Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird

Persönliches Gedächtnisbuch und Historie einer Gesellschaft zugleich: Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux bezeichnet „Die Jahre“ als universelle Autobiografie. Das klingt nach einem vermessenen Unterfangen, doch tatsächlich ist dieses Buch nicht weniger als ein literarisches Wunder.

Fangen wir am Anfang an. Schon nach wenigen Worten ist sie da, die Melancholie der Annie Ernaux. „Alle Bilder werden verschwinden.“ lautet der erste Satz des Buches. Auf den folgenden Seiten beleuchten die Worte des Textes, wie das Licht eines Leuchtturmes, einzelne Szenen, Zitate, Erinnerungsbilder. Viele davon sind alltäglich, manche persönlich. Witze, Chansontexte, Sprichwörter, Beobachtungen, Zoten, Albernheiten. Es sind knapp zehn Seiten voller flirrender Gedankenfetzen, die einem schier den Atem nehmen und – obwohl sie manchmal profan sind – tief berühren.

Was für ein Anfang! Selten vermag ein Erinnerungsbuch ab den ersten Sätzen so deutlich einen Ton zu setzen, der so viele Widersprüche vereint, gleichzeitig genau und schwebend, allgemeingültig und subjektiv ist. Annie Ernaux hat mit „Die Jahre“ eine universelle Autobiografie geschrieben. Das klingt anmaßend, aber dieses Buch löst das Versprechen, das eine solche Zuschreibung enthält, mühelos ein. Es ist nicht weniger als ein literarisches Wunder.

Annie Ernaux ist Jahrgang 1940, wuchs in einfachen Verhältnissen in der Normandie auf und arbeitete vor ihrer Schriftstellerinnenlaufbahn als Gymnasiallehrerin und Dozentin. Sie selbst bezeichnet sich als Soziologin, was nicht verwundert, wenn man „Die Jahre“ liest. Mit einem genauen, manchmal empathischen, aber häufig sehr analytischen Blick fängt sie die Zeitläufte ein. Wenige Worte genügen, um die ganze Stimmung eines Jahrzehnts zu beschwören. Man kann sich hierzu einen enormen Berg von Tagebüchern vorstellen, den Annie Ernaux über ihr ganzes Leben mit Beobachtungen gefüllt haben muss. Verblüffend ist, wie sie daraus dieses elegante, eigenwillige und keinen Satz zu viel enthaltende Destillat gewonnen hat.

Annie Ernaux, lÕannŽe du Bac., en 1958
Annie Ernaux 1958, 1984 und heute

„Die Jahre“ ist autobiografisch, aber es kommt kein einziges Mal das Wort „ich“ darin vor. Der Text bewegt sich chronologisch durch die Jahrzehnte von der Nachkriegszeit bis ins 21. Jahrhundert hinein und kennt zwei Formen: die Beschreibung von Fotografien, anhand derer die Autorin von sich in der dritten Person schreibt und eine im Plural geschriebene Reflexion über Politik, Zeitgeschehen, Kultur und Gesellschaft. Das Wunder dieses Buches ist die Verzahnung dieser beiden Erzählstränge, die ein Gesamtbild ergibt, wie man es so noch nicht gelesen hat. Mühelos gleitet Ernaux vom Intimen ins Universelle, vom Privaten ins Politische, vom Alltäglichen zur Ideologie. Selten bekommt man in einem literarischen Text so präzise vor Augen geführt, wie technische Errungenschaften, historische Ereignisse und politische Entscheidungen das Leben eines Menschen bestimmen. Der Mai 1968 zeigt seine Wirkung, aber schon Anfang der 1970er Jahre ist nicht mehr viel übrig von der revolutionären Stimmung, stattdessen geben sich alle dem Konsum hin. Als Mitterand 1981 Staatspräsident wird, keimt nochmal kurz die Hoffnung, dass die gerechtere Politik eines demokratischen Sozialismus Wirklichkeit werden könnte, aber schnell macht sich angesichts neoliberaler Tendenzen Frustration breit. Rückzug ins Private, dennoch wach im Kopf bleiben, Mauerfall, Neuordnung der Welt (oder auch nicht), Jahrtausendwende… Die konkreten Ereignisse sind aber nur die eine Seite, sind sie doch eingebettet in Absätze, die versuchen, die Stimmung und das Lebensgefühl einer Zeit mit einem Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu erfassen. Und da sie auf Klischees fast vollkommen verzichtet, kommt Ernaux diesem Ziel verblüffend nahe.

Weniger als Gegensatz, viel mehr als Grund (im Sinne von Grundierung, aber auch von Motiv) erzählt der Text von den inneren Prozessen der heranwachsenden, Mutter werdenden, in ein Neubaugebiet bei Paris ziehenden, später auf ihre erwachsenen Söhne blickenden Annie Ernaux. Hier schont sich die Autorin wenig, vielleicht gerade weil sie von sich in der dritten Person schreibt. Ohne Hemmungen formuliert sie Ängste und Versäumnisse, aber auch Wünsche, Träume und Enttäuschungen. Selten auch hat eine Frau so deutlich über das weibliche Begehren geschrieben, darüber, wie es sich im Laufe eines Lebens verändert, wie es den privaten, aber ebenso den gesellschaftlichen Gegebenheiten unterworfen ist.

Eingangs war schon vom melancholischen Grundton die Rede, den Ernaux für ihr Buch gewählt hat. Es handelt sich dabei nicht um die Rührung angesichts der lange zurückliegenden Ereignisse ernaux 22502und auch nicht um Verzweiflung, sondern um die leise Wehmut, die sich einstellt, wenn einem klar wird, dass die Momente unwiederbringlich nur einmal gelebt und erlebt werden konnten. Natürlich nimmt diese Melancholie im Alter zu. Nach der Trennung vom Ehemann, nach dem Tod der Eltern, neu angekommen in der Beziehung zu einem wesentlich jüngeren Mann, die aber auch bald endet, ist es schließlich der tot der Hauskatze, der einen Katarakt von dunklen Gedanken herabrauschen lässt. Noch immer spricht Ernaux nicht von „ich“, noch immer bringt sie die Schicksalsschläge mit den gesellschaftlichen Zuständen in Verbindung, und dennoch zerreißt es einem an dieser Stelle kurz vor Schluss beim Lesen fast das Herz.

Annie Ernaux hat mit „Die Jahre“ natürlich auch ein Buch über sich und ihre Generation geschrieben, aber doch viel mehr als das. Die außergewöhnliche Form dieses Textes erzeugt Momente des Erkenntnisgewinns für Lesende jeglicher Couleur. Mit der Verbindung von Fakten, Geschichte, persönlich Erlebtem und tiefen Einblicken entsteht ein emotionales Spannungsfeld, das vielleicht gerade erst durch die kühle Grundkonzeption des Textes möglich wird. Ein Gedächtnisbuch von außergewöhnlichem Rang. „Alle Bilder werden verschwinden.“ Annie Ernaux’ Buch wird bleiben.

Annie Ernaux. Die Jahre. Aus dem Französischen von Sonja Finck. 256 Seiten, gebunden. Bibliothek Suhrkamp 2017. 18,- €.

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