Dem Volksgeist sch(m)erzhaft an die Brust geworfen

In seinem Buch „Über Deutschland, über alles“ steigert Pascal Richmann die Unzuverlässigkeit seines Erzählers ins Münchhausenhafte – und kommt so unbequemen Wahrheiten über dieses Land auf die Spur.

Gerade sind mal wieder die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt zu Ende gegangen und selbst wenn der Lesewettbewerb einige neuartige, ungewöhnliche Stimmen präsentierte (Joshua Groß, Özlem Özgül Dündar, Raphaela Edelbauer, Jakob Nolte), wurden die Hauptpreise an eher zahme Textchen vergeben. Ob mit beschaulicher Prosa, die sich sanft an den Problemen der Gegenwart schubbert, dem nach rechts tendierenden Zeitgeist der Massen etwas entgegengesetzt werden kann? Dabei hatte Feridun Zaimoglu in seiner von vielen geschätzten Eröffnungsrede so klar politisch Stellung bezogen, wie es momentan eben notwendig ist: Die Jury mochte dem nur mit Auszeichnungen für Texte folgen, die nicht mal im Wasserglas einen Sturm auslösen.

Wie sehr hätte ich mir in dieser Lesendenrunde den Autor Pascal Richmann gewünscht, seinen Humor, seine Spinnereien und auch seine Härte. Richmanns Buch „Über Deutschland, über alles“ ist ein wohltuendes Juckpulver gegen die harmoniesüchtige deutsche Gegenwartsliteratur, die häufig nur so weit politisch ist, wie CDU-wählende Literaturpreisjuror*innen es irgendwie noch gut finden können. Hier arbeitet sich jemand über 300 Seiten an diesem verflixten Deutschland ab und vermischt dabei wollüstig Fiktion und Realität bis einem schwindelig wird. Das Schlimme ist: meistens sind es die realen Tatsachen, die entsetzlich bitter sind.

Richmanns Erzähler in diesem Buch, das absichtlich nicht Roman genannt werden will, reist zu den deutschesten Orten des Landes. Meistens muss er dafür nur in die Straßenbahn steigen, denn „deutschkrümelnd“ ist es ja fast überall, aber dann verschlägt es ihn an Orte, die nicht nur 100%, sondern 1000% national aufgeladen sind. Zum Burschenschaftlertreffen in Eisenach beispielsweise, natürlich auf eine Pegida-Demo in Dresden, aber auch mit den Teilnehmer*innen einer Butterfahrt nach Helgoland, das im Zweiten Weltkrieg zum deutschen Bollwerk gegen England ausgebaut werden sollte.

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Pascal Richmann (Foto: Sabrina Richmann)

Schutzheiliger auf diesem Trip ist Heinrich Heine, den Richmann anfangs auf dem Friedhof Montmatre besucht und dessen deutschlandkritische Gedanken (samt der Verehrung und Verachtung, die Heine entgegengebracht wurde und wird) die Reiseberichte grundieren. So landen wir zwischendurch auch in New York, wo ein Heine-Denkmal jahrelang verwahrloste, bis sich ein Zahnarzt aus Düsseldorf in die Bronx aufmachte, um den Gedenkstein von antisemitischen Schmierereien zu befreien. Natürlich will Richmann diesen „Heine-Schrubber“ treffen und schafft es sogar bis auf dessen Behandlungsstuhl – zuvor muss er sich aber noch ein schnelles Mahl aus der deutschesten aller Ackerfrüchte, der Kartoffel, zubereiten.

Oder doch nicht? Schnell befällt einen beim Lesen eine gewisse Verunsicherung, was denn nun Fakt und was Fiktion ist an Richmanns Reportagen, die zwanglos mit autobiografischen (?) Notizen und einem reichhaltigen Schatz an Zitaten und Anekdoten zusammenfließen. Wie ein Embedded Journalist berichtet der Autor aus dem Herzen der Bestie, wenn er den ehemaligen NPD-Bundesvorsitzenden Holger Apfel in dessen Kneipe auf Mallorca aufsucht, die Behandlung von Gastarbeiter*innen in Wolfsburg recherhiert oder mit erzkonservativen Burschenschaftlern einen draufmacht. Aber lebte der Erzähler während einiger Monate tatsächlich auf einer Verkehrsinsel bei Köln? Rief Donald Trumps Vorfahr Fred, aus dem Städtchen Kallstadt in der Pfalz stammend, tatsächlich beim Kaiser im Berliner Stadtschloss an? Die Unzuverlässigkeit dieses Erzählers steigert sich stellenweise ins Münchhausenhafte und kennzeichnet „Über Deutschland, über alles“ damit natürlich eindeutig als Literatur, wie man sie so respektlos selten von einem Schreibschulabsolventen (Richmann studierte in Hildesheim) geboten bekommt.

Doch warum diese fiktive Aufladung? Warum schreibt Richmann nicht einfach, was er erlebt hat schön säuberlich in Form einer großen Reportage? Nun, das wäre in erster Linie natürlich richmann coverziemlich langweilig, denn gerade die Dialoge mit fiktiven Figuren möchte man mit ihren Schummeleien und spannenden Gedanken nicht missen. Aber die Richmannsche Melange macht nicht nur Spaß, sie schärft auch die Wahrnehmung. Gerne würden wir uns wünschen, dass die Ungeheuerlichkeiten, die in diesem Buch beschrieben werden, nicht Alltag wären in unserem Land. An die teilweise überzogenen Fiktionen des Autors gekoppelt, tritt der Irrsinn aus Geschichtsklitterung, Mimimi-Opferhaltung, Party-Patriotismus, Alltagsrassismus und Selbstbezogenheit umso deutlicher zu Tage. Wenn wir uns in diesen Wochen fragen, warum die politische Masse nur den Weg nach rechts kennt, warum sich die Deutschen immer sofort über den Tisch gezogen fühlen und warum die Empathie mit Schwächeren hierzulande noch nie wirklich Konjunktur hatte, dann finden sich in Richmanns Buch viele unbequeme Antworten.

Antideutsche Erbauungsliteratur ist das nicht, viel mehr ein freches Buch, das auch die Melancholie kennt, die das Aufwachsen und Leben in diesem verschrobenen Land mit sich bringt. Selten hat ein Schriftsteller die deutsche Gegenwart so witzig und klug durchdrungen. Pascal Richmann zeigt nicht nur nationalistische Kontinuitäten, er wirft sich mit vollem Körpereinsatz dem Volksgeist an die Brust, bis es für beide schmerzhaft wird.

Pascal Richmann. Über Deutschland, über alles. 324 Seiten, Klappenbroschur. Hanser Verlag 2017. 20,- €.

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