Klammes Weiß, graues Herz

In ihrem Roman „Hain“ sucht Esther Kinsky drei Orte in Italien auf. Mit Worten das Gesehene umkreisend, findet sie in einer bitteren Lebenszeit Fragmente einer Sprache für das, was in ihr geschieht. Ein „Geländeroman“ von subtiler literarischer Kraft.

Es gibt Autorinnen und Autoren, die in Metaphern und Worterfindungen schwelgen um das zu beschreiben, was in ihnen vorgeht oder ihren Romanfiguren widerfährt. Und es gibt Autorinnen und Autoren, deren Sprache so genau ist, dass wenige Worte reichen. Esther Kinsky gehört eindeutig zu zweiter Spezies. Kaum jemand in der zeitgenössischen deutschen Literatur ist so sparsam im Umgang mit Worten, schreibt so exakt und gleichzeitig so ungekünstelt kunstvoll wie sie. Bereits mit ihrem letzten Roman „Am Fluß“, in dem die Protagonistin den reichlich unspektakulären River Lea im Nordosten Londons zum Ort der Selbstbefragung und des Innehaltens zwischen zwei Lebensphasen macht, zeigte sich Kinskys Kunst in fast beängstigender Vollkommenheit. Nun hat die Autorin, die auch als Übersetzerin und Lyrikerin arbeitet, mit „Hain“ ihre Schreibkunst nochmals verfeinert.

Als Gattungsbezeichnung steht auf dem Umschlag „Geländeroman“, eine Wortkreation, die aus Kinskys Vorliebe für den Begriff „Gelände“ hervorgeht. Dort, wo die Natur nicht mehr unberührt ist, wo die Zivilisation ihre Spuren hinterlassen hat, aber längst nicht mehr dominant die Wildnis zähmt, zieht es Esther Kinsky hin. Für diesen Roman hat sie solche Gelände an verschiedenen Orten in Italien gefunden, die sich größtenteils abseits der touristischen Attraktionen lokalisieren lassen. Hier verbringt die Icherzählerin mehrere Wochen, um alleine mit der Landschaft zu sein und zu trauern. Eine nahestehende Person, die im Roman nur M. heißt, ist vor kurzem gestorben und natürlich lässt sich in ihr sofort Kinskys 2014 verstorbener Lebenspartner Martin Chalmers erkennen. Es ist nicht nur draußen in der italienischen Landschaft Winter, sondern auch im Inneren der Icherzählerin, die von ihrem „grauen Herzen“ spricht.

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Esther Kinsky (Foto: Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag)

Die drei Kapitel des Romans sind mit jeweils einem Ort verbunden. Zu Beginn findet sich die Erzählerin in Olevano wieder, einem kleinen Städtchen in den Bergen bei Rom. Das beschauliche ländliche Leben scheint eine Welt des Stillstands zu verkörpern. Passend dazu gibt es in Olevano und Umgebung große Friedhöfe, welche die Erzählerin aufsucht. Nur eine kleine Mauer scheint die Toten von den Lebenden zu trennen – auch ein Bild dafür, wie der geliebte M. plötzlich aus dem Leben gerissen wurde. Im einen Moment noch da, im nächsten auf der anderen Seite. Ein Ritual in rumänischen Kirchen fällt der Erzählerin ein, bei dem Kerzen von einer Nische für die Lebenden in die Nische für die Verstorbenen getragen werden. Dieses Motiv durchzieht den Roman ebenso wie die melancholische Grundstimmung, die sich gleich zu Beginn einstellt.

Im zweiten Kapitel dient das Städtchen Chiavenna als Ausgangspunkt für eine Erinnerungsreise in das Italien der Kindheit der Erzählerin. Zentral ist hier die Figur des Vaters, der schon vor Jahren verstorben ist. In den gemeinsamen Urlauben der Familie gab er mit seiner Neugier, seinen italienischen Sprachkenntnissen und vor allem seinem Interesse für Archäologie den Ton an. Einzelne Episoden führen zurück ins heimatliche Rheinland, doch es sind die Urlaubserinnerungen, die in der Figur des Vaters ungewohnte Seiten zu Tage fördern, ihn überschwänglicher, aber auch verletzlicher erscheinen lassen. Auch hier eine Form von Trauerarbeit, diesmal aus größerer zeitlicher Distanz.

Die karge Landschaft des Podeltas ist schließlich Ort des Geschehens im dritten Kapitel. Hier begibt sich die Icherzählerin zunächst in Ferrara auf die Suche nach den Gärten der Finzi-Contini, die der Ferrareser Schriftsteller Giorgio Bassani in seinem meisterhaften gleichnamigen Roman beschrieb. Natürlich sind sie Fiktion und unauffindbar, so oft die Besucherin auch den historischen Stadtwall abzuschreiten beschließt. Ihre Reise führt sie schließlich noch näher ans Meer, nach Comacchio. Hier ist die Landschaft geprägt von der Jahrhunderte lang betriebenen Salzgewinnung. kinskyBrackgewässer und mit Schilf zugewucherte Tümpel bilden das winterliche Gelände, dem sich die Erzählerin widmet. Spezialität der Gegend ist geräucherter Aal, was eine Parallele zu den Seitengewässern des Rheins aufscheinen lässt. Dort hatte die Reisende in Kinderjahren den Aalfang beobachtet. Seltsame Begegnungen mit anderen Menschen verdichten das Gefühl, dass hier die Zeit stillsteht, nur auf der nahe gelegenen Fernstraße donnern die LKWs in einem nicht abreißenden Strom vorbei.

An den Orten, welche die Erzählerin besucht, sind es selten die spektakulären Naturdenkmäler oder Bauwerke, die ihren Blick fesseln, sondern die unscheinbaren Szenarien am Wegesrand. Gespinste, die sich im Geäst gebildet haben, der Geruch der stillstehenden Gewässer, das opake Licht in der winterlichen Landschaft: das Gelände scheint zum Spiegel des inneren Zustands der Erzählerin zu werden. Doch das wäre zu einfach geschlussfolgert, auch wenn der Zusammenhang nicht von der Hand zu weisen ist. Entscheidend ist aber der Wille und das Können von Esther Kinsky, mit ihrer Sprache das Beobachtete der Landschaft zu entreißen und es zu Literatur werden zu lassen. Der Text ist es, der die Verbindung zwischen dem trauernden Innen und dem brach liegenden, winterlichen Außen erschafft.

Diese Zwischenebene, aber auch Kinskys Sinn für zwischenmenschliche Begegnungen sind es, die ihr Schreiben vom sogenannten Nature Writing unterscheiden, das in der anglophonen Literatur auf eine lange Tradition zurückblicken kann und auch bei uns seit kurzem Konjunktur hat. Das Gelände, von dem Kinsky schreibt, ist nicht menschenleer, ganz im Gegenteil. Sie trifft auf Einheimische und Zugereiste. Sie sieht afrikanische Flüchtlinge am Dorfplatz, die auf ganz andere Weise heimatlos sind als sie. In den Beobachtungen und Zufallsbekanntschaften – mit wenigen Worten, wie hingetupft – werden Einsamkeit und Empathie sichtbar, Sehnsüchte und Sorgen spürbar. Denn da sind Menschen, die leben. Sie sind immer noch da, wie sehr man auch versucht, sich dem Leben für eine Zeit zu entziehen.

Am Ende besucht die Erzählerin Ravenna, um sich dort die Mosaikbilder anzusehen, für die ihr Vater schwärmte, und ein Trauerbild von Fra Angelico zu betrachten. Mit all ihrer Farbigkeit und dem leuchtenden Lapislazuli, das die Erzählerin schon in ihrer Kindheit faszinierte, kommen sie kaum an gegen die vielen Grautöne, welche die Trauernde vorher im Gelände sammelte und so treffend beschrieb. Erhabenheit will sich nicht einstellen, das blaue Funkeln wirkt falsch. Die Rückreise kann die Erzählerin dennoch antreten. Dass sie sich in einer letzten Szene sogar ihrer Privilegien bewusst wird ist vielleicht das deutlichste Zeichen dafür, dass ihr Gang durchs Gelände sie zurück ins Leben gebracht hat.

Esther Kinsky. Hain. Geländeroman. 286 Seiten, gebunden. Suhrkamp Verlag 2018. 24,- €.

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