Im Blutrausch

„Exodus“ von Piotr Silaev alias DJ Stalingrad ist ein Roman aus der linken Oppositionsbewegung gegen Putin. Wer spannende Einblicke in das „andere Russland“ erwartet, wird mit brutalster Gewalt konfrontiert und erlebt einen Autor, der darüber die emanzipatorischen Ziele aus den Augen verliert.

Knapp 130 Seiten stark ist der Debütroman von Piotr Silaev. Der Text erschien erstmals 2010 in einer russischen Literaturzeitschrift unter dem Pseudonym DJ Stalingrad. Zu diesem Zeitpunkt hatte Silaev längst das Land verlassen, die Fahndung nach ihm zwang ihn, ins westliche Ausland zu fliehen. 1985 geboren, wuchs er in einer Plattenbausiedlung auf, studierte Religionswissenschaften und zog als anarchistischer Redskin gegen Nazis durch die Straßen. Er wurde zu einem der führenden linksradikalen Oppositionellen in Russland – und damit zum Staatsfeind. Auf Veranlassung Russlands suchte auch Europol nach Silaev und nahm ihn 2012 in Spanien fest, nur um ihn kurz darauf wieder frei zu lassen. Alle folgenden Auslieferungsanträge durch Russland wurden abgelehnt.

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Piotr Silaev ist einer, der viel zu erzählen hätte, nein, der tatsächlich viel zu erzählen hat und es in diesem autobiografischen Debüt tut. Doch „Exodus“ ist kein Roman, der frappierende Einsichten in die links-anarchistische Opposition gegen Putin bietet. Silaev suhlt sich stattdessen in Bildern vom vollkommen trostlosen Leben an den Rändern einer kranken Gesellschaft. Das könnte aufregende Literatur sein, doch im Rausch der Gewalt scheint Silaev für Homophobie sowie pseudoreligiöse Schuld- und Erlösungsideen empfänglich geworden zu sein. Dieses dünne Büchlein ist nicht nur starker Tobak, sondern über weite Strecken schwer erträglich.

Hier zum Nachhören meine Radio-Rezension:

Erstmals gesendet am 20. Januar 2014 bei Radio Z.

DJ Stalingrad „Exodus“. Aus dem Russischen von Friederike Meltendorf. Englische Broschur, 136 Seiten. Verlag Matthes & Seitz Berlin, 14,90 Euro.

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4 Gedanken zu „Im Blutrausch

  1. Oh man, das ist doch kein Essay in dem es darum gehen sollte politisch korrekt zu sein. Das ist Literatur. Da geht es nicht um emanzipatorische Ziele. Das wäre in etwa so als wenn Der Untertan von Mann ein schlechtes Buch ist weil die Hauptfigur ein Fascho ist. Ich habe das Buch gelesen und habe das Gefühl erhalten einen ziemlich eindrucksvollen Ausschnitt aus der russischen Jugendkultur erhalten zu haben und das es dort, in der russischen Jugendkultur Homophobie gibt, da kann der Autor nicht für. Der Autor stellt diese Jugendkultur lediglich dar. Ich kann das Buch nur jedem empfehlen der einen Einblick in eine bestimmte russische Jugendkultur erhalten möchte. Das Buch ist kurzweilig und unterhaltsam.

    1. MIr ist bewußt, dass „Exodus“ kein Essay ist. Ich kenne auch andere Autorinnen und Autoren, die mit großer Härte und unerbittlichem Realismus über die Dinge schreiben. Jean Genet, Yukio Mishima, Louis Ferdinand Celine, you name it. Mir fehlt bei DJ Stalingrad das Mitführen mit seinen Figuren, dass die Vorgenannten erkennen lassen. Gleichzeitig verheddert er sich in spirituellen Erlösungsfantasien. Finde ich eine schwierige Kombi. Und ob es Homophobie grundsätzlich gibt oder ob man sie kritisch reflektiert, da liegt für mich der große Unterschied. Ich verlange auch kein plattes Schwarz-weiß-Denken, es kann in Nuancen passieren, in „Exodus“ passiert es aber gar nicht.

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