Im Dickicht der Wörter

Olivia Rosenthal erforscht mit ihrem Roman „Überlebensmechanismen in feindlicher Umgebung“ ein literarisches Terrain, in dem es keine Sicherheiten gibt. Ein dunkles Buch über Verlust, Selbsterkenntnis und das Bedürfnis nach Erlösung.

Was ist nur aus dem Schreiben über den Tod geworden? Während sich die Romantik der Todessehnsucht ergab und die Existenzialisten die Verantwortung für Leben und Sterben thematisierten, hat die Literatur der Gegenwart das Ende des Lebens ins Genre ausgelagert: in den Krimis wird gestorben, was das Zeug hält. Und da der Tod jeden Sonntagabend im Fernsehen zu besichtigen ist, löst er fast keine Regung mehr bei uns aus.

Anders, wenn tatsächlich ein Mensch aus dem Leben scheidet. Häufig bleiben die, die ihm nahe standen ratlos zurück. Der Verstorbene lässt sie nicht teilhaben an seiner Erfahrung des Sterbens, kann nichts mitteilen von dem Weg, den er gehen muss. Zu spät kommt vielleicht die Einsicht, dass, was zu Lebzeiten nicht angesprochen werden konnte, vielleicht für immer unbeantwortet bleiben wird. Stattdessen die Banalität der Erkenntnis, dass der Tod für die Überlebenden schmerzhafter ist als für den Verstorbenen. Der Tod ist ein stiller Skandal in einer Gesellschaft, in der fast alles technisch machbar scheint und die ihn dennoch täglich kaltherzig in Kauf nimmt, in der das Leben dem Prinzip der Effizienz unterworfen ist. Doch der Tod unterwandert jede Effizienz.

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Olivia Rosenthal  (Foto: C. Hélie)

Olivia Rosenthals „Überlebensmechanismen in feindlicher Umgebung“ ist ein bemerkenswerter Roman über das Sterben oder vielmehr über das Leben nach dem Tod einer nahestehenden Person. Auf den ersten Seiten wird dies jedoch kaum deutlich. Die Icherzählerin befindet sich auf der Flucht. Sie versteckt sich, versucht, ihren Jägern zu entkommen, schleicht rastlos durch ein Haus, die Rückkehr der BewohnerInnen fürchtend. Was geschehen ist, bleibt unklar. Ein Mensch, den sie zurücklassen musste, wird benannt, ein namenloser Verlust treibt sie um, eine Bedrohung geht von anderen Menschen aus, die vage bleibt und doch existenziell greifbar ist. Von einer inneren Ruhelosigkeit angetrieben, scheint sie keine Sicherheiten zu kennen. Die Erzählerin bewegt sich durch düstere, verlassene Unorte, ist permanent auf sich alleine gestellt, lebt in der Furcht vor der Begegnung mit anderen.

Es ist ein Text, der verunsichert, einen ständig in der Schwebe hält, in der Brillanz seiner Formulierungen aber auch mühelos fesselt. Eingeschoben in die fiebrig kreisende Erzählung sind Textblöcke, die mal den Charakter von Lexikoneinträgen haben, mal in der dritten Person von Nahtoterfahrungen oder kosmetischen Operationen erzählen. Diese Cut-Ups sorgen für Irritation. In welchem Zusammenhang stehen sie mit den Erlebnissen der vereinsamten, getriebenen Protagonistin? Dieses Buch scheint ein Rätsel zu sein. Dann, nach dem ersten Kapitel, wendet sich die Erzählerin (oder ist es die Autorin?) an die Lesenden: „Ich überarbeite diesen Text, gehe ihm auf den Grund, durchsuche ihn, verbessere ihn ständig, bearbeite und verschlechtere ihn, korrigiere ihn, und er kommt wieder. (…) Er ist ein möglicher Ausdruck dessen, was mich heimsucht.“ Nicht nur an dieser Stelle thematisiert dieser Roman sein Romansein, stellt seine Gemachtheit aus.

Später, wenn der Ton der Erzählung etwas leichter wird, soll es um ein Versteckspiel unter Kindern gehen und um die erste große Freundschaft im Erwachsenenleben. Doch das Gefühl von Bedrohung bleibt genauso erhalten wie die Last einer ungeheuren Schuld, die auf den Schultern der Icherzählerin zu liegen scheint. Im letzten der fünf Kapitel kehrt sie schließlich an einen Ort zurück, an dem sie in Szenen zwischen Traum und Realität einer „Silhouette“ begegnet, die sie von früher zu kennen glaubt – abermals kontrastiert mit Elementen aus einem Paralleltext, der von den Erlebnissen eines Notarztes erzählt.

cover-rosenthalOlivia Rosenthal lebt in Paris und unterrichtet Creative Writing. Der ungeliebte Begriff bekommt bei ihr eine ganz neue Dimension, denn in „Überlebensmechanismen in feindlicher Umgebung“ hat die Autorin mit etlichen (vermeintlichen) Regeln des Romans auf denkbar kreativste Weise gebrochen, stattdessen spielt sie kühn mit Erwartungen und Zuschreibungen. Wenn im Laufe des Textes immer deutlicher wird, welche Art von Verlust die Protagonistin umtreibt, dann wird klar, dass Rosenthal das genaue Gegenteil von autobiografischer Bekenntnisliteratur zu diesem Thema verfasst hat. Im Ton sehr genau und von großer Klarheit, scheint sie zu wissen, von was sie spricht. Als sie etwa voller Wut von „Selbstmördern als Terroristen“ spricht, die „genussvoll ihr Ende inszenieren“, dann legt dies nahe, dass sie selbst einen wichtigen Menschen auf diese Weise verloren hat. Doch dies bleibt Spekulation und der Text hat es gar nicht darauf angelegt, sichere Erkenntnisse oder gar Empathie mit der Autorin zu erzeugen. Die kunstvolle Vermengung mit essayistischen Passagen einerseits, Thriller-Elementen andererseits sorgt immer wieder für Distanz und zieht einen dennoch unaufhörlich in ihren Bann.

Ein düsterer Glanz geht von diesem Roman aus, der schwer einzuordnen ist. Aus der Literaturgeschichte ließe sich vielleicht „Die Nacht aus Blei“ von Hans Henny Jahnn als Referenz heranziehen, ein ähnlich fiebriger, alptraumhafter Text, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Während bei Jahnn gemeinsam gestorben wird, ist es hier die Trennlinie zwischen Lebenden und Toten, die besonders deutlich hervortritt.

Ob Olivia Rosenthal ihre Protagonistin die Erlösung finden lässt, nach der diese so dringlich sucht, ist nur eine der Fragen, die sich bei der Lektüre stellen. Das unsichere Terrain dieses eigenwilligen Romans will mit Vorsicht betreten werden. Doch wer sich in dieses Dickicht der Wörter begibt, dem winkt wie bei jedem Abenteuer ein Preis, nicht unbedingt in Gold oder Edelsteinen, sondern in der Erkenntnis: ich bin diesen Weg gegangen und während ich ging, habe ich etwas erfahren, das ich nicht in Worte fassen kann.

Olivia Rosenthal. Überlebensmechanismen in feindlicher Umgebung. Roman. Aus dem Französischen von Nicola Denis. 196 Seiten, gebunden. Verlag Matthes & Seitz Berlin 2017. 20,- €.

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