Kurzkritiken Juni

Libroscope macht nach monatelanger Pause weiter. Zum Neustart vier Kurzkritiken aktueller Bücher: große und kleine Romane, Essays und Autobiografisches von George Saunders, Toni Morrison, Sayaka Murata und Friedrich Christian Delius.

 

Lincoln im Bardo von George Saunders

George Saunders – Lincoln im Bardo

In der englischsprachigen Literatur gilt George Saunders als einer der Könige der Kurzgeschichte, seine Bände mit Erzählungen (wie zuletzt „Zehnter Dezember“) wurden regelrecht gefeiert. Diese Reputation sorgte für reichlich Neugier auf Saunders’ ersten Roman – der prompt mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde. Anhand der nun vorliegenden deutschen Übersetzung bleibt für mich das überschwängliche Kritiker*innenlob allerdings rätselhaft. Saunders’ Idee, einen Chor von Toten (oder Geistern) sprechen zu lassen, die den Friedhof bevölkern, auf dem US-Präsident seinen mit 11 Jahren verstorbenen Sohn William betrauert, ist durchaus originell. Es kommen viele Stimmen zu Wort, durch die sich mit feiner Ironie gezeichnete Charaktere erschließen. Das Panoptikum einer US-Gesellschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts, das in dieser Konstellation angelegt ist, wird aber mit wenig Substanz gefüllt. Lieber ergeht sich Saunders durch zahlreiche Zitate – teils fiktiv, teils historisch verbürgt – in einer Studie Abraham Lincolns. Dieser stand 1862, also zum Zeitpunkt von Williams Tod, wegen des seit zwei Jahren schwelenden Bürgerkriegs zwischen Nord- und Südstaaten sowie wegen seiner Ablehnung der Sklaverei unter enormen Druck. Der Roman gibt der Figur des Präsidenten soviel Raum, dass die toten „kleinen Leute“ schnell in den Hintergrund gedrängt werden, zumal einige der fantasievollen Ideen des Autors auf Dauer redundant erscheinen: Wenn die Geister immer wieder in die Lebenden hineinschlüpfen, ohne dass daraus spannende literarische Effekte entstehen, wirkt das wie ein Drehbuch für einen Disney-Film („Coco – lebendiger als das Leben“ grüßt aus der Ferne). Durch diese Schwächen in der Erzählweise und die Fixierung auf Lincoln – sowieso schon eine überlebensgroße Figur der US-Geschichte – verspielt der Roman die Möglichkeit, uns nicht nur formal, sondern auch inhaltlich etwas Neues zu bieten. Schade!

George Saunders. Lincoln im Bardo. Roman. Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert. 448 Seiten, gebunden. Luchterhand Literaturverlag 2018. 25,- €

 

morrison

Toni Morrison – Die Herkunft der Anderen

In diesem Jahr wurde Toni Morrison 86 Jahre alt, aber sie denkt noch lange nicht daran, sich aus gesellschaftlichen Debatten zurückzuziehen, wie dieser Band mit Essays zeigt. Basierend auf Vorlesungen, die Morrison an der Harvard University hielt, ergründen diese Texte der Literaturnobelpreisträgerin das Verhältnis von Rasse, Rassismus und Literatur. Zentral ist für Morrison eine Frage, die bereits James Baldwin umtrieb: Worin liegt die gesellschaftliche Funktion des Rassismus? Wer braucht ihn und aus welchen Gründen? Antworten findet die Autorin in der Literatur. Faulkner, Hemingway, Joseph Conrad – Autoren von Weltruf, in deren Werken Morrison dennoch Zeichen des tief implementierten Rassismus findet, der die US-Gesellschaft (und nicht nur diese) wie ein Untoter heimsucht. Ihr Gedankengang führt die Autorin von der Geschichte der Sklaverei und ihrem langen Schatten bis zum Umgang mit Flüchtlingen in der Jetztzeit, wodurch die Überlegungen Morrisons etwas Universelles bekommen. Und sie lässt uns wenig Hoffnung: Der Rassismus wird vielleicht nie enden, aber umso wichtiger bleibt es, ihn zu bekämpfen. Angereichert mit einem Vorwort von Ta-Nehisi Coates, ist „Die Herkunft der Anderen“ ein kompakter, alles andere als altersmilder Beitrag zur Debatte um Hautfarbe, Migration und gesellschaftliche Ausgrenzung.

Toni Morrison. Die Herkunft der Anderen: Über Rasse, Rassismus und Literatur. Essays. Aus dem Amerikanischen von Thomas Piltz. 112 Seiten, gebunden. Rowohl Verlag 2018. 16,- €

 

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Sayaka Murata – Die Ladenhüterin

In den japanischen Großstädten findet man sie an jeder Ecke: rund um die Uhr geöffnete Convenience-Stores, von den Japaner*innen „konbini“ genannt. Normalerweise arbeiten hier Student*innen oder Hausfrauen nebenbei, manchmal auch junge Erwachsene, die sich als sogenannte „freeter“ der traditionellen japanischen Karriereplanung verschließen wollen. Keiko, die Heldin in Sayaka Muratas Roman, macht diesen Job schon seit 15 Jahren. Nicht nur das, ihr ganzes Leben ist auf den „konbini“ ausgerichtet, selbst in ihrer Freizeit denkt sie darüber nach, was jetzt gerade im Laden zu tun wäre. Ein Privatleben, das diesen Namen verdient, hat Keiko nicht. Ihre Freundinnen hingegen drangsalieren sie mit Fragen nach Liebe und Familiengründung – womit Keiko nicht dienen kann. Als ein eher grobschlächtiger neuer Kollege aus dem Supermarkt vages Interesse für sie zeigt, kommt ihr das gerade recht: endlich kann sie wenigstens die Fassade wahren und persönliches Glück vortäuschen. Wie sich die Dinge in „Die Ladenhüterin“ weiterentwickeln, ist bei aller Kürze dieses unkonventionellen Romans stets überraschend. Die minimalistische Mischung aus Drastik, Lakonie und Tiefe irritiert – was natürlich positiv gemeint ist. „Diese verrückten Japaner“, wird angesichts der Story so manche*r wieder denken, aber der große Erfolg des Romans in Japan zeigt, dass Sayaka Murata einen neuralgischen Punkt getroffen hat. Und da auch in unseren Breiten die Arbeit zur Ersatzreligion geworden ist, hält „Die Ladenhüterin“ in seiner scharfen Absurdität auch für ein hiesiges Publikum eine große Portion Wahrheit parat.

Sayaka Murata. Die Ladenhüterin. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. 144 Seiten, gebunden. Aufbau Verlag 2018. 18,- €

 

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Friedrich Christian Delius – Die Zukunft der Schönheit

F. C. Delius sitzt im deutschen Literaturbetrieb fest im Sattel und gehört eigentlich zu einer Generation, gegen deren selbstgefällige Deutungshoheit man gerne anstänkern möchte. Aber nur eigentlich, denn an Delius’ neuem Buch (Autobiografische Erzählung? Kurzroman?) gibt es kein Vorbeikommen. Hauptgrund: Hier schreibt jemand in einem Prosatext über Free Jazz, ohne Expert*innenbrille, also unvoreingenommen, aber dennoch die Musik ernst nehmend. Das hat in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur Seltenheitswert. Wie Delius bei aller Schlichtheit so sprachlich genau den Besuch eines Konzertes von Albert Ayler 1966 beschreibt, ist zudem eine der besten Reflektionen über die erste Begegnung mit herausfordernder Musik, die ich kenne. Der damals 23-jährige Autor ist anfangs schwer irritiert, lässt sich aber auf die unerhörten Klänge von Ayler und dessen Quintett ein. Ausgelöst durch die Konfrontation mit Aylers Musik kommt ein Gedankenstrom in Gang, der zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft und besonders mit dem despotischen Vater führt. Gleichzeitig reflektiert Delius seine eigene Werdung zum Künstler, seine Anfänge als Schriftsteller und warum diese Werdung für ihn zur Rettung geriet. Die aus dieser Rettung entstehende Schönheit, die der Buchtitel in der Zukunft verortet, begann auch hier, am 1. Mai 1966 in Slug’s Saloon, New York City. Wer selbst nach der Lektüre dieses meisterlichen Buches nicht an die lebensverändernde Kraft herausfordernder Kunst glaubt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Friedrich Christian Delius. Die Zukunft der Schönheit. 96 Seiten, gebunden. Verlag Rowohlt Berlin 2018. 18,- €

 

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2 Gedanken zu „Kurzkritiken Juni

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