Budapest, bleierne Jahre

Attila Bartis lässt in seinem dichten Roman „Das Ende“ einen Fotografen auf sein Leben im realsozialistischen Ungarn zurückblicken. Ein Künstlerroman, aber auch eine genaue und gewagte Erzählung darüber, wie repressive Gesellschaftssysteme abseits der Ideologie in die Gefühlswelt der Menschen eindringen.

Attila Bartis ist sicher kein Autor, dessen Bücher leichte Kost sind. Leserinnen und Leser seines Romans „Die Ruhe“, der damals von der deutschen Literaturkritik gefeiert wurde, wissen das bereits. Um Bartis’ Roman „Das Ende“ ist es nun, über zehn Jahre später, deutlich stiller, vielleicht, weil die deutschen Feuilletons heute eher Romane loben, die etwas Erhabenes ausstrahlen oder mit Humor an schwere Themen herangehen. Davon hat Bartis nicht viel zu bieten, dennoch ist „Das Ende“ ein reicher, unglaublich dichter Roman.

Zudem kommt dieses Buch zur rechten Zeit, erzählt es doch präzise und ohne Scheu von den Verheerungen, die totalitäre Systeme in den Leben einzelner Personen bis in deren Gefühls- und Beziehungsleben hinein anrichten. In Zeiten, in denen Menschen aus herbeigeredeten Ängsten gerne autoritären Politiker*innen ihre Stimme geben und die Konsequenzen repressiver Politik kleinreden, ist „Das Ende“ auch ein Reminder, wie tief die Traumata reichen können.

András Szabad, der Fotograf und ‚Mann ohne Eigenschaften’ im Zentrum von Bartis’ Roman, wächst im Ungarn der Nachkriegszeit auf. Sein Vater wird durch eine provokante Aktion bei den Aufständen gegen das Regime 1956 kurzzeitig berühmt, in der Folge aber jahrelang ins Gefängnis gesperrt. Die Mutter nimmt sich das Leben, András zieht als Jugendlicher nach der Rückkehr des Vaters mit diesem nach Budapest, teilt sich mit dem Mann, der ihm fremd ist, eine Wohnung. Eine bartis 42763Zeit, die Bartis schonungslos als eine bleierne darstellt. Während der junge András versucht, mit der neuen Umgebung des wahnsinnig spießigen, wie unter einer opaken Glocke dahindämmernden Budapest zurecht zu kommen, lebt der Vater voller Schuldgefühle und versinkt in der Vergangenheit. Die tote Mutter bzw. Ehefrau ist immer noch anwesend und geistert durch das Leben von Vater und Sohn.

Attila Bartis’ Sprache kennt nicht nur das bleierne Grau, sondern die zahllosen Schattierungen dieser Farbe, farbiges Licht aber dringt selten in diesen hypnotischen Roman. András berichtet als Icherzähler von seiner Freundschaft mit einer alten Gräfin im Hinterhaus und vom Kennenlernen seines besten Freundes Kornél, der ihm ein ganzes Leben lang erhalten bleiben wird. Hier finden sich die leichteren Momente, die eine zwischenmenschliche Kommunikation möglich erscheinen lassen, die nicht von den steifen Regeln der Gesellschaft geknebelt wird. Anders ist es mit den Frauen, die András trifft. Schnell gleiten die Beziehungen in heftige Gefühlsausbrüche und sexuelle Machtspiele ab, als würde das System, das auf so vieles den Deckel draufhält, eine normale körperliche Annäherung unmöglich machen.

András sieht das Problem woanders, er sucht „die Eine“, für die er wirklich etwas empfinden kann. Er findet sie vermeintlich in der Pianistin Éva, die zu seiner großen Liebe wird, obwohl sie ihm in letzter Konsequenz immer fremd bleibt. Auch die Beziehung mit ihr ist von Missverständnissen und sexuellen Konflikten geprägt. Éva kann sich von ihrem Ehemann, einem wesentlich älteren Komponisten, nicht lösen und leidet unter ihrer Familie, die sie ausnützt. Dass immer wieder Momente des Glücks entstehen können zwischen Éva und András erscheint in dieser Konstellation zweier beschädigter Menschen fast wie ein Wunder. Am Ende sind es eher Abhängigkeiten als bewusste Entscheidungen, welche das Zusammenleben der beiden bestimmen, das so abrupt endet wie es einst begann.

Mit der Erzählerfigur des András Szabad ist Attila Bartis ein befremdlich neutraler Chronist des ungarischen 20. Jahrhunderts gelungen. Es ist bezeichnend, dass dieser eigenschaftslose, von Traumata getriebene junge Mann irgendwann Fotograf wird. Bartis ist im Übrigen selbst Fotograf (was ihn mit seinem Schriftstellerkollegen Péter Nadás verbindet), doch ein Künstlerroman ist „Das Ende“ nur bedingt. Häufig berichtet András von den Zeitläuften wie lichtempfindliches Material, nimmt sie einfach auf, ohne sie zu werten oder zu kommentieren. Nur in den intimen

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Attila Bartis

Verwerfungen, in den Albträumen und persönlichen Konflikten zeigt sich der Schrecken eines Lebens in diesem System. Die Geschehnisse der Vergangenheit im faschistischen Ungarn, unter deutscher Besatzung und Pfeilkreuzler-Herrschaft sind besonders durch die Mutter präsent, nie werden sie aber gegen den realsozialistischen Alltag ausgespielt oder mit ihm verglichen. Attila Bartis zwingt vielmehr uns Lesende dazu, Stellung zu beziehen und die Ereignisse einzuordnen, aus dem Text das Kontinuum der totalitären Macht unter unterschiedlichen Vorzeichen herauszulesen.

„Das Ende“ stellt auch die Frage danach, was ein Leben ausmacht. Am Schluss, wenn András Szabad unverhofft eine gewisse Berühmtheit erlangt hat und auf die Jahrzehnte seiner Existenz zurück blickt, wird klar, dass vieles einfach mit ihm geschehen ist, ohne dass er einen Einfluss darauf hatte. Die Verwicklungen seines Daseins mit der Geschichte seiner Familie, seiner Eltern und auch mit den gesellschaftlichen Verhältnissen treten deutlicher als zuvor zutage. Letztendlich führte er ein passives Leben, war vielleicht sogar dazu verdammt. In Zeiten, in denen persönliche und politische Freiheit von manchen als etwas gesehen werden, das Angst macht oder überflüssig ist, wird András Szabad auch zu einer subtil gezeichneten Symbolfigur. In ihm wird deutlich, was heute – nicht nur in Ungarn – auf dem Spiel steht.

Attila Bartis. Das Ende. Roman. Aus dem Ungarischen von Terézia Mora. 752 Seiten, gebunden. Suhrkamp Verlag 2017. 32,- €.

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