Kurzkritiken September/Oktober

Vier Bücher, kurz rezensiert: Édouard Louis wird Opfer der Gewalt, die unsere ungleiche Gesellschaft zerreißt. Karl-Markus Gauß erzählt mit melancholischer Eleganz von seinen Reisen nach Osteuropa. Colson Whitehead zeigt die Relevanz der Sklaverei im 19. Jahrhundert für die Gegenwart der USA. Andrej Platonow erfand ein UdSSR-Neusprech, um die ideologische Verblendung des Stalinismus lesbar zu machen.

Nicht immer ist genügend Zeit, um sich ausführlich den Lektüren der letzten Wochen mit einer Rezension zu widmen. Da es aber schade wäre, wenn diese Bücher ohne ein Wort im Regal verschwinden würden, wird es bei Libroscope in Zukunft ab und an Kurzkritiken geben. Den Anfang machen zwei momentan viel besprochene Romane sowie zwei Exkursionen in die Gegenwart und Vergangenheit Osteuropas.

 

im herzen

Édouard Louis – Im Herzen der Gewalt

Die subkutane Brutalität in unseren ungleichen Gesellschaften: Édouard Louis’ zweiter Roman ist ebenso radikal autobiografisch wie „Das Ende von Eddy“, mit dem der junge Franzose, Jahrgang 1992, zum neuen Star der französischen Literatur wurde. Bis ins kleinste Detail wird in diesem Text ein Weihnachtsabend beschrieben, der in einer Vergewaltigung endet. Louis lernt auf dem Heimweg einen jungen Mann namens Reda kennen, nimmt ihn mit auf sein Zimmer und schläft mit ihm. Als er feststellt, dass Reda ihn bestehlen will, eskaliert die Gewalt. Édouard Louis schildert nicht nur die Brutalität der Tat, seine Verletzung und seine Scham, er schürft tiefer, rekonstruiert die Familiengeschichte des Migrantensohns Reda und findet die Ursachen im Rassismus der französischen Gesellschaft und im homophoben Selbsthass der Einwanderer aus dem Maghreb. Indem er Teile des Geschehens durch seine auf dem Land lebende Schwester nacherzählen lässt, bezieht er außerdem die Perspektive der „kleinen Leute“ mit ein. Leider verliert der Text dadurch etwas an Wucht und wirkt manchmal arg konstruiert, höchst lesenswert und von aktueller Dringlichkeit ist „Im Herzen der Gewalt“ aber allemal.

Édouard Louis. Im Herzen der Gewalt. Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. 220 Seiten, gebunden. S. Fischer Verlag 2017. 20,- €

 

zwanzig lewa

Karl-Markus Gauß – Zwanzig Lewa oder tot

Mit jedem Buch, das der österreichische Schriftsteller, Essayist und Publizist Karl-Markus Gauß veröffentlicht wird klar, dass es nur wenige zeitgenössische Schriftsteller*innen gibt, die ein derart elegantes Deutsch schreiben. Im Genre des Reiseberichts erscheint Gauß’ Talent erst recht singulär, kommt hier zum schnörkellosen Fluss seiner Sprache sein schier enzyklopädisches Wissen und die große Empathie für die Menschen, denen er auf seinen Reisen begegnet, hinzu. So sind auch die vier Reiseberichte aus Osteuropa, die in „Zwanzig Lewa oder tot“ versammelt sind, ein großes Leseglück. Gauß erzählt von seiner Liebe zur kleinen Republik Moldau, begibt sich in Serbien auf die Suche nach den Wurzeln seiner Mutter, erkundet abgelegene Gegenden Bulgariens und schlägt den Bogen von der Lektüre des kroatischen Meisterschriftstellers Miroslav Krleza zur Gegenwart im kriegstraumatisierten Zagreb. Über allen vier Texten hängt eine Wolke der Melancholie, die den stets staunenden Salzburger Gauß auf seinen Reisen nie verlässt, selbst wenn er humorvoll von unerhörten Begegnungen und Begebenheiten erzählt. Ein Buch von einem zutiefst menschlichen Beobachter, der uns die Teile Europas, von denen wir meist nur Dunkles berichtet bekommen, höchst literarisch näherzubringen vermag.

Karl-Markus Gauß – Zwanzig Lewa oder tot. Vier Reisen. 212 Seiten, gebunden. Zsolnay Verlag 2017. 22,- €

 

Underground rail

Colson Whitehead – Underground Railroad

Was soll man zu diesem Roman sagen, über den schon so viel gesagt wurde? Der den Pulitzer Prize und den National Book Award gewann? Vielleicht nur soviel: jedes positive Wort, das über dieses Buch geschrieben wurde, ist wahr. „Underground Railroad“ ist großartig in seiner präzisen Art, über die Zustände der Sklaverei zu berichten und mutig, weil es sich erlaubt, mit der historischen Wahrheit literarisch zu spielen, ohne dem Thema Schaden zuzufügen. Frei von Pathos erzählt Colson Whitehead von einer Vergangenheit, die immer noch die Gegenwart der USA bestimmt. Er setzt die schwarzen Sklav*innen in ihr Recht, indem er ihren Leidens- und Fluchtgeschichten ein literarisches Denkmal setzt. Gleichzeitig spricht er über die Hybris der Weißen, die es nicht ertragen, die Macht über die von ihnen geknechteten „Untermenschen“ zu verlieren. Die Lektüre ist unmöglich, ohne eine direkte Linie ins Weiße Haus von heute und auf die Straßen von Charlottesville und Ferguson zu erkennen. Kurz gesagt: essential reading.

Colson Whitehead. Underground Railroad. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl. 352 Seiten, gebunden. Hanser Verlag 2017. 24,- €

 

baugrube

Andrej Platonow – Die Baugrube

Manchmal braucht es einen Text aus der Vergangenheit, der einem zeigt, was Literatur alles kann. „Die Baugrube“ ist solch ein Text. Von Gabriele Leupold neu und mit großen Aufwand aus dem Russischen übersetzt, ist hier ein Sprachkunstwerk zu bewundern, wie es in unserer durchschnittlichen, von den Schreibschulen flurbereinigten Gegenwartsliteratur fast undenkbar geworden ist. Platonow schreibt über die russische Revolution und die Folgen – was die Menschen daraus machten und was sie mit den Menschen machte. Schauplätze der Handlung sind eine sowjetische Großbaustelle und ein von der Vergesellschaftung betroffenes Bauerndorf. Hier wird keine dem sozialistischen Realismus verpflichtete Heldengeschichte erzählt, sondern der gesellschaftliche Umbau mit seinen rigorosen Folgen geschildert und auf die Spitze getrieben. Wo Autoritätsgläubigkeit, Geltungssucht und die Lust an persönlicher Bereicherung regieren, zählen Menschenleben bald nichts mehr. Platonow lässt die Ideologie des Sowjetstaates in die Sprache einsickern, die sich im Zuge der stalinistischen Reformen bis in die kleinsten Winkel des Alltags ausbreitete. Seine Figuren artikulieren sich in einem UdSSR-Neusprech, das die demagogische Durchdringung sinnlich spürbar werden lässt. Grundiert wird der Roman von einem melancholischen Humanismus und einer Trauer über die verlorenen Ideale der Revolution von 1917. Kein Wunder, dass die stalinistischen Zensor*innen das Erscheinen der „Baugrube“ damals verhinderten. Mit einem aufschlussreichen Nachwort versehen, ist dieser exzeptionelle Roman von 1930 eine Entdeckung, die auch heute noch faszinierend und erschütternd zugleich ist.

Andrej Platonow. Die Baugrube. Roman. Aus dem Russischen übersetzt, mit Kommentaren und einem Nachwort versehen von Gabriele Leupold. 240 Seiten, gebunden. Suhrkamp Verlag 2016. 24,- €

 

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