Lesevorfreude – Bücher, die das Frühjahr 2018 bringt

Es ist schon fast Tradition: wie in der Vergangenheit gibt Libroscope einen Ausblick auf die kommenden Buchhighlights der Saison. Das Frühjahr 2018 bietet spannende Debüts, anderswo bereits mit wichtigen Preisen bedachte Romane und essentielle literarische Wiederentdeckungen.

Natürlich ist diese Vorschau äußerst subjektiv und unvollständig, aber schließlich macht es Sinn, bei der großen Menge an Neuerscheinungen eine Auswahl zu treffen und vielleicht auch Empfehlungen auszusprechen. Auffällig war für mich, dass die großen Verlage wie S. Fischer, Hanser oder Rowohlt für mich eher wenig bereithielten, dafür bei kleineren Häusern einiges mir nennenswerte erscheint. Die Ausnahme bildet der Suhrkamp Verlag, der sich spürbar von seiner Krise (erinnert sich noch jemand an die Querelen zwischen den Eigentümer*innen?) erholt hat und gleich mit vier Titeln hier auftaucht.

 

Nanae Aoyama – Bruchstücke (cass)

aoyama„Eigenwetter“ war 2015 der erste Roman von Nanae Aoyama auf Deutsch und in diesem beiläufig die großen Themen der japanischen Gesellschaft (und der menschlichen Existenz) streifenden Buch konnte man ein beachtliches Erzähltalent entdecken (meine Rezension dazu hier). Nun veröffentlicht der kleine cass Verlag, der sich mit großer Sorgfalt japanischer und koreanischer Literatur annimmt, eine Erzählung der jungen Autorin. Auch „Bruchstücke“ beschreibt den Generationskonflikt, der in Japan seit einiger Zeit deutlich zu Tage tritt. Die schwierige Beziehung zwischen einer jungen Frau und ihrem wortkargen Vater wird bei einem Ausflug ins Gebirge sichtbar, als der Rest der Familie überraschend zu Hause bleibt – und die beiden alleine lässt. Aoyama kann ihren Sinn für die feinen Zwischentöne und die großen Emotionen dahinter ein weiteres Mal voll ausspielen, und das ohne den Kitsch, an dem leider etliche aktuelle japanische Bücher kranken. (Erscheint im Februar, mehr Infos hier.)

 

James Baldwin – Von dieser Welt (dtv)

baldwin.jpgEndlich, endlich, endlich! Es wurde wirklich Zeit, dass sich ein Verlag der Neuauflage der Bücher von James Baldwin (1924 – 1987) widmet, dem berühmten afroamerikanischen Romanautor und Essayisten, der in den letzten Jahren weltweit neu entdeckt wurde. Nun hat es sich also dtv zur Aufgabe gemacht, Baldwin neu zu übersetzen und damit eine riesige Lücke auf dem deutschen Buchmarkt zu schließen, denn ­ zuletzt war nur noch der Roman „Giovannis Zimmer“ lieferbar. Warum Baldwins Debüt „Go Tell It On The Mountain“ nun unter dem Titel „Von dieser Welt“ erscheint, bleibt allerdings rätselhaft. Weitere Neuübersetzungen sollen folgen und dtv kündigt an, „Von dieser Welt“ zum Schwerpunktthema des Frühjahres zu machen. Nun steht der Wiederentdeckung dieses wichtigen Autors auch hierzulande nichts mehr im Wege. (Erscheint am 9. März, mehr Infos hier.)

 

Nana Ektvimishvili – Das Birnenfeld (Suhrkamp)

birnenfeldEine Filmregisseurin als Autorin: Nana Ektvimishvili drehte zusammen mit Co-Regisseur Simon Gross die beiden wunderbaren Spielfilme „Die langen hellen Tage“ und „Meine glückliche Familie“, die auch in den deutschen Kinos zu sehen waren. In beiden Filmen standen starke Mädchen- und Frauenfiguren im Mittelpunkt. Es verwundert daher wenig, wenn die georgische Autorin auch in ihrem Romandebüt weibliche Heldinnen beschreibt. Allen voran Lena, ein Mädchen in einem Internat für geistig Behinderte in Tiflis, das zur Beschützerin der schwachen Mitschülerinnen wird. Wenn Ektvimishvili in diesem Buch einen ähnlichen Sinn für die Schönheit und die Tragik der Jugend, aber auch für die komplizierten Geflechte der georgischen Gesellschaft zeigt wie in ihren Filmen, dürfte uns hier ein bemerkenswerter Roman ins Haus stehen. (Erscheint am 9. Juli, mehr Infos hier.)

  

Emma Glass – Peach (Edition Nautilus)

geb_SUWenn eine junge Autorin für ihren Debütroman gleich ein Tabuthema anfasst und es noch dazu in einer ungewöhnlichen Sprache tut, ist die Fallhöhe enorm. Man könnte also misstrauisch werden gegenüber dem ersten Roman der britischen Autorin Emma Glass. Doch die Presse in Großbritannien, wo „Peach“ im Januar 2018 erschien, zeigte sich begeistert, wie dieser zwischen Langgedicht, surrealistischem Coming-Of-Age und hyperrealer Körperbeobachtung changierende Roman das Thema Vergewaltigung anpackt. Glass nennt Dylan Thomas und James Joyce als Vorbilder, aber auch die Rhythmik des Rap hat ihre Sprache beeinflusst. „Peach“ klingt nach einem aufregenden Roman, der nach neuen Ausdrucksformen sucht und feministisch ist, ohne in alte Klischees zu verfallen. (Erscheint am 5. März, mehr Infos hier.)

 

Esther Kinsky – Hain (Suhrkamp)

kinskyEsther Kinskys Roman „Am Fluß“ war 2014 ein literarisches Großereignis, was leider nur wenige erkannt haben. Ich persönlich stimme mit dem Verleger Sebastian Guggolz überein, der damals meinte: „Es gibt eine deutsche Literatur vor ‚Am Fluß’, und eine deutsche Literatur nach diesem Buch.“ Wie Kinsky auf Wanderungen am River Lea im Nordosten Londons über das Leben ihrer Romanprotagonistin reflektiert, das ist höchst poetisch und von großer sprachlicher Klarheit und Kraft. Auch in „Hain“, ihrem ersten Roman für den Suhrkamp Verlag, bewegt sich Kinsky durch Stadt und Land, die Autorin möchte das Buch als „Geländeroman“ verstanden wissen. Diesmal sind es Orte in Italien, die sie in Worten erkundet: die Kleinstadt Olevano Romano in der Nähe von Rom, das Podelta bei Comacchio östlich von Ferrara und das Italien der 1970er Jahre, über das die Ich-Erzählerin in ihre Kindheit abtaucht. Keinen Roman dieses Frühjahrs erwarte ich sehnlicher als diesen! (Erscheint am 12. Februar, mehr Infos hier.)

 

Andrej Platonow – Tschewengur (Suhrkamp)

platonowDie Wiederentdeckung des russischen Avantgardisten Andrej Platonow (1899 – 1951) geht weiter. Als 2016 sein Roman „Die Baugrube“ neu übersetzt erschien, wurde er als fast vergessenes Sprachkunstwerk von allerhöchstem Rang gefeiert. Der Autor setzte in seinem 1930 verfassten Text die Schrecken der stalinistischen Gewaltherrschaft und des zum bürokratischen, menschenverachtenden Apparat mutierten Kommunismus in ein Neusprech um, das die Verwerfungen dieser Zeit in jedem Wort spürbar machte. Nun erscheint sein zweites Hauptwerk, der Roman „Tschewengur“ von 1926. Auch diese Geschichte über aufrechte Kommunist*innen, die am real existierenden Sozialismus zugrunde gehen, durfte zur Entstehungszeit in der UdSSR nicht erscheinen. In den 1980er Jahren erstmals in Deutsche übertragen, liegt „Tschewengur“ nun in überarbeiteter Übersetzung vor und will mit dem Blick des 21. Jahrhunderts gelesen werden. (Erscheint am 16. April, mehr Infos hier.)

 

George Saunders – Lincoln im Bardo (Luchterhand)

Lincoln im Bardo von George SaundersBisher schrieb George Saunders in erster Linie Erzählungen, die in der englischsprachigen Literaturwelt, aber seit seinem Band „Zehnter Dezember“ auch hierzulande als meisterhaft gefeiert wurden. Scheinbar ist der US-amerikanische Autor ebenso auf der Langstrecke begabt, sein erster Roman „Lincoln im Bardo“ erhielt jedenfalls den Man Booker Prize 2017 und damit eine der wichtigsten Literaturauszeichnungen überhaupt. Der Roman erzählt von Willie Lincoln, Sohn des US-Präsidenten Abraham Lincoln, der in den Wirren des Bürgerkrieges mit nur elf Jahren stirbt. Doch kaum bestattet, erheben die Geister auf dem Friedhof ihre Stimmen und zanken sich um die Seele des Jungen, die sich im Bardo befindet, einem nach tibetanischer Überzeugung existierenden Zwischenreich beim Übergang in den Tod. Ironisch, einfühlsam und voller origineller Ideen schreibt Saunders über existenzielle Fragen zwischen Leben und Sterben. (Erscheint am 17. Mai, mehr Infos hier.)

 

Otar Tschiladse – Der Korb (Matthes & Seitz Berlin)

derkorbOtar Tschiladse – noch nie gehört? Dabei stand der Name des 2009 verstorbenen Autors bereits zweimal auf der Nominierungsliste für den Literaturnobelpreis. Im Laufe dieses Jahres wird einem Tschiladse sicher häufiger begegnen. Schließlich ist Georgien Ehrengast der Frankfurter Buchmesse und der streitbare Intellektuelle zählt zu den modernen Klassikern der georgischen Literatur. Tatsächlich wurden schon einige Bücher Tschiladses ins Deutsche übersetzt. Mit „Der Korb“ erscheint nun sein letzter zu Lebzeiten fertiggestellter Roman auf Deutsch, ein 700 Seiten starker Wälzer, der den Titel „Epos“ verdient hat und zugleich Familiengeschichte und Reise durch die georgischen Zeitläufte ist. Wie der Machtwille einer Familie die Geschicke des ganzen Landes bestimmt, diese Geschichte verspricht einen Roman von klassischer Wucht. (Erscheint am 30. März, mehr Infos hier.)

 

William T. Vollmann – Arme Leute (Suhrkamp)

vollmannWer Vollmans Reportageroman „Hobo Blues“ gelesen hat, weiß: hier schreibt einer über die Marginalisierten der Gesellschaft wie kein anderer. Vollmanns Blick ist empathisch und in jeder Zeile von einem tiefen Humanismus geprägt, seine Einsichten sind frei von Voyeurismus, sein Stil verrät den versierten Romancier. Immer denkt der Autor sich selber mit, zeigt die hauchdünne Grenze, die ihn von den Rändern der Gesellschaft trennt, benennt die Zerbrechlichkeit von Wohlstand und gesicherter Existenz. Für seinen literarischen Langessay „Arme Leute“ bereiste Vollmann u. a. Kambodscha, Afghanistan, Japan, Irland und den Kongo. Zurück kam er nicht nur mit Erzählungen von beeindruckenden Begegnungen und den dabei entstandenen Fotos (einige davon sind im Buch abgedruckt), Vollmann reflektiert auch, was Armut ausmacht und sucht nach seiner ganz eigenen Definition dieses Begriffs. (Erscheint am 7. Mai, mehr Infos hier.)

 

Éric Vuillard – Die Tagesordnung (Matthes & Seitz Berlin)

vuillardMit seinen Büchern über den Kongo und den ersten Weltkrieg („Kongo“ und „Ballade vom Abendland“) ist der Franzose Éric Vuillard bereits aufgefallen. Dass er aber gerade für einen Roman über ein deutsches Thema im Herbst 2017 den Prix Goncourt erhielt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, schließlich setzt man sich in Frankreich eher ungern mit der Geschichte der östlichen Nachbarn auseinander. „Tagesordnung“ verfolgt einen ähnlichen Ansatz wie Vuillards ältere Bücher und erzählt einen entscheidenden Moment der Geschichte neu. In diesem Fall geht es um die Konferenz vom 20. Februar 1933, als Hermann Göring Vertreter der 24 wichtigsten deutschen Konzerne in die Reichskanzlei einlud um Unterstützung für Hitlers Regierungspolitik einzufordern. Von dort aus spannt der Roman einen Bogen zur Annexion Österreichs durch NS-Deutschland fünf Jahre später. Ein Text, der durch Fiktion der Wahrheit auf die Schliche zu kommen versucht und uns neue Perspektiven auf den Wahnsinn dieser Epoche eröffnet. (Erscheint am 30. März, mehr Info hier).

 

Jesmyn Ward – Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt (Kunstmann)

9783956142246Das nennt man einen One-Two-Punch: als einzige weibliche Autorin überhaupt erhielt Jesmyn Ward zweimal den National Book Award, 2011 für „Vor dem Sturm“ und 2017 für „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“. Dabei hatte Ward 2008 schon daran gedacht, die Schriftstellerei an den Nagel zu hängen, aber zum Glück fand ihr erster Roman „Where The Lines Bleed“ in letzter Minute doch noch einen Verlag. Die Werke der in Mississippi geborenen Autorin erzählen allesamt von Afroamerikaner*innen und ihrem Leben in den Südstaaten der USA. Mit „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ möchte Jesmyn Ward erklärtermaßen an moderne Klassiker wie Mark Twain, William Faulkner oder John Steinbeck anschließen und portraitiert eine Familie in einer Kleinstadt in Mississippi nach dem Hurricane Katrina. (Erscheint am 14. Februar, mehr Infos hier.)

 

Soweit die elf in meinen Augen wichtigsten Titel. Das Frühjahr kann kommen, ich freue mich auf viele interessante Lektüren!

 

 

 

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9 Gedanken zu „Lesevorfreude – Bücher, die das Frühjahr 2018 bringt

  1. Lieber Tobias,
    wie schön: keines deiner Bücher steht auf meiner „Möchte-ich-lesen-Liste“. Da gibt es dann also auf deinem Blog vieles für mich zu entdecken.
    Viele Grüße, Claudia

  2. Hi Tobias,

    eine wunderbare Auswahl, die mal ein paar Bücher abseits der üblichen Verdächtigen zeigt. Werde mir davon sicher ein paar vormerken.

    Liebe Grüße
    Marc

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