18. Internationales Literaturfestival Berlin – ein Rückblick

Elf Tage im Zeichen der Literatur, elf Tage voller Lesungen, Debatten und Gespräche. Das Internationale Literaturfestival Berlin hatte auch in seiner 18. Ausgabe ein reichhaltiges Programm zu bieten.

Von fast erschlagender Dichte war der Zeitplan, der dem literarischen Publikum zwischen dem 5. und 15. September geboten wurde, so dicht, dass vielen der Überblick verloren ging. Das Team rund um Festivalleiter Ulrich Schreiber konnte in diesem Jahr erstmals auf eine großzügigere Förderung durch die Stadt Berlin zurückgreifen und hat diese scheinbar dazu genutzt, die Anzahl der teilnehmenden Autor*innen und Referent*innen zu steigern. Jedenfalls gefühlt. Es könnte aber auch am fingerdicken und äußerst unübersichtlich aufgeteilten Programmheft gelegen haben, dass sich viele Besucherinnen und Besucher nicht zurecht fanden. Manche interessante Veranstaltung blieb jedenfalls unterdurchschnittlich besucht. Die Lebendigkeit, die das ilb auszeichnet, litt darunter aber nicht. Wegen der Umbauarbeiten im Eingangsbereich des Hauses der Berliner Festspiele wirkte das Foyer diesmal etwas überlaufen, dafür erwies sich das neben dem Hauptgebäude gelegene Festivalzelt als umso intimerer Treffpunkt zwischen dem Publikum und den Menschen auf dem Podium. Erfreulich auch, wie häufig die Besucherinnen und Besucher während der Veranstaltungen zu Wort kamen, soweit es der zeitliche Ablauf zuließ.

Weniger schön allerdings, wenn sich die Menschen auf dem Podium selbst gegenseitig nicht zuhören. Dafür gab es leider einige Beispiele, etwa beim georgischen Schlitzohr Zaza Burchuladze, dem seine kryptischen Antworten auf die Moderatorenfragen jede Menge Spaß machten. Die Freude beim Publikum war allerdings – höflich ausgedrückt – geteilt. Reichlich unverständlich auch, wenn eine Autorin wie Faribā Vafī die durchaus kundigen Fragen eines Moderators wie Stefan Weidner barsch und maulfaul beantwortet. „Ist sie für dieses einsilbige Gespräch extra aus Teheran angereist?“ meinte eine Freundin kopfschüttelnd. Burchuladze, der im Berliner Exil lebt, musste immerhin nur in die U-Bahn steigen.

Doch die meisten Veranstaltungen fanden in kommunikativer und offener Atmosphäre statt und wurden dem Ruf des ilb als Umschlagplatz der Ideen und literarischen Positionen absolut gerecht. Eine Sternstunde beispielsweise die Veranstaltung mit Francesca Melandri zu ihrem Bestsellerroman „Alle, außer mir“ (Wagenbach Verlag). Dank der makellosen Moderation von Maike Albath (die zudem perfekt aus dem Italienischen übersetzte) konnte das Publikum tiefer und tiefer in den Entstehungsprozess des vielschichtigen Romans eintauchen. Für die Handlung von „Alle, außer mir“ ist Italiens Beziehung zu Äthiopien wichtig und Melandri bereiste das Land bereits einige Jahre vor der Entstehung des Textes. Die Begegnungen auf Augenhöhe sowie die Offenheit, auch über die Kolonialvergangenheit zu sprechen, haben sie bei ihren Recherchen beeindruckt, sagte die Autorin. Zurück in Italien, entschied sie sich, die Form des Vaterromans zu wählen um den Zusammenhang zwischen der „großen“ Geschichte und den Auswirkungen im Privaten aufzuzeigen. Interessant auch die Einblicke in Melandris Figurenentwicklung für den Roman: in einer Art Verbildlichung versucht sie, die Charaktere vor dem inneren Auge zu imaginieren. Erst wenn diese für sie „lebendig“ werden, macht sie sich auf die Suche nach Gesten, die sie sich in ihrem Umfeld bei Menschen abschaut und dann zu Papier bringt. Die realistischen, teilweise harten Passagen ihres Romans waren für Melandri nicht anstrengend, sondern eher ein Experiment. „Alle, außer mir“ wurde bei der Veröffentlichung in Italien sehr positiv aufgenommen, eine Diskussion über die italienische Kolonialzeit, die Francesca Melandri mit dem Buch anstoßen wollte, blieb allerdings aus. Die Medien sind seit der Belusconi-Ära zu unkritisch, meint die Autorin hierzu, es fehle vielen Journalist*innen an Wissen, historische Untersuchungen sind vorhanden, werden aber ignoriert. Italiens Verantwortung für die Zustände in Afrika werden nicht gesehen, stattdessen macht die neue rechte Regierung Stimmung gegen Flüchtlinge. Um dem etwas entgegenzusetzen, hat Francesca Melandri ihren Roman geschrieben. Dass „Alle, außer mir“ auch außerhalb Italiens Relevanz hat, zeigte der große Publikumszuspruch bei dieser Veranstaltung.

Auch der französische Soziologe Didier Eribon zog das Publikum an, die Veranstaltung mit ihm musste von der Seitenbühne in den großen Saal verlegt werden. Der in Deutschland zum Star avancierte linke Intellektuelle war gekommen um über seine literarischen Einflüsse zu sprechen. Leserinnen und Lesern seines Erfolges „Rückkehr nach Reims“ und des Nachfolgebandes „Gesellschaft als Urteil“ (beide Suhrkamp Verlag) dürften diese nicht unbekannt sein: Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Annie Ernaux und Eribons langjähriger Freund Pierre Bourdieu zählen dazu. Doch leider stand die Veranstaltung unter keinem guten Stern. Moderatorin Tania Martini war spürbar bewandert im Werk des französischen Denkers, die wenig professionelle Arbeit des Dolmetschers machte den Talk jedoch zur Geduldsprobe. Natürlich ist die Übersetzung eines Podiumsgesprächs eine höchst diffizile Aufgabe, die beim ilb meist exzellent gelöst wurde. In diesem Fall blieb ein Großteil der Aussagen jedoch leider lost in translation.

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Konsequenterweise gleich auf Englisch fand die Veranstaltung mit der kanadisch-britischen Autorin Rachel Cusk statt. Mit „Kudos“ (Suhrkamp Verlag) hat Cusk den abschließenden Band einer Romantrilogie vorgelegt, in deren Mittelpunkt die Schriftstellerin Faye steht. Eine seltsam abwesende Hauptprotagonistin hat die Autorin mit dieser Figur erfunden, denn die Romanhandlung spielt sich zu großen Teilen in den Geschichten ab, die Faye von den Menschen, die sie auf Reisen trifft, erzählt bekommt. Erst langsam bekommt auch Faye Konturen, während die Berichte und Geständnisse ihrer Gesprächspartner*innen ein differenziertes und äußerst gültiges Portrait einer Generation bilden, die am Beginn der zweiten Lebenshälfte steht und illusionslos in die Zukunft blickt. Für ihren innovativen, auf jegliches Beiwerk verzichtenden Stil wurde Cusk im englischen Sprachraum gefeiert, manche Kritiker*innen sprechen von einer Neuerfindung des Romans. Im Gespräch machte die Autorin ihre Motivationen für dieses radikale Konzept deutlich. Cusks Ausgangspunkt war das „Mysterium der weiblichen Stimme“ und wie sich diese im Laufe eines Lebens verändert. Um diese zu finden, suchte sie nach einer Leere, die zentral für diese drei Romane sein sollte, mit Faye im Zentrum dieser Leere. Um dorthin zu kommen, reduzierte Cusk den Text mehr und mehr, teilweise um die Hälfte seines ursprünglichen Umfangs. So entstanden drei Bücher, welche die Leserinnen und Leser fordern, aber auch in ihrer Urteilskraft und ihrem mitmenschlichen Gespür ernst nehmen. Rachel Cusk lässt dabei keine Zweifel aufkommen, dass wir es bei ihr mit einer feministischen Autorin zu tun haben. Ihre Figur Faye unterläuft die üblichen Erwartungen, bekommt man doch meistens in Romanen eine männliche Hauptperson präsentiert, weltgewandt und allwissend. Dass Cusks „Outline“-Trilogie häufig mit der Autofiktion eines Karl Ove Knausgård verglichen wird, ist für die Autorin unverständlich. Sie habe nicht zwingend ihre eigenen Erlebnisse wiedergegeben, wollte aber für die Lesenden den „Schleier so dünn wie möglich“ gestalten, der das Fiktive von der Realität trennt.

Ganz nah an der Realität ist auch der Debütroman „Stadt der Rebellion“ (Wagenbach Verlag) des ägyptisch-britischen Schriftstellers Omar Robert Hamilton. Das Buch erzählt von den Aufständen des „arabischen Frühlings“ in Ägypten mit dem Tahrir-Platz im Herzen von Kairo als deren zentralem Austragungsort. Hamilton nutzte für den Text die Technik der Collage, neben einer fiktiven Handlung über eine Handvoll von Aktivist*innen lässt er Social-Media-Zitate, Presseberichte und internationale Reaktionen mit einfließen. Bei der Buchpräsentation, die im Rahmen eines vom ilb-Hauptgeschehen ausgelagerten Themenabends im Kulturort Silent Green stattfand, ging es schnell um die politischen Verhältnisse in Ägypten und um die Frage, ob die Revolution gescheitert ist oder aber vielleicht noch andauert. Hamilton, der sich als „Global Citizen“ sieht und sich seiner Privilegien bewusst ist, beklagte vor allem, wie schnell die internationale Aufmerksamkeit nach dem Höhepunkt der Proteste wieder nachließ. Die Teilhabe per Social Media hatte die Geschehnisse zu einem weltweiten Ereignis gemacht, doch inzwischen fühlen sich die Oppositionellen allein gelassen. Hamilton meinte dazu sehr nachdenklich, dass im Easyjet-Zeitalter die Auseinandersetzung mit der Situation in anderen Ländern sehr oberflächlich geworden sei – während man früher bei einer weiten Reise Wochen oder Monate in einem fremden Land verbrachte. „Stadt der Rebellion“ bringt einem die Ereignisse in Ägypten jedenfalls außerordentlich nahe.

Ein weiterer unumstößlich politischer Autor ist Vladimir Sorokin. Der in Berlin lebende Russe ist eine der lautesten kritischen Stimmen gegen das Putin-Regime und auch sein neues Buch hat die russische Gesellschaft und Politik im Visier. „Das weiße Quadrat“ (ciconia x cicionia Verlag) ist eine groteske Mediensatire, aufgebaut wie ein Theaterstück und passenderweise Sorokins Freund, dem inhaftierten Theatermacher Kirill Serebrennikow gewidmet. Bei der Buchpräsentation wurde nicht nur der Text szenisch gelesen, sondern auch die von Ivan Razumov beigesteuerten Illustrationen, die den fein gestalteten Band ergänzen, auf Großleinwand präsentiert. Die Erzählung beginnt als glamourös-stupide Fernseh-Talkshow, bei der die Kandidat*innen über ihr Bild von Russland sprechen sollen, steigert sich aber schon bald zu einer drastischen Farce über Patriotismus, Medienspektakel und die gnadenlose kapitalistische Hackordnung im Putin-Russland. Sorokin nutzt hier abermals die surreale Überzeichnung, die für seine jüngeren Romane stilbildend ist, und äußerte sich enthusiastisch über die Zusammenarbeit mit Ivan Razumov, der seinem Text eine neue Dimension verliehen habe. Eine Bühnenadaption von „Das weiße Quadrat“ ist bereits in Vorbereitung.

Politische Themen zogen sich überhaupt wie ein roter Faden durch das Programm, nicht nur durch die Sachbuch-Präsentationen, auch bei der Belletristik. David Graeber beispielsweise, der es als Vordenker der Occupy-Bewegung und Autor des Buches „Schulden – die ersten 5000 Jahre“ zu Prominenz und Bestsellerstatus brachte, stellte sein neues Buch „Bullshit Jobs“ (Verlag Klett-Cotta) vor. Doch außer Graebers etwas selbstgefälligem Humor und der Grundthese des Buches, die sich in einem Satz zusammenfassen lässt (Bis zu 40% der Menschen finden ihren Brotjob sinnlos, was am Kapitalismus liegt und das prangere ich an!), bot die Veranstaltung nichts substantiell Neues. Die Verheerungen, die politische Systeme in Menschen anrichten können, sind unterschwelliges Thema in den Romanen des ungarisch-rumänischen Autors György Dragomán. Er weilte gerade für eine Residency in Berlin und stellte seinen bereits 2015 erschienenen, sehr empfehlenswerten Roman „Der Scheiterhaufen“ (Suhrkamp Verlag) vor. Die angenehm bescheidene Art des Autors machte ihn sofort sympathisch, die Vielschichtigkeit seiner Prosa ließ sich jedoch schlecht in den kurzen Ausschnitten abbilden, die bei der Lesung präsentiert wurden. Und dann war da noch der mit Spannung erwartete Auftritt von Nino Haratischwili, die sich mit ihrem Roman „Der General und die Katze“ (Frankfurter Verlagsanstalt) auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis platzieren konnte, obwohl die Feuilletons das Buch größtenteils verrissen hatten. Haratischwili trat souverän und äußerst selbstbewusst auf, gerade so, als würde sie ihren Kritiker*innen trotzig entgegentreten wollen. Das war sehr einnehmend und die Veranstaltung informierte gut über die Hintergründe des Romans, ob sich die 700 Seiten Lektüre lohnen steht aber auf einem anderen Blatt.

In den Nebenreihen hätte sich so manches Sujet noch weiter vertiefen lassen, ob bei „Decolonizing Wor:l:ds“ oder „The Politics Of Drugs“, die Ausdifferenzierung war enorm. Doch da viele Veranstaltungen parallel zueinander stattfanden, war der Mut zu Entscheidungen gefragt. Insgesamt waren es 30.000 Besucher*innen, die dem Ruf der Literatur gefolgt sind. In Zeiten, in denen alle vom Schwund der Leser*innen (oder zumindest Buchkäufer*innen) reden, sollte das Mut machen, auch wenn der Besuch einer Veranstaltung eines nicht ersetzen, aber vielfältig dazu anregen kann: Lesen.

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