Mit einer Seeanemone durch die Jahrhunderte

Wer war ich gestern, wer werde ich morgen sein? Die dominikanische Autorin Rita Indiana wirft in ihrem Roman „Tentakel“ lustvoll die Identitäten und Zeitebenen durcheinander. Wer dabei an magischen Realismus denkt, sollte seine eurozentrische Weltsicht überprüfen.

Condylactis gigantea ist die lateinische Bezeichnung der größten Seeanemonenart, die im westlichen Atlantik vorkommt. Auf deutsch trägt sie den im Wortsinne blumigen Namen Karibische Goldrose – wahrscheinlich, weil deutsche Biologen das, was sie anfangs nicht verstanden, in den heimischen Hausgarten einzuordnen versuchten. Condylactis gigantea ist an der Atlantikküste Lateinamerikas und in der Karibik weit verbreitet, benötigt aber ausreichend klares Wasser als Lebensgrundlage. In der Dominikanischen Republik der nahen Zukunft, in der Rita Indiana ihren Roman „Tentakel“ beginnen lässt, sind im Meer längst keine Seeanemonen mehr zu finden. Tsunamis und Giftmüll haben das einstige Tourismusparadies entstellt. Die Bevölkerung hat sich in Gated Communities verschanzt, nachts patrouillieren riesige Roboter an den Stränden um Flüchtlinge aus Haiti einzufangen. Eine Condylactis gigantea ist zur Seltenheit auf der Insel geworden.

Acildes Chefin Esther ist allerdings im Besitz einer solchen Seeanemone und das ist nicht das einzige Außergewöhnliche an ihr, Esther geht außerdem einer Tätigkeit als Voodoo-Priesterin nach. Für Acilde ist das nicht weiter wichtig. Sie will ihr Dasein als Dienstmädchen beenden, das ist zwar besser wie auf den Strich gehen (ihr alter Job), aber noch lange nicht die Erfüllung. Außerdem möchte Acilde endlich ihren großen Traum in die Tat umsetzen und eine Geschlechtsumwandlung durchführen lassen, was dank der Droge Rainbow Bright ohne chirurgische Eingriffe machbar ist. Aber an Rainbow Bright lässt sich nur auf verschlungenen Wegen gelangen und da kommt wieder Condylactis gigantea ins Spiel…

tentakelEtliche Jahre früher, um die Jahrtausendwende, erleidet der erfolglose Künstler Argenis, nachdem er bei einem Tauchgang mit Condylactis gigantea in Berührung kommt, einen allergischen Schock. Aufgedunsen wie ein Ballon wird er an Land gezogen und von seiner Mentorin Linda verarztet. Eigentlich sollte die Reaktion bald wieder nachlassen, aber der Kontakt mit der Seeanemone lässt Argenis dauerhaft schlecht schlafen und seltsame Wachträume erleben. Vor seinem inneren Auge ist er Teil einer kolonialistischen Eroberertruppe im 17. Jahrhundert – eine ziemlich unpraktische Angelegenheit, sollte er doch seine ganze Aufmerksamkeit besser der Teilnahme an dem Kunstprojekt von Linda und ihrem Mann Giorgio widmen, das für ihn zum überfälligen Durchbruch werden könnte. Doch die Parallelwelt, in der sich die Hälfte seines Bewusstseins befindet, ist kein Traum, sondern eine auf verschlungene Weise mit der Gegenwart verbundene Realität…

Ein nur 150 Seiten dicker Roman, der auf mehreren Zeitebenen spielt und ziemlich respektlos mit unserem Verständnis von Gegenwart und Identität spielt: Rita Indianas erster ins Deutsche übersetzter Roman „Tentakel“ ist ein schnelles Buch. So rasant, dass man sich im Lesesessel fast festschnallen möchte. Doch bei allem Tempo sollte man nicht denken, dass Rita Indiana auf Komplexität verzichtet. Auch einfache Lösungen sind nicht ihr Ding, ganz im Gegenteil.

Dabei ist Rita Indiana Hernández Sánchez, wie sie mit vollständigem Namen heißt, in ihrer Heimat Dominikanische Republik in erster Linie nicht als Schriftstellerin bekannt, sondern als Musikerin. Zusammen mit ihrer Band Los Misterios hauchte sie dem Merengue, der auf eine lange Geschichte als Tanzmusikstil zurückblicken kann, neues Leben ein. Mit humorvollen, frechen Texten, die in der streng katholischen und von zahlreichen Erweckungssekten bestimmten Gesellschaft der Dom-Rep anecken, wurden Rita Indiana y los Misterios vor einigen Jahren zum Tagesgespräch. Für Rita Indiana war die Musik ein Ausweg aus den Einschränkungen der Schriftstellerei, fühlte sie sich doch mit ihren frühen Romanen „La Estrategia de Chochueca“ oder „Papi“ (beide bisher nicht auf Deutsch erschienen) nicht ernstgenommen. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet: „Tentakel“ wurde nach seinem Erscheinen mit dem Premio de Literatura de la Asociación de Escritores del Caribe, dem Literaturpreis der Schriftstellervereinigung der Karibik, ausgezeichnet – als erster spanischsprachiger Roman überhaupt.

Nur auf den ersten Blick ist dieser Roman ein an Pop- und Genreliteratur entlangschlitternder schneller Wurf, der sich nicht mit unnötigen Details aufhält. Tatsächlich ist „Tentakel“ ein komplexer Trip voller Anspielungen. Rita Indiana ist nicht an Oberflächen interessiert, sie nutzt diese höchstens, um dem auf die Spur zu kommen, was Menschen antreibt, durch die Jahrhunderte hindurch und wohl auf absehbare Zeit auch zukünftig.

Das Verweissystem, das der Roman dazu so souverän wie frivol aufruft, führt uns als europäische Lesende zwangsläufig in Versuchung, es mit den uns bekannten Parametern für „lateinamerikanische Literatur“ abzugleichen. Doch hier ist Vorsicht geboten, denn mit der Schublade des magischen Realismus, der gerne dazu benutzt wird, die „realistische“, „ernste“ Literatur des Nordens von der „primitiven“, „mystischen“ Literatur des Südens abzugrenzen, kommt man hier nicht weit (ganz abgesehen davon, dass die europäische Literatur mit Romantik und Geistergeschichten lange ihren eigenen magischen Realismus hatte, der inzwischen durch die Hintertür von Fantasy und Science Fiction wieder zurückkehrt, vom Feuilleton selbstverständlich mit Naserümpfen bedacht). Wenn Rita Indiana an Voodoo-Riten anknüpft, ist das natürlich auch eine provokante Geste in der konservativen Dominikanischen Republik. Wie groß die Gräben sind, die sich durch religiöse Praktiken abzeichnen, zeigt aktuell auch der Spielfilm „Cocote“ von Nelson Carlo de los Santos Arias, der gerade in Österreich im Kino läuft. Was Du glaubst sagt auch etwas darüber aus, welcher Klasse Du angehörst. Indianas Kokettieren mit Voodoo ist also bereits ein subversiver Akt. Von hier zur Satire auf christlichen Aberglauben und korrupte Politiker, die sich diesen zu Nutzen machen, ist es im Roman nur ein kleiner Schritt.

rita indiana
Rita Indiana

Doch Rita Indiana provoziert zusätzlich durch die fluiden Identitäten, die ihre Romanfiguren kennzeichnen. Die Autorin, die sich vor einigen Jahren als homosexuell outete, dürfte die homophobe Stimmung in einer erzkatholischen Gesellschaft sehr gut kennen. Allerdings lässt sie sich in „Tentakel“ nicht dazu verleiten, diese Themen moralisch aufzuladen. Mit einem Gestus zwischen Punk-Verweigerung und provokanter Normalität kreiert sie einen Handlungsrahmen, in dem die Dinge nun mal einfach so sind, wie sie sind. Augenzwinkernd deutet sie an, dass es möglicherweise die heteronormativen Blicke sein könnten, die den Weg auf das Wesentliche verstellen.

Ebenso selbstverständlich ist der Umgang mit den verschiedenen Zeitebenen, die den Roman kennzeichnen und für einige überraschende Pointen sorgen. Inzwischen ist eine solche Erzählweise durch Romane wie David Mitchells „Der Wolkenatlas“ längst der Genreliteratur enthoben worden und im literarischen Mainstream angekommen, aber bei Rita Indiana könnte der Fall etwas komplexer liegen. Schließlich hat die Anthropologie längst herausgefunden, dass Zeit in den ursprünglichen Gesellschaften Lateinamerikas eher zyklisch und nicht wie bei uns als lange Gerade wahrgenommen wurde. Tun sich in „Tentakel“ also Wurmlöcher auf oder dockt die Autorin an traditionelle aztekische oder afro-diasporische Modelle der Weltwahrnehmung an? Die Liste der Punkte, an denen dieser Roman unseren eurozentrischen Blick herausfordert, ist lang, dass er es auf futuristische und so lustvolle Weise tut, ist ein großes Vergnügen.

Aber, Hand aufs Herz, worum geht es in „Tentakel“ denn nun? An diesem Punkt angekommen, geht es den Leserinnen und Lesern dieses Artikels vielleicht wie dem Rezensenten selbst: um den ganzen Umfang dieses Romans in Worte zu fassen, scheint es… nun ja, vielleicht die 150 Seiten zu brauchen, die der Roman dafür auch benötigt. Rita Indiana verweigert jedenfalls billige Auflösungen und die schäbige Zurschaustellung literarischen Handwerks, das sich nicht von der Vorstellung lösen kann, alle einmal aufgegriffenen Handlungsfäden am Schluss perfekt miteinander zu verbinden. Stattdessen bietet „Tentakel“ viel Energie, Hunderte aufregende Momente, ungeahnte Erkenntnisse und einige der frischesten Ideen, die in diesem Jahr zwischen zwei Buchdeckel gepresst wurden. Was als Leseempfehlung hoffentlich ausreichen sollte.

Rita Indiana. Tentakel. Roman. Aus dem dominikanischen Spanischen von Angelica Ammar. 154 Seiten, broschiert. Wagenbach Verlag 2018. 18,- Euro

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