Die Freiheiten des Bloggens

Anstelle eines Jahresrückblicks: ein paar Gedanken über die Ups und Downs des Bloggens und den Status quo der Literaturbloggerwelt.

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit einem Freund über das Lesen, genauer gesagt, über unser jeweiliges Leseverhalten. Er freute sich bereits auf die kurzen Tage im Winterhalbjahr und auf die Abende, an denen er es sich mit einer Tasse Tee und einem Buch gemütlich machen würde. Über meine Behauptung, der Sommer sei meine persönliche Lesezeit, war er erstaunt. Wir stellten fest, dass die arbeitsreichen Zeiten bei ihm als Gärtner und bei mir als Kulturarbeiter diametral entgegengesetzt zueinander liegen. Der Sommer ging an diesem Tag bereits seinem Ende entgegen und ich spürte während unseres Gespräches eine spezielle, leise Wehmut, die wohl nur die nachempfinden können, für die Literatur ein Lebenselixier ist.

Ich wußte, bald würde eine Fülle an Kulturveranstaltungen einsetzen und dann wochenlang nicht abreißen, wie jedes Jahr ab Anfang Oktober. An sich kein Problem, wenn man nicht in diesem Bereich arbeitet wie in meinem Fall. In dieser eng getakteten Zeit zwischendurch noch die eine oder andere Seite zu lesen, wurde für mich auch in diesem Herbst wieder zu einer Herausforderung. Wenigstens reichte die Zeit noch halbwegs zur Lektüre für das aktuelle Lesekreisbuch, aber mehr war meistens nicht drin.

Wo keine Zeit zum Lesen bleibt, ist aber auch keine zum Schreiben da und das war auf Libroscope zuletzt deutlich spürbar. Immer, wenn ich mich auf dem Backend einloggte, wußte ich bereits, dass ich mich unverrichteter Dinge wieder ausloggen würde. Ein kurzer Blick zu den KollegInnen und auch dort machten sich Veränderungen bemerkbar. Tobias von Buchrevier hatte schon im Juni über das Ende des Hypes um die Literaturblogs geschrieben, kam aber überaus optimistisch zum Schluß, dass es „jetzt erst richtig los ginge“. Ein Klick zu einigen Lieblingsblogs wie z. B. Das graue Sofa oder Muromez zeigte mir aber, dass auch dort die Beiträge seltener wurden. Ob ähnliche Umstände wie bei mir der Grund dafür waren?

Ich gebe zu, das Feedback von Leserinnen und Lesern sowie natürlich Kolleginnen und Kollegen war für mich immer eine der Hauptmotivationen, diesen Blog zu führen. Die Resonanz auf einzelne Beiträge hat allerdings seit einiger Zeit deutlich nachgelassen. Statt den Literaturfans melden sich dafür häufiger die Verlage, die ihre Titel bei den Bloggerinnen und Bloggern – und damit auch bei mir – unterbringen wollen. Und die große Aufmerksamkeit, die den Literaturblogs durch Medien und Feuilleton vor zwei, drei Jahren zuteil wurde, hat wohl nur einigen genützt, die sich in Folge dessen immer weiter professionalisiert haben. Wie in anderen Bereichen des Kulturbetriebs hat eine Ausdifferenzierung begonnen, Verlage und Buchmessen haben Blogs zudem als Marketingtools entdeckt. Schön und gut. Macht manchen sicher auch Spaß. Und ab und an ohne großes Gejammer ein Rezensionsexemplar zu bekommen, ist auch nicht schlecht. Aber, Hand aufs Herz, als wir uns gegenseitig die Kommentarspalten zugetextet haben war es irgendwie spannender, oder?

Was ich aber auch zugebe: ich bin ein fauler Blogger. Ich spare mir Facebook und Instagram, twittere nur unregelmäßig, viel lieber lese ich. Oder debattiere mit meinem Lesekreis. Oder moderiere eine Lesung. Oder produziere eine Radiosendung. Die Auseinandersetzung mit Literatur hat für mich viele Facetten und beschränkt sich nicht nur auf Libroscope. Deshalb bin ich nicht nur in den Monaten, in denen wenig Zeit für Außerberufliches bleibt, froh über die Freiheiten, die mir das Bloggen einräumt. Klingt egoistisch? Gut möglich. Man möge es mir verzeihen. Von der Marginalität meines Tuns war ich schon vorher überzeugt, aber irgendwie ist mir in diesem Jahr klar geworden, dass ich wohl vor allem für mich blogge. Um mir über ein Buch Klarheit zu verschaffen, um Gedanken zu formulieren, um interessante Interviews zu führen, die mich weiterbringen. Dass die Worte, die ich dafür finde, ein paar andere Menschen – meine geschätzten Leserinnen und Leser – interessieren, freut mich sehr. Ich hoffe, das wird noch eine Weile so bleiben. Ich verspreche auch, es wird hier bald wieder mehr zu lesen geben. Das ist mein Vorsatz für das neue Jahr.

Mit den besten Wünschen für 2018!

– Tobias Lindemann

 

Und weil ich es doch nicht lassen kann: hier noch die Liste der Bücher, die 2017 besonders wichtig für mich waren mit meinem ‚Buch des Jahres‘ ganz oben (die Links führen zu den zugehörigen Libroscope-Beiträgen).

Annie Ernaux – Die Jahre

Colson Whitehead – Underground Railroad

Chinua Achebe – Alles zerfällt

Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol

Natascha Wodin – Die gläserne Stadt

Attila Bartis – Das Ende

Samuel R. Delany – Dunkle Reflexionen

Andrej Platonow – Die Baugrube

Olivia Rosenthal – Überlebensmechanismen in feindlicher Umgebung

Anne Garréta – Sphinx

Thomas Melle – Die Welt im Rücken

Hari Kunzru – White Tears

Tamta Melaschwili – Abzählen

César Aira – Wie ich Nonne wurde

Samuel Selvon – Die Taugenichtse

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14 Gedanken zu „Die Freiheiten des Bloggens

  1. Lieber Tobias,
    ich freue mich ja sehr darüber, dass du DasgraueSofa als einen deiner Lieblingsblogs bezeichnet hast. So ein tolles Lob ist ja eigentlich der Motivationsschub, der einen nicht unerheblichen Anteil daran hat, die Mühen der Bloggerei aufrecht zu erhalten.
    Und es stimmt: das gegenseitige Lesen und das gegenseitige Kommentieren, das Anteilnehmen und Würdigen der Arbeit der anderen Blogger, haben merklich abgenommen. Es ist, als hätte eine Müdigkeit oder Erschöpfung eingesetzt, gerade bei den Bloggern, die vor zwei, drei, vier Jahren so viele und so gute Besprechungen veröffentlicht und auch die Kommunikation untereinander immer wieder vorangetrieben haben. Es ist auf vielen Blogs sehr ruhig geworden: zuerst hat das Lesen und Kommentieren der anderen Beiträge nachgelassen oder ist ganz ausgeblieben, dann ließen die Beiträge auf sich warten.
    Vielleicht geht es vielen anderen auch so, dass so sich eine Motivation zum Schreiben und Veröffentlichen kaum über einen wirklich langen Zeitraum aufrecht erhalten lässt. Vielleicht fehlt auch zur Motivation eine neue Herausforderung, vielleicht eine (Online-)Literaturzeitschrift, die von Bloggern gemacht wird.
    Dafür mehren sich nun Kommentare auf meinem Blog, die sich über das Thema der Tippfehler auslassen und daraus eine im Verhältnis zum Feuilleton miese Qualität des Beitrags ableiten, oder die ganz allgemein Fehler suchen, aber selbst weder einen Blog betrieben noch an einer inhaltlichen Diskussion über die Lektüre interessiert sind. Alles recht demotivierend.
    Mein Elan ist in der Tat verschwunden. Was ich auch traurig finde, denn das Schreiben über die Bücher bringt mir immer auch einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn, hat ganz allgemein meinen Blick auf die Romane deutlich geschärft.
    Mal schauen, wie sich die (De-)Motivationslage in der nächsten Zeit entwickelt. Aber bestimmt lesen wir uns an der einen oder anderen Stelle wieder.
    Ich wünsche dir einen guten Start ins neue Jahr!
    Claudia

    1. Liebe Claudia, mit fallen schon auch Tippfehler auf, aber die würde ich nie in einem Kommentar anmerken, sondern per Mail Bescheid geben … da ich selber sehr dankbar bin, wenn mir jemand zeigt, was mir betriebsblind durchging. Lass Dich nicht davon abbringen, weiter zu machen. Aber mach es einfach in deinem Tempo. Mir fehlte häufig die Muße, die Worte zu finden, die ich für ein Buch brauchte … Im Übrigen fände ich die Idee mit der Online-Literaturzeitschrift äußerst reizvoll, weil ich es vor allem mag, wenn man sich über Literatur austauscht. LG und Dir einen guten Start in eine wunderbares, glückliches Jahr 2018!!

    2. Liebe Claudia,
      schön, von Dir zu hören! Das Kompliment mit dem Lieblingsblog war absolut ernst gemeint. Schließlich finde ich Deinen Ansatz, belletristische Bücher im Licht von politischen Themen und gesellschaftlichen Entwicklungen zu betrachten, einfach großartig. Das versuche ich ja auch in meine Rezensionen einfliessen zu lassen. Böse Kommentare sollten Dich nicht demotivieren. Vielleicht sind es schlichtweg politisch Andersdenkende, die ja gerade viel von „verwehrter Meinungsfreiheit“ faseln und gleichzeitig im Netz alles diskreditieren, was ihnen nicht in den Kram passt? Ich finde: Viel Feind, viel Ehr. Was ich schlimmer finde, ist Gleichgültigkeit. Und dieses Gefühl, dass es nun egal ist, ob ich ein Buch rezensiere oder in China der berühmte Sack Reis umfällt, erst recht angesichts der politischen Großwetterlage. Das wollte ich in meinem kleinen Text transportieren und Dir scheint das auch nicht unbekannt zu sein…
      Ich finde, wir sollten uns nicht demotivieren lassen und weitermachen. Es gibt ja auch immer wieder spannende Neuzugänge in der Blogosphäre, ReadOst fällt mir gerade ein. Es bleibt lebendig und vielfältig. Ich wünsche Dir jedenfalls ein tolles 2018 und neue Motivation zum Schreiben über Litetatur! Wenn es hilft, mach ich Dir halt wöchentlich ein Kompliment 😉 und werde dafür mit Deinen tollen Texten belohnt!
      Liebe Grüße, Tobias

      1. Das ist ja ein sehr verlockendes Angebot, das du da machst :-). Aber wir wollen mal lieber nicht übertreiben, zu viel Lob kann ja womöglich auch schädlich sein. Wir lesen uns auch so, versprochen!

  2. Lieber Tobias, wie ich schon bei Tobias Nazemi anmerkte, unteliegt das Bloggen einem gewissen Zyklus, den ich nun schon häufiger beobachten konnte. Da ich ja mit Lesefreunden gemeinsam blogge, haben wir das Problem, wenn es denn eines ist, der Kontinuität der Blogfrequenz nicht. Auch deshalb bin ich froh, Gleichgesinnte zu haben, die mit mir gemeinsam an unserem Blog arbeiten. Als wir damit begannen, hatte ich zunächst alleine einen Blog, der sich durch eben das Fehlen dieser Kontinuatiät auszeichnete. Ich schaffte es nicht, zeitlich, regelmäßig zu lesen, darüber nachzudenken und dann auch noch darüber zu schreiben – obwohl mir gerade so viel Freude bereitet und mittlerweile etwas ist, das mich selbst sehr glücklich macht. Aber dazu braucht man Zeit und Muße und das Jahr 2017 war zwar ein hervorragendes Bücherjahr, aber ein schlechtes (für mich persönlich) was Muße und Kreativität angeht. Dennoch, dieses Zurückschalten, dieses etwas weniger häufige bloggen gehört für mich mittlerweile zu diesem Zyklus dazu, zeigt es doch, dass wir alle an einem Punkt angekommen sind, an dem wir innehalten wollen, weil wir bzw. das, was wir tun, wenn wir über unsere Lektüre schreiben, wieder verfeinern wollen. Weitertreiben. Es hat für mich mit Entwicklung zu tun. Und das ist etwas sehr sehr schönes. Deshalb: es kommt nicht auf die Quantität an, sondern auf die Qualität und die ist doch hier immer gegeben. Ich komme sehr gerne vorbei. Was ich auch immer sehr mag, ist wenn sich Menschen, die dieselben Bücher gelesen haben wie ich, mit einem Kommentar zu meinen Gedanken melden. Vielleicht müssen wir einfach wieder ein weniger tiefer gehen, nicht nur lesen und abnicken und sagen, dass es uns gefällt … das wäre eine neue Ebene. Und ich habe mir für 2018 vorgenommen, dass ich das bei all meinen liebsten Blogs, die ich immer wieder gerne besuche, mehr konkreten Anteil nehmen will. Also auf ein wunderbares Jahr 2018! Wir lesen uns! LG, Bri

    1. Liebe Bri,
      danke Dir für Deinen mutmachenden Kommentar! Du hast recht, die Zyklen des Bloggens kenne ich auch und bin ja deshalb froh über die Freiheiten. Dennoch stimme ich auch Claudia zu, dass es eine gewisse Müdigkeit gibt. Vielleicht auch ganz natürlich, der Reiz des Neuen ist erstmal weg, und sich dann immer selbst zu motivieren…
      Ich übernehme auf jeden Fall gerne Deinen Vorsatz: auch ich will 2018 wieder mehr lesen und kommentieren, ins Gespräch kommen. Wird klappen 😉
      Dir ein frohes neues Jahr!
      Liebe Grüße, Tobias

  3. Hallo Tobias,
    alles kann, nichts muss. Letztendlich ist und bleibt es ein Hobby, bei dem auch manches auf der Strecke bleibt. Ich würde zum Beispiel gerne mehr kommentieren (auch bei dir), aber dann käme man ja gar nicht mehr zum Lesen 😉
    Wünsche dir ein gesundes Neues Jahr und vielleicht sieht man sich mal wieder im Nürnberg oder Umgebung.
    Liebe Grüße
    Marc

    1. Hallo Marc,
      Dir auch ein frohes Neues und: Ja, sich mal wieder sehen wäre eine Idee. Vielleicht hast Du Lust: Ars Vivendi macht am 12.2. und 12.3. im Babylon Kino Fürth zwei interesante Veranstaltungen unter dem Titel „Making Of Books“. Da werde ich hingehen bzw. am 12.3. die Veranstaltung moderieren. Siehe auch hier: https://arsvivendi.com/News/Making-of-Books-Neue-Veranstaltungsreihe-des-ars-vivendi-verlags
      Wäre das was?
      Liebe Grüße, Tobias

      1. Hallo Tobias,

        von der Veranstaltung hörte ich schon. Februar klappt bei mir nicht, vielleicht kann ich den 12.03. einrichten. Klingt auf jeden Fall spannend, was der Ars Vivendi Verlag da auf die Beine stellt. Ich behalte es im Hinterkopf.

        Liebe Grüße
        Marc

  4. Ich denke und glaube, dass jeder Blogger einfach seinen eigenen Weg gehen sollte. Ein Rezept gibt es nicht. Selbst wenn Seminare erklären, wie es funktionieren könnte. Jeder sollte seine eigenen Erfahrungen sammeln, aber sich nicht gleich aufgeben, wenn eine Durststrecke kommt. Das macht die Bloggerwelt doch gerade aus – ihre Vielfältigkeit, die vielen Stimmen und Formen.
    Nach all den Jahren habe ich allerdings festgestellt, dass es vor allem Durchhaltekraft, Disziplin und auch den Mut, andere Wege zu gehen, braucht. Ich halte nicht viel von Statistiken, wie viele Bücher habe ich gelesen, wie hoch ist meine Reichweite etc, obwohl ich Facebook, Twitter und Instagram nutze.
    Denn ich freue mich vor allem über all die Begegnungen und Gespräche zwischen uns Buchmenschen (egal ob Blogger, Leser, Verlagsmitarbeiter) und die Resonanz in Form von Kommentaren, Menschen, die mich in meinem Umfeld ansprechen, die gerade durch mich auf ein Buch gestoßen sind, das ihnen besonders gefällt. Ich denke auch oft, wir sind nicht dafür da, einige spezielle Bücher zu empfehlen, sondern allgemein die Freude zum Lesen zu wecken; gerade wenn wir unsere Freude daran weitergeben. Viele Grüße

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