Kurzkritiken Januar/Februar

Drei Romane in aller Kürze: Sasha Marianna Salzmann erzeugt einen Strudel aus Zeiten und Identitäten, Gaël Faye blickt wehmütig auf das Land seiner Kindheit und Andor Endre Gelléri macht eine Waschanstalt zum wuseligen Mikrokosmos.

 

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Sasha Marianna Salzmann – Außer sich

Es mit dem ersten Roman gleich auf die Shortlist des deutschen Buchpreises zu schaffen ist an und für sich eine Auszeichnung, selbst, wenn man den Preis am Ende nicht bekommt. Im Falle von Sasha Marianna Salzmann verwundert ein solcher Start als Schriftstellerin aber kaum, schließlich ist sie Hausautorin des Maxim-Gorki-Theaters und damit ein erklärter Darling der Berliner Kulturszene. Aber abgesehen von der guten Ausgansposition ist „Außer sich“ tatsächlich ein außergewöhnlicher, stilistisch gewagter Debütroman, der die viele Aufmerksamkeit verdient hat. Stark biografisch eingefärbt erzählt Salzmann von zwei Zwillingsgeschwistern, die mit ihren Eltern in den 1990er Jahren aus der Sowjetunion nach Deutschland emigrieren. Rasant wechseln die Erzählperspektiven und die Orte, an denen die Handlung spielt. Vom Moskauer Vorort geht es in mittelgroße deutsche Städte und schließlich nach Istanbul, in die Jetztzeit, wo Alissa ihren verschwundenen Zwillingsbruder Anton sucht. Geschlechterzuschreibungen und Identitäten verwischen zunehmend, zwischendrin erzählt Salzmann aber immer wieder lebendig, anrührend und knallhart realistisch aus der Historie der jüdischen Familie, der Ali und Anton entstammen. Ein erstaunliches Buch, das tief in die europäische Geschichte zwischen Ost und West eintaucht und vom Grund eine Ansammlung schillernder Erzählungen mitbringt.

Sasha Marianna Salzmann. Außer sich. Roman. 368 Seiten, gebunden. Suhrkamp Verlag 2017. 22,- €

 

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Gaël Faye – Kleines Land

Noch ein Debüt, noch ein Erfolg, nicht nur bei der Kritik in Frankreich, sondern auch beim französischen Publikum, wo „Kleines Land“ innerhalb weniger Monate Schullektüre wurde. Und beim Lesen wird schnell klar, warum dieses Buch gut ankommt. Gaël Faye, der 1995 nach Frankreich flüchtete und auch als Rapper und Musiker aktiv ist, verarbeitet seine Jugendjahre in Burundi äußerst lebhaft und leicht zugänglich zu einem stringenten Roman über das „kleine Land“, das allmählich in den Strudel des Genozids im größeren Nachbarland Ruanda gerät. Faye ist Sohn einer ruandischen Mutter, die im Roman geschilderten Erlebnisse und blutrünstigen Gewalttaten dürften tatsächlich in seiner Verwandtschaft passiert sein. Die verstörende Brutalität bricht in eine regelrecht paradiesische Welt ein, in der Gaby, Ich-Erzähler und Fayes jugendliches Alter Ego, mit einer Bande von Freunden eine unbeschwerte Zeit erlebt. Natürlich ist Gaby privilegiert, sein Vater ist Franzose und verdient gut, doch über die burundischen Hausangestellten sind die unteren Gesellschaftsschichten ständig präsent. Der Konflikt zwischen Tutsi und Hutu macht schließlich vor Klassengrenzen nicht halt und bringt die Gewalt in Gabys behütetes Leben. Vielleicht lässt dieser konsequent aus kindlicher Perspektive erzählte Roman manchmal etwas die Tiefe eines erfahreneren Autors vermissen. Dennoch ist „Kleines Land“ ein eindrücklicher, wehmütiger Roman über den Verlust jugendlicher Unschuld und die Zerstörung eines Ortes, der einmal ein Zuhause war.

Gaël Faye. Kleines Land. Roman. Aus dem Französischen von Brigitte Große und Andrea Alvermann. 224 Seiten, gebunden. Piper Verlag 2017. 20,- €.

 

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Andor Endre Gelléri – Die Großwäscherei

Sebastian Guggolz ist mit seinem kleinen Verlag eine über jeden qualitativen Zweifel erhabene Quelle für literarische Wiederentdeckungen geworden, meist aus der ost- oder nordeuropäischen Literatur. Zu diesen gehört auch der ungarische Schriftsteller Andor Endre Gelléri, dessen einziger fertiggestellter Roman dank Guggolz nun auf Deutsch vorliegt. Gelléri, der 1906 zur Welt kam, nach der Besetzung Ungarns durch die Nazis deportiert wurde und 1945 kurz nach der Befreiung im KZ Mauthausen starb, war ein stilistisch versierter und satirisch begabter Chronist des Budapester Lebens zwischen den Kriegen. In „Die Großwäscherei“ spielt er seine Talente voll aus und entwirft eine industriell arbeitende Waschanstalt in den 1920er Jahren als wuseligen Mikrokosmos mit zahlreichen Figuren. Vom Färber bis zum Bügelmädchen, vom neureichen Fabrikanten bis zur gewöhnlichen Waschfrau wird die Dampfwäscherei „Phönix“ zum Spiegel der Budapester Gesellschaft. Mit spitzer Feder, häufig etwas überzeichnet und zur Theatralik neigend, aber immer wieder zutiefst humanistisch zeichnet Gelléri sein Romanpersonal, erzählt von den Gewinnlern der Boom-Jahre, aber auch von den Schattenseiten. Der Autor selbst war Zeit seines Lebens in unterschiedlichsten Brotberufen tätig, zu wenig warf die Literatur ab. Seiner „Großwäscherei“ ist anzumerken, dass er sich mit den einfachen Arbeiter*innen und Angestellten auf Augenhöhe befand. Abgerundet wird diese lohnende Entdeckung durch ein informatives Nachwort der Übersetzerin Timea Tankó.

Andor Endre Gelléri. Die Großwäscherei. Aus dem Ungarischen und mit einem Nachwort von Timea Tankó. 224 Seiten, gebunden. Guggolz Verlag 2015. 22,- €.

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Ein Gedanke zu „Kurzkritiken Januar/Februar

  1. Hi Tobias,
    Salzmann habe ich vor ein paar Tagen ebenfalls abgeschlossen und bin noch unschlüssig, wie ich das einordnen soll. Verwirrt trifft es zur Zeit wohl am Besten. Starker Text, aber durch die verschiedenen Perspektiven und Geschlechterwechsel der einzelnen Personen, war ich irgendwann verloren. Definitiv ein Buch, welches ein zweites Mal gelesen werden will.

    Die anderen zwei von dir besprochenen Bücher merke ich mir mal vor. Klingen jedenfalls nach gutem Lesestoff.

    Liebe Grüße
    Marc

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