Mensch, warum bist du arm?

Der US-Autor William T. Vollmann bereist die Welt und trifft Menschen, die in Armut leben. Seine Großreportage „Arme Leute“ ist detailversessene Forschungsarbeit und Zeugnis der Mitmenschlichkeit zugleich.

Einer der vielen Wege, sich diesem außergewöhnlichen Buch anzunähern, ist über seine letzten Seiten. Dort sind die Fotos versammelt, die William T. Vollmann auf seinen Reisen von Menschen aufnahm, welche er weiter vorne im Text portraitiert. Es sind Bilder des Elends und manchmal auch der Verzweiflung, aber auch Bilder voller Lebendigkeit, Stolz, Humor und Sympathie. Sie haben nichts Voyeuristisches an sich, in ihrer rauen Direktheit wahren sie einen respektvollen Abstand und sind doch ehrlich und unverstellt. Ein Blick in die Augen dieser „Armen Leute“ zeugt von Traurigkeit und Erschöpfung, aber auch von ungebändigtem Lebenswillen und von der Verwunderung, dass sich ein weitgereister Autor für ihr Leben interessiert. Fotografien, von denen einige schlicht unvergesslich sind.

William T. Vollmann reiste für seine Reportagen, die dieses Buch ausmachen, durch Asien und den arabischen Raum, durch West- und Osteuropa, durch Afrika und Lateinamerika. Er fand arme Menschen am Rande der japanischen Gesellschaft, in irischen Sozialbausiedlungen und auf den Straßen Pakistans, Jemens und des Kongo. Das Interesse für die Abgehängten der Gesellschaft ist nicht neu im Werk Vollmanns. Tief beeindruckend ist sein Buch „Hobo Blues“ über die Landstreicher*innen der USA. Vollmann begab sich in die improvisierten Zeltlager und wagte den Versuch, mit den Außenseiter*innen auf Augenhöhe zu sprechen, sie zu verstehen und ihr Leben zu wertschätzen. Schließlich reiste er selbst auf Güterzügen für einige Wochen durchs Land und lernte diese komplizierte anstrengende Weise der klandestinen Fortbewegung kennen. Auch in seinem kontrovers diskutierten Roman „Huren für Gloria“ schrieb Vollmann über einen Menschen, der auf der Schattenseite der Gesellschaft lebt und erfand hierfür den kaputten Vietnam-Veteranen Jimmy, der im Hurenmilieu San Francisco seine einzige große Liebe sucht.

Schon seine früheren Bücher zeigten: Vollmann ist kein literarischer Gaffer und auch kein sensationslüsterner Gesellschaftsreporter, der die soziale Verkommenheit anprangert. Vielmehr ist sein Schreiben von einer tiefen Mitmenschlichkeit geprägt, die in den Schicksalen, denen der Autor 7361begegnet, das Eigene erkennt und damit auch die eigene Fallhöhe bzw. die der sogenannten mittleren und oberen Klassen. Im Glücksspiel des Kapitalismus, das je nach sozialer Absicherung in den einzelnen Ländern höchst riskant oder etwas weniger riskant ist (drunter geht’s leider nicht), bedarf es nur eines kleinen Pechs und selbst der in sichersten Verhältnissen geborene Mensch stürzt ab. Wenn man bereits in eine benachteiligte Familie hineingeboren wurde, ist der Weg häufig sowieso lebenslang vorgezeichnet. Die Frage „Warum bist Du arm?“ ist zentral für „Arme Leute“ und wird von William T. Vollmann immer wieder an die Menschen gerichtet, auf die er trifft.

Die Antworten, die der Autor bekommt, füllen nicht alleine die über 300 Seiten Text. Aus ihnen bildet sich für Vollmann die Basis für Erklärungsversuche und tiefgehende Reflexionen, lässt ihn Statistiken heranziehen, in wissenschaftlichen, philosophischen oder literarischen Texten nachschlagen. Die Gedankenmodelle, die Vollmann daraus entwickelt, sind teilweise höchst detailliert. Eine Genauigkeit tritt hier zutage, die in der Empathie zu wurzeln scheint, die er für seine Forschungsobjekte empfindet. Wenn er von den Begegnungen schreibt, gewinnen sie gleichzeitig ihren Status als Subjekte zurück, als eigenständige, charakterstarke Personen mit eigenen Gedanken, Hoffnungen und Träumen. Wo Träume sind, kann vielleicht noch eine Zukunft stattfinden, was Vollmann an mehreren Stellen tief beeindruckt. Gleichzeitig bleibt die Frage bohrend, warum es bei all dem Wohlstand auf der Welt weiterhin Armut gibt. Erfüllt sie eine gesellschaftliche Funktion? Warum wird im Zusammenhang mit Armut von Schuld gesprochen? Warum findet eine gesellschaftliche Ausgrenzung statt, während Reiche nicht ausgegrenzt werden?

Die Überlegungen Vollmanns resultieren in einer Art schemenhafter, komplexer Theorie der Armut, deren Schlussfolgerungen jede Leserin und jeder Leser für sich selbst überprüfen muss. Die Kapitalismusanalyse des Textes bleibt rudimentär, dafür bezieht der Autor Gedanken zur religiösen Rechtfertigung von Armut oder Ausgrenzung mit ein und untersucht die Stigmatisierung von aus Not begangenen Verbrechen. Das wirkt teilweise wie die Mutprobe eines Privatgelehrten, kommt aber ohne Mitleidskitsch aus und ist über weite Strecken erhellend und in seiner mitmenschlichen Motivation regelrecht entwaffnend. Selbst wenn man nicht in allen Punkten mit William T. Vollmann übereinstimmen mag, zwingt „Arme Leute“ dazu, darüber nachzudenken, warum fast alle Gesellschaften Armut zulassen. Ein Buch, das uns in die Pflicht nimmt, den Blick nicht abzuwenden und den Menschen auf der Verliererseite statt Almosen unsere mitmenschliche Sympathie entgegenzubringen.

William T. Vollmann. Arme Leute. Reportagen. Aus dem amerikanischen Englisch von Robin Detje. Mit Fotografien des Autors. 448 Seiten, Klappenbroschur. edition suhrkamp 2018. 22,- €.

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Ein Gedanke zu „Mensch, warum bist du arm?

  1. Danke für den spannenden Hinweis und Beitrag.
    Meine erste Assoziation war: Jacob Holdt, Bilder aus Amerika. Eine Reise durch das schwarze Amerika, S. Fischer, Frankfurt am Main 1978, Volk und Welt 1980 („Amerikanske Billeder“, Kopenhagen 1977). Seine Solidarität galt den Nachfahren der Sklaverei. Auch in Nürnberg stellte er damals seine Aufnahmen und sein erschütterndes Buch vor. Ich nehme es aus dem Schrank.
    William T. Vollmanns Buch „Arme Leute“ würde ich daneben stellen.
    Dank und Gruß

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