auf andere Autorinnen und Autoren trifft. Dort bietet sich sicher die Gelegenheit, die überraschenden Entertainer-Qualitäten dieses talentierten Schriftstellers zu erleben.

Für einen literarischen und thematischen Kontrast sorgte am gleichen Abend die Lesung von Frank Witzel, der seinen gerade erschienenen Roman „Direkt davor und kurz danach“ vorstellte. Zwei Jahre nach der Prämierung durch den Deutschen Buchpreis für „Die Erfindung der Rote Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Jahre 1969“ schreibt Witzel seine sehr eigenwillige Literarisierung der dunklen Seiten der alten Bundesrepublik Deutschland weiter, vom Kulturtheoretiker Philipp Felsch wurde Witzels Schaffen inzwischen mit dem Begriff „BRD noir“ belegt. Der neue Roman spielt nun unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Wie Witzel im Gespräch erklärte, ging es ihm weniger um eine historisch stichhaltige Analyse dieser Zeit, als vielmehr um das Aufgreifen von Stimmungen oder auch Erinnerungen daran, wie die Nachkriegsgeneration über diese Zeit sprach. „Vom Diffusen ins Konkrete“ arbeitet Witzel sich voran, immer auf der Suche nach einem „Textteppich“, der „alles fragwürdig erscheinen lassen“ soll. „Direkt davor und kurz danach“ ist daher ein fragender Roman geworden, der von seinen Leserinnen und Lesern einiges fordert. Aber der Autor gibt selbst zu: „Mich langweilt Literatur, bei der ich weiß, was mit mir gemacht werden soll.“ Stattdessen möchte er „das Narrativ von seinem Pfad ablenken“, den Erzählzusammenhang „immer wieder neu ordnen“. In den von Frank Witzel bei dieser Veranstaltung gelesenen Passagen klang dies alles andere als verkopft, sondern zupackend und häufig sehr komisch. Eine der Fragen, die Witzels Text stellt, ist unter anderem die nach der Kontinuität deutscher Zustände. Einer häufig herbeigeredeten „Stunde null“ erteilt der Roman jedenfalls eine klare Absage.

Wenn eine Veranstaltung so facettenreich ist wie das 17. ilb, dann sind literarische Überraschungen schon fast vorprogrammiert. Eine großartige Entdeckung war für mich Amanda Lee Koe aus Singapur. Ihr Erzählband „Ministerium für öffentliche Erregung“ war meiner bewussten Aufmerksamkeit bisher entgangen, erst beim Blick auf das Buchcover klingelte ganz hinten in meinem Kopf eine leise Glocke. Aber ich werde die Lektüre baldmöglichst nachholen, denn die bei der Veranstaltung gelesene Erzählung und das anschließende Gespräch mit der Autorin machten mich definitiv neugierig. Amanda Lee Koe erzählt von den Randfiguren der Gesellschaft im sich rasant entwickelnden Stadtstaat Singapur. Sie beschreibt Singapur als einen Ort im ständigen Wandel und ohne Geschichte, da wegen der geringen Fläche meist etwas Altes verschwinden muss, damit etwas Neues gebaut werden kann. Sich selbst bezeichnete die Autorin als „alte Seele“, die zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vermitteln möchte. Der Humor, der ihre Texte manchmal in Richtung camp rücken lässt, wird allerdings vom heimischen Publikum kaum verstanden, im Rest der Welt dafür umso eher. Amanda Lee Koe ist der beschränkten Welt Singapurs, die, wie sie erzählte, zudem stark patriarchal ausgerichtet ist, inzwischen entflohen, die meiste Zeit lebt sie in New York. Dort wird das Ideal des urbanen Lebens, das in ihren Texten immer wieder anklingt, ihrer Meinung nach eingelöst: „alone in the crowd“ in dem Bewusstsein, dass Einsamkeit auch Freiheit bedeutet.

Nicht nur Romane, Sachbücher oder Erzählbände werden beim ilb vorgestellt, auch ein Essay ist Grund genug für eine Lesung im Rahmen des Festivalprogramms. So stellte Aris Fioretos seinen Text „Die dichte Welt“ vor, der in der aktuellen Ausgabe der Literaturzeitschrift Sinn und Form veröffentlicht wurde. Der in Schweden lebende Autor mit griechischen Wurzeln schränkte aber selbst gleich ein, dass es nicht wirklich ein Essay sei, aber eben auch keine klassische Erzählung. „Die dichte Welt“ ist autobiografisch begründet, hier verarbeitet Fioretos den Suizid eines ehemaligen Mitschülers. Ein Vorfall, der den Schriftsteller lange nach einer Form suchen ließ, in der er darüber schreiben konnte. Der Text über den ungeschickten, aber hochbegabten Klassenkameraden ist – wie immer bei Fioretos – höchst elegant geschrieben, wusste aber auch nicht wirklich zu berühren. Auch das Gespräch danach plätscherte eher dahin und ließ wenig von der existenziellen Erschütterung spüren, die ein Selbstmord auslösen kann.

Handfester und sehr sprachmächtig setzte sich der Freitagabend fort, als Shumona Sinha ihren neuen Roman „Staatenlos“ präsentierte. Die französische Schriftstellerin indischer Herkunft wurde auch bei uns vor zwei Jahren durch ihren Roman „Erschlagt die Armen!“ schlagartig bekannt. Das Buch, das auf ihren Erfahrungen als Dolmetscherin bei der französischen Asylbehörde basierte und sie als furiose Erzählerin in der Tradition des französischen Expressionismus zeigte, verschaffte ihr in der französischen Öffentlichkeit die Reputation einer unbequemen Persönlichkeit. „Staatenlos“ hat Sinhas Ruf gefestigt, wie die Autorin gleich zu Beginn erzählte, aber mit der Rolle der dankbaren Migrantin möchte sie sich eh nicht zufrieden geben. Wortgewandt und stilistisch brillant schreibt sie in diesem neuen Roman über drei Frauen, die in Frankreich und Indien nach Unabhängigkeit und einem selbstbestimmten Leben suchen. Dafür greift sie aktuelle Themen wie die sexuelle Gewalt gegen Frauen in Indien und den Aufwind für konservative religiöse Gruppen in Frankreich auf. Wie sie erläuterte, geht es ihr um die Macht über den weiblichen Körper, die meist von Männern ausgeht. Häufig ist dies strukturelle Gewalt, die erst auf den zweiten Blick sichtbar wird, etwa dann, wenn weibliche Körper in Augen der religiösen Eiferer zu wenig (Diskussion über Hotpants an französischen Schulen) oder zu stark (Kopftuchdebatte) bedeckt sind. Shumona Sinha sieht durch diese Eingriffe in die Selbstbestimmung die Gefahr einer Zerstörung der pluralistischen Gesellschaft. Den Rest besorgt dann der Kapitalismus, ist die streitbare Autorin überzeugt, die sich als Marxistin sieht, mit den Betonköpfen der marxistischen Parteien aber nichts zu tun haben möchte. Verbissenheit ist Sinhas Sache nicht, mit Humor und Charme stellt sie ihre Positionen dar, etwa wenn sie den sexuellen Kategorien des LGBTI-Spektrums die Zuschreibung „trysexual“ (für diejenigen, die mal alles ausprobieren wollen) hinzufügte. So wurde die Buchpremiere von „Staatenlos“ zur eindeutig politischsten, aber sicher nicht trockensten Veranstaltung des Abschlusswochenendes.

Wie viel Politik sich in einem Roman über zwei Musiknerds und ihre Begeisterung für alte Bluesmusik unterbringen lässt, beweist Hari Kunzru in seinem neuen Roman „White Tears“. Es ist ein äußerst packender Roman geworden, der sich im Laufe der Handlung in eine ghost story verwandelt. Mehr möchte ich hier nicht verraten, denn ich konnte mit Hari Kunzru ein Interview führen, das in den nächsten Tagen hier erscheinen wird. Die Präsentation des Romans am Freitagabend war jedenfalls sehr unterhaltsam und zeigte auch, wie gut sich Kunzru im Feld der afroamerikanischen Musik auskennt. Aber auch seine Gedanken zu den USA, die den vor zehn Jahren aus London zugezogenen Schriftsteller immer noch zur Auseinandersetzung herausfordern, waren sehr aufschlussreich, etwa zu den enttäuschten Hoffnungen auf eine „post-rassistische“ Gesellschaft, die manche zu Beginn der Obama-Ära prophezeit hatten. „White Tears“ zeigt, dass die dunkle Geschichte der USA längst noch nicht bewältigt ist und sich das, was in Vergessenheit zu geraten scheint immer noch in der Gegenwart nachwirkt. Übrigens sei noch erwähnt, dass die Lesung der deutschen Textpassagen durch Frank Arnold ein besonderer Leckerbissen war: selten werden bei Veranstaltungen literarische Texte dermaßen versiert vorgetragen.

Am Samstagabend konnte das ilb einen frischgebackenen Deutschen begrüßen: der ungarische Schriftsteller László Krasznahorkai war seit wenigen Tagen im Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft. Herzlich willkommen! Doch Krasznahorkai ist und bleibt ein Literat, der auf der ganzen Welt zu Hause ist. An diesem Abend stellte er „The Manhattan Project“ vor, einen vorerst nur auf Englisch erschienenen Band mit Fotos und Texten, der bei einem halbjährigen Aufenthalt in New York im Rahmen einer Fellowship entstand. Es sind tagebuchartige Beobachtungen und Reflektionen, die um die beiden Schriftsteller Malcolm Lowry und den von ihm (und Krasznahorkai) bewunderten Herman Melville kreisen. Mit lakonischem Ton werden aus Alltagsbeobachtungen in der Ostküstenmetropole kurze, sehr poetische Texte, die hoffentlich bald auch auf Deutsch vorliegen. Schade nur, dass Moderatorin Verena Auffermann lieber selbst drauflos quasselte, als dem Schriftsteller das Wort zu erteilen, und sich mit jovialen Lobhudeleien bei gleichzeitiger offensichtlicher Unkenntnis von Krasznahorkais Werk lächerlich machte. Ein Totalausfall, neben dem die Leistungen der anderen Moderatorinnen und Moderatoren umso mehr glänzen konnten.

Den Abschluss meiner Festivaltage bildete die Lesung von Dietmar Dath aus seinem neuen Roman „Der Schnitt durch die Sonne“. Da waren nochmal alle grauen Zellen gefragt, denn das Eiltempo, mit dem die Dath’sche Hirnmaschine Zitate und Metaphern abfeuert, verlangt volle Aufmerksamkeit. In ausführlichen Antworten auf klug gestellte Fragen erklärte Dath den Aufbau des Romans, der formal auf einem Konzept aus der Mathematik (der Kategorienlehre) basiert und um das Thema der Zusammenarbeit trotz Unterschiedlichkeit kreist. Sechs Menschen werden auf die Sonne beordert, um dort bei der friedlichen Lösung eines Konfliktes zu helfen. Nebenbei geht es auch um Liebe sowie um die „List der Vernunft“ (frei nach Hegel) und warum das Richtige, das unbedingt getan werden muss, auch seine Fehler hat. „Der Schnitt durch die Sonne“ ist Science Fiction, aber wie jede gute Science Fiction berührt er Themen, die für das Zusammenleben der Menschheit heute von großer Relevanz sind. Wie lässt sich eine Arbeitsteilung ohne Hierarchien verwirklichen, die allen nützt? Wie lassen sich neue Identitäten finden, wenn die alten längst ausgedient haben? Unerschütterlich glaubt der hyperproduktive Schriftsteller Dietmar Dath, dass die Menschheit sich weiter entwickeln wird und das „Projekt der Aufklärung zu Ende führen kann, ohne wie im 19. Jahrhundert aus Spießerangst halt zu machen, sobald es um die Besitzverhältnisse geht“. Daths Blick in die Zukunft ist eine dringend nötige Alternative zu den omnipräsenten Dystopien, die längst den Mainstream erobert haben und Otto Normalleser ein bisschen apokalyptischen Grusel für den Lehnsessel bieten. Ein Hoffnung machender Ausblick und damit ein gebührender Abschluss für fünf Tage voller Literatur.

Foto: Copyright Ali Ghandtschi/ilb

2 Kommentare

  1. Lieber Tobias,
    auf Shumona Sinhas Roman bin ich nun, nach deinem Bericht über den Leseabend mit ihr, noch mehr gespannt. Es ist ja auch ein Thema, das schnell ideologisch werden kann, bei dem schnell Klischees bedient werden. Ich bin also neugierig, wie Sinha damit umgeht.
    Viele Grüße, Claudia

    1. Liebe Claudia,
      die während der Veranstaltung gelesenen Stellen fand ich nicht klischeehaft. Shumona Sinha hat ja einen Stil, der fordert, vielleicht auch mal pathetisch zu hoch greift, aber die Klischees meidet. Das hat für mich „Erschlagt die Armen!“ so stark gemacht und ich glaube, „Staatenlos“ ist ein Roman aus einem ähnlichen Holze.
      Liebe Grüße, Tobias

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