Jahresrückblick 2018 und Abschied

Ein ganz subjektiver Rückblick auf ein Jahr voller Bücher und ein paar Zeilen darüber, warum es auf diesem Blog zukünftig (vorerst?) nichts neues zu lesen geben wird.

2018 war für mich auf vielen Ebenen ein turbulentes Jahr. Gleichzeitig waren mir Bücher so wichtig wie eh und je. In all dem Wandel und Trubel boten sie mir nicht nur Zuflucht, sondern auch Impulse und Gedankenanstösse, liessen mich das, worauf es im Leben ankommt, nicht aus den Augen verlieren. Viele habe ich begierig aufgesogen, mir scheint, als wäre es ein besonders gewinnbringendes Lesejahr gewesen. Da es mir nicht leicht fällt, mich einzuschränken, liste ich hier die Bücher auf, deren Lektüre mich nahhaltig beeindruckt hat, ohne mich auf eine Top 10 oder ähnliches einzuschränken.

 

Prosa (in alphabetischer Reihenfolge)

Naomi Alderman – Die Gabe (Heyne) Trotz aller stilistischer Schwächen eine zwingende Dystopie, die mich noch lange nach der Lektüre über das Verhältnis der Geschlechter und über Gewalt nachdenken liess.

Maya Angelou – Ich weiss, warum der gefangene Vogel singt (Suhrkamp) Der moderne Klassiker der afroamerikanischen Literatur endlich neu aufgelegt. Angelous Autobiografie ist lebendig, knallhart, liebevoll und optimistisch.

Rachel Cusk – Outline-Trilogie: Outline/Transit/Kudos (Suhrkamp) Eine weibliche Odyssee im 21. Jahrhundert, ein subtiles und differenziertes Gesellschaftspanorama, inhaltlich mutig, stilistisch einzigartig und zukunftsweisend.

René Daumal – Der Berg Analog (zero.sharp) Daumals posthum erschienenes Romanfragment wurde zum Kultbuch. Selten liegen Ironie und Mystik so dicht beieinander.

Friedrich-Christian Delius – Die Zukunft der Schönheit (Rowohlt Berlin) Epiphanie durch Albert Ayler: wie ein Free Jazz-Konzert vor 50 Jahren den jungen FC Delius durchschüttelte. Meine Kurzrezension hier.

György Dragomán – Der Scheiterhaufen (Suhrkamp) Ein Mädchen erlebt die Umbrüche in Osteuropa 1989/1990: Dragománs verblüffende Mischung aus märchenhaftem Erzählen und dem Schürfen in kollektiven Erinnerungen ist einzigartig!

Nana Ekvtimishvili – Das Birnenfeld (Suhrkamp) Georgien I: eine Hymne auf die starken Frauen und Mädchen Tbilissis.

Annie Ernaux – Erinnerung eines Mädchens (Suhrkamp) Annie Ernaux schreibt weiter an ihrem autobiografischen Gesamtwerk. Radikal analytische Literatur, ab der ersten Seite elektrisierend.

Mohsin Hamid – Exit West (Dumont) Ein Paar auf der Flucht: eine Geschichte, die durch magische und fantastische Elemente ins Märchenhafte kippt. Nie kitschig, zutiefst humanistisch und wahrhaftiger als so manche Reportage.

Rita Indiana – Tentakel (Wagenbach) One hell of a ride! Meine Rezension zum Buch hier.

N. K. Jemisin – Zerrissene Erde (Knaur) Never judge a book by its cover! Hinter dem grellen Einband verbirgt sich ein formidabler Fantasy-Roman über Außenseiter*innen in einer apokalyptischen Welt. Klug, ideenreich und sehr elegant geschrieben, jetzt muss nur noch Band 2 ganz schnell auf Deutsch erscheinen…

Archil Kikodze – Der Südelefant (Ullstein) Georgien II: ein Tag in den Straßen von Tbilissi lässt den Erzähler über die Geschichte der Stadt, des ganzen Landes und seiner selbst reflektieren. Ein phänomenaler Großstadtroman.

Esther Kinsky – Hain (Suhrkamp) Gerne bin ich Esther Kinskys Erzählerin auch diesmal wieder auf ihren Wegen gefolgt. Meine Rezension zum Buch hier.

Ursula K. Le Guin – Die Geißel des Himmels (Heyne) Die Kraft unserer Träume und Menschen, die sich wünschen, auf diese Einfluss zu nehmen. Ein kurzer, vielschichtiger Le Guin-Roman von 1971.

Ursula K. Le Guin – Freie Geister (Fischer/Tor) Allgemein als Opus magnum der 2018 verstorbenen SF-Autorin anerkannt, ist dieser Roman mit seinen klugen Reflektionen, seiner atmosphärischen Dichte, seinen subtilen Details und seiner erzählerischen Schönheit ein Buch, das man nie wieder vergisst.

Sayaka Murata – Die Ladenhüterin (Aufbau) Mein Japan-Highlight 2018: Ein kurzer Roman, der mit Schärfe und Absurdität das Leben einer Supermarktangestellten skizziert. Meine Kurzrezension hier.

Annalee Newitz – Autonom (Fischer/Tor) Drogen, die Arbeitssucht verursachen, eine Produktpiratin, die um ihre Ehre kämpft, ein Roboter, der sich in seinen Kollegen verliebt: aus diesen Zutaten macht Newitz mit leichter Hand einen der besten Science Fiction-Romane, die ich kenne.

Pascal Richmann – Über Deutschland, über alles (Hanser) Über Richmanns großartiges (Anti-)Deutschlandbuch habe ich hier ausführlich geschrieben, die an Bolaño angelehnte Poetik ist mir aber erst nach einem Gespräch mit dem Autor richtig klar geworden. Nun bewundere ich es noch mehr!

Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn (Piper) Eine Kindheit in Brooklyn, wunderbar klar und in poetischen Erinnerungsfetzen beschrieben. Woodsons erster „Roman für Erwachsene“ ist ein kleines Meisterwerk.

 

Sachbücher (in alphabetischer Reihenfolge)

Patrick Eiden-Offe – Die Poesie der Klasse (Matthes & Seitz Berlin) Ein Buch über frühen Antikapitalismus, die Entstehung der Arbeiterklasse und was das für Gegenwart und Zukunft bedeuten kann. Meine Rezension hier.

Luise Meier – MRX Maschine (Matthes & Seitz Berlin) Karl Marx den Bart abnehmen, das Autoritäre begraben, sich dem Kapitalismus verweigern und dabei Feminismus und Antirassismus mitdenken: Luise Meiers hochliterarischer Text ist ein Muß! Meine Rezension hier.

Rebecca Solnit – Wenn Männer mir die Welt erklären (btb) Feminismus I: wurde Zeit, dass ich das lese!

Margarete Stokowski – Untenrum frei (Rowohlt) Feminismus II: wurde Zeit, dass ich das lese!

 

Wenn ich sagen müsste, welche Lektüre mich 2018 am meisten beeindruckt hat, dann müsste ich mich wohl zwischen Rachel Cusks Outline-Trilogie und „Freie Geister“ von Ursula K. Le Guin entscheiden. Cusks Romane war für mich eine Art Gegenentwurf zur gefeierten Vernon Subutex-Trilogie von Virginie Despentes. Cusk blickt ebenfalls in alle Winkel der Gesellschaft, aber sie tut es subtiler und auf eine literarisch vollkommen neuartige Art und Weise. Ihr Minimalismus ist präzise, inhaltlich komplex und voller treffsicherer Beobachtungen. „Freie Geister“ trägt natürlich den Klassikerstatus bereits vor sich her, überrascht hat mich aber, wie sehr Le Guins Roman die Konventionen der Science Fiction hinter sich lässt und zu einer vielschichtigen Meditation über Gesellschaft, Besitz, Familie, Politik und schlicht darüber, wie wir leben wollen, wird. Le Guin hat keine einfachen Lösungen parat und stimmt einen sehr nachdenklich. Ein Buch, das man eigentlich mit all seinen Freund*innen diskutieren sollte.

Beim Schreiben der obrigen Liste fällt mir auf, wie viele dieser Bücher eine ausführliche Rezension verdient gehabt hätten. Jacqueline Woodsons „Ein anderes Brooklyn“ ging in Deutschland leider ziemlich unter, dabei ist dieser Roman so klug und so fantastisch gut geschrieben! Auch über „Der Südelefant“ von Archil Kikodze hätte sich wunderbar ein langer Text verfassen lassen, über seine Lakonie und Selbstironie sowie darüber, ob der Erzähler nun ein Flaneur ist oder nicht. Doch in den letzten Monaten habe ich lieber gelesen als über Bücher geschrieben. Und in den letzten Monaten haben wohl auch andere Leute lieber Bücher gelesen als hier nach Rezensionen geguckt. Ich habe die Lust am Rezensieren verloren und dadurch natürlich auch Leser*innen verloren, denn nur häufige Veröffentlichungen machen einen Blog interessant – eine Loose/Loose-Situation sozusagen. Auch allgemein soll das Interesse an Literaturblogs nachgelassen haben, wie ich gehört habe. Wenn aber kaum mehr jemand liest, was man so schreibt, wo soll dann die Motivation herkommen? So dreht sich das im Kreis…

Da es auf Dauer keinen Sinn macht, eine Leiche immer wieder zu reanimieren und da zudem berufliche Änderungen anstehen, die dazu führen werden, dass ich mich meinem beruflichen Arbeitsfeld mit mehr Zeit verschreiben werde, habe ich mich dazu entschlossen, hier mal einen Schlusspunkt zu setzen. Konkret wird es also in absehbarer Zukunft keine Artikel mehr auf diesem Blog geben. Ich will nichts beschreien, you never know. Vielleicht kehrt Libroscope als Podcast zurück? Oder als gelegentliches Ventil für einen Rant? Im Englischen klingt das immer so gut: on hiatus until further notice. Genau.

Mein herzlicher Dank gilt allen, die in letzten fünf Jahren hier gelesen und kommentiert haben, allen Interviewpartner*innen sowie allen Verlagen, die mir Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt haben. Merci beaucoup!

Tobias Lindemann

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7 Gedanken zu „Jahresrückblick 2018 und Abschied

  1. Lieber Tobias, das ist nun wahrlich schade. Ich las deinen Blog immer sehr gerne. Vielleicht kommst du ja doch eines Tages mit viel Inspiration und Lust wieder? Würde mich sehr freuen!
    Beste Grüße, Marius

    1. Dem kann ich mich nur anschließen. Mach et Hut, vielleicht sieht man sich mal irgendwo zwischen Erlangen und Nürnberg wieder. Und es wäre eine Freude, wenn du auch im digitalen irgendwann wieder zurück kehren kannst beziehungsweise willst.

      Ganz liebe Grüße und auf Bald. Komm gut ins neue Jahr.

  2. Lieber Tobias,
    das ist ja schade, denn auch ich habe immer gerne bei dir gelesen. Und manchmal, wenn wir gerade parallel einen Roman gelesen haben, sind wir ja sogar zu richtigen Literaturdiskussionen gekommen. Das war immer toll und anregend. Andererseits passiert ja so einiges in fünf Jahren. Und dann wird es plötzlich eng mit der Zeit für den Blog. So geht es mir zumindest nach Änderungen im Privaten und Beruflichen. Deshalb kann ich eine Entscheidung zum – vielleicht dann doch vorübergehenden – Blog-Aus auch gut verstehen. Und wünsche dir alle Gute und vielleicht dann doch bis zu einem Wiederlesen irgendwann…
    Viele Grüße, Claudia

  3. Lieber Tobias, ja verständlich, aber schade, doch nicht endgültig. Du hast mir mit diesem Post wieder mal ein paar Bücher auf die Liste gepackt, bestätigt, bzw. einen anderen Blick verpasst. Danke für dies und das und überhaupt. Und wer weiß, ob du es ohne bloggen aushältst … wir werden sehen. Viel Erfolg bei den Änderungen, die anstehen und bis die Tage … LG, Bri

  4. Lieber Tobi, auch wenn es sehr nachvollziehbar ist und mir nicht viel anders ging/geht mit dem Bloggen: ich hoffe, du bekommst hin und wieder doch noch mal Lust auf einen Post, denn ich mag es sehr, wie du schreibst und hab mich immer wieder über Lektüreanregung gefreut.

  5. Lieber Tobi, ich finde es ebenfalls sehr schade – und schließe mich den obigen Kommentaren an mit dem Wunsch, daß es doch ab und an nochmal was zu Lesen geben wird!
    Denn: gute Literaturblogs sind einfach wichtig!

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